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Jüdische Volksstimme · 1912-07-25 · Heft 17 (25.7.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 17 (25.7.1912)
Date
1912-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sketsche Veite 3. Nr. 16 von Aladar und Adler, diesem jüdischen Familiennamen erkannt zu haben. Hauptschuld an der behaglich zufriedenen Stimmung des ״Lech" dürtte aber der Umstand sein, daß es endlich den Bemühungen der Stenograhen gelungen ist, einen Schutzheiligen zu erlangen. Der Papst hat ihnen, wie der /Lech" freudestrahlend verkündet, den Genesius aus Arles als Schutzpatron verliehen. Unter solchen Umständen darf es uns nicht wundern, wenn sich der ״Lech" mit Kleinigkeiten begnügt, indem er über die jüdische Ausbeutung der Konfektionsarbeiter in Proßnitz, über die betrügerische jüdische Bankfirma — ״Animierjuden" nennt er sie — Bernstein Bauer & Co. in Wien schimpft. Anders der XX. Vek. Der gibt sich mit Kleinigkeiten nicht ab und verzapft unentwegt Ritualmordmärchen. So hat er einen langen Artikel über den Justschinskymord ״Die Beylesi ade", in der er die Juden des Ritualmordes beschuldigt, die unglaublich arrogante Ignoranz austischt, die Rabbinen hätten wohl auch das Gebot der Nächstenliebe gelehrt, aber das Evangelium lehre es anders, weiters zu beweisen sucht, daß die Juden die Totengräber der christlichen Konfession und der nativnalen Eintracht der Völker seien und darum von Staats wegen unterdrückt werden müßten usw. In seinem blindwütigen Eifer geht er sogar so weit, den Antrag eines französischen Senators, zu Ehren der Jungftau von Orleans den 8. Mai und 20. September als französische Nationalfeiertage zu erklären, der ihm ja sympathisch sein sollte, als boshafte jüdische Erfindung hinzustellen. Die Juden wollen angeblich nur damit erreichen, daß das Pasta- und Sukkotfest auf diese Weise als staatliche'Festtage gefeiert werden. DaS heißt doch wohl den Wahnsinn auf die Spitze treiben. Auch der ״Novy Vek" besaßt sich in seinen letzten Nummern mit den Juden. Er verlangt, daß die katholischen Besitzer von Gütern, allen voran die Klöster und Bischöfe keine Juden als Pächter und Beamte anstellen. Glücklicherweise werden von diesem Boykott sehr wenige Juden betroffen werden. Das einzige aufrichtig liberale Blatt Prags, das ״Montagsdlatt aus Böhmen", das in seinem eminenten Gerechtigkeitsgefühl gar häufig sich der Juden annimmt, veröffentlichte letzchin einen Leitartikel, ״Die schwarzen Hundert von Aussig", worin es auf die Ergüsse der ״Aussig-Karbitzer Volkszeitung" zu sprechen kommt. Dieses Winkelblatt hat vor kurzem im Anschlüsse an das schmähliche Fiasko der Ritualmordhetzer in Kieweinen Leitaufsatz" veröffentlicht, in dem es nicht nur den ganzen Gang der Kiewer Untersuchung und die Ergebnislosigkeit der Bemühungen der Bluchunde der schwarzen Sotnie in Kiew unterschlug, sondern auch die steche Lüge abdruckte, auch der Polnaer Ritualmörder HüSner habe den Ritualmord eingestanden. Und da bei der geringen Leserzahl der ״Auffig-Karbitzer" sich niemand um diese Lüge kümmerte, veröffentlichte die Schriftleitung jetzt einen langen Ritualmvrdartikel, der vom Staatsanwalts beschlagnahmt wurde. Es wird ja gewiß bald Gelegenheit sein, über diesen Artikel zu sprechen, denn die Parteigänger der ״Auffig-Karbitzer" im Reichs» tag werden ihn wohl immunisieren, allen voran dürfte wohl der famose christlichsoziale, steiheitliche Abgeordnete Jerzabek michelfen. Für heute wollen wir nur die Frage aufwerfen, wie wohl unsere Aussiger reichen Glaubensgenoffen diesen Dank aufnehmen werden. Herr Weinmann hat erst kürzlich mit einem Aufwand« von einer halben Million eine Aussiger Lesehalle gegründet, seine Frau, die Hunderttausende für ein Aussiger Museum in der Hand derer von der ״Aufsig-Karbitzer" hatte kommen lassen, die gewiß diese Kulturinstitute in ihrem Sinne verwenden würden, Ritualmordliteratur und Antisemitismus in den weitesten Kreisen zu verbreiten. Vielleicht besinnt sich jetzt Herr Weinmann, daß es auch jüdische Institutionen gibt, die Geld brauchen; dann wäre die ״Auffig-Karbitzer" zum erstenmale zu etwas gut gewesen. Das ״Montagsblatt" rechnet auch entschieden mit Rektor Prof. Rauchberg ab, der ein Plakat