Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 19 (8.8.1912)
- Date
- 1912-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seid- 2 Jüdische Volksstkume Nr. t9 liche Bürgertum, das einst so zahlreich hieher kam, ist nicht gekommen." Die Vermieter am Ossiachersee werden stch wohl hüten, den Wünschen der ״Reichspost" gerecht zu werden. Die Reichspostanhänger werden kaum Sommerfrischen erhalten können» sie lassen sich lieber am Gänsehäufel rösten. DaS ist näher und vor allem billiger. Lesen Sie den ,Kleinen Anzeiger'. Das Vermächtnis eines ehemaligen Präsidenten der Wiener israel. Kultusgemeinde. (Schluß.) Nach fünfwöchentlichem Aufenthalte in Brody haben die Delegierten der Pariser und Wiener Allianzen die ihnen übertragene Mission glänzend vollzogen, daS herrliche Werk jüdisch er Bruderliebe mit erwünschtem Erfolge zu Ende geführt. Mehr als 20.000 Opfer russischer Bestialität wurden durch ihnen von seiten der Wiener und Pariser israelitischen Allianz zuteil gewordenen Hilfe dem Verderben entrissen und einer schönen glücklichen Zukunft entgegengeführt.*) Wahrlich, wenn Josef Ritter v Wertheimer sich kein anderes Verdienst erworben hätte als daS eine, daß unter seiner Leitung die Wiener israelitische Allianz tausende von schwerem Unglücke hart betroffene Männer, Frauen und Kinder vom Untergange gerettet hatte, hätte er sich auch schon ein unzerstörbares Denkmal errichtet. ״Edlen, wohltätig wirkenden Menschen braucht man kein Monu» ment auS Stein und Erz zu errichten, die schönen Humanitären Werke, die sie geschaffen, die vielen Tränen, die sie getrocknet, die gebrochenen Herzen, die sie aufgerichtet, sind ihre unverwüstlichen Monumente." Nachdem die russische Hilfsaktion im großen ganzen vollendet war, lenkte die Wiener israelitische Allianz auf Anregung Dr. Friedländers ihre Aufmerksamkeit auf Galizien, um die traurige Lage der geistig und moralisch verwahrlosten Juden dieses Landes so viel als möglich zu verbessern. Zu diesem Behufe unternahm im Jahre 1884 der Sekretär Dr. Friedländer eine mehrwöchentliche Reise nach Galizien, besuchte die Städte OSwicim, Krakau, Tarnow, Rzeszow, Jaroslaw, Przemysl, *) Vergl. das Kulturbild ״Fünf Wochen in Brody". 3. Auflage. 1882. Verlag von M. Waizner in Wien. mit Fischhof, Doktor Goldmark und Meisels für die Aufhebung der Judensteuer mit aller Kraft eintrat und diese auch zu erwirken vermochte. Nach 1860 wurde Mannheimer von jüdischer und christlicher Seite ein Wiener Abgeordneten- Mandat für den niederösterreichischen Landtag angeboten; er schlug eL aus. Er fühlte sich bereits müde; zudem hatte er tiefen Kummer in der eigenen Familie erlebt. Ueberaus glücklich war sein Familienleben gewesen. Dort, an der Seite seiner geliebten Gattin, umgeben von begabten Söhnen und Töchtern, schöpfte er die erstaunliche Kraft für seine unermüdliche Tätigkeit. Am 25. No» vember 1858 wurde ihm die treue Gefährtin entrissen. Bald hernach erkrankte auch fein ältester Sohn Theodor, der nach langem Leiden, fern von der Heimat, in Venedig im Jahre 1862 von seinen Schmerzen erlöst wurde. Als Mannheimers siebzigster Geburtstag den 17. Oktober 1863 gefeiert wurde, fehlte es nicht an großen Ovationen. Die Wiener Kommune verlieh ihm taxftei das Bürgerrecht und entsandte ihren Bürgermeister Zelinka ins Gotteshaus, die Regierung ließ sich beim veranstalteten Festmahl durch den niederösterreichischen Sratthalter Grafen ChorinSky vertreten, die ״Concordia" ernannte ihn zum Ehrenmitglied, die Brüder Johann und Eduard Strauß wmkten bei einem Mannheimer dargebrachten Ständchen mit; die Kultusgemeinde widmete ihm einen Ehrenpokal mit Golddukaten gefüllt, seine Freunde prägten eine Plakette und gründeten zur ewigen Erinnerung die Mannheimer-Stiftung. An diesem seinen höchsten Lemberg, Brody, Tarnopol, Kolomea, StaniSlau, Stty. Drohobycz, Bolechow, Sambor usw. und unterhielt Fühlung mit den Vertretern des ChassidiSmus und des Fortschritts. Bald nach seiner Rückkunft erstattete er einen ausführlichen Bericht über die auf