Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 18 (1.8.1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ^8 Jüdische Volttstimme Seite 3. Juden mit Geldsack und Wanderstab am berüchtigte« RepräsentationshauS. Der ,Rorvoj^ beklagte sich noch weiter über antisemitische Sommerfrischen und bringt eine lange Erzählung, wie man die Juden in VZenor, einer Sommerfrische in der nächsten Nähe Prags von der Aufnahme in den BerschönerungSverein und damit von allen Rechten der Mitglieder dieses Bereines ausschließen, ihnen dann aber doch einige Rechte gewähren wollte, wenn sie den vollen Mitgliedsbeitrag zahlen, ohne Mitglied zu sein; er zählt auch aus dem WohnungS Verzeichnis des Prager städtischen Wohnungsvermittlungsamtes eine Reihe von Ber׳ Mietern auf, die keine Juden aufnehmen. Gelegentlich des HusgedenktageS hatte der ״Rozvoj* die Behauptung aufgestellt, daß HuS bei den Juden stets viel Sympathie genossen habe und daß die Juden auch heute noch gerne die Illumination am HuStage mitmachen; das zwingt den ״£ech“ dazu in einer seiner letzten Nummern den sonst von ihm viel geschmähten HuS gegen die jüdische Freundschaft zu schützen und darauf hinzuweisen, daß Hus von jüdischen Wucherern in Budweis fürchterlich ausgebeutet worden sei. Sonst ärgert sich der ״Cech“ noch höchstens darüber, daß ein Brünner jüdisches Bankgeschäft in christlichen Blättern anonziere und da hat er nicht ganz unrecht. Als ich die dieswöchcntliche SonntagSnummer des ״XX. V£k“ in die Hand nahm, glaubte ich, gewiß nichts besonders Verhetzendes darin zu , finden, denn die Nummer war konfisziert gewesen. Konfisziert waren Stellen eines Artikels über ״Revolution und Fortschritt", indem die Juden als die Urheber jeder Revolution hingt stellt werden und eines Aufsatzes ״Zeichen der Zeit" den die Fortschritte des Antisemitismus behandelt. Nicht konfisziert war ein polizeiwidrig dummer Artikel über Zionismus geblieben, weiters ein Bericht über ״Budweiser Skandal", daß nämlich die Glaserarbeiten an der dortigen Kathedrale einem Juden übertragen wurden, trotzdem in diesem Berichte bei nicht zu großem Wohlwollen des Zensors leicht eine Aufforderung zum Boykott der Juden hätte erblickt werden können. Nicht konfisziert wurde ferner ein äußerst gehässiges Feuilleton gegen die Juden, die den Christen zu keinem rechten SonntagsauL finge kommen lassen, überall sich vordrängen, die besten Plätze beanspruchen usw. Nicht konfisziert wurde ferner ein Passus der Rubrik ״Innere Politik", indem die Regierung beschuldigt wird zu gunsten der Juden die Christlichsozialen in der Bukowina zu unterdrücke»׳. Nicht konfisziert wurde endlich ein Bericht über den Lustmord, den ein Jude in der Nähe von Friede! verübt haben soll, trotzdem in diesem Berichte die infamsten Andeutungen und Hinweise auf einen Ritualmord gemacht werden. Wir erlauben uns an den Herrn Staatsanwalt die bescheidene Anfrage, wieso es kommt, daß er solche Infamie des BlatteS, dem er ja, wie aus der Konfiskation zweier Stellen hervorgeht, einfach durchgehen läßt? Hält der Herr Staatsanwalt diese Stellen nicht für verhetzend und aufreizend? Wie viele Juden müssen durch derartige Hetzartikel nicht materiell und physisch zu gründe gerichtet sein, bevor der Herr Staatsanwalt ihre Gefährlichkeit erkennt? Lesen Sie den ,Kleinen Anzeiger'. Ungarischer Brief aus Frankfurt am Main. An die Redaktion der ״Jüdischen Bolksstimme". Gestatten Sie mir gegenüber den fortwährenden Siegesnachrichten die der ung. Korrespondent des Frankfurter Israelit vom ungarischen Kriegsschauplatze zu berichten weiß, in einigen aufklären- Worten Stellung zu nehmen. Die gesetzestreue Judenheit beinahe der ganzen Welt klagt über fortwährenden Rückgang und Abfall, Gleichgültigkeit und Unwiffenheit haben allerwärts verderbliche Folgen gezeitigt und gewaltige Lücken in ihren Reihen gerissen. Woht ist die Reform auch in ihrem Ausgangslande zum Stillstand gekonimen und hat ihre Werbekraft gänzlich eingebüßt. Wahrlich, um ihrer selbst willen, um an Sie Wahrheit ihrer zukünftigen Richtlinien zu gla»»ben, wird kein auch nur dem Namen nach orth. Jude in ihre haltlosen Reihen