Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 19 (8.8.1912)
- Date
- 1912-08-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Jüdische Vo ttftimme. Nr. 19. aus Reb Mendels HauS, und die Braut aus Reb Meiers Haus in den Synagogenhof geführt. Reb Mendel und Reb Meier waren die Unterführer, während Frau Rosa und Chawele das Amt der Brautführerinnen versahen. Die Unterführer gingen zu beiden Seiten des Bräutigams; Prophete rechts, Prophete links, Weltkind in der Mitte. Reb Mendel, ein großer starker Mann, dem der Schalk aus den Augen blitzte, führte den Bräutigam so nahe an den Häusern, daß der kleine Reb Meier von des BräutigamS linke Seite weichen und hinter diesem gehen mußte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, an die Wand gedrückt zu werden. Dagegen mußte Lemel den Weg zum Synagogenhofe unter den Dachtraufen zurücklegen; die mit Rohr oder Stroh gedeckten Häuser waren ohne Dachrinnen. Ernst und schweigsam seiner hohen Bräutigamswürde eingedenk, schritt Lemel einher. Der Regen fiel in Strömen, das Wasser ttoff von den Dächern, nahm durch Lemels weitem Hemdkragen den Weg in seine Hosenbeine, von dort in die Sttefel und bei jedem Schritte hörte man in Lemels Stiefeln quatsch, quatsch. Der Trauhimmel war im Freien errichtet und bestand aus einem an vier Holzstangen befestigten alten Torahvorhang, welchen vier Knaben festhielten. Der Vorsänger stimmte das ״Boruch habo">) an und die Unterführer postierten sich mit dem Bräutigam unter dem Trauhimmel. ״Boruch haboh"'-) war das Sangessest, welches die Unterführerinnen nebst der Braut unter den Trauhimmel rief. Das Antlitz der Braut war mit einem goldgestickten Tuche bedeckt; von den beiden BeistandLdamen am Arme geführt, umkreiste sie drei Mal den Bräutigam. Alsdann wurde der Rabbiner zum Vollzüge des Trauungsaktes angerufen. Doch ehe er unter den Trauhimmel trat, da sanken die Chupohstangens), als wenn eS Standarten gewesen wären und alle die sich darunter befanden, waren wie mit einem kalten Umschläge bedecke. Dieses grausame Spiel wiederholte sich mehreremal, bis Reb Mendel böse wurde, die Gassenjungen ihres Amtes enthob und vier alte Männer mit dem Halten der Stangen betraute. Der Rabbiner bekämpfte nur mit großer Mühe das Lachen. Als er aber den Segens sprach über den Wein gesprochen und der erste Unterführer dem Bräutigam den Pokal zum Trinken reichte und Lemel dessen Inhalt fast bis zur Nagelprobe leerte, da hatte auch der Ernst des Rabbi sein Ende erreicht, und eS währte eine geraume Weile, bis er sich so weit fassen konnte, um den weitern TrauungSakt zu vollziehen. (Fortsetzung folgt.) Bialik. In der ״Frankfurter Zeitung" schreibt Dr. Josef Gottlieb (Frankfurt a. M.) über die Gedichte des jetzt vielgenannten jüdischen Dichters Bialik. Zum Schluß gibt er hauptsächlich nach einem Aufsatze von Dr. I. Klausner im Achiasaf (1903) folgende biographische Notizen: Chaim Nachmann Bialik ist ein hochgewachsener breitschultriger Mann von robusten Aussehen. Geboren ist er vor 38 Jahren in dem von Wäldern umgebenen Dorfe Radi in Wolhynien. Sein Vater war dort Wald- und Mühlenaufseher, später betrieb er eine Bauernschenke. In seinen Mußestunden saß er vor den Talmudfolianten und ״lernte". In Chaim Nochmans siebenten Lebensjahre zogen die Eltern nach einer auch am Walde gelegenen Vorstadt von Zotomir. Ein Jahr darauf starb der