Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 18 (1.8.1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Jüdische B-lkrstiuune Seite 5. daS Fest wegen ungüstiger Witterung am 4. August nicht stattfinden können, so findet dasselbe eine Woche später (am 11.) statt. Am Festtage können telephonische Auskünfte zwischen 1 und 3 Uhr nachm. bei Herrn Walter Grün (Tel. Stelle II von 4970) eingeholt werden. Wien. Seit einigen Wochen weilt der ״Rebbe" von Sadagora, Israel Friedmann, in Wien- Der Rabbi liegt hier in einem Sanatorium krank darnieder. Er mußte sich einer Operation unterziehen, die Prof. Freiherr v. Effelsberg vornahm. Gegenwärtig befindet sich Rabbi Friedmann bereits auf dem Wege der Besserung. Sobald׳ es sein Zustand erlaubt, wird er sich in einen Kurort begeben. Rabbi Israel Friedmann, der nach dem Tode seines Vaters diesem in seinen Funktionen nachfolgte, steht gegenwärtig im 35. Lebensjahre. Er wurde von seiner Frau und seinem Sekretär sowie einer Anzahl von Freunden nach Wien begleitet. Während seiner Krankheit herrschte in den hiesigen Chassidimkreisen große Aufregung. Die Kunde von der eingetretenen Besserung wurde allgemein mit große Freude ausgenommen. Meran. DaS ״Genesungsheim" des Vereines ״Asyl für mittellose kranke Israeliten, Meran wird mit 1. Oktober 1912 für die Herbstsaison wieder eröffnet. Mittellose israelitische Bewerber wollen sich brieflich wegen der ausführlichen Aufnahmsbedingungen an die Kanzlei des Vereines wenden unter der Adresse: ״Asyl für mittellose kranke Israeliten, Meran" (Tirol) und ihre Ge suche um Aufnahme möglichst bis Ende August einreichen. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschälte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. Budapest. Zwei jüdische Brüder haben mit kühler Ueberlegung an einer Dirne einen Raubmord verübt. Dieser in der Judenheit gar nicht denkbare und doch leider wahre Vorfall wirft ein grelles Licht auf den maralischen Niedergang der jüdischen Masse Budapest und wird zu einem schweren Vorwurf für die durch Stellung oder Bildung verantwortlichen Kreise der 180 000 Bu dapester Juden. Sehr richtig schreibt die ״Ungarl Jüd. Ztg." : ״Scheuen wir nicht die Wahrheit! Die jüdische Masse in Budapest versinkt in einen moralischen Sumpf. Die Jugend hat kein Ideal, an dem sie ihre Seele schleifen könnte. Die politischen und sozialen Ideale, deren pathetischsten Fürsprechen sie liefert, bilden einzelne jüdische Individuen aus. Die jüdische Menge aber verkommt. Das Budapester Judentum hat einzelne große, edle Juden, aber keinen eigentlichen moralbildenden jüdischen Gesellschaftskreis, der einen Schnittpunkt aller jüdischen Bestrebungen und In stitutionen bilden würde . . . Die untere Masse hat vom Judentum nichts als das Gefühl der Erniedrigung. Diesem demoralisierenden Gefühle wird kein Gegengewicht in der Pflege des jüdi schen Selbstbewußtseins und desindischen Wertes geboten." Pöstyen. König Ferdinand von Bulgarien hat in Begteitung 1ine3 herzlichen Schreibens an Rabbiner Kalmann Weber eine größere Summe zur Gründung des vom Rabbiner geplanten Spr tals für arme Israeliten übermitteln lassen. Hier, wo Tausende unserer kranken Konfessionsgenossen Heilung und Linderung finden und jeder Zug unzählige unglückliche Arme bringt, ist dieses Spital eine dringende Notwendigkeit. Gleiwitz. In den Elscnbahnzügen zwischen Breslau und Kattowitz sind in letzter Zeit ״Hammer"- Flugblätter vorgefunüen worden. Daraus hat der hiesige Rabbiner Dr. Wilhelm Münz sich mit einer Beschwerde an die Königliche Eisenbahn direktion in Kattowitz gemeldet und folgende Antwort erhalten: ״Wir haben unsere Zugpersonale auf die vorgekommene Ftugblattverteilung aufmerksam gemacht und Anweisung gegeben, daß gegen die Verteiler künftig bahnpolizeilich vorzugehen »st". Großwardein. Der Vorsteher der hiesigen orthodoxen Gemeinde, Alexander llllmann, ist geadelt worden, und hat den Namen von Mako angenommen zur Erinnerung an seinen