Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1912)
- Date
- 1912-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 Jüdische SaCOfHatau Seite 3. Judentum angehört, im Christen nur daS Objekt sieht, das er ohne Gewissensbisse zu empfinden, übers Ohr hauen kann. Interessant ist jedenfalls «uch die Meldung dieses Blattes, daß der von den Wahlen her berüchtigte Gemeinderat Rosenbäum von Themenau eine Wallfahrt nach Mariazell veranstaltet habe, an der zirka 400 Personen aus Themenau, der Knabenhort, die Mädchenbürgerschule usw. teilgenommen habe. Die Wallfahrt dauerte drei Tage, für einem in seinem Katholizismus noch so jungen Mann gewiß eine ganz hübsche Leistung. Gefährlicher als die Judenfresserei der ״Reichspost" können unter Umständen die noch immer andauernden Ritualmordlügen der ״Aussig-Karbitzer" werden. Auch hier ist der Staastanwalt so taub und blind wie bei den parallelen Artikeln des ״XX Vek". Auch die ״Ostdeutsche Rundschau" wendet in letzter Zeit den Juden ihre liebevolle Sorgfalt in ausreichendem Maße zu. Sie weiß davon zu erzählen, wie die bö!en Juden an all den Wirren in der Türkei Schuld tragen, in diesan Belange zählt sie selbst die Doumäh zu den Juden. Auch die Volkszählungsergebnisse lassen die Redaktion der ״Rundschau" nicht schlafen, die Juden haben viel zu viel Bevölkerungszuwachs, ganz besonders auffallend und gefährlich dünkt ihr die Zunahme der Juden in den Alpenländern, die darauf zurückzuführen sei, daß die Juden den neuerschlofienen Quellen wirtschaftlicher Betätigung nachjagen, das äu,.ere sich auch in dem Umstande, daß schon heute alle leitenden Stellen bei den alp »ländischen Bankinstituten in Händen haben. Auch die Publikationen des Zweigvereines Prag der Zentralstelle für Wohnuugsfürsorge gibt der ״Rundschau" Anlaß zu antisemitischen AuSfällen, das darf uns fteilich nicht wundernehmen, denn eine Publikation, zu der ein Hofrat Rauchberg das Vorwort schreibt, ist von vornherein gegen den Borwurf der Judenfreundlichkeit gefeit. Die Feststellungen dieser Broch üre ergeben, daß die jüdischen Studenten im Durchschritt bedeutend besser gestellt seien als die arischen und daß auch die Juden bedeutend mehr Gelegenheit zum Nebenerwerb finden als die Arier. Wenn das wahr ist, könnte es vielleicht mit der größeren Befähigung der Juden erklärt werden. Unter dieser Hochflut von Antisemitismus wirken die naiven Aeußerungen Prof. Einsteins geradezu komisch. Prof. Einstein versichert einem Jnterwiewer, daß der österreichischen Unterrichts- Verwaltung jede konfessionelle Rücksicht fernliege, für das Fehlen des Antisemitismus sei auch die Berufung seines jüdischen Nachfolgers beweiskräftig. Herr Prof. Einstein scheint bisher wenig in österreichischen Prostssorenkreisen verkehrt zu haben. Das Neueste aus der Prager Kehilla ist, daß wie gerüchtweise verlautet, Minjanleute einer Synagoge gestreikt haben. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank kür Industrie, Handel und Landwirtschaft, reeistrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgesch&fte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Beitrag zum Niedergang der Judengemeinden in Mähren. Die Klagen eines Boskowitzer über den Niedergang des religiösen Leben doriselbst und die Wehklagen eines NckolSburger über die traurigen Berhältnisse in allen.übrigen mährischen Gemeinden finden wir ganz und gar gerechtfertigt. Die großen Fehler, die sich seit der Regelung der äußern Rechts- Verhältnisse der Juden in Mähren eingeschlichen, sind wohl hauptschuldtragend, denn gleich damals hätte die Intelligenz, hätten Männer von Einfluß und Erfahrung, Männer von Biedersinn-Charakterfestigkeit die Verwaltung der Kultusangelegenheiten in ihre Hände nehmen sollen, nicht aber alles solchen Leuten überlasten, die nur ihren Ehrgeiz, ihre Herrschucht befriedigen wollten, aber sonst keine Spur vom Juden: um hatten, es niemals —־ - =-■- Achtung verstanden daS Judentum nach außen würdig, zu vertreten, vielmehr es so weit gebracht, daß sie die Gemeinden, ihre Institutionen anstatt aufzurichten, in