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Jüdische Volksstimme · 1912-07-18 · Heft 16 (18.7.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 16 (18.7.1912)
Date
1912-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 aBhlf B 1 oiuswanm Veite 8. Ich erinnere mich, so oft ich diese Beobachtung mache, immer an jene Rebekka Cohn, die in das Stammbuch, welches beim Heidelberger Faste aufliegt, durch einen BerS mit dem Reime ״Schinken" und ״blinken" sich verewigte. Ein Arier schrieb darunter: Holde Jüdin, du hast doppelt gesündigt, Schinken gegessen und schlechten Vers verkündigt! Bei diesen Eisenbahn-Schinken ist auch die Sünde eine doppelte: Schinken und saftlos l Die Reisegeseüschastl Nichtssagende Gesichter mit abgehackten englischen oder aufgezwirbelten Sch» urrbärten,. die im Verlause der Reise schlaff, gleich den CZinesenschnurrbarten wurden. Damen mit unmöglichen Hüten in allen erdenklichen Farben und Formen; Freimaster-, Dreimaster-, Riesenraduud Dumme August-Faqon. Die Gepcckaetze überfüllt und die Abteils bis auf das letzte Plätzchen dicht besetzt. Also alles gar z normal, wie zur Zeit der drei Wochen Schul- und Gerichtsferien, wenn die Saison in den böhmischen Bädern im volle» Flor und der große Schwarm der ErholuugSbedürf- Ligen sich dahin flüchtet, um aus den Quellen des Heils neue Lebenskraft zu schöpften. Auch meine Reise verlief ganz normal, bei normaler, sahrplanmäßiger Verspätung. Erst in Böhm.-Trübau erweckte ein greiser, wlnischer Glaubensbruder meine Aufmerksamkeit. Inbeweglich stand er, eines Personenzuges harrend, rer ihn heimwärts nach dem fernen Osten führen ollte. Das Paketchen Wasserzwlback, das er in einer Hand hielt, verriet mir, daß er die Karls-!oder Kur bereits absolviert. Sinnend blickte er vor sich hin — nach dem Osten hin — harrte er vielleicht der Erlösung?Wie ganz anders war doch der Eindruck, den diese Gestalt in mir erweck«! Der Mann mit den RingeUocken an den Schlafen und mit dem Sammchut, hinter welchem die ״Jarmeke" hervorlugte, ״schneeweiß die Bort, die Graue", wie es im Liede heißt, wie unterschied er sich doch von all den andern, die geschäftig hin und her, auf und ab rannten. Der sittliche Ernst war auf der weißen, hohen Stirne in unauslöschlichen Zügen eingeprägt, das glänzende Auge schlen in ferne Welten zu blicken. Was kümmerte ihn der Spott und das Lächeln der andern! Er wird in zwer Tagen wieder in feiner ״Klaus'" in feinem Bech hamidrasch sitzen, sich beim Lernen eifrig schütteln, bei magerer Kost glücklich und zuftieden fein und über den ״Tatsch" muleidig lächeln, der, gleichsam als hätte er das Kainszeichen auf der Stirne emgebrannt, unstet uud flüchtig» in wilder Hast von Genuß zu Genuß eilt und dem die Sucht nach Genüssen daS Genießen verleidet! Müde und abgespannt langte ich in den ersten Nachmittagslunden in Prag an und beschloß, daselbst zu übernachten. Ich wollte wieder einmal das alte Berhakworauy, die Glätte, an welcher Rabbi Amigdor Kara uud Rabbi Ltva ben Bezalel zur ewigen Ruhe gebettet, besuchen und in der mehr zur Erde, ein wilder Swrm zieht durch den Raum, wühlt die Schneemasfen durchemander, wirbelt sie im Geiöse aus und schleudert sie im Orkan gegen den Himmel. Der Sturm pfeift und heult, die Bäume vor seinem Fenster geraten aneinander, wie Menschen, die im Augenbücke großer Gefahr aufelnaudersturzen, um Patt und Rettung vor dem Untergänge zu finden. ES »st furchtbar anzu!chauen... Das Auge fällt chm zu, das Bewußtsein sinkt. Bon weiter Ferne kommt ein Geigenton herangeschwedt, dem bald weitere Töne folgen, die sich langsam zu einer wunderbaren Symphome vereinigen. Ist die sphärische Musik dieser Geigen schallen kindliche Stimmen voll süßer ungeahnter Harmonie. Viele, viele Leute unzahwar und uuavsehbar, in FeiertagSkleider gemn, tteten in die Erscheinung. Männer, Knaben, Greise, alle ihm bekannt oder gar verwandt. Seitwärts stehen die ehrwürdigen Gestatten der Patriarchen, die er sofort erkennt. Die große Menge walzr naher und näher mtt Pauken