Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1912)
- Date
- 1912-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIIl|l. Jahrg. Nummer 20 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. Nische ll11ll;-jll1Hnnr. Bezugspreise: Jüt Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 5 20 ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig . .. Mark 10 — Rußland, ganzjährig .. Rubel 6 SO Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: di« 8 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig. Geschäftsstelle, Wien: I., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 300S/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postsvarkassakonto Nr. 312.842. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizusüge«. Brun«—Budapest. Wien, |5Ä12«'7״ Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: An den Gräbern. — Die Agudas Israel. — Lorenz Scherlag. Brief eines Schiffbrüchigen. — Prager Brief. — Elul (Gedicht). — Wiener, Budapester Nachrichten. — Korrespondenzen. — Rundschau. — Eingesendet. — Zur Lage der Handelsangestellten. — Dr. F. R. Heinschel. Lemel. An den Gräbern. (Elulgedanken).!- Als einst die Kundschafter, welche Moscheh ausgeschickt, heimkehrten und ihrer viele mit verschlagener Klugheit eine Rede ersonnen, die über Israels Zukunft entscheiden .sollte, da waren zwei Männer, welche verzweifelt von der Rotte sich trennten; Josua und Kaleb. Und der eine, Kaleb. eilte, seiner Ohnmacht sich bewußt, auf die Gräber der Väter, betete und flehte die Toten an um Mut. Um Mut, weinte ec, gegen die Undankbarkeit seiner Genossen, gegen die Vergeßlichkeit der zehn ״Diplomaten". Denn gar rasch hatten die gefürsteten Männer ihren Führer und ihren Gott auS dem Gedächtnis verloren, und gar vergeßlich war ihr Undank. Moscheh war nicht etwa tot, nur nicht in unmittelbarer Nähe, und sie trachteten sein Lebenswerk zu vernichten. Mut holen wir auf dem Grabe unserer Väter, Mut gegen den Undank der Menschen. Mit Kraft rüsten wir uns, um dankbar zu vrrehren, wenn alles rings schmählich vergißt, wir wappnen uns mit Feuilleton. Brief eines Schiffbrüchigen. Lorenz Scherlag (Lemberg). Teuere Mutter! Mir ist, als war ich aus einem Traum erwacht, aus einem bösen Traum. Und ich frage mich selbst, ob es wirklich nur ein Traum gewesen, oder Wahrheit... Ich habe Schreckliches erlebt, und komme mir wie ein Greis vor, der nichts mehr zu erwarten hat. Doch die Liebe zu dir, du teuere Mutter, heißt mich leben. Und wie ich als Kind keinen auf der weiten Welt hatte, als nur dich, so kehre ich auch heute zurück in den einzigen Schoß deiner Mutterliebe. Und ich mich fühle stärker denn je zu dir hiugezogen. Denn ich weiß, du fühlst mit mir, und beweinst, wie ich, den Tod meiner guten, lieben Ella... Ich schrieb dir letzthin ganz kurz, und verständigte dich von nieinem harten Schicksalschlage: von Ellas Tod. Du bittest um ausführliche Nachricht. Ich will es tun und mich bemühen, alle Einzelheiten, die in meinem Erinnern aufdämmern aneinander zu fügen. Da ich nach der Trauung, als junger Ehemann, mich mit Ella auf die Hochzeitsreise begab, war ich so glücklich, wie vielleicht niemals in meinem Leben. Und auch Ella war glücklich. Du weißt ja, wie ivnig wir uos liebten. Sie hatte sich von ihren Eltern losgesagt, um mir zu folgen. Wille, um den Geist der Lüge und der Tücke die Waffen her Wahrheit und Geradheit zu kreuzen. H. Kaleb warf sich auf die Gräber der Ahnen und klagte ob der Brüder F.igheit. Memmen waren die zehn Fürsten, die nicht Mut fanden zum Kampf und lieber in der Wüste vom Manna sich speisten, als um den Lohn eines ertragreichen Bodens einen Waffengang zu wagen. Feige müssen uns unsere Väter nennen, wenn wir jetzt an ibrer Gräber Schwelle Erstarkung uns holen. Mt Riesenkraft haben sie den Lebenskampf gekämpft, kein Nachtsturm vermochte ihren Nicken zu knicken, ein gewaltiges Gottvertrauen hielt sie aufrecht im Strudel des LebenSmeeres. Zuversicht auf Gott beseelte sie bei der Erziehung der Kinder und deren Vorbereitung zum Lebensberuf. Es gab nur einen großen Schm rz. ein Leid, da« an deS BaterS und an der Mutter Lebensmark nagte — ein Kind, da«, als Jude, nicht das Ebenbild seiner Eltern war. Aber selten beging ein ungeratener Sohn Verrat an den Traditionen de« VarerS, man hielt strenge Wache am Heiligtum der Eltern und zimmerte nicht o erflächliche Wahrheiten mit denen jetzt manche Jungen nach Pfauenart sich aufblähen. Feig entzieht sich rings eine halbgebildete Jugend der Autorität