Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 19 (8.8.1912)
- Date
- 1912-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Bolttstimme Seite 3. Nr. 19 nach 'Zurücklegung meines 86. Geburtstages vor einem offenen Grabe sähe, jede wie immer geartete Verunglimpfung des jüdischen Glaubens und jede wie immer geartete Zurücksetzung seiner Anhänger als schwere Unbill bezeichne. Wechselnd weicht die Zivilisation der Barbarei, aber ein dauernder Rückfall in dm alten Schlamm ist nicht mehr denkbar. So — ich lebe und sterbe der Ueberzeugung — wird die Aera derHumarntat, die wir vor hundert Jahren Hereinbrechen sahen, nur momentan verfinstert, in nicht ferner Zeit wieder hervorleuchten. Du aber mein armes, noch immer gequältes Volk! Tue das Deine und stärke dich in dem Bewußtsein, daß du die erste Lehrmeisterin der Menschheit gewesen, noch mehr in jenem, daß du es anstrebst weiter zu bleiben und alles, was dich davon entfernt, mit Selbsterkenntnis abzulegen. Dies mein Abschiedsgruß!" Wahrlich, dieses erhabene Vermächtnis verdient von allen Vertretern der Gemeinden Israels stets besonders beherzigt und gewürdigt zu werden. Ben Asm. Lesen Sie den ,Kleinen Anzeiger'. Stille Wohltäter. Das jüdische Wohltätigkeitswesen ist so be» kannt, soviele Stiftungen sind gegründet zur Er- Haltung von Spitälern, Waisen- und Armen- Häusern, soviele Stipendien zur Unterstützung Stüdierender und doch! wieviel Elend bleibt noch zu lindern! Und unter die prangenden Namen der Großen mischen sich wie duftende Veilchen, die Gaben jener, die von dem Wenigen, was sie im Kampfe ums dasein erringen, ihr Scherslein den noch Aermeren überlassen. Sowohl hier wie dort ist es die Art des Gebens, welche den Geber charakterisiert. Jene edle, hohe Dame, ״Engel der Armen" genannt, die am Abend vor dem Antritte einer Erholungsreise die Vorbereitungen zu derselben unterbricht, ja, sogar ihre Nachtruhe durch Korrespondenz verkürzt, um ein armes verlassenes Kind im Armenhause unterzubringen, ist gewiß nicht mit der gedankenlosen Weltdame zu vergleichen, die, um früher ins Theater zu kommen, einem verschämten, um Arbeit bittenden Armen einige Geldstücke zuwirft. Dieselbe edle, betagte Dame empfing einst ein junges Mädchen, welches um ein Stipendium eingereicht hatte, mit den Worten: ״Ich habe gehört, daß Ihr Vater gut situiert ist und wundere mich, daß Sie ein Stipendium beanspruchen." Das junge Mädchen errötete und konnte die Tränen und zugleich die raschen Worte nicht zu rückhalten: ״Glauben Sie, verehrte Gnädige, es sei ein solches Vergnügen zu betteln, daß ein Mädchen in guten Verhältnissen sich dazu entschließen könne?" Das war nun freilich beleidigend für die hohe Frau, aber das Mädchen erhielt dennoch das Stipendium — nur in anderer Weise als die anderen Unterstützungsbedürftigen. Letztere mußten es statutengemäß beim Portier beheben, dem stolzen jungen Mädchen aber wurde es entweder zugesandt oder von seiner edeln Gönnerin selbst ein gehändigt. * * * Ein weiteres Beispiel wahren Edelmutes gibt uns ein Jude, der einen ganz jungen Diener hielt. Letzterer konnte einst der Versuchung nicht Widerstehen, von dem ihm anvertrauten Gelde etwas für Naschwerk zu verwenden. — Sein Herr kommt dahinter, hält ihm sein Vergehen vor, schenkt ihm zehnmal soviel als das Veruntreute beträgt und verspricht ihm sogar den Lohn aufzubessern, wenn er ehrlich bleibe. Der junge Mensch weint, bittet kniefällig um Verzeihung und — stiehlt nicht mehr. So Märchen- Haft unglaublich sie klingen mag, die Begebenheit ist eine wahre. * Von keiner Zeitungsnotiz gemeldet, von keinem Jahresberichte gewürdigt, wirkte ein seitenes Mädchen zehn Jahre an einem Wiener Wohltätigkeitsheim. Durch ihre tüchtige, gewissenhafte Leitung mehr noch als durch rastlose Streben des betreffenden