den Kot zerrten. Männer, die daS Gotteshaus nur zu Zeiten aufsuchen, die kaum in den Gebetbüchern zu blättern verstehen, die anstatt Schlachten zu lassen, selbst den Kragen herumdrehen, die anstatt den Sabbath zu weihen, die Zeit mit Rauchen, Kartenspiel zubringen, haben tiiemalS nichts mit der Verwaltung der Kultusaugelegenheiten gemein zu haben, sie mästen ausgemerzt werden, den sie verderben die Jugend, durch ihr öffentliches AergerniS, durch ihr schlechtes Beispiel, nur unter solcher Leitung, kann nur ein solches Resultat möglich sein, das die Klagen der Obgenannten berechtigen. Aber auch die Träger der Religion haben selbst viel zum Verfalle beigetragen, beginnen wir mit den Kantoren auf dem Lande, die h.׳ute zumindest überall so gut situiert sind, als die öffentlichen Bolksschullehrer, diesem Berufe widmen sich noch immer Leute, dte keine Spur von Bitdüng, haben, die oft noch kaum europäische Sitten angenommen, die aber auch nicht im geringsten die alten Gesänge und Vortragsweisen beherrschen, kurz gesagt ihre Stellung derart auSfüllen, als wären sie noch nie in einem Tempel gewesen, als hätten sie noch nie einen Bortrag gehört. Die althergebrachten herrlichen Gesänge, welche von jeher so umstimmend auf das Gemüt wirkten, daß die prächtigen Melodien beim Herannahen der Feiertage alle andern Gesänge hintansetzten und jedekindliche Ohr durchdrangen, und so zu sagen unauslöschliche Jugendeindrücke, zurückließen, sind von diesen Herrn verlasten worden, sie singen, lieber alles ttmterbund durcheinander und verdecken, verschleiern auf diese Weise ihre Unkeantnis, daß solche Leute nicht Schule machen, daß solche Männer nicht viel zur Verherrlichung des Gottesdienstes beitragen, versteht sich von selbst, und es wird auch klar, daß man unter solchen Umständen es auch vorziehen muß, lieber zu Hause seine Andacht zu verrichten als einen derartigen Gesang anzuhören, daß den meisten überdies eine gute Ausrede geboten wird, überhaupt auszubleiben und lieber mit der Pfeife im Munde das CaffeehauS aufzusuchen. Es wird so mancher über diese meine Worte spotten und lachen, aber ich lasse eS mir nicht nehmen, die Behauptung aufrecht zu halten, die äußere Form muß gewahrt werden. Der Kantor muß wessen, vor wem er steht, er muß den Anstand wahren, daS Volk durch seine Vortragsweise anziehen, und nicht abstoßen; nun zu den Herrn Rabbinern, den Seelsorgern unserer Gemeinden übergehend; hier braucht nur zunächst hervorgehoben zu werden, daß auch sie die Hände ruhig in den Schoß legten, sie verrichten wohl am Sabbath Feiertage das Kaisergebet selten Gelegenheitspredigten und hie und da einige Stunde Religionsunterricht. Allen Respekt vor ihrer wirksamen Tätigkeit, aber für daS jetzige Judentum ist selbe viel zu gering. Die Juden haben bis heute viel zu wenig jüdisches Wissen, sie kennen der Geschichte! ihres eigenen Volkes viel zu wenig und haben auch nicht Gelegenheit selbe zu lernen, sie kennen keinerlei Gebräuche, verstehen nicht ein jüdisches HauS zu führen, wie soll eS nun möglich sein, daß solche Eltern Kinder jüdisch erziehen, die Kinder für« Judentum begeistern, wenn ihnen jedes Verstandnis vollkommen abgeht, hier hätte müffen von Seite der Rabbiner eingegriffen werden; die Ecziehung der jüdischen Jugend hätten sie sich selbst Vorbehalten sollen, die Liebe fürs Judentum bei der Jugend zu erwecken, wie ihr Pflichtgefühl noch heute wäre es möglich auf dem Lande zweckmäßig einzugreifeu. wenn die Herrn Rabbiner sich herbeiließen, anstatt schöne Predigten einzulernen, die heutzutage die wenigsten aufmerksam zuhören, lieber einen Zyklus von populären Borträgen über die Geschichte des Judentums, über die wichtigsten Gebräuche, über die Sabbathfeier und Sabbathweihe in den Winterabenden abzuhalten, wodurch bei den Eltern das Verständnis erweckt. wie sie Hand in Hand mit dem Seelsorger das Kind jüdisch erziehen sollen. Ich bin überzeugt, daß solche Vorträge Jung und Alt anziehen würden, und der Erfolg würde sich lohnen und nun unsere Lehrer, wir haben in Mähren in den Judengemeinden