überlaufen. Nein! Bon diesen durch Taufe und Mischehen ins Christentum hinübergleitenden Juden ist keine Gefahr zu befürchten. Oekonomische Gründe, die die Heilighaltung des שבת, dieser Basis des JudentumS erschweren, Unwiffenheit und die daraus entspringende Gleichgültigkeit, Ueberschätzung der sie umgebenden Kultur und/die vermeintliche, absolute Gegensätzlichkeit derselben zur jüdischen sind die hauptsächlichen Gefahrenquellen. Beinahe in allen Ländern^ wo die Inden nicht in dichten Masten zusammen wohnen, ist die gesetzestreue Judenheit in die Minorität gedrängt worden. Man hat nun aber auch den Ernst der Lage erkannt und damit deck Weg zur Gesundung beschritten. Ueberall werden Lehrer- und Rabbinerschulen errichtet und anSgebaut; überall werden Vereine, arbeitende Vereine und nicht bloß תפילין und מזוזות vermittelnde Zentralstellen gegründ t und gefördert. Die Vereine werden zu Verbänden, zu Organisationen zusammengesaßt um mit vereinten Kräften daS heran»!.׳achsende Geschlecht zu bewußten ,תורד Juden zu erziehen. Nur in Ungarn allein ist dies nicht nötig, dort gibt es keinen Rückgang und Abfall, dort gibt es nur Siege und Sieg. Von dort können den Lesern des Israelit von seinem Korrespondenten Woche für Woche, neue glänzende Siege der genialen und wachsamen Leitung der ungarischen Orthodoxie, serviert werden. Heute gibts eine»» orth. königl. Rat, morgen einen orth. adel gen ראש הקל usw. Nach einer solch' ruhmvollen und siegreichen Winterkampagne kann die orth. Leitung nach der Meinung des gewesenen Israelit Korrespondenten freudigen Herzens ihre Sommerquartiere beziehen um dort auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Auch in Kattowitz stimmten die ungarischen Delegierten SiegeSlieder an und priesen ihre siegesverheißenden Arbeitsmethoden. Kühl hörte die gut informierte, illustre Versammlung diese sich in Selbsttäuschung gefallenden Reden mit an, denn wahrlich keine Siegeslieder, sondern Klagelieder. Hilferufe, Bitten um Rat und Unterstützung mußte man von Ungarn erwarten. Wohl ist noch heute der weitaus größte Teil der ungarländischen jüdischen Gemeinde auf orth Basis konstituiert; doch wie viele dieser Gemeinden sind nur dem Namen nach oder aus Tradition orthodox. Sitzen nicht im Präsidium eines großen, vielleicht sogar überwiegend größeren Teiles der orthodoxischen und chasstdischen Gemeinden Juden die מהלל שבת sind, wie zum Beispiel jetzt in Preßburg und Eisenstadt mit entscheidendem Einfluß auf die. Gemeindepolitik? Und ist nicht die Schulaufsicht vollends eine priv. Domäne derselben? Und ach wie traurig, traurig ist es mit der nicht ישיבות besuchenden Jugend, die in krassester Unkenntnis und in beinahe an Verachtung streifenden Gleichgültigkeit aller Jüdischfeit aufwächsch bestellt. Vermindert sich nicht fortwährend Zahl und Ansehen der noch vorhandenen ישיבות Noch einige Zeitlang solche Siege und wir sind הו verloren. Sage und schreibe 250 Mitglieder zählt die orth. Gemeinde Budapest, dem Sitze der Zentralleitung unter 205.000 jüdischen Seelen. Noch aber ist ביה trotz aller Siege großes und wertvollstes Menschenmaterial in diesen Rabbiner-Exportstaate vorhanden. Keinen Kiffern und erfolgverheißenden Boden für eine rege Vereins- Tätigkeit bei Zusammenfassung und richtiger Ausnützung der zahlreichen, brachliegenden Kräfte, insbesondere der jüngeren Generation, als Ungarn. Keine Täuschungen und Schönfärbereien mehr und der erste Sieg wäre seit langen Jahren errrungen. G. I F. Lesen Sie den ,Kleinen Anzeiger'. Brief aus Antwerpen. Donnerstag am 4. Juli veranstaltete die Belgische Zionisten-Föderation in Antwerpen eine Herzl-Feier. Nachdem Herr Grünau Grünzweig über die Bedeutung HerzlS des Schöpfers neu jüdischen Lebens gesprochen hatte, hielt Herr Jean Fischer, Mitglied des A.