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Jüdische Volksstimme · 1912-08-01 · Heft 18 (1.8.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 18 (1.8.1912)
Date
1912-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Se׳te ä Lüdtsche L-WtzbtMe 18 < ״ gierten nach Brody sandten, um den Opfern des russischen Kannibalismus bei deren Expedierung nach Amerika hilfreich zur Seite zu stehen. Von dem Erfolge der Tätigkeit dieser Apostel der Bruderliebe mögen folgende zwei Berichte, die damals der ״Neuzeit" zugeschickt ward n, zeugen: Brody, 27. Oktober. Geehrter Herr! Seit einigen Tagen bin ich in Gesellschaft deS Herrn Dr. Friedländer und im Aufträge der israelitischen Allianz zu Wien hier, um im Vereine mit den Abgesandten der Pariser Allianz an dem großen Humanitären Werke, daS als Denkmal indischer Hochherzigkeit bestehen wird, mich zu beteiligen. Die Arbeit ist eine riesige, fast nicht zu bewältigende. Die Rettung der beraubten und niedergetretenen russischen Juden, die kaum dem Boden entronnen sind, ist eine Aufgabe, die sich nicht leicht vollziehen läßt. Wer das Elend dieser durch den Straßenkot watenden, vom Hunger und Durst gequälten, halbnackten und barfüßigen Gestalten im steten Kampfe um einen Bisien Brod gegen einander nicht gesehen hatte usw., der hat bitterböse Not noch nicht gesehen. Wer aber den Jubel der Weiber und Kinder nicht gesehen hat, denen es geglückt ist, einen Platz im Waggon zu finden, der sie ihrer neuen Heimat entgegenbringen soll, der hat auch keine Freude noch gesehen. Wie die. Geretteten mit Inbrunst den Kaiser Franz Josef I., den Kronprinzen Rudolf, die israelitische Allianz segnen, wie ihr Hoch auf den österreichischeu Kaiser aus vollster Brust erdröhnend in die Luft hinausklingt und sich in den Himmel schwingt, da« muß gehört, kann nicht beschrieben werden. Großes Lob verdienen die Herren Netter und Schaphir aus Paris und unser Dr. Friedländer aus Wien, die mit einer Rastlosigkeit das LiebeSwerk üben, die beispiellos ist. Mit eigener Lebensgefahr retten sie das Leben ihrer Brüder. Mögen sie im Namen Israels gesegnet sein. Ihr Abraham Kohen Koplan. Ein zweiter Bericht, den der Delegierte der Wiener israelitischen Allianz, der rühmlichst bekannte Gelehrte, Herr Dr. Friedländer, selber geschrieben hat, lautet: Brody, 14 November 1881. Die Situation hier zu schildern ist unmöglich. Wir litten und leiden noch unsäglich. Wir sind drei und verrichten eine Arbeit, der kaum dreißig gewachsen wären. Ein Glück, daß wir drei eins sind *), daß eine merkwürdige Harmonie zwischen *) Die hebräischen Zeitschriften haben damals die hier erwähnten drei Dele Werten ״Nester, Friedländer, Schapha* nicht 'anders als ״Nefesch" genannt, »veil sie eines Sinnes und eines Geistes waren. artig um das freigetragene Haupt geschlungen, aus dem die blauen Augen schwärmerisch in die Lust blickten... Eine ״rassige" Arierin! Sie kamen an den Kreuzweg, der vom Kurplatz in die herrlichen Fichtenwälder führte. Auf der Reklametafel deS KurcheaterS prangte ein großes rotes Plakat. Unwillkürlich blickten beide hin. Man gab heute abends Wagners ״Lohengrin". Ein frohes Lächeln flog über das Antlitz der Brünetten. ״Kommen Sie heute ins Theater, die Musik ist vorzüglich und für die Titelrolle ist ein sehr bekannter Sänger aus Wien gewonnen. Wollen Sie, wir nehmen uns dann die Sitz; nebeneinander-״־ Wenn Mama erlaubt, gerne!-Sehen Sie 'mal diese vielen frommen Juden, die da herumwandeln. Ist doch ein eigenes Volk. Hat seine eigene Tracht, seine eigenen Sitten, an denen sie festhalten und mögen auch alle modernen Menschen drüber lächelnd die Achsel zucken. Mir imponiert das! Es liegt etwas Großartiges in dieser Charakterstärke — etwas Bezwingendes! Sich mit der ganzen Welt in Gegensatz zu wissen bei jedem Schritte durch ihren Ritus zur Vorsicht gemahnt und gehemmt. Selbst der lock're Heine zieht seinen Hut vor dieser ״A ׳antgarde deS DeiSmuS"! Sehen Sie, wie gelehrt ich bin?" uns herrscht, denn nur so sind wir den gewaltigen Stürmen gewachsen. Wir haben es hier mit ver!