Vorfahren >en Makoer Rabbiner Salomon Ullmann, den Verfasser des יריעות שלמה Breslau Repräsentant David Schlesinger pendele anläßlich seines 70. Geburtstages 5000 Mark dem ״Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israel. Kinder" und 1500 Mark für die Ferienkolonien der Lessing-Loge. Zürich. Eine kurze und bündige Antwort hat Rechtsanwalt Dr. Farbstein einigen antisemitischen Zeitungsschreibern gegeben. In seiner Eigenschaft als einer der Führer der sozialdemokratischen Partei wurde er als Jude angegriffen. Dr. Farbstein re- Kizierte hierauf in einem Leitartikel im ״Volk-- recht", wie folgt: ״Auf » einen Artikel im ״Volksrecht" haben in vereinzelten Zeitungen der Landes ,resse einige Zeilenschinder mit Beschimpfungen reagiert. Man hörte da Worte vom Rabulisten, vom Juden, vom polnischen Juden usw. Auf solche Pöbeleien lasse ich mich nicht ein. Ich antworte mit dem altarabischen Sprichworte: ״Der Hund iellt, die Karawane marschiert." Paris. In der Ehrenlegion sind befördert worden zum Kommandeur der Divisionsgeneral Mardochäe Balalneque, Chef des III. Armeekorps, und der Generalkontrolleur 1. Klasse der Armee- Verwaltung Weill; zum Offizier der Genieoberst Levy in Nantes. Zu Rittern sind ernannt worden Artilleriehauptmann Bernheim und Roubach. Infanterieleutnant Maas und F. A. Meyer, Militärarzt Dr. Levy. M. Levy, 2. Generaldirektor der Banque d'Algerie, und I. Helbronner. . London. Ein merkwürdiger Konflikt ist zwischen zwei großen jüdischen Körperschaften in London ausgebrochen, der viel böses Blut machen wird. Die hiesige Bnai-Brith-Loge hat auf Weisung der amerikanischen Zentrale bei der englischen Regierung in der russischen Paßfrage zu petitio nieren beschlossen. Die Loge trat nun an den Board of Deputies mit dem Ersuchen heran, gemeinsame Schritte bei der Regierung in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Auf dieses Er׳ suchen hin schreibt der Sekretär des Board of Deputies im Aufträge des Präsidenten einen groben Brief an die Loge, in dem jede Korporation in der Angelegenheit abgelehnt wird. Der Board of Deputies hat noch die Dummheit begangen, diesen Briefwechsel zu publizieren. Die Londoner Juden- Heft ist in Heller Empörung über diesen Fall. Die Regierung wird natürlich jetzt weniger zu einem Eingreifen zu bewegen sein, da sie nur nachgibt, wo sie eine vereinte Kraft sieht. Der Board of Deputies, der den fünfzehnten Teil der englischen Judenheit vertritt, maßt sich an, der alleinige Vertreter der Viertelmillion englischer Juden zu sein und tritt auch der Regierung gegenüber so auf. Da seine Mitglieder zum größten Teil ganz anglisiert sind und in religiöser Beziehung den jüdischen Massen fernstehen, so unternimmt er oft Dinge, die dem Ansehen des Judenstums im Lande ungemein schaden. Von seiner Mitte ging auch die bekannte Get-Fra ge auS, die der Dajan Hpamson sekundierte. der jüdisch-nationalen Partei ein Abkommen getroffen worden, wonach Vertreter beider Gruppen in den neuen Medschliß dschismani gewählt werden ollen. Erfreulicher Weise scheint auch der Großrabbiner bereit die Streitaxt zu begraben. Dies geht u. a. daraus hervor, daß Rabbi Nahum len Preßprozeß, den er gej eit den Redakteur der paniolischen Zeitung ״El Indio", Herrn Einecavä, angestrengt hatte, nun endlich zurückgezogen hat. vr. Rudolf Katbolicky gew. Leiter der I.chlrg. Abteilung der Eandeskrankenanstalt wohnt: €cke Terdinandsflasse und Zobannrsgarre <.»