Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 19 (8.8.1912)
- Date
- 1912-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag XIIIJI. Jahrg. Nummer 19 Ä-—-—“< Bezugspreise: ־ Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen b'M ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 6'50 Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. . di--1 י— Herausgeber: Max Hickl. ־3 Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig Geschäftsstelle, Wien: I., Rotenturmstraße Nr. 31. Telephon 3009/VHI. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Postkparkassakonto Nr. 312.842. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizufügen. « Brünn—Budapest. Wien, f5aj;j!12|{6?״• Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: ״Reichspostiaden." — Eine intereffante Episode aus dem Jahre 1848. — DaS Vermächtnis eines ehemaligen Präfideuten der Wiener isr. Kultusgemeinde. — Stille Wohltäter. — Ein Sefer Thora aus China in der Wiener Hofbibliothek. — Bezalelausstellung in Karlsbad. — Korrespondenzen. — Rundschau. — GoluSblüten. — Berthold Auerbach über Juden und Judentum. — Dr. F. R. Heinschel. Lemel. — Bialik. — Bücherbesprechungen. — Misrachikonferenz. ״Reichspostiaden." Wien, im August 1912. Ebenso wie die Jobsiade und Mayriade er» götzlich und aufheiternd wirkt, entbehren auch die ״Reichspostiaden" nicht einer gewissen Komik, vermischt allerdings mit einem tragischen Zug. wenn man fich vergegenwärtigt, daß unter dem Regime Hohenburger, das doch büttelartig über die Derlautbarungen der Presse wacht, ein immerhin verbreitetes Organ ungestraft' und sühnelos Berläumdungen und Verdächtigungen gegen ״gleichberechtigte" Staatsbürger kolportiern darf. In der vorigen Woche brachte die ,,Reichspost" die Meldüng, daß die Sicherheitszustände in Galizien schreckenerregend seien. Angespielt wird auf die Gewalttaten, die in letzter Zeit in Ostgalizien verübt wurden. Nun ist eS nur recht und billig, ausreichenden Schutz für die Bevölkerung gegen das «Feuilleton. Eine interessante Episode aus dem Jahre 1848. Remini'zenek au I. N. Mannheimer. Es ist ein interessanter Zufall, daß zugleich mit den Aushängebogen des Lebensbildes Adolf Fischhofs von Rudolf Charmatz, aus denen wir bereits in der Lage waren, in diesen Blättenr Einzelnes zu reproduzieren, eine schmale Broschüre erschienen ist, in der die Erinnerung an jene Märztage deS Jahres 1848 aufgefrischt wird, in denen Adolf Fischhof mit seiner berühmten Rede hervortrat. Das Büchlein beschäftigt sich mit dem einst vielgenannten Oberrabbrner und Prediger der Wiener KultuSgemeide-I. N. Mannheimer.*) War Adolf Fischhof, der am 13. März den Mut hatte, der Freiheit das Wort zu reden, ein Jude, stammte das erste zensurfreie Blatt gleichfalls von einem Juden, dem Dichter Ludwig August Frankl, so waren unter den ersten fünfzehn Opfern per Freiheit gleichfalls zwei Juden, der Techniker Karl Heinrich Spitzer aus Bisenz und der Webergeselle Bernhard Herschmann. Ueberaus krititsch, schreibt Dr. Rosenmaun. war damals die Zeit auch für das Judentum. ES galt die Sympathien der Öffentlichkeit dem Judentum *) »I- N- Mannheimer*. Bon Dr. M. Rosenmann, Rabbiner und Prediger ber israelitischen Kultusgemeinde in Men. Mit drei Bildern und einem Faksimile. Wien 1910. R. Löwit. Räuberunwesen zu fordern und die Juden sind sicher die letzten, die Präventiomaßregeln nicht sehnsüchtig herbeiwüuschtea. Die ״Reichspost" drechselt aber flugs einen Zusammenhang zwischen diesen Schandtaten und den Judenausweisungen aus Ruffisch-Poleu und konstruiert in schamloser Weise die Pauschalverdächtiguug, daß jene bemitleidenswerten Ausgewiesenen die Verbrecher und Totschläger wären. Nichts ist da, was diese Vermutung bestätigen könnte, kein einziger der Berhafteten gehört dem Judentum an, der ״Reichspost" aber paßt die Verläumdung in den Kram, darum wird sie verwendet. DaS Lügen ist ihr ja geläufig und macht ihr infolge der jahrelangen llebung keinerlei Schwierigkeiten. Amüsierlich ist es nur, wenn die ״Reichspost" Galizien das Dorado der Juden nennt, das Land in dem sie die erste Geige spielen und von der Landesregierung protegiert werden. Tie Protektion scheint aber bloß darin zu bestehen, daß man sie einfach über den Haufen schießt, wie-seinerzeit in Drohobycz, oder daß man sie durch das Propinationsgesetz an den Bettelstab bringt. Anderer Protektionen wissen sich die galizifchen Juden kaum zu rühmen, wohl aber verspüren sie von Tag zu Tag mehr die Tätigkeit der ReichSpostianer, die Verhetzung und Aufwiegelung der ohnehin antisemitischen Bevölkerung durch die klerikalen und ihre Meute. Die ״Reichspost" kombiniert aber in derselben Notiz weiter. Auf der galizischen Seite der Tatra trei -en Banditen ihr Unwesen. Diese Banditen müssen der ״Reichspost" zuliebe Juden sein. Und weiter, in der Tatra