- zweifelten Familien zu tun, deren Glück durch ruchlose Hand zertrümmert ist, und welche ungestüm die Erlösung, die Beförderung nach Ame» rika verlangen. Wie oft glaubte ich schon meine letzte Stunde gekommen, wenn ich. sah, wie unser Bureau von aufgeregten Massen belagert war, denen man die Hoffnung auf Auswanderung benehmen mußte! Ich trat dann mit pochendem Herzen unter die Menge und merkwürdig! — nach wenigen Minuten wurden sie ruhig und hörten mich an. Ich beschwichtigte sie. Freilich begann nach einer halben Stunde der Tumult von neuem, denn jede Stunde brachte neue Ankömmlinge. Wir arbeiten seit Wochen vom frühen Morgen bis zum späten Abende in einer entsetz lichen Atmosphäre, in einem Raume, welcher von Hunderten russischen Inden, heulenden Weibern und Kindern erfüllt ist. Man ist seiner Sinne nicht mächtig und wenn man spät in der Nacht auf seine Stube will, wird man von einer ungeheuren Masse Unglücklicher verfolgt und am Rocke festgehalten. Hat man endlich die Tür des Hauses glücklich hinter sich, da tauche» plötzlich im Gange und auf der Treppe Schatten auf. Ich wohne mit Herrn Netter in einer Stube und wir arbeiten mit Herrn Schaphir bis 2 oder 4 Uhr nachts. Der einzige Lichtpunkt ist die Abfahrt der für die Auswanderung Bestimmten. Da ist deS Jubels kein Ende. Wir werden gesegnet und Messiase genannt. Paris und Wien si id hier eng verbrüdert, ein solches Bündnis bei den Allia״zen muß Großes schaffen. Wien hat bisher 9000 Gulden und 5000 Franks hierher geschickt und eine große Menge Kleider, Schuhe, Leibchen und Wolldecken usw. im Werte von 2000 Gulden. Es wird dafür gesegnet und gepriesen. Der jüdische Geschichtsschreiber der Gegenwart sollte hier auf dem Schauplatze des tragischen Exodus eines großen Teiles der russischen Juden weilen und Geschichte studieren. Das Allerwenigste von dem, was hier vorgeht, dringt in die Oeffentlichkeit. Die Unglücklichen, aus deren Augen Not und Berzwe'flung starrt, zeigen sich auch in der Verzweiflung stark und besitzen eine Zähigkeit, wie ich sie noch nie gesehen. Sie können Tage und Nächte hindurch auf einem und demselben Punkte stehen und warten, ob sie unter die Emigranten ausgenommen werden, ohne zu essen und zu trinken. Haarsträubende Geschichten, welche vielfach belegt werden, hört man aus dem Munde dieser Jammermenschen. Entsetzlich ist der Jammer der Weiber. Dies ist keine Arbeit für Menschen! Wir sind alle schon ganz heruntergekommen, aber wir halten uns, um einen Abschluß zu erzielen. Im Winter soll, wie aus Ame- Die Brünette hatte mit offenem Munde zugehört. Eine Christin, die sich lobend über die Juden aussprach und noch über die orthodoxen Juden. Sie war darüber so verwirrt, daß sie die Frage ganz überhörte. Die andere plauderte weiter: ״WaS sagen Sie zu Heine? Ec ist mein Lieblingsdichter. Meine Mama hat eine so schöne Stimme, da singen wir jeden Abend ... Am besten gefällt mir ״Du bist wie eine Blume", ״Ein Fichtenbaum steht einsam". Vielleicht auch heute abends. Ach, da sind wir ja schon. Wenn Sie nur einen Moment mitkommen wollen? Mama wird sich sehr freuen!" Die Brünette willigte ein. Hand in Hand gingen sie durch den Garten der Villa. Auf der Treppe stand eine vornehme Frau mit gewinnenden GesichtLzügen. Liebenswürdig streckte sie der Unbekannten beide Hände entgegen, indem sie ihrer Tochter zurief: ״Aber Ruth, wo bleibst Du denn so lange? Wen hast Du da mitgebracht? Ich heiße Sie herzlich willkommen, liebes Kind!