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Jüdische Volksstimme · 1912-08-15 · Heft 20 (15.8.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 20 (15.8.1912)
Date
1912-08-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Se׳t- 2 Jüdische BoWsttmm- Jli. 20 Mitteilung, daß ״für uns in Ungarn also die Agudo als gescheitert anzusehen ist". DaS veranlaßt mich, einmal die Stellung Dr. Breuers zur Agudo vor der Kattowitzer Tagung zu beleuchten. Dr. Breuer, dm man vergeblich sucht, so oft es sich um Aufbau und Organisation handelt, war von allem Anfänge an entschieden gegen die Agudo. Er wurde zur Teilnahme tatsächlich von seinen süddeutschen Kollegen gezwungen, die in ihrer befangenen Wertschätzung Dr. Breuers seine Mitarbeit für unerläßlich für das Gedeihen deS WeltbundeS hielten. Wie Herr Dr. Breuer die Agudo gleich bei den Vorberatungen in Kattowitz im Keime ersticken wollte, ist bekannt, auch der Entrüstungssturm, den er mit seinem taktlosen Borgehen heraufbeschwor. Schon in Kattowitz scheint er seine Ohnmacht, auch diesmal zu zerstören, gefühlt zu haben. Deutlicher wurde sie ihm zu Gemüte geführt, als man es wagte, in Frankfurt a. M. eine konstituierende Versammlung in seiner Abwesenheit, ja sogar gegen seinen ausdrücklichen Willen abzuhalteu und in dieser Versammlung seinen Sohn Isaak auSzuzischen, da war seines Bleibens nicht länger und er erließ seine Kundgebung durch sein Eisenstädter Sprachrohr. Wir müssen also damit rechnen, daß Herr Dr. Breuer nicht mehr mitarbeitet, ist damit die Agudo unmöglich geworden? Ist seine Willenskundgebung ihr Nekrolog? Nein und abermals nein. Der Agudo eröffnet sich jetzt erst die Möglichkeit zu segensreicher Entwicklung; eS konnte dem Agudogedanken kein größeres Heil widerfahren, als daß Dr. Breuer ihn weit von sich weist. Und die Abstinenz der ungarischen Orthodoxie? Nun vorerst ist Dr. Klein noch lange nicht der Repräsentant der ungarischen Orthodoxie und dann arbeiten die Führer der ungarischen Orthodoxie in der letzten Zeit so eifrig daran, das geringe Vertrauen, das sie genießen, zu erschüttern, daß ihr unheilvoller Einfluß hoffentlich nicht gar lange mehr ändauert. Die sonst die erbittersten Gegner der Neologen sind, haben in der letzten Zeit doch ein Gebiet gemeinschaftlicher Betätigung gefunden. daS ist ihren persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen. WaS bei den Neologen selbstverständlich scheint, ist bei den Orthodoxen widerlich im höchsten Grade. In einer Zeit, wo in den ehrlich jüdischen Kreisen allgemein über Bachurimnot, Patronageelend und Hungerlöhne der Lehrer geklagt wird, haben die Herren Freudiger, Ullmann und Konsorten keine andere Sorge, als sich den Adel um Hunderttausende zu kaufen, freut sich Rabbi Koppel Reich, der Rabbiner der Budapester Orthodoxie seines durch vieles Betteln erlangten Titels ״köntglicher Rat". Wenn solche Führer nicht mittun, braucht uns um die Agado noch lange nicht zu wenn man nur mit zufriedenen Blick sie bettachten Sie gingen immer allein und sprachen wenig mit den anderen. Sie genügten sich vollkommen. Sie kannten nicht die Langweile. Sie waren sich noch immer neu geblieben, alle 40 Jahre lang... Ella bettachtete gerne diese beiden alten Leute. ״Weist du", sprach sie dann einmal, ״die jüdischen Ehen sind immer glücklicher. Es ist dies eine Rasseneigentümlichkeit der Juden..." ״Meinst du, ich hätte dich minder lieb?" fragte ich sie. ״Auch wir werden nach vielen Jahren uns genau so lieben wie heute, und uns niemals langweilen, wenn wir allein sind..." Einem schwimmendem Königreich glich der Dampfer. Und der Kapitän war unser Herrscher und Führer: Ein gütiger Herrscher, der für jeden ein freundliches Wort hatte. Ec war über die sechzig hinaus, doch sein wetterfestes Aussehen ließ ihn viel jünger erscheinen. Es ging da lustig zu. Jeden Tag gab eS Konzerte. Und abends tanzte man, oder spielte allerhand Spiele, zu zweit, zu dritt, oder in Gruppen. Freude und Lust