dieser Reise gemachten Wahrnehmungen. In diesem Berichte wird unter anderem auch der damalige trostlose Zustand der ״Chedarim" geschildert: ״Mit dem vierten, spätestens mit dem fünften Jahre wird das Kind in den Cheder geschickt, wo es durch zehn Stunden täglich und darüber in jeder Beschreibung spottender Atmosphäre fortwährend mit einem und demselben Gegenstände beschäftigt wird. Besucht man die Chedarim. die fast überall denselben Jammer darbieten, so wird man von einer unsäglichen Wehmut, vom tiefsten Schmerze erfüllt über die Verheerung, welche dieselben auf die zarten hilflosen Kinderseelen ausüben. (Acht- bis neunjährige Knaben werden mit den talmudifchen Traktaten ״Gittin" und ״Ketuboth" gequält.) In einem engen, schmutzigen, hermetisch verschloffenen, von einer greifbar dicken Luft erfüllten Raume sitzen und stehen, je nachdem es die spärlichen, keinen Halt gewährenden Bänke gestatten, 60—80 Kinder, welche in vier Gruppen geteilt sind, deren jede von einem Melamed (Lehrer) bearbeitet wird. Ein heilloses, wüstes Geschrei dringt an unser Ohr beim O.ffnen der Tür. Lehrer und Schüler bieten denselben trostlosen Anblick der Verwahrlosung dar. Beide in Hemdärmeln, abgerissenen Kleidern und fast durchgehends barfuß. In den Gesichtszügen beider hat die Not ihre unverwüstlichen Spuren eingegraben. Volle und frische Kinderwangen sind nur selten zu sehen. Die Lehrer sind mit Stöcken und Pfeifen bewaffnet, betäuben das Ohr mit ihrem Gekreisch und erfüllen den Raum mit Rauchwolken. Und als ob es an dem noch nicht genug wäre, dringt aus der angrenzenden rauchigen und finsteren Küche erstickender Qualm in die Stube und in der Küche selbst — chorribile dictu — sitzt eine Schar Mädchen im zartesten Alter beim hebräischen Unterrichte. In der Küche ist nämlich die Mädchenschäle l Ich will dieses grauenvolle Bild, dessen Anblick mir das Herz zerriß, nicht weiter ausführen und nur angedeutet haben, wie dringend nötig hier eine Abhilfe ist." Infolge dieser, klaren und deutlichen Schilderungen der traurigen Zustände der galizischen israelitischen Gemeinden enthaltenden Berichtes, beschloß der Vorstand der israelitischen Allianz in Wien, Schulen in diesem Lande zu gründen, bereits Ehrentage sprach Mannheimer voller Todessehnsucht das Gebet: ״Nach all den Ehren nimm du, o Gott, mich in Ehren auf . . . Die letzten Jahre haben mich gebeugt und niedergedrückt". Sein Wunsch sollte ihm nach einem halben Jahre in Erfüllung gehen. Jnteressanterweise war Mannheimer, dessen Name mit der freiheitlichen Bewegung in Oesterreich und mit der Emanzipation des Judentums unzertrennlich verbunden ist, seinem Geburtsorte nach ke.n Oesterreicher sondern ein Däne. Mannheimer war am 17. Oktober 1793 in Kopenhagen als zweites Kind eines aus Ungarn stammenden Vorbeters geboren. Durch Erlangung einer systemalischen Ausbildung in den klastischen Disziplinen die er neben den privaten hebräischen und talmudifchen Studien am Gymnasium, an der sogenannten Kathedralschule und später an der philosophischen Fakultät seiner Vaterstadt betrieb, eignete er sich eine große und umfassende Bildung an. Durch die im Jahre 1814 von der dänischen Regierung den Juden spontan gewählte bürgerliche Gleichberechtigung war er damals der einzige jüdische Gelehrte, der schon frühzeitig in sich die Eindrücke eines freien Judentums aufzunehmen konnte und die Sehnsucht nach einem ähnlichen Zustande auch anderswo nicht mehr einbüßte; dazu kam seine angeborene Eloquenz, die weniger auf momentane Effekte als auf bleibende Wirkung hinzielte, und nicht zuletzt seine ideale Persönlichkeit, die ihm alle Herzen leicht eroberte. In seiner Jugendzeit gehörte wohl Mannheimer auch zu den Stürmern und Drängern. 