Gotte«, nicht gar erleuchtet von dem Lichte einer neuen Offenbarung. Gottes Wille deckt sich nun einmal nicht immer mit ihrem Wollen und Wünschen- Und siehe, da spotten sie der Lehre, weil da« Leben, daß diese Lehre empfiehlt, der Herren Beifall nicht erringt, und die Eltern — sie sind zuweilen ganz begeistert von der Weisheit und dem Mut ihrer Spößlinge. Sie kämpfte hart, bis sie sich zu dieser Tat ausraffte, denn sie liebte ihre Eltern. Doch die Liebe zu mir besiegte ihre Kindesliebe... Erinnerst du dich: Da wir vor dem Traualter standen. wie Ella plötzlich aufschluchzte und sich an mich lehnen mußte, um nicht umzusinken?... Die Arme hat viel gelitten. Sie hoffte bi« zum letzten Augenblick, daß ihre Eltern zur Trauung kämen. Doch sie täuschte sich. Ihre Eltern konnten es ihr nicht verzeihen, daß sie einem Andersgläubigen folgte. Und sie wurde trotzdem Christin. Ich habe dieses Opfer niemals von ihr verlangt. Ich konnte es auch nicht verlangen. Denn daS Empfinden der Zugehörigkeit zu jenem Glauben, dem unsere Väter und Mütter ergeben gewesen, ist ein kostbar Gut. Die Religion als solche ist oft nur Nebensache ... Ella brachte mir das Opfer, ohne daß ich es verlangte. Ich war überrascht und glücklich. Doch e« betrübte mich, daß unser Glück mit dem Weh ihrer Eltern erkauft war. Ich wußte, daß auch Ella darunter sehr litt, da sie ihre Eltern innig liebte ... Und sie hat es dennoch getan. Wie mußte sie mich lieben! ....... Doch ich will dir weiter erzählen, und mich vor Sentimentalitäten bewahren. Es war früh morgens, da wir daS Hotel verließen, um zum Dampfer zu fahren. D» bemerkten wir vor dem Hoteleingang eine bucklige Bettlerin. Wir fürchteten, den Dampfer zu verspäten, und gingen achtlos an der Bettlerin vor- III. Und Kaleb wurde vom Schmerz übermannt, da er über den Gräbern ein großes Sterben sah. Fahler Tod grinste ihn an ringsum, und verzweifelt flehte er um Leben. Weshalb dieses Sterben, fragen uns die Väter aus der Tiefe ihrer Grüfte. Ein Sterben in den Synagogen. Sie sind geschloffen durch die ganze Woche, und nur an festlichen Tagen tritt mit knapper Not die Zehnzahl zusammen zum gemeinsamen Gebet. Ein Sterben in den jüdischen Schulen. Sie gehen mählich alle ein. Natürlich. Bon den zehn Familien find fünf kinderlos, und fünf betrachten die Geburt eines zweiten Kindes für einen ״Luxus", den nur noch Milliardäre sich erlauben. Zum Leben, ja zum Leben mahnen un« die Toten; zum Leben im Wohnhaus. SchulhauS und Gotteshaus. Die Gräber, die der Ahnen sterbliche Hillen umschließen, wollen für un« Geburtsstätten werden neuer Lebensbejahung und neuer Lebensfreude. Die Agudas Jisroel. Ein Prolog oder Epilog von einem Freunde der Aguda. Rabbiner Dr. Breuer in Frankfurt a. M. läßt durch seinen kongenialen Nffen und Schüler. Rabbiner Dr. Klein in Eisenstadt. die erschütternde Nachricht in die Welt Hinausposaunen, daß er unter gar keinen Umständen an den Arbeiten der Agudo teilnehmen werde, iniolange nicht daS Prinzip zur Geltung gelange, daß Mitglieder der Agudo nur solche Kreise sein können, die auf dem Boden deS wahrhaft orthodoxen Judentums stehen. An diese Trauerbotschaft knüpft Dr. Klein die bei. Die sah uns nach und murmelte einen Fluch. Ella schmiegte sich enger in meinen Arm. ״Es ist ein böse« Vorzeichen", sprach sie ״verschieben wir unsere Fahrt “ Ich lachre darüber, und nahm diese ihre Bemerkung gar nicht ernfl Erst am Dampfer da wir der Gefahr in die Augen sahen, erinnerte ich mich an die bucklige Bettlerin. Wir hatten eine geräumige Kabine im dritten Deck, und machten eS uns dort so bequem, als eS eben ging. Wir hielten uns die ersten Tage fern von den anderen Leuten. Wir genügten un-« vollkommen. ES erfüllte mich mit besonderem Glück daß Ella sich am wohlsten fühlte, wenn ste mit mir allein war. Ich hatte als Junggeselle eine Furcht vor der Langweile in der Ehe, und meinte, daß an jenem Tage, wo die Frau stcb in der Ehe zu langweilen beginnt, das Glück deS EhelebenS zu Ende ist... Uns gegenüber an der Tadle d'hote saß ein altes Ehepaar. Sie sprachen deutsch und waren Juden. Sie benahmen sich just, wie ein junges Hochzeitspaar. ״Das ist unsere Hochzeitsreise", sprach der alte Mann lächelnd, und sah zärtlich seine Frau an. ״Wir sind ichon vierzig Jahre lang verheiratet. Doch wir hatten bis nun keine Zeit, uns die Welt anzuschauen... Und die Welt ist so schön; Große Auswahl!! Syuagogcnoruste auch Lüsterkulte» und schöne seltene Gelegenheitskäufe im Spezialhaus für Syuagogenornate Rudolf Goldstein. Wien. HI.