im Karolineum, in dem ein Turnverein nur Arier als Mitglieder sucht, mit seinem Visum versehen hat. An Prof. Rauchberg ist aber Hopfen und Malz verloren, mit ihm wollen wir uns nicht beschäftigen, denn eher kann die ״Aussig-Karbitzer" von ihrer Ritualmordhetze abstehen, als ein Meschumed von seinem Anttsemitismus. Beachten Sie de» kleine» Anzeiger nuferes Blattes — Ankündigungen haben besten Erfolg. Bei den schwarzen Juden. Unter dem Titel ״Bei den schwarzen Juden in Indien" erzählt Hermann v. Stade im Berliner Tageblatt" u. a. Folgeudes: ״Nachdem wir in Ernakulan bei dem Diwan, einem lieöenSwürdigen Engländer von der Dicke Falstaffs, die erbetene Audienz erlangt hatten, setzten wir am Nachmittage auf einem Dampfboot über nach Kotschiu. Hier bietet sich ein ganz anderes Bild: lärmendes Getriebe auf den Schiffen und am Hafen, große Holzfchneidereien, in denen das aus dem Innern von Kotschin und Travankore komwende Teakholz verarbeitet wird. Stapelplätze für alle möglichen Produkte, besonders für Kokosnüsse, und auf der meilenlangen, der inneren Küstenlinie parallel laufenden Hauptstraße dichtes Menschengewühl, schlechte Luft und ohrenbetäubender Lärm. Schließlich gelangten wir zu der jüdischen Kolonie, die am Ende der Stadt ein ist mehr als zweifelhaft, ob die westeuropäischen Christen oder Juden es damals wußten. Man beschuldigte die Juden geradezu, daß sie die Mongolen heimlich mit Waffen und Lebensmitteln unterstützten. Einen Beweis für diesen Verdacht sahen die Zeitgenossen in der freudigen und erregten Stimmung der Juden, die allgemein auffiel; offenbar hofften diese, durch den Mongoleneinfall von ihrer unterdrückten Lage befreit zu werden. Sie erwarteten in jenen Tagen, wie aus den Werken damaliger jüdischer Schriftsteller hervorgeht, eine allgemeine Umwälzung der Dinge, die baldige Ankunst des Messias, der sie erlösen würde. Als seine Vorboten mochten sie wohl die heranstürmenden Mongolen ansehen. Und worauf gründeten sich diese Hoffnungen? Auf eine chronologische Zahlenspielerei. Wie die Christenheit im Jahre 1000 das Weltende befürchtet hatte, so mußte das Jahr 5000 der jüdischen Zeitrechnung, das dem Jahre 1240 annähernd entspricht, Außergewöhnliches bringen. Bei der immer wachsenden Erregung gegen die Juden konnte auch eia unbedeutender Vorfall die Leidenschaften gegen sie entfesseln. Am 29. Mai 1241 kam es in Frankfurt zum offenen Kampf zwischen Christen und Inden. Die Veranlaffung dazu steht nicht ganz fest. Nach unserer Hauptquelle, einer christlichen, den Erfurter Annalen — die jüdischen Quellen schweigen hierüber — hätte der Sohn eines Juden die Taufe empfangen wollen, sei aber von seinen Eltern und Freunden daran gehindert worden; darüber wäre ein Streit zwischen Juden und Christen ausgebrochen, der fchließttch in einen gewaltigen Kampf ausgeartet sei. Nach einem anderen Bericht dagegen war der Kampf entbrannt an der Weigerung eines wider Willen gerauften Judenmädchens, einen angesehenen chnst- Uchen Bürger zu heiraten, weil sie bereits die Berlobte einer Juden war. Ueber den eigentlichen Verlauf des Gemetzels erfahren wir nur wenig. Zweimal drang die Menge in das Judenquartter ein, am Abend ruhte der Kampf. Am nächsten Tage ward er mit erneuter Wur fortgesetzt, Tore und Türen der Juden- Häuser wurden mit Aexten eingeschlagen, sie selbst hingemordet, zum Teil unter Martern, wie dies ausdrücklich die hebräischen Briefe versichern. Unter vielerlei Gestalt fanden sie den Tod teils durch das Schwert, teils durch Pfeilschüsse, Steinwurfe, durch Ertränken oder Verbrennen. Nach den Erfurter Annalen hatten die Juden ihre Häuser selbst augesteckt und sich darin verbrannt. Das Feuer habe sich daun weiter verbreitet und die Hälfte der Stadt sei dabei eingeäfchert worden. Unter dem Schutze der Dunkelheit hauen sich siebzig Juden aus einen starken Turm geflüchtet und hielten sich dort für geborgen, aber sie wurden entdeckt und angegriffen. Als der Turm erstürmt war, stürzte man sie auf die Straße herab. Das Judenquartter war jetzt eine öde Städte. Die Wur der Menge hatte sich besonders gegen die Synagoge gerichtet; sie ward ganz verwüstet und die Gesetzesrollen wurden zerrissen, auch die beiden Lehrhauier wureigenes Viertel bewohnt