-C. eine längere An spräche. Ec sprach über das Erbe, das uns Herzl hinterlassen von seinem zu frühen Tode und von der Hexischen Definition der jüdischen Nation, die in letzterer Zeit vielfach kritisiert wurde und die deffe» ungeachtet ihre vollkommene Richtigkeit hat. Redner wandte sich sodann den Verhältniffen in unserer Organisation zu. ״Die Kämpfe der letzten Jahre innerhalb unserer Bewegung mahnten mich oft an eine andere Äußerung Herzls: Es ist eine Volksbewegung und sie wird die ruhmreichste werden, wenn sie vor der Beflcckung durch persönliche Wünsche bewahrt wird und sollten diese Wünsche selbst in der Gestalt von politischem Ehrgeiz austreten" Ich bin weit davon entfernt »rgend Jemand in unserer Bewegung zu verdächtigen, daß er es nicht grundehrlich mit der Sache meint und daß ihn irgend welche Wünsche in seiner Handlung-- weise bestimmen, aber es tut sehr gut uns immer wieder diese prophetischen und liebevoll warnenden Worte HerztS inS Gedächtnis zurückzurufen. Besonders wenn Meinungen aufzutauchen wagen, als ob die Herzliche Begründung den Zionismus, als ob seine Politik, kurz als ob der Herzliche Zionismus heute schon veraltet und überholt wären. Nein! Der Herzliche ZioniSM»»L ist noch lange nicht veraltet. Ec lebt. Rein und erhaben steht er da unantastbar, unzerstörbar als Ganzes, unausrottbar wie das jüdische Volk- ״Darum glaube ich, sagt Herzl, daß ein Geschlecht wunderbarer Jude» a»»S der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder auferstehen" — Wäre diese Voraussetzung Herzls heute schon eingetroffen, wären seine Nachfolger Makkabäer in seinem Sinne anstatt spitzfindige Nörgler und unfruchtbare Kritiker, dann wären wir wohl auch heute schon ein Stück weit.r auf dem Wege nach Zion. Aus dem fünften Kongreß sagt Herzl: ״Was sich auf diesem breiten, festen Unterbau einer arbeitenden, landwirtschaftlichen Bevölkerung erheben »vird. .. das wird vom Volt selbst abhängen, nachdem wir ihm die Selbstbestimmung seiner Geschicke verschafft haben werden." In diesem letzten Satz liegt der Kern des Herzlichen Zionismus und nie und nimmer dürfen wir uns beirren lassen und von diesem Kern- Punkt weichen. Alle noch so geistreiche Argumentation zerschellt an diesem, den ganze» inneren Gehalt der Judenfrage ausschöpfenden Leitsatzes, und alle noch so großen und unmöglich zu überwinden scheinenden Schtvierigkeiten berühren nicht die Richtigkeit der Herzlschen Politik, des politischen Zionismus, welcher den Juden das Recht auf Selbstbestimmung seiner Geschicke verschaffen will und wird. In Anbetracht der hie und da auftretenden Aeußerungen, daß die Hnzlsche Politik ats ad acta gelegt zu betrachten ist, fühle ich mich verpflichtet, so laut als möglich, zu erklären, daß meines Wissens die einzige Politik im Zionismus die Herzlsche ist. Lassen Sie sich nicht irresühren. Wenn Sie lesen, daß ein Dc. Weizmann in Paris gesagt hat, daß die ganze Politik Herzls. der Charter und Sympathien der europäischen Mächte eine Narrischleik war.... Heute abend, zur selben Zeit ipricht unser Meister Nordau in Paris über Herzl. Ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht auch mit aller Entschiedenheit für den politischen Zionismus Herzls eintritt. Und wie viele andere mögen dies zu gleicher Zeit tun? Lassen Sie sich nicht dadurch stören, selbst wenn ein Redakteur unseres Zentralorgans sich erlaubt auf seine eigene Verantwortung hin von den ״Jrrtümern Herzls" zu sprechen. Wo und wann wir noch bis auf den heutigen Tag irgendwo einen polmschen Schritt machen wollten, waren wtr gezwungen in die Fußstapfen Herzls zu treten. Herzl hat die Jndenfrage erfaßt und uns den einzigen Weg gezeigt auf welchem wir deren Lösung herbei führen können. Wenn wir unterwegs Halt machen und die verschiedensten Mittel anwenden um voriväcts zu kommen, der Weg ist vorg!ze»chnet. Herzl hatte, das steht auger Frage, den staatsmannischen Blick den Weg zu sehen. — Daneben hatte er aber auch den Willen, diesen einen Weg bis zu Ende zu gehen. Dieser Wille Herzls zur Tat ist es, »velchec ihm erst seine Bedeutung und Größe verleiht. Er schrickt vor nichts zurück. Ec ist logisch und konsequent in seinen Handlungen wre keiner neben und nach ihm. Mit seiner ganzen Persönlichkeit, mit seinem Leben tritt er für die Jache ein und den einzigen Fehler den er begeht ist unter der Last der Arbeit zu früh zu sterben. In Herzl ist der jüdische Volkswille zum Leben, in seiner herrlichste» Gestalt verkörpert Acktrma auf den klei