1817 trat bestehende zu subventionieren und überhaupt Sorge dafür zu tragen, daß die jüdische Jugend zum Handwerk und Ackerbau herangezogen werde. Zu diesem Behufe mußte der Sekretär Dr. Friedländer zu wiederholten Malen nach Galizien reisen und in wenigen Iahten ist es ihm — wie es wohl manniglich bekannt ist — tatsächlich gelungen, fünfzig Schulen zu organisieren, die heute noch segensreich wirken. Ich habe also hier ip sehr gedrängter Kürze die hohen Verdienste, die sich der verewigte Josef Wertheimer als edler Mensch, als begeisterter Jude, als ausgezeichneter Vertreter einer hochachtbaren Gemeinde, wie überhaupt als Förderer der Wissenschaft. Kultur, Bildnug. Freiheit und Humanität erworben hatte, skizziert. Nun will ich nur zum Schluffe bemerken, daß dieser seltene Mann in einer kurz vor seinem Hinscheiden erschienenen Schrift sich uns in feiner ganzen Große, in seiner Glorie und wahren Gestalt gezeigt hat. Kurze Zeit, nachdem er seinen 86. Geburtstag gefeiert hatte, veröffentlichte er eine Schrift: ״GesinnungStüchtigkeit der Juden", die er mit folgenden denkwürdigen, ihn charakterisierenden Worten schloß: ״Ich bin mit meinem Thema zu Ende, wohl bald auch mit mir selbst, zwischen beiden ist nur ein loser Zusammenhang. Es ist mir zur Lebensgewohnheit geworden, mit Wort und Tat nicht zu zögern und überall eher verfrüht als verspätst zu kommen. Auf meinen vielen Reisen habe ich stets beim ersten Eisenbahnläuten mein Koupee bestiegen und das zweite niemals abgewartet — nun dieses erste Eisenbahnläuten klingt mir seit einiger Zeit sehr vernehmlich in den Ohren und da will ich denn das zweite nicht abwarten. Es gibt keine Judenftage, es darf keine geben, wo die Völker durch ihre gesetzgebenden Organe, wo sie auf Grund des historischen Rechtes sowie der staatlichen Konvenienz den Juden ein Vaterland gegeben und sie als gleichberechtigte Söhne desselben anerkannt haben, da ist jedes weitere Zerren und Nörgeln an diesen wohlbegründeten und wohlerworbenen Rechten, jedes Wühlen iw vermoderten Akten Frevel und Anachronismus. Und nun noch eines zur Beseitigung von Mißverständnissen, wenn ich eS unternommen habe, nachzuweisen, daß die Juden zu allen Zeiten ihre rein menschliche und patriottsche Gesinnung sowie ihre erstaunliche Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens bewiesen, so beabsichtige ich damit nicht zu behaupten, daß das Judentum eine bevorzugte, sondern daß es keine niedrigere Rasse ist. Und das tue ich auch heute, indem ich er als von der dänischen Regierung bestellter jübischer Katechet an die Spitze einer Reformpartei in Kopenhagen, die den Gottesdienst von Samstag auf den — Mittwoch verlegten, wobei Mannheimer in dänischer Sprache predigte. Vier Jahre lang dauerten unter fortwährenden Kämpfen die Andachtsübungen, bis weitgehende Spaltungen ihnen ein Ende bereiteten und Mannheimer, durch diesen Schiffbruch gereist, zum Stabe griff. Seine Lehr- und Wanderjahre führten ihn zunächst nach Berlin. Hier predigte er zum erstenmal in deutscher Sprache und kam dann auch vorübergehend nach Wien, wo er in der damaligen israelitischen Betstube, die die Kultusgemeinde in dem mit Bewilligung des Kaisers Franz im Jahre 1811 angekauften Dempfingerhof am Katzensteig Nr. 598 (jetzt Seitenstettengaffe Nr. 4) errichtet hatte, predigte und nachhaltigen Eindruck hinterließ. Im Jahre 1824 wurde Mannheimer, nachdem er vorher eine Hamburgerin, Liiette Damier, als Gattin heimgeführt hatte, nach Wien berufen, und zwar als ״Direktor der Wiener kaiserlich königlich genehmtgten öffentlichen israelittschen Religionsschule". Am 9. April 1826 nahm er als Rabbiner und Prediger der Gemeinde in Anwesenheit des ersten Kanzlers und Ministers des Innern Grafen Saurau und anderer Hof- und Staatswürdenträger die Einweihung des Tempels in der Seitenstettengasse vor. DaS Mannheimers Andenken gewidmete Büchlein dürfte auch in weiteren Kreisen das Andenken eines interessanten Mannes wieder auffrischen, der in den Jahren der Freiheitsbewegung in Wien eine beachtenswerte Rolle spielte. lVi3ftri8cft-scftle8islfte Dank Brünrt Ttltpbon Nr. 350, MrakttM. Ferdiliandsgasse Nr. 29 T^aptwa Hf. tOtt. Wwtahtab». /erzinst EINLAGEN gegen / II 01 gebundene Einlagen laotÜberemkommeii. Baakafichdvtud in laufender Rechnung ndt 0| 2| ־*״ geschäfteter Art, Börsen-u.Wechsfesgeschift■.