“ ״Sei nicht böse, Mama! Das ist meine neue Freundin, mit der ich mich ein wenig verplappert habe ... Sie heißt ...." ״Klara Ehrlich", tönte eS von den Lippen der Brünetten. ״Ah, Sie Schlimme, wo bleibt meine Bitte unser besprochenes Jncognito? Mamachen, liebes rika geschrieben wird, keine Auswanderung begünstigt werden. Seit einigen Tagen werden keine Ankömmlinge mehr ausgenommen und wir sorgen für die seit längerer Zeit hier angesammelte Menge, die leider sehr stark ist; ich greife nicht zu hoch, wenn ich sie auf 20.000 bis bOOOOJföpfe schätze. Ja acht Tagen hoffen wir, diese Masse bewältigt zu haben, dann wollen wir Gott preisen aus den Tiefen unserer Herzen! So lange ich lebe, wird es mir zur hohen Befriedigung gereichen, au tem großen und gefährlichen Werke nach Kräften mitgearbeitet zu haben. Morgen expedieren wir wieder 200 Personen, an welche eben Karten und Kleider verteilt werden. Dabei verlangen Hungrige Nahrung und die Menge brüllt um Aufnahme. Jeder von uns dreien hat alles zu arbeiten, dabei hat jeder noch eigene Ressorts. Ich z. B. bin nebenbei Chef deS ZentralbureauS, Korrespondent und Kassier. Die Arbeit ist unerschwinglich usw." - (Schluß folgt.) Lesen Sie den,Kleinen Anzeigers Prager Brief. In der Prager Stadtvertretung fehlt eS an Finanzleuten. DaS hängt wohl damit zusamnien. daß man Juden nur ungern hineinkommen laß!; die Folgen zeigten sich erst jüngst gelegentlich des Versuches der Ausnahme eines großen «.tadt» anlehenS. Der Bürgermeister und die Stadträte wollten für die Gemeinde ein Darlehen zu geradezu unmöglichen Bedingungen aufnehmen; sie hatten keine rechte Zeit -zur Ueberlegung, denn sie mußten sich all den Gästen der Sokollaze widmen, speziell einem Vertreter der montenegrinischen Regierung, dem Wojwoden Plamenatsch, der wie sich jetzt herausstellt ein in Böhmen geborener Hochstapler ist. Wären jüdische Finanzleute in der Prager Stadtvertretung, dann hätte Prag wohl ebenso eine Anleihe abschließen können, wie die kleine Stadt Halberstadt, die 2 Millionen vierprozentiger Anleihe zum Zuzählungskurs von 99 Prozent ausnimmt. UebrigenS können wir jetzt mit der Stadt Prag etwas zustiedener sein, denn sie hat der alten Judenstadt ein Denkmal gesetzt, daS dem alten Ghetto und seiner markantesten Gestalt eine liebevolle Erinnerung sichern soll. Vor dem neuen Rathause wird eine künstlerisch ausgeführte Koloffalgruppe aufgestellt, die eine Sage vom hohen Rabbi Löw versinnbildlicht, die Sage, wie es dem Tode gelungen ist, den hohen Rabbi Löw zu überwältigen. Jedenfalls zeigt diese mit viel Sorgfalt ausgeführte Gruppe ein steundlichereS Gedenken als die F'gur des gutes Mamachen, darf ich heute abends ins Theater..." Befremdet blickte die Mutter auf Ruth. ״Man spielt Lohengrin. Und.... Klara geht mit? " ״Tut mir herzlich leid. Heute geht eS schon nicht —". Ich bedaure wirklich. Euch die Freude zerstören zu müssen. Heute kann es nicht sein. Meine gute Ruth hat nur daran vergessen..." ״Nein Mütterchen, deine Ruth weiß eS noch — wir haben heute Tischoh' be Aw!" Klara Ehrlich fühlte einen wonnigen Schauer durch ihren Körper strömen ... ״Auch ich weiß eS, wir haben heute ״Zerstörung Jerusalems". Deshalb war mein Bruder heut' so eigentümlich schweigsam.... Ich danke Ihnen herzlich, gnädige Frau, daß Sie mich von einer Ehrlosigkeit zurückgehalten...." Nach ein paar Minuten verabschiedete sich Klara von Ruth. Eine Stunde später waren beide wieder zusammen. Wohl nichLäm hellerleuchteten Theatersaale. In einem Zimmer der Billa wurden plötzlich die Vorhänge herabgelassen. Auf dem Erdboden saßen zwei Mädchen und lauschten den ergreifenden Weisen der ״Kinoth". Mährisch-schlesisdie Bank Brünn; Toltphon Nr. SSO, Difkttoa. FerdilUUldSgOSSe Nr. 29 Ttttpban Hr. 10«. Wtctobfab«. » verzinst EINLAGEN gegen jl i| 01 gebundene Einlagen lautÜbereinkomrcrn. Bank- 9äcfce! v und in (autaader Rechnung »8 Tr J2 |0 geschäftealler Art, BÖTnen-u.Wedhslarfesjchi■•. prfrftipnmt - Mckls Mdiscker Bolkskalender".

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