und Flirt waren hier zu Hause. Und über allem lag eine seltene Sorglosigkeit. Die Passagiere der ersten und zweiten Klaffe bildeten hier zwei Gruppen. bangen. Mögen die offiziellen Führer der ungarischeu Orthodoxie nur ihren persönlichen Ehrgeiz befriedigen, möge die Familie Breuer ihren Kohl wie Hoheliedkommentare abseits bauen, die Agudo wird darum nur hoffnungsvoller aufblühen und gedeihen. Wir haben diesen Artikel lange zurückgehalten, weil wir eine Klärung der Situation abwarten wollten. Die Klärung ist mittlerweile erfolgt. Die Agudo bimmelt in ihren offiziösen Mitteilungen im ״Israelit" den vorlauten ״Oberrabbiner" Dr. Klein entschieden ab und gibt dabei auch dem Onkel und Meister eine .notwendige Belehrung. Hoffentlich geht die Agudo noch weiter und gibt den Wünschen der Misrachi nach und desavouiert Dr. Breuer und seine Anwürfe gegen den Z'o.1ismuS gründlich. Sollte Herr Dr. Breuer dann nicht mittun wollen, so wird eS der Agudo nur fördersich sein. Prager Brief. Ueber diesen Brief weht ein eigenartiges Geschick. Ist darin mehrmals der Hetztärigkeit des ״Czech" Erwähnung geschehen, so findet sich sofort ein liebenswürdiger Mitarbeiter, der den ״Czech" auf eigene Faust ausbeutet. Habs ich einmal die ״Reichspost" in den Bereich der Prager Briefe einbezogen, flugs schreibt nächstens ein Kollege einen Leitartikel ״Reichspostiade"; habe ich dann ttotz aller Kollegen doch mühsam im Schweiße meines Angesichts einen Prager Brief zusammengebracht, so tr'fft ihn wie daS letztemal daS Geschick nuf der Post verloren zu gehen. ES ist wahrlich kein Vergnügen Prager Korrespondent zu sein und nach dazu in der saueren Gurkenzeit. Nach diesen Lamentationen endlich in mediaS reS. Bor allem unser alter Freund der ״Czech!" Auch bei ihm macht sich die Sommersaison geltend, auch er, der sonst in guten Tagen täglich ein paar Juden verzehrt, wird jetzt anspruchSloser, er begnügt sich nebbich mit der Freude darüber, daß auS Tilsit angeblich 130 jüdische Familien auSgewiesen worden sind, daß vielen anderen in Alexandrow die baldige Ausweisung bevorsteht. In seiner Not liest er sogar Bücher — oder hat er eS ohne Namensnennung aus irgend einer gesinnungSgenöffischen Zeitung entlehnt? — noch dazu Schulberichte der österreichischen Mittelschulen, freilich nur den statistischen Teil u״d veröffentlicht die furchtbaren Ziffern dieser Statistik. Men denke nur an einem Wiener Gymnasium seien von 400 Schülern 300 Juden die Juden überschwemmen die Hochschulen. Die Zahl der jüdischen Studierenden ist 7—8 mal so groß als ihrer Bevölkerungsziffer entspricht, ähnlich sei Die Reichen und die Ueberreichen. Bei den Abendkonzerten sah man reiche Brillanten und Perlen. Es war ein blendender Luxus. Doch diese Leute lebten in üppigem Reichtum, wie andere in Armut leben, mit einer Selbstverständlichkeit. Und sie schienen bescheiden in blendendem Reichtum. An klaren Tagen standen wir am Sonnendeck und sahen auf das weite Meer hinaus, das oft einer grün-blauen Wiese glich, darüber die Wogen gleich weißen Schafen dahinliefen. So weit das Auge reichte, weit und breit, sah man nichts als Himmel und Waffer. Die Wogen jagten an dem Schiff vorbei, und zischten die steile Schiffswand empor, wie in wilden unbändigem Haß. ES ist dies ein eigener Anblick. Und oftmals, wenn ich ins endlose Meer hinauSsah empfand ich eine innige Sehnsucht nach Land... Eines Abend saßen wir mit vielen anderen oben am Deck und sprachen von unserem Dampfer. Da warf einer die Frage auf, ob so ein Dampfer untergehen könnte. ״Ausgeschlossen", erwiderte ein junger Amerikaner. ״Er war Ingenieur und hielt viel auf seine Meinung. Die neuesten Fortschritte der Technik sind bei diesem Dampfer verwertet Es kann ihm nichts geschehen. Und schauen Sie, mit welcher Geschwindigkeit er dahinsaust: 23 Knoten die Stunden!" eS bei einzelnen Berufen wie in der Advokatur, in der Journalistik, und während überall Antisemitismus gepredigt werde, seien die Juden eifrig an der