->«- «,««-> ordiniert täglich von 2 vir 4 Ohr nachm. Fernsprecher Nr- 803. Beachten Sie den kleinen Anzeiger unseres Blattes. — Ankündigungen habe» besten Erfolg. Huwlfcft au Hochzeit im Hause Rothschild. Der Chef des Wiener Hauses Rothschild, Baron Alfons Rothschild, hat sich in London mit Miß Clarisse Sebag-Montifio e, einer Enkelin des bekannten Philanthropen Sir Moses Montefiore und einziger Tochter der größten Londoner Bankiers Sebag, verlobt. Das Haus Sebag repräsentiert seit urdenklichen Zeiten die Hautefinance von England und stand als Bankhaus schon frühzeitig mit dem Hause Rothschild in Geschäftsverbindung. Friedensschluß im türkischen Judentum Die Zwistigkeiten, die seit längerer Zeit zwischen dem Kroßrabbiner Haim Nahum und den Anhängern des vor kurzem zurückgetretenen Laienrates (Medschliß dschismani) bestanden, können als beigelegt gelten. Die Konstantinopeler Ben6-Berith- Loge war seit längerer Zeit bemüht, den Frieden wiederherzustellen, und dies ist ihr anscheinend auch gelungen. Die jüdische Nationalversammlung (Medschliß umumi) tritt im Laufe dieser Woche zusammen, um einen neuen Laienrat zu wählen. Auf Initiative der Benä-Berith-Loge ist nun zwischen den Anhängern der assimilatorischen und Rabbiner Hoffmaun — Radautzer Raw. lieber die Wahl des Rabbiners Hoffmaun schreibt die ״Ungarländische Jüdische Zeitung" : Der Oberrabbiner von Kostel, Jakob Hosfmann, ist von der Radautzer Gemeinde zum Rabbiner gewählt worden. Der noch junge Rabbiner hat bereits einen ausgezeichneten Ruf als hervorragender Talmudist und als ausgezeichneter deutscher und ungarischer Kanzelredner. Seine Frömmigkeit und eisenfester Charakter geben dieser Fähigkeit einen erhöhten Wert. Rabbiner Hoffinann hat sich stets offen als begeisterter Zionist bekannt und ist seinem Ideale, trotz aller Widrigkeiten, die er bereits als Rabbinatsschüler wegen seiner Idee erduldete, treu geblieben. Wir gratulieren dem Gewählten und mehr noch den Wählern zu dieser Wahl. Die neue Untersuchung im Beilisprozcß. Die neue Untersuchung im Beilit Prozeß nahm Montag, den 22. Juli, ihren Anfang. Brasul Bruschkowskowsky, der auf der Halbinsel Krim zur Erholung weilte, ist nach Kiew zurückgekehrt, um von Staatsanwalt Maschkewitsch vernommen zu werden. Vera Tl'cheberiakowa verbreitet die Nachricht, sie sei von Brasul und dem früheren Verteidiger von Beilis, dem Advokaten Margolin, bestochen worden. Brasul äußert sich über diese nichtswürdigen Ausstreuungen im Tone höchster Entrüstung. Ihm sei allerdings bekannt, daß die Tscheberiakowa bestochen wurde, aber natürlich von seiten der ״schwarzen Hundertschaften". Im übrigen spricht sich Braiul über den Voraussichtlichen Ausgang der neuen Untersuchung wenig zuversichtlich aus. Es seien viele dunkle Mächte am Werke, die in völlig skrupelloser Weise darauf hinarbeiten, den Sieg der Wahrheit zu vereiteln, und denen es nur darum zu tun ist, um jeden Preis die Juden als die Mörder des Knaben Jutschinski hinzustellen. Organisation der jüdischen Mittelschul lehrcr in Palästina. Eine Anzahl von Lehrern der hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem, des jüdischen Lehrer- und Rabbinerseminars sowie der höheren Handelsschule in Jerusalem haben einen Aufruf versandt, in dem sämtliche Lehrer an den höheren jüdischen Schulen Palästinas aufgefordert werden, eine Fachorganisation der jüdischen Mittelschullehrer zu begründen. Die neue Organisation soll einen den Bedürfnissen der verschiedeuen Mittelschultypen angepaßten allgemeinen Lehrplan entwerfen, die fachliche Weitetbildung der Mittelschullehrer durch Veranstaltung von Ferienkursen, Lehrertagen und Tiskussionsabenden fördern, geeignete Lehrmittel schassen usw. Auch die Lehrerschaft der demnächst zu begründenden Realschule in Haifa, sowie späterhin des Technikums soll in die neue Organisation einbezogen werden. Wette Judenauswcisungen in Rußland. In verschiedenen Gouvernements sind gegenwärtig umfangreiche Judenausweisungen an der Tagesordnung. Aus den Dörfern im Kreise Telsh. Gouvernement Kowno, wurden neuerdings 130 jüdische Familien ausgewiesen. Gegen die jüdischen Bewohner des Dorfes AlixandrowSk im Gouvernement Wilna schwebt ein Ausweisungsverfahren. Im Gouverneme.it Jekaterinoslaw erhielten mehrere hundert jüdische Familien kurzfristige Ausweisungsbefehle. Sie haben sich telegraphisch au den Ministerpräsidenten Kokowzcw mit der Bitte um Hinausschiebung des Ausweisungstermines gewandt. Der Erfolg des Gesuches ist jedoch sehr fraglich.