und Tromperenschall, am Jubel und Gesang. . Da plötzlich tritt Stille ein. Alles verstummt. Er selbst sieht sich vor der Menge stehen, ohne die Bedeutung freies Festes zu ahnen. Da chrfurchtgebietenden Altneuschul daS Abendgebet verrichten. Am Morgen setzte ich meine Reise fort. Der Eilzug hatte eine Stunde Verspätung und ich hatte reichlich Zeit, den Mitteiseuden einige Anfmerksamkeit zuzuwenden. Ein europäisch gekleideter Galizianer mit seiner Gattin erregten zuerst mein Interesse. Er. groß, breitschultrig, kug ein dickleidiges Kursbuch in seiner Rechten. Die klugen Augen blickten durch goldgefaßte Brillengläser. Die europäische Kleidung, ein grauer Gehrock und ebensolche PantalonS schlotterten dem Manne um den Leib, man merkte es ihm an, er hatte die polnischchastidische Tracht an der Grenze seines HeimatlaudeS zurückgelasten. Er wollte sich nicht dem Gespötte preisgeben. Freilich war auch der Gehrrck von rechts nach links zu knöpfen. Die Stirnlocken hatte er hinter die Ohren gekämmt, damit biefe aber nicht abstechen, trug er langes Haar. Wer aber schärfer darauf hinschaute, mußte sofort merken, daß diese doch um eine Kleinigkeit länger waren, als das wallende Künstlerhaar. Seine mit Juvelen behangene und nach der letzten Pariser Mode gekleidete Gattin, sah mißmutig, übellaunig, gelangweilt drein; sie war das Prototyp der reichen Polin. Die Frau überhäufte den Mann mit Fragen, mit Borwürfen aller Art, der Mann stand ruhig wie eine Bildsäule, zuckte mit keiner Wimper, bieb die personifizierte Ruhe. Endlich fuhr der Eilzug in die Halle. Ich suchte einen halbwegs bequemen Platz; vergebens. Ich hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, als ich, durch heftiges Trommeln aus ein CoupLfenster aufmerksam gemacht, ausbückre; der Jungrabbi von T. hatte mich herangewinkt und ich stieg zu ihm ein. Der Jungrabbl von T-, ich verwahrte seine Bisitkarte, worauf er sich so nannte, noch vom vorigen Jahre in meiner Brieftasche, der einzige Sohn und präsumtive Nachfolger des Rebbe von T. Die Begrüßung war eine recht herzliche und die Unterhattung war bald im vollen Gauge. Außer dem Jungrabbi und seinem Diener Jostel, befanden sich nur zwei T.er Chastidim im Abteil, so daß wir eS uns recht bequem machen konnte. Auf meine Frage, wieso es komme, daß dieses Abteil in Prag, wo der Andrang so riesig war, vor Invasion bewahrt blieb, antwortete der Rabbi: ״Ich habe zu Jossel gesagt: ״Stell dich zur Türe und wenn mau dich sehen wird, wird sich keiner trauen zu uns zu setzen " Und der Jungrabbi behielt Recht. Jostel, ein großer, vierschrötiger Kerl, mit langem, roten, struppigem Barte und wild dremschauenden Augen, ttug den TaliS über den Kopf, betete Listig und schüttelte nur mit dem Kopfe, als ob er sagen wollte, ich verstand es, die Eindringlinge zu verscheuchen. Wenn man so aussieht, har man nichts Anziehendes für die modernen Europäer. Nachdem Jossel das Morgengebet verrichtet hatte, rüstetete sich der Jungrabbi dazu. Jossel reichte ihm ein Glas Wasser, er wusch die Haube, wand den langen Serdengurtel um den Lew, legte tritt sich die Menschenflut, aus der Mitte tritt der Rabbi, der vor ihm die Jefchidah geleuer, und ruft mit kräftiger, weithin schallender Stimme einen Namen. Alles schweigt still- Er verbeugt ich vor dem ehrwürdigen GreiS, der segnend eine Hände über ihn breitete. Dann tritt!ein Vater auf ihn zu und spricht deutlich zu ihm die Worte: ״Mein Kind empfange auch meinen Segen zu deiner Vermählung..." Und nun wird die große Sehnsucht seines Lebens zur Wahrheit. Zwei Frauen führen ihm em wundersames Mäocyen entgegen. Sie ist schön wie Avisag von Suneu und gut wie jene Frau, wie König Salomo »n seinen Sprüchen destngt. Ein warmer Quell durchriesett sein Herz und traut seinen Augen nicht. Ta spricht aber!chon seine Mutter die verheißungsvollen Worte: ״Mein Soyn, das ist deine Braut» ihr Name ist «cheiudl-Gmel..." Und die Musik fiel ein, die Kinder sangen, Männer und Welver jauchzten, und das alles gab einen himmlischen Chor