und sich in weiße und schwarze Juden teilt. Wir durchfuhren langsam das ganze Ghetto — nebenbei bemerkt, die bei weitem reinlichste von allen Sttaßen der Stadt — und sahen zuerst die weißen, darauf die schwarzen Juden. Im weißen Quartier erinnerten die oft mehrstöckigen, unmittelbar an der Straße liegenden und eng aneinander gebauten Häuser eher an mittelländische als an indische Städte. — Da es Samstag war, schaute allein Feiertagskleidern zum Fenster heraus. Wir sahen prächtige Typen: ein Künstler würde hier herrliche Studien machen können. Besonderlieblich waren die rassig geschnittenen, zarthäutigen Gesichter der Kinder, und unter den älteren Männern gab es Patriarchengestalten von ungemein ehrwürdigem Aussehen. Bon allen Seiten grüßte man uns, nickte und winkte uns freundlich zu. ״Salam! Salam l" rief eS uns aus Kindermund entgegen, und auf unseren Gegengrüß folgte fröhliches Lachen. Es bettelte niemand. Vor der Synagoge der Weißen standen Männer, die uns freundlich aufforderten, einzutreten. Aber unsere Zeit war leider zu knapp; wir dankten daher höflich und wandten uns dem Quartier der Schwarzen zu. Auch hier ein unaufhörliches Rufen, Grüßen und Winken, bis wir am äußersten Ende des Viertels vor der Synazöge der Schwarzen anlangten. Bereitwilligst ließ man uns eintteten und bald umstand uns eine Schar von alten und jungen Männern in Feiertagskleidung, über dem langen Obergewand eine kurze Weste von bunten Farben, einzelne von kostbarem Stoff. Das war nicht indische, sondern syrische, palästinensische Tracht: und dabei die braune Haut, die Sprache der Malayen oder auch gebrochenes Tamulisch und einzelne englische Brocken — es war eine seltsame Versammlung! Die geräumige Synagoge war außen und innen einfach; in der Mitte war der erhöhte, von einem Geländer umfriedigte Standort des Vorbeters, von der Decke hingen große und kleine Krönleuchter herab, deren Lichter während des Gottesdienstes nach und nach angezündet wurden. Der Gottesdienst begann, als wir noch im Gespräch begriffen waren, mit dem ungleichmäßigen Einfetzen eines Gesanges, der ohne die geringste Pause fast eine Viertelstunde währte und von Alt und Jung kräftig mitgesungen wurde. Dann betrat der Lehrer die Kanzel und betete vor, wobei die Gemeinde von Zeit zu Zeit einfiel oder noch mindestens ein ״Amen" -rief. Auch die Wehklage fehlte nicht, wurde vielmehr durch lautes Schluchzen und lebhafte Gesten zum Ausdruck gebracht. Dann erhoben sich alle, stellten sich so auf, daß ihre Gesichter dem Heiligtums zugewandt waren und begannen ein stilles Gebet, das ebenfalls eine Viertelstunde lang dauern mochte. den zerstört. Die Wohnhäuser waren niedergebrannt, die Sttaßen mit den Leichen der Juden bedeckt, ' die, ihrer Kleidung beraubt, nackt dalagen. Die Zahl der Erschlagenen wird je nach den Quellen verschieden angegeben. ES dürften an zweihundert Menschen den Tod gefunden haben. Eine Anzahl von Frauen rettete ihr Leben, indem sie die Taufe annahaien. Indessen müssen neue Ansiedlungen von Juden in Frankfurt nicht lange nach diesem schrecklichen Ereignis wieder stattgefunden haben. Wahrscheinlich kamen die ersten Ansiedler wieder von Köln, und zwar im Jahre 1255. Die zweite Frankfurter Judenschlacht, die diesmal mit der völligen Vernichtung der Gemeinde endete, fällt auf den 24. Juli des Jahres 1849. Geißlerscharen drangen in Frankfurt ein und stürzten sich auf das damals schon bestehende Jndenquartier. Die Juden kamen in den Flammen um, kein einziger scheint dem Verderben entronnen zu sein. Zeitgenössische Berichte melden, daß die Unglücklichen selbst ihre Häuser in Brand gesteckt hätten und so einen entsetzlichen Tod fanden. Es sind schauerliche Bilder, die der Verfasser von den Anfängen der Frankfurter Judengemeinde entrollt, zugleich aber veröffentlicht er die Resultate feiner Forschungen auf dem Gebiete der politischen und finanziellen Beziehungen zwischen den Frankfurter Juden und den Kmsern, deren Kammertnechte sie bekanntlich waren. /% ■iv ^4 nach Mass und Herrenmodewaren kaufen Sie am besten AK I I 11 W d im Spezialgeschäfte der Firma ״Derby“ V. DRESLER, Brünn —Krapfengasse 24-26. Nur apparte Neuheiten. Feste Preise.

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