Wohltätigkeitsvereines, wurde das Heim aus ganz bescheidenen Anfängen auf eine Höhe gebracht, wo es heute als eine Musteranstalt dasteht. Diejenige aber, die es soweit geführt hatte, floh die Stätte ihrer Wirksamkeit' krank vom Mitansehen des Elends, welches sie nach Möglichkeit gelindert hatte, arm wie eine Kirchenmaus: Denn da die Bereinsmittel nicht genügt hatten der Not zu steuern, gab ihr edles Herz alles hin, was sie erworben hatte. Wohl war Undank und sogar — Verläumdung ihr Lohn — doch in den Herzen der Dankbaren unter ihren 'Schützlingen lebt die Gestalt der fern von Wien Weilenden in leuchtendem Angedenken. * * In inniger Verwandschaft des Körpers und Geistes schließt sich ihr eine Frau an, welche die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge eines Krüppel- Heimes mit beispielloser Selbstaufopferung pflegte. Täglich wusch sie die Wunden der skrophulösen Kinder und trug die lahmen unter ׳hnen, auch die schwersten, auf ihren Armen die Treppen herab in den Garten. Keinem der Dienstboten überließ sie diese Arbeit. An dem Vorwurfe, der ihr gemacht wurde, daß sie zu gut, zu zärtlich gegen die armen, kranken Kinder wäre, dürfte sie wohl nicht allzuschwer tragen. * * * Und jene einfache Beamtensfrau, die, von Mitleid mit dem Frierenden erregt, ihn zum Trödler führt, um ihn von Kopf bis Fuß kleiden zu lassen! Das mühsam Ersparte reichte gerade für die Kleider, nicht mehr für den Hut. Der Trödler aber, selbst ein guter Jude, ist so gerührt, daß er dem Armen den fehlenden Hut schentt. * * , * In die Reche dieser ungenannten Wohltäter gehört auch der Arzt, der des Nachts an das Krankenbett des Arryen eilt, seine Gesundheit oft sein Leben aufs Spiel setzend — wer nennt ihn? wer kennt ihn? Wer dankt es ihm? * * * Und all ihr zahlreichen heimlichen Wohltäter, ihr jüdischen Frauen, von denen sich keine ausschließt, wenn für die Armen gesammelt wird, seid bedankt für Eure Hilfe! Aber nun kommt auch Ihr herbei, Mütter und Väter, die Ihr Euch mühet bis in die Nacht, die ihr Not und Entbehrung um Eurer Kinder willen ruhig traget! Freudig herbei ihr Kinder, die Ihr Eure Jugend opfert, um Eure alten Eltern zu pflegen und zu warten — als Gegensatz zu den vielen, die ihrer Eltern Kummer und Tod sind — herbei ihr alle! Auch Ihr gehört unter die stillen Wohltäter. Euch alle, alle erhebt ein Gefühl über alle Niedrigkeiten, über alle Gefahren des Lebens: das Bewußtsein stillen, freudigen Gebens. Wien. Flora Grünwald. =- vorm. Hotel Romania Neu eröffnet! Wien II., Kleine Sperlgasse Nr. 5. 5 Minuten vom Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähe des Nord- und Nordwestbahnhofes. PRACHTNEUBAU! 100 ZIMMER. Elegantes Familienhotel. Zentralheizung. Kaltu. Warmwasser in Jedem Zimmer. Bäder im Hause — Elegante Halle, Musik-, Schreib- und Lesezimmer — Exquisite und rituelle Küche. MF* Zimmer von K 3*60 aufwärts. -WW Besitzer Karl Beiringar. Ein Sefer Thora aus China in der Wiener Hofbibliothek. In der Wiener Hofbibliothek befindet sich eine Thorarolle, welche aus Kai-fang-fu in China stammt, und vor mehreren Jahren von dem bekannten Reisenden Dr. Karl Schaerzer für die Wiener Hofbibliothek erworben wurde. Ueber die Erwerbung berichtete Dr. Schaerzer das Folgende: Während meines Aufenthaltes in Peking kamen eines Morgens zwei Juden in das Hotel der britischen Gesandtschaft und boten mir eine riesige Thorarolle zum Verkaufe an. Die beiden jüdischen Abkömmlinge trugen chinesische Tracht, glichen aber in ihren Zügen weit mehr Mohammedanern als Chinesen, was wohl hauptsächlich daher kommen mochte, daß dieselben mehr mit den ersteren als mit den letzteren^ sich vermischten. Ihr Gesicht war länglich, die Augen waren nicht geschlitzt, sondern gerade und tiefliegend, die Nase etwas gebogen, der Haarwuchs am Kinn und an den