Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 19 (8.8.1912)
- Date
- 1912-08-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. XIII./l Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd.Volksstimme" 8 August 1912. Seite 9. Berthold Auerbach über Juden und Judentum. Bon Rabbiner Dr. Josef Hoff in Bisenz. Wolfgang Menzel, der bekannte Kritiker, Franzosen- und Judenhasser, hatte in seiner Broschüre, ״Die jeune Allemagne in Deutschland" das ״junge Deutschland" zum Prototyp des Judentums und der Juden gestempelt. Unbarmherzig gießt er den giftigen Geifer seines Spottes über die ehemaligen Juden Börne und Heine aus, aber auch Gutzkow und andere, die nie Juden waren erhalten ihren Teil. Den Mitgliedern des ״jungen Deutschland" wird vorgeworfen, daß nur ein Jude, wie Börne, so ultraliberal sein könne, daß nur ein Jude, wie Heine, so frech und arrogant sein könne, dem deutschen Michel so hartherzig auf die ״quammige" Wange zu schlagen und die Blößen der deutschen Nationalität so schamlos aufzudecken. Der Einzige, der es für nötig hielt, diese Schmähschrift einer zersetzenden Kritik zu unterziehen und zugleich den Beweis zu erbringen, daß die Führer des ״jungen Deutschland", trotz ihres angeblich spezifischjüdischen Geistes, die Deutschen von ihrer Um- Mündigkeit befreit und ihnen den Tempel der Freiheit eröffnet hätten, war Berthold Auerba ch. Dieser ausgezeichnete Romanschriftsteller hatte bereits im Jahre 1836 mit einer anonymen Flugschrift ״Das Judentum und die neueste Literatur" (Stuttgart 1836) die journalistische Laufbahn betreten. Und gerade dieses Erstlingswerk, dessen Abfassung in die Zeit der Emanzipationsbestrebungen der badischen und württembergischen Juden fällt, ist um so beachtenswerter, als es sich zur Aufgabe stellt, richtige und gerechte Anschauungen über Juden und Judentum in christliche Kreise zu tragen, die überall mit Hohn und herben Worten mitleidslos zurückgestoßenen Juden zu schützen und alle jene unzähligen verkehrten Ansichten über Judentuni, die sich so leicht von Mund zu Mund fortpflanzen und unterhaltenden Ammenmärchen gleich, mit der Muttermilch aufgesogen, ganze Generationen mit ihrem Gifthauche verpesten, zu zerstreuen. ״Das Judentum", so läßt sich Auerbach wörtlich vernehmen*), ״kann und wird alle hö- Heren Bedürfnisse der Menschen aller Zeiten defriedigen und wird auch der jetzigen Form der Wissenschaft weder widerstehen wollen noch können. Die Einigung des Glaubens und Wissens ist dem Judentum nicht bloß ephemeres Zeitbedürfnis, sondern ewiges Gesetz. Meiner subjektiven Ueberzeugung zufolge, kann es dem Judentum an einer Einheit und wissenschaftlichen Gliederung nicht fehlen, wie es die einzelnen wertvollen Arbeiten eines Jost, Zunz. Ceicenach, Salomon u. v. A. hinlänglich beweisen. Alle Juden aber vereinigen sich aber darin, daß sie den Glauben und die Sitte des Vaterlandes ehren und lieben, alle vereinigt das streben, mit Erhaltung des selbständigen Glaubens, dem Vaterlande ihre Kräfte weihen zu dürfen." ... Und an anderer Stelle**): ״Ja selbst die erbittersten Feinde der Juden anerkannten zu allen Zeiten ihre Nüchternheit, Zucht und Sitte und ihre Glaubenstreue; wenn dies leider nicht mehr so allgemein ist, so haben auch wir nur über die Verschlimmerungen und Verwirrungen der Zeit uns zu beklagen; gleiches Unrecht würde man aber begehen, wenn man dies dem Judentum wie wenn man es dem Christentum an si ch zuschreiben wollte. Gestützt auf das unveräußerliche Palladium unseres Glaubens und auf die in der Nation lebende Sitte, streben und hoffen wir, die Verirrungen der Zeit nach Kräften zu heilen. Wir stützen uns auf die in der Nation lebende Sitte, ja, wir achten und lieben deutsche Sitte und deutsches Herz, denn eS ist auch unsere Sitte, unser Herz. Ich lebe der ftohen, zu» versichtlichen Ueberzeugung, die Gesinnungen der ganzen jungen Generation der Juden auSzusprechen, wenn ich hinzufüge: Erprobet uns in der Feuerprobe der Gefahr und ihr werdet