Vater. Wie dann die Mutter sich kümmerlich als Marktfrau plagte, um ihre fünf Waisen zu ernähren, hat Bialik in dem Gedichte ״Mein Lied" in rührender Weise geschildert. Ter Knabe zeichnete sich damals durch Wildheit und Kletterkünste auS, die ihm viel Ansehen bei seinen Kameraden und Prügel bei seinem Erzieher eintrugen. Das war sein strenger, dabei ihm von Herzen zugetaner Großvater, dem als ErziehungLideal der fromme Talmudgelehrte vorschwcbte. Zum Zwecke dieser Laufbahn kam Bialik auf die berühmte Talmudschule (Zeschibah) zu Wolosyn, wo er durch Fleiß und Begabung ausfiel. Dort schrieb er 1890 sein erstes Gedicht ״An das Vöglein". Drang nach Freiheit, allgemeiner Bildung trieben ihn wie so viele andere auS der Jeschibah. der er in manchem innigem Gedichte ein wehmütig-liebevolleS Andenken eewidmet Hot. Im Alter von achtzehn Gesegnet sei, der da kommt. ף Gesegnet sei, die da kommt. Trauhimmelstanzen. Jahren wurde er nach der Sitte der frommen russischen Juden verheiratet. Der Dichter ward jetzt Holzhändler und kam so, wenn auch nicht als Freund, oft in seinen geliebten Wald. Nachdem er anfangs Hunger und Not gelitten, gelang es ihm, sich in Odessa eine Existenz zu gründen, wo er jetzt als Lehrer und Verlagsbuchhändler ein leidliches Auskommen hat. Nicht nur vom Ertrage eigener Werke. Es soll in Rußland und Palästina mehr Juden geben, die Gedichte von Bialik auswendig wissen, als die sie besitzen. Sintemalen dort Interesse für hebräische Sprache und Literatur hauptsächlich das Privileg der kleinen Leute ist, wie bei den Juden in Westeuropa das Interesse am Judentum überhaupt. Rüe^eröe^prec^ungen. ״Die Magie als experimentelle Natur- Wissenschaft." Von Dr. Ludwig Staudcnmaier. Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft 1912. Ein merkwürdiges Buch! Viele Bücher sind bereits über Magie und Mystik, über die verschiedensten olkulten Phänomene geschrieben worden. Aber die meisten Verfasser übersahen eines. Sie stellten sich von vornherein auf einen Standpunkt, der von vielen ernsten Menschen, deren Geist und dessen Denken durch eine naturwissenschaftliche Schulunc eine streng logische Direkttve erhalten hat, unmöglich als richtig anerkannt werden kann. Diesen Vorwurf kann man dem Buche nicht machen, dessen Verfasser selbst Naturforscher ist. Der Titel des Buches verspricht eine naturgemäße Untersuchung dieser äußerst seltsamen Phänomene. Der Verfasser vertritt die Ansicht, die er auch durch zahlreiche Zitate und empirische Daten zu bekräftigen sucht, daß alle jene mystischen, magischen Phänomene, welche größten Teils von der offiziellen Wissenschaft einfach geleugnet werden, tatsächlich konstatiert werden können, ja er gibt selbst eine experimentelle Methode an, auf welche Weise jeder zu den Kräften gelangen kann, welche solche scheinbar überirdische Erscheinungen Hervorrufen können. Durch Konzentrationsübungen kann eS darnach ein jeder Mensch — der Verfasser konnte eS selbst erproben — dahin bringen, daß ungcahnte Kräfte und Energien von ihm aussttömen, welche dann alle die Erscheinungen hervorzurufen imstande sind, welche jetzt allgemein mit dem Worte ״okkulter Phänomene" bezeichnet werden. Was eben diesem Buche besonderen Wert verleiht, ist die Tatsache, daß hier einmal experimentell nachzuforschende Daten angeführt werden, die jeder ernste Forscher nachzuprüfen imstande ist. Dieser Ruf nach exakter Behandlung jener Phänomene wird sicher bei allen denen Wiederhall finden, welche sich der lohnenden Aufgabe unterziehen, dieses merkwürdige Buch zu lesen. Felix Perles: Jüdische Skizzen. Leipzig, Gustav Engel 1812. LI 4.