Backen sehr reichlich. Sie kamen auS Kai-fang-fu, einer ehemaligen Judenkolonie, welche etwa um las Jahrtausend nach Beginn der jetzigen Zeitrechnung von den aus Samarkand und Bochara eingewanderten jüdischen Handelsleuten gegrünlet wurde, allmählich aber ganz verarmte und schließlich in der eingeborenen Bevölkerung völlig aufging. Gegenwärtig sind davon nur mehr wenige Spuren in verfallenen Häusern und in Trümmern der einstigen Synagoge übrig geblieben, während die Nachkommen sogar die Sprache ihrer Eltern vergessen haben. Für ihre Einwanderung aus Bochara spricht namentlich auch der Umstand, daß dieselben aus jener Stadt ihre Schriften sowie ihren Rabbiner kommen ließen. Als aber vor etwa 150 Jahren ihr Rabbiner starb, besaßen sie nicht mehr die Mittel, um einen Ersatz aus Bochara sich zu verschaffen. Nach Ansicht des Dolmetsches der britischen Gesandtschaft in Peking, Dr. EdkinS, wurde die obenerwähnte Thorarolle vor ungefähr 200 Jahren vom vorletzten Rabbiner in Kai-fang-fu für die dortige Judengemeinde geschrieben. Es sollen in China im ganzen nur 13 Abschriften der fünf Bücher Moses vorhanden gewesen sein, von welchen sechs nach England, und zwei nach Nordamerika wunderten, während eine Abschrift angeblich in einer Moschee in Peking ausbewahrt ist. Außer dem mir zum Ankäufe angebotenen Exemplare, von welchem die Besitzer wie sie sagten nur sehr schwer und aus dem Grunde sich trennten, um die Rückreise in ihre Heimat bestreiten za können, gibt es in China nur noch drei Exemplare von Thorarollen. Ate Empfänger weroen Mlichst ersucht, das Abonnement einzusenden. Bezalel-Ausstellung in Karlsbad. Ein Karlsbader Komitee, dem insbesondere zahlreiche Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe angehören, hat gemeinsam mit dem Prager Verein ״Bezalel" eine Bezalel-Ausstellung in Karlsbad veranstaltet, die einen sehr erfolgreichen Verlauf nahm. Die feierliche Eröffnung fand Sonntag, am 21. Juli, in Gegenwart eines zahlreichen erlesenen Publikums statt. Herr Dr. Theodor Weltsch, Obmann des Prager Vereins, dankte dem Karlsbader Komitee für seine Bemühungen um den Bezalel, und mies in einer längeren Anspräche darauf hin, daß gerade Karlsbad, der berühmte böhmische Weltkurort, wo Naturschönheit und Großstadtbetrieb sich zu unvergleichlich schönem Bunde vereinen, wo Gewerbefleiß und harmonisch gepaart, wo der Fremdenstrom aller Nationen zusammenfließt, der geeignete Ort sei, von dem Schaffen der auf dem palästinensischen Boden neu erstandenen ArbeitS- und Kulturstätte rühmliches Zeugnis zu geben, aber auch den eminent jüdischsozialen Bestrebungen des Bezalel wirksame Förderung angedeihen zu lassen. Die Festrede hielt Dr. Ziegler, der in kurzen Zügen die EntstthungSgeschichte und das Ausblühen der Schule zeichnete; eine große Bedeutung habe es, daß der Bezalel. der ja seinen Namen aus der Bibel herleitet, in ihrem Sinne durch Gewährung von Arbeit statt durch herabwürdigende Almosen Werke der Wohltätigkeit übe. Redner erwähnt dte Bedeutung des jüdischen Handwerkes, und weist auf die großen Erfolge hin, die die Ausstellungen des Bezalel anderwärts erzielt haben. Ec focderte alle Juden zur werktätigen Unterstützung des Bezalel auf, der, als zionistische Gründung, heute schon Gemeingut des Judentums geworden sei. — Der Eröffnung wohnten u. a. auch der Bürgermeister von Karlsbad, Herr Dr. Pfeffer, und in Vertretung der Bezirkshauptmannschaft Bezirkskommissär Dr. Uhlig bei. welche, wie alle anderen Gäste, ihrem unverhohlenem Erstaunen und ihrer Bewunderung über die ansgejteUten Gegenstände Ausdruck gaben. Auch der materielle Erfolg des Ausstellung, die im Etablissement ״Sanssouci" hübsch und vornehm arrangiert ist, ein recht guter, da schon in der ersten Woche sehr viel verkauft wurde. Lesen Sie den ,Kleinen Anzeiger'.