deutsche Volksschulen, in facto sei es jüdischen Volksschulen mit deutschem ll'terricht, die Herrn Bolksbildner sind weit vom Judentum abspenstig geworden, nicht allein, daß sind d:e Jugend sich selbst überließen, gingen sie mit schlechtem auf den kleinen 9 Beispiele voran. Am Samstag die Zigarre in den Mund. DaS Ko'chereffen ist ihnen ftemd, im Tempel find fie seltene Gäste, geschweige denen, daß sie die Jugend anleiten würden, wenigsten» am SabbathgotteSdienste Teil zu nehmen. Bon dem nunmehligen jüdischen Unterricht, will nicht weiter gesprochen werden. So har'S sich bis jetzt zugetragen, und da sollte nicht geklagt werden über den Niedergang? sind nicht Faktoren genug da. die dazu beitrugen; die aber auch berufen wären Abhilfe zu leisten. In der Macht der Gemeindevertretung, der Rabbiner und Kantoren, so wie der Lehrer ist es gelegen, das Judentum zu erhalten, es zu beleben, eS auf einen Standpunkt zu bringen, wie es Gott gefällig ist. Es würde sich lohnen, hochgeehrter Herr Redakteur, wenn in Ihrem geschätzten Blatte stets Raum geboten wäre über die obwaltenden Verhältnisse der einzelnen Gemeinden über die Wirksamkeit ihrer Funktionäre zu besprechen, um auf diese Weise einen Maßstab der Tätigkeit behufs Erhaltung und Fö.derung des Judentums für die Zukunft zu erhalten. Ihre Sache wäre es aber auch eine führende Rolle zu übernehmen und so die Wege zu ebnen, auf das viribu5 unitis das größte Werk lohnend gefördert wurde und kein Anlaß mehr zur Klage vorhanden wäre. Türkische Jünglinge — in christlichsozialer Schule. Aus Wien wird der ״Welt" berichtet: In der Sommerfrische GarS weht von einer Villa die türkische Flage. Das Haus bewohnen zehn türkische Jünglinge, Sühne der besten Familien. Ihr Erzieher ist — der christlichsvziale ״Knabenhortler", der pensionierte Hauptmann Oppel. Die türkische Regierung hat die jungen Leute — neun Mohamedaner und ein Katholik nach — Wien entsendet, um sie zu modernen westeuropäischeu Kaufleuten heranbrlden zu lassen. So solle» im Interesse der beiden Staaten die gegenfettigen Handelsbeziehungen gefestigt und erweitert werden. Die Wiener Handels- und Gewerbekammer hat daher auch die türkischen Studenten in ihre Obhut genommen, und zugesagt, für ihre Erziehung zu sorgen. Sie fand niemand geeigneter, die ihnen anvertraute Jugend zu leiten und in die Errungenschäften europäischer Hochkultur einzusühren, als einen christlichsozialen Parteimann. Wie Herr Oppel seines Amtes waltet, geht daraus hervor, daß die türkischen Schüler — so teilt uns ein Gewährsmann mit — verwundert fragten, ob denn .hierzulande die Juden nicht als Menschen betrachtet werden. Just die Wiener Handels- und Gewerbekammer hatte es nötig, die ihrer Fürsorge überantworteten Untertanen der Pforte diesem famosen Pädagogen der Rathauspartei auszuliefern! Die ״fortschrittlichen" Mitglieder der Handelssettion der Kammer, die Herren Kammerrate JuttuS Herz. Königer. Robitschek und Landtagsabgeordneter Kornel Spitzer, sowie der Vizeprasioent der Handelskammer, Herr Pollack von Parnegg, find stark tompromittiert. Eniweoer sie haben geschlafen — oder sie haben der judenfeindlichen, herrschenden Partei zuliebe gehandelt. Jedenfalls haben sie uns Juden Schande gemacht. Beilegung des aschkenasischen Konfliktes in Konstantinopel. Die Bildung des neutralen Medschliß dschismani hat dieser Tage eine schöne Frucht gezeitigt, den endlichen Adichluß einer Konoenlioil zwilchen der Konstantin opeler Aschkenasimgemetude und dem Gioßrabbinate, die allen bisherigen Kon» flikten ein Ende sitzt. Diese Konvention hat die Form eines offiziellen BriefaustauscheS und enthalt »m We!entlichen dieselben Btstmmungen wie die vorige, die alS ungesetzlich vom Großrabbmer angefochien worden und Anlaß zu seinem RucktritlSgesuche gewesen war. Nur ein oder zwei Punkie ganz unweientlicher. formaler Natur haben eine Abänänderurg erfahren. Damit ist denn die von den A'chkena'im gewünschte innere Äu1o»o!n>e 1h>er Ge!ne1>>vc gewährleistet und zu.leich die volle Auiucuät oes GroßrabbinateS über sie, die nach Maßgabe der