Arbeit überall die Christen zu unterdrücken und hinauszudrängen. Und daS ttaurigste bei dieser Christenverfolgung sei, daß ihr Ende für Böhmen gar nicht abzusehen sei, denn während die Zionisten, die jetzt eben daran sind für die Juden eine portugiesische Kolonien im fernen Afrika zu erlangen, überall bei den Juden An- Hang finden, wollen die Juden Böhmens vom Zionismus nichts hören. Nun der ״Czech" ist auch hier einmal auf dem Holzwege; denn gerade in der letzten Zeit mehrt sich die Anhängerschaft des Zionismus auch in den tschechischen Teilen des Landes Dank der intensiven Agitation sehr erfreulich. Der ״XX- Vek", der wie verlautet, trotz seiner marktschreierischen Reklame roch auf keinen grünen Zweig gekommen ist, benützt den Umstand, daß auch Juden.dem Sokol angehörcn, zu seiner wilden Agitation gegen den Sokol im Interesse des tschechischklerikalen Konkurrenzvecbandes des ״Ocel". seine Sammlung infamer Verleumdungen der Juden setzt er zielbewußt fort, indem er behauptet, die Juden treiben antimilitaristische Propaganda oder heißen sie wenigstens gut. Selbstredend fehlt auch in seiner letzten Nummer nicht der Hinweis auf den Ritualmord, den ein Jude in Mähren begangen haben soll. Sein Zorn ergießt sich beson- Vers über die ״Narodni Politka“, die in ihrem Berichte über diesen Lustmord erwähnt hatte, daß daS Volk phantastischen Märchen und verschiedenen Gerüchten Glauben schenke und daß eS notwendig sei, daß die Bevölkerung sich nicht durch verschiedene Gerüchte beeinflußen laste, dem Aberglauben kein Gehör schenke und völlige Ruhe bewahre. DaS bringt den ״XX. Vek" nicht um seinen Verstand (den hat er schon längst nicht mehr) aber es bringt ihn in Harnisch. Die Bevölkerung wiffe sehr wohl, warum sie diesen Mord nicht als Lustmord betrachte, sondern ihn mit ״Aberglauben" in Zusammenhang bringe das unschuldig vergossene christliche Blut schreie nach gerechter Rache und so weiter. Und das alles sieht der staatsan» waltliche Zensor, der doch sonst einen scharfen Blick hat nicht! Die tschechischen Blätter werden womöglich an Antisemitismus noch überflügelt von der deutschantisemitischen Presse. Allen voran marschiert natürlich die alte Lügnerin, die ״Reichspost", die sich redlich bemüht, den ärmsten unter den Armen, den jüdischen Hausierern die Existenz zu erschweren. Unter der Ueberschrift ״Der Händler", entwirft sie eine Charakteristik des jüdischen Hausierers, der angeblich im Ueberflusfe lebt, und da er zumeist der streng othodoxen Richtung im ״Und wenn wir an einen Felsen so stoßen?" fragte eine hübsche Londonerin. ״Dann schließt man mit einem Druck die automatischen wasserdichten Schotten, und der Zusammenstoß ist lokalisiert und schadlos gemacht. ... In der Theorie apostrophierte lächend ein belgischer Buchhändler. Die Natur ist immer stärker als die Kunst. Die Menschen mühen sich ruhloS, die Natur zu erforschen und sie zu bekämpfen, doch sie können wohl der Natur ihre Geheimnisse ablauschen, aber niemals die Natur besiegen. Der Amerikaner verneinte: Natur ist ein veralteter Begriff. Heute gilt nur die Kunst, die uns lehrt, die Natur uns selbst zu bilden, wo und wie wir sollen. Wir haben elektrische Blitze, können Meere Überdrücken und die Lust durchsägeln. Zu all dem gehören bloß drei Dinge : Geist, Geduld und Geld. Er lächelte dabei selbstgefällig, glättete seine glattrasierte Oberlippe und prüfte die Wirkung seiner Worte, indem er seinen Blick von Antlitz zu Antlitz führte. ״Und wenn doch ein Unglück geschieht und daS Schiff sinkt?" fragte eine Dame. ״Sprechen wir nicht von solchen Dingen", mengte sich ein deutscher Gelehrter ein. ״Wozu den Teufel an die Wand malen." (Fortsetzung folgt.) Mährisch-schlesisdie Bank Brünn: Trtfhan Nr. 388. fttnktlm. verzinst EINLAGEN BfidKivuad in lauMer R Ferdtaandagaaoe Nr. 29 Uhgton Mr. UNS, gebundene Einlagen hat Übereinkommen. BaakgesdtfttratterArt, Bfrecn-uWechtirrgCTfiMN. gegen

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