— 313 SS. Der Verfasser dieses Buches ist durch mannigfache wissenschaftliche Arbeiten gut bekannt. Wir nennen nur seinen Abhandlungen zur althebräischen Strophik, zu den Psalmens Solomons, zur Textkritik des Alten Testaments. Was er in diesem Buche vereinigt hat, sind populäre Aussätze mannigfachen Inhaltes, die er an verschiedenen Orten einzeln erscheinen lasten und die er jetzt sorgsam wieder sammelt. (Sorgsam allzusorgsam. Vielleicht war es doch nicht nötig, jede kleine Kritik nochmals abzudrucken.) Das Buch sondert sich in fünf Kapitel: Jüdische Charäkterköpfe (Maimonides, F. Frankel, Abraham Geiger, Max Grünwald;) die Wissenschaft vom Judentum (Enzyklopädie des Judentums; die Mistenschüft vom Judentum an den deutschen Universitäten u. a.>; Zu Bibel Talmud und Midrasch (Zur ästhetischen Würdigung der Bibel; die Textbibel von Kautzsch; der hebräische Bibelkommentar von Abraham Kohana; Bachers Agadawerk; Wunsches Uebersetzung der kleinen Midraschim); Religionsgeschichtliches (Das Gebet im Judentum; Was lehrt uns Harnack? Soziale Gerechtigkeit im Judentum; jüdische Apologetik im neutestamentlichcn Zeitalter); Zur Literatur ge« schich te un d V o l kskund e (Poesie der Juden im Mittelalter; Jüdische Sprichwörter; Das Stammbuch der Frankfurter Juden u. 0.) Das reiche Inhaltsverzeichnis entschuldigt es, wenn wir auf eine Kritik verzichten. S. 287 macht der Verfasser einen Salto mortale von Jehuda Alcharisi zu — Morris Rosenfcld. Hiebei sagt er von der gegenwärtigen hebräischen und jüdischen Poesie, sie sei ״eine Poesie voll Jammer und Tränen." Das ist sehr einseitig aus den wenigen Schriften geurteilt, welche ins Deutsche übersetzt worden sind und die der Beifaster allein zu kennen scheint. Unsere heutige Poesie, von der leider unsere Rabbiner noch sehr, sehr wenig misten, ist Gottsci« dank alles eher als ein Greinen. Hoffentlich unternimmt der Bersaster einmal zu TschernichowSky, Scholom Alechem Schneier, Schimonowitz, Hirschbein einen Streiszug und wartet nicht ab, bis Uebersetzungen erscheinen. Denn das wird noch lange dauern. Der deutsche Jude verträgt heute zur 3iot noch den Ofljuden, mit dem er Mitleid haben kann. Aber den fröhlichen ... Lesen Sie den,Kleinen Anzeiger'. Jean Jaques Roffeau über das Judentum. Jean Jaques Rousseau, dessen 200jährigen Geburtstag jetzt nicht nur in Frankreich, sondern in der gesamten zivilisierten Welt gefeiert wird, hat sich iu seinen zahlreichen Werken nur ein einziges Mal und auch da nur nebenbei über Juden und Judentum geäußert. Es ist dies im vierten Buche seines im Jahre 1762 erschienenen Werkes ״Emilie". Rousseau zittert dort als Beweis dafür, wie geringes Gewicht die Autorität der Kirche in wissenschaftlichen oder philosophischen Fragen besitzen könne, die Geschichte der Juden. Diese Stelle ist an sich noch heute sehr interessant und verdient als Beitrag zum Andenken des großen ftanzösischen Schriftstellers ins Gedächtnis gerufen zu werden. Sie lautet: ״Kennen Sie überhaupt viele Christen, die sich der Mühe unterzogen hätten, all das, was das Judentum gegen sie vorzubringen hat, sorgfältig zu untersuchen? Hat schon ein Christ irgend etwas über das Judentum gelesen, so war es nur in den Büchern der Christen. Wahrlich, eine feine Art, sich über die Argumentationen der Gegner zu unterrichten! Aber wie sollte man es auch anders anstellen? Wenn jemand von uns Bücher zu veröffentlichen wagen würde, in welchem, günstige Meinungen über das Judentum offen ausgesprochen werden, so würden wir sowohl den Autor als auch den Verleger und sogar den Bibliothekar bestrafen. Diese Politik ist bequem und ist am sichersten, das Recht zu behalten. Es ist überhaupt ein Vergnügen, Menschen anzugreifen, die nicht zu sprechen wagen. Aber selbst diejenigen unter uns, die in der Lage sind, mit Juden Gespräche zu führen, sind durchaus nicht besser daran. Die Unglücklichen haben Angst vor unserer Diskretion. Die Tyrannei, die man gegen sie übt, macht sie furchtsam. Sie wissen, wie wenig Gerechtigkeit und Grausamkeit der christlichen Nächstenliebe kostet. Was können sie also zu sagen wagen, ohne sich dem auSzusetzen, daß wir sofort sie der Blasphemie anklagen. Die Gewinnsucht macht uns übereifrig, und sie sind zu reich, um nicht Unrecht zu haben. Die Gelehrtesten und Aufgeklärtesten sind in der Regel die Vorsichtigsten. Ihr könntet ja irgendeinen Elenden bekehren, der bezahlt wird, um Böses über seine Religion zu sagen. Ihr könntet ja irgendein niedriges Subjekt zum Sprechen zu bringen, das Euch alles zugibt, um Euch zu schmeicheln. Und Ihr würdet dann triumphieren über seine Ungewissenheit oder über seine Feigheit, während die Gelehrten der Juden still lächeln würden über Eure Dummheit. Aber glaubt Ihr etwa, daß selbst an Orten, wo sie sich in Sicherheit fühlen würden, man etwas durch sie erreichen könnte? In der Sorbonne ist es jedermann klar wie der Tag, daß die Voraussagungen über den Messias sich auf Jesus beziehen. Und bei den Rabbinern in Amsterdam ist es ebenso klar, daß diese Voraussagungen nicht den geringsten Bezug haben auf Jesus. Ich werde insolange den Beweisführungen gegen den Juden keinen Glauben schenken, als sie nicht einen fteien Staat mit Schulen und Universitäten besitzen werden, wo sie ohne Gefahr sprechen und diskutteren könnten. Erst dann könnten wir wirklich erfahren, was sie zu sagen haben." Misrachi-Konfereuz. Kürzlich tagte in Berlin im Burg-Hotel das Zenttalkomitee der zionistischen Förderation Misrachi, zu der auch Herren aus dem Auslande — unter ihnen Rabbiner Reines — erschienen waren. Zuerst erstattete das Büro Bericht und dann schilderte Hermann Struck seine Amerikareise. Nach seiner Meinung darf der Misrachi in Amerika noch viel erwarten; wenn auch mehr in materieller als in ideeller Hinsicht (besonders Geld für Mtsracbistische Gründungen). Die Versammlung beschloß die Gründung einer landwirtschaftlichen Misrachi-Kolonie bei Jerusalem, für welche Kolonie schon gegen 50.000 Franks gezeichnet sind, sowie Erichtung eines Geueralsckretariats in Berlin für Agitation. Auch wurde ein neues Ocganisationsstatut angenommen. Bezüglich der ״Agudah" wurde der Beschluß gefaßt, daß der ״Misrachi" mit ״Agudah" erst dann gemeinsam arbeiten kann, wenn das provisorische Komitee sein Nichteinverständnis mit den grundlosen und verleumderischen Schmähungen gegen Zionismus und Misrachi des Herrn Rabbiner Dr. Breuer — gegen welche die Konferenz protesttert — erklären wird. Soeben erschienen: ״Hickls Jüdischer Bolkskalender".