sollen Heuer große Artilleriezu gewinnen und zu erhalten. Da erwies sich Mannheimer als taktvollem Politiker ersten Ranges. In der Kapelle des Allgemeinen Krankenhauses -in der Alserstraßr wurden am 17. März die fünfzehn Särge der ersten Gefallenen aufgebahrt, darunter auch die der zwei jüdischen Opfer. Der katholische Geistliche Professor Füster sollte die Leichen einsegnen. Nun geschah etwas Ungewöhnliches. In vollem Ornat, begleitet vom Oberkantor Sulzer, erschien Mannheimer in der katholischen Kapelle, um dort bei den jüdischen Opfern feine Pflicht als Seelsorger zu erfüllen. Hören wir, was uns vom wohl verläßlichsten Zeugen, von dem erwähnten katholischen Geistlichen Professor Füster, darüber berichtet wird: ״Als wir", erzählt Professor Füster. ״vor die Kapelle im Allgemeinen Krankenhause kamen, erblickte ich den Oberrabbiner Mannheimer und den Kirchensänger Sulzer in ihrem Ornate in der Ferne bei den Särger der gefallenen Juden in einer gewissen Bescheidenheit stehen, die mich tief rührte. Ich ging vor dem gesamten Publikum zu ihnen und sprach mit Fleiß sehr laut, damit es alle hörten: ״Meine Herren Kollegen, wir sind alle hier in demselben Amte, um denen, die sür Freiheit gefallen find, die letzte Ehre zu erweisen. Wollen wir sie ihnen nicht gemeinschaftlich erweisen? Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, sich uns anzuschließen, damit wir gemeinschaftlich ihnen allen unsere Achtung bezeigen? Die beiden Ehrenmänner reichten mir die Hand und schlossen fich mit Freude unS katholischen Priestern an, sie nahmen mich in die Manöver stattsinden. Die Schlußfolgerung der ״Reichspost": Die Juden treiben sich in der Ta ra herum, ebenda wo Heuer Artilleriemanöver stattfinden werden, ergo: Die Juden sind da. um unter dem Deckmantel der Touristik Spionagen zu treiben. Hokus pokus, Lügen sind keine Hexerei und den Juden wurde mal eins aufs Zeug gefl'.ckr. Wenn auch vernünftige Menschen solche Faseleien nicht glauben, so bieten sie für die Hausmeister- und Lakaienseelen, deren Leibblakt die ״Reichspost" ist, dennoch genügend Stoff, um am Heurigenüsch wacker gegen die Juden loSziehen zu können. In einer zweiten Notiz nimmt sich die ״Reichspo " einer Sommerfrische an, die nach ihrem Geschmack zu stark von Inden freqentiert ist. Der Ossiachersee in Kärnten ist es, an dem für antisemiten zu wenig Platz ist. da sich so viele Juden diesen reizenden Ecdenflecken zum Sommeraufenthalt erkoren haben. Die Zuschrift kommt nicht von dort, sondern ist offenbar ein geistiges Produkt der Reichspostredaknon. Sie kombiniert und hetzt natürlich. ״ES gäbe gewiß auch viele erholungsbedürftige Christenleute, die der Bevölkerung sympathisch wären und das Reuomee des Sees durch ihre Anwesenheit zu heben besser imstande wären. Auf diese muß das Seetal nicht zu seinem Nutzen von Jahr zu Jahr immer mehr verzichten. Daher rührt es auch, wenn Heuer in fast allen Sommerfrisch orten am See noch eine erkleckliche Anzahl von Sommerwohnungen leer steht — das christ» Mitte und der lange Gang auf den Friedhof war einer meiner schönsten. AlteS und neues Testament reihte sich unter die Fahne der Freiheit. Das Volk sah mit Verwunderung und Freude aus dis gelstliche Gesellschaft, es war ihm eine unbekannte Erscheinung, jüdische und katholische Priester in in ihrem Kirchenornate gemeinschaftlich ihre geistlichen Funktionen ausüben zu sehen." Um 1,43 Uhr setzte sich der unabsehbare Zug in Bewegung. Auf dem Friedhof angelangt, wurden sämtliche fünfzehn Särge in eine große Grube gemeinschaftlich gesenkt, worauf bei dem sich erhebenden Graveshügel die Leichenreden begannen. Mannheimer hielt die erste Ansprache, ein Meisterstück religiöser und politischer Beredsamkeit. Sicher eine ergreifende Episode, diese seltsame Leichenfeier. Professor Füster war jener edle Priester, welcher später nach der Auflö'ung des Reichstages aus Oesterreich flüchten mußte. Mannheimer aber stand seit jenem Tage in der Mitte der politischen Ereignisse. Dem von ihm geführten Tagebuch ist zu entnehmen, daß er am 24. März dem Steuerausschuß zugezogen wurde und dort eine Rede über die konfessionelle Frage hielt, daß er dem Komitee zur Unterstützung der Verwundeten und Hinterbliebenen der Märzgefallenen angehörte und bei demselben im Namen der Judenschaft 2101 Gulden erlegte; daß er am 31- März eine ״Erklärung über die Judensrage" veröffentliche und dem Ausschuß einen ״Gesetzentwurf" in diesem Sinne schriftlich übergab. Bald entsandte ihn die Stadt Brot y in den Reichstag, wo er im Vereine Synagogenoruate auch Lüsterkutteu uud schöne seltene Gelegenheitskäufe im Spezialhans für Synagogenornate Lieferant zahlreicher in «nd Größe Auswahl!! Rudolf Goldsteiu, Telephon 31990 (internrban). __ t || — - - —- —!:iCTcrani znyireiiykv in nn9 1eN, 11(. Taborstraße 54 - •י•‘.■",••,"•«•1«8