uns rein finden, rein von allen Schlaken des EgoiSmus und raffinierter Unsitte; gebt uns das Vaterland, dem wir durch Geburt, Sitte und Liebe angehören und fteudig legen wir Gm und *] ״Das Judentam und die neueste Literatur." S. St f. **) ibid. S. 66 f. Blut auf seinen Altar, vergesset und lasset uns vergeffen der finsteren Scheidewand, die uns trennte, und ersparet uns die schmerzliche Mühe,;egen euch in die Schranken zu treten, weil ihr 0 oft euren vaterländischen Bestrebungen den Dämon des Judenhasses beigesellt. Wir halten, so chließt Auerbach seine Betrachtung, fest an dem Wahlspruche, welchen Rießer uns gewählt: Einen Vater in den Höhen, Eine Mutter haben wir Gott, Ihn aller Wesen Vater, Deutschland unsere Mutter hier." So weit Auerbachs herrliche Worte, die auch hr Ziel nicht verfehlt haben. Der Fluch gegen >ie Juden, er ward zum Segen, denn so mancher Judenf ind bekehrte sich und redete den Juden das Wort der Gleichberechtigung. Unter diesen ״Bekehrten" befand sich auch Wolfgang Menzel, der Franzosen- und Judenhasser. Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (I. Fortsetzung.) Josef rüttelte ihn umsonst aus dem Schlafe: Lemel du wirst ower kcias schema (die Zeit des Schemalesens versäumen) sein." Lemel sprang rasch in die Höhe, wusch Hände und Gesicht, legte Tefillin an Hand und Kopf und verrichtete dgs Morgengebet. Als er damit fertig war, fragte er seinen Genossen Josef, ob er schon das Morgen» gebet verrichtet. ״Mein lieber Lemel, erwiderte jener, wenn ich am Morgen aufstehe und mich erinnere, daß ich Nachts geträumt, ich hätte das Morgengebet bereits verrichtet, dann habe ich eine unbändige Freude." ״Du bist ein Meschumed')", rief ihm Lemel Am Nachmittage wurden beide eingereiht. Lemel sah in des Kaisers Rock auch nicht viel schmucker aus, als in der Zivilkleidung. Lemels Soldatenherrlichkeit währte zum Glücke der Gemeinde nicht lange; er erfreute sich eines so gesunden kräftigen Magens, daß die Gemeinde R. die Zahlungen hätte einstellen müssen, wenn Lemel die vorgeschriebene Dienstzeit hätte absolvieren müssen. Ein gütig Geschick befreite die Rer von der schweren Steuerlast. Lemel bekam einen Leibschaden, wie er sich auszudrücken pflegte, und wurde als dienstuntauglich entlassen. Die Soldaten- Herrlichkeit hatte zwar nur kurze Zeit gewährt, allein er erzählte von der Soldatenzeit von den Heldentaten, die er verrichtete, Zeit seines Lebens. Lemel kehrte nach R. zurück und nahm wieder bei Reb Mendel Dienste. Nach zwei Jahren, es war am ersten Halb» feiertage des Laubhüttenfestes, sprach er nach Tisch zu seinem Dienstherrn: ״Reb Mendel ich hätte mit Ihnen etwas zu reden." Reb Mendel sah seine Frau Rosa verwundert an, als wollte er von ihren Mienen ablesen, was Lemel auf dem Herzen habe. ״Rede", antwortete Reb Mendel. Lemel aber machte keine Miene zum Sprechen, als Frau Rosa dies merkte, verließ sie die Laub- Hütte. Als die Tritte der HauSftau nicht mehr gehört wurden, begann Lemel: ״Jakow owinu') hat vierzehn Jahre und Rochel und Leo gedient, ich habe ein Telce (Dolce), welche bei Reb Meier dem Tuwekohl (Borsteherstellvertreter) Dienstmagd, auch so lange gedient, und will Rosch chodesch 2) Kislew zu Gutem Chasunoh') haben." Reb Mendel war wie aus den Wolken gefallen, denn er hatte an alles eher gedacht, als an Lemels Verheiratung. ״Heute Abend ist Tenoimschreiben (Aufsetzen der ersten Ehepakte) und ich bitte Sie mir Kowed«) zu schenken", fuhr Lemel fort. Reb Mendel wußte, daß Lemel, wie alle geistig beschränkten Menschen, wenn sie sich einma etwas in den Kopf setzen, mit leichtem nicht davon abzubringen, machte nicht einmal den Versuch gegen Lemels Heirat eine Einwendung zu machen. ״Hast du nicht dem Row gesprochen", fragte Reb Mendel. ״Der Rebbe soll gesund sein und leben, fragte mich, als ich ihn zw den Tnoim geladen, wovon ich leben werde und ich sagte ihm. daß ich wie *) Abtrüninger. zu; und wandte sich unwirsch von ihm ab. mein Tate olew hascholaum (Vater, der Friede sei mit ihm), hausieren gehen werde. Da meinte der Rebbe, haschemzisborah») werde schon helfen. Der Rebbe ist ein heiliger Mann, was er sagt wird gewiß in Erfüllung und ich bin versichert, daß mir Gott helfen und meine süße Telce und mich nicht verlassen wird." Reb Mendel stellt? sein Erscheinen in sichere Aussicht und damit war die Unterredung beendet. Lemel der Heiratskandidat, war alles eher als ein Adonis. Der große vierschrätige Kerl, mit dem dicken Schädel und den wie mit der Axt zugehauenen groben Gesichtszügen, hat nichts Gewinnendes an sich. Augenbrauen, verliehen ihm etwas Furchteinflößendes, Abstoßendes. Die lange, allzulange Nase war an den Flügeln, wie mit einer Zange zugedrückt, so daß er näselte: die niedrige Stirn zeigte was Geisteskind Lemel war. Lemel hatte aber kleine, reinselige Aeuglein ohne daß er jemals dem Alkoholgenusse gefröhnt, die immer lustig und treuherzig in die Welt blickten. Aber auch an der Wiege von Lemels Braut haben die Grazien nicht gestanden. Telce Schmierfink war über die erste Jugend hinaus. Ich habe erst 25 Lenze gesehen, pflegte sie zu sagen, ihr Brodherr Reb Meier erwiderte aber immer, und wie viel Lenze warst du blind; ich meine du dürftest schon lange spielen hören. (Anspielung, daß sie die 30 längst hinter sich hätte; man darf während der 30 Trauertage keiner Belustigung anwohnen, nicht Musik spielen hören.) Nicht immer sind Namen von guter Vorbedeutung, denn der Name Telce ( Dolce, die Süße) den liebende Eltern ihr in die Wiege gelegt, entsprach durchaus nicht ihren körperlichen Vorzügen. Und doch nannte sie Lemel meine süße Telce. Am Abend fand das Verlobungsfest statt. Lemel und Telce waren elternlos und Reb Mendel und Reb Meier hatten an Vaterstelle die Ehe- Pakte gefertigt. Vor der Ausfertigung der Eherakte wurde an die Brautleute die Frage gestellt, welcher Kenaß (Pönale) von demjenigen Teile zu erlegen, welcher die Partie rückgängig macht. Lemel, >er nicht wußte, daß diese Frage an alle Brauteute gestellt wlrd. sprach treuherzig, das wird Niemand erleben, das wird nie geschehen; lieber lasse ich mein Leben. Tolce, gerührt ob so treuer, opferfreudiger Liebe, vergoß Tränen der Rührung, welche ihr Gesicht noch mehr verzerrten, waS nicht gerade zu ihrer Verschönerung beitrug. Nachdem Lemel die Ehepakte mit seiner nur ihm leserlichen Unterschrift versehen — Lemels Schrift hatte eine Aehnlichkeit mit den altägyptischeu Hieroglyphen, war halb Bilder- und halb Buchstabenschrift, jeder Buchstabe so groß wie ein Taubenei — und die des Schreiben; unkundige Braut drei Ringelchen mit harter Mühe gezeichnet, wurde von der HauSftau Chawele eine Schale gekrochen; Maseltow, Maseltow erscholl es von allen Seiten. Die Gastgeberin Chawele erfteute sich des Rufes einer geizigen Frau und böse Zungen behaupteten, die zertrümmerte Schale wäre schon lange zerbrochen gewesen. Die Vorbereitungen zu Lemels Hochzeit nahmen nicht allzulange Zeit in Anspruch. Die billige Weichholzeinrichtung verfertigte der Tischler Christoph Holzwurm, der Nachbar und Freund des Rabbiners. Telce hatte ein bescheidenes Sümmchen zurückgelegt, und sich im Laufe der Jahre eine kleine Ausstattung angeschafft, so daß der Gründüng des neuen Hauses nichts im Wege stand. Am Rosch Chodesch Kislew fand die Hochzeit statt. Lemel war an seinem Ehrentage mit einem ftanzblauen Anzuge bekleidet; es war der erste neue Anzug, den er auf dem Leibe hatte; ein Geschenk seines Dienstherrn Reb Mendel. Die Hosen steckten in hohen Lederstiefeln, der Rock reichte über die Stiefelschäfte. Der breite weiße Hemdkragen reichte fast bis an die Schulter und der steife schwarze Filzhut, unter welchem die weiße Sterbemütze hervorlugte, war für seinen Kopf viel zu eng. Unter dem Rocke trug er nach altem Brauche, das von der Braut angeferttgte Sterbehemd. Nach dem Bedecken wurde der Bräutigam *) Unser Erzvater Jakob. y Neumondstage. »> Hochzeit. Ehre. y Der Mann (Sott) gelobt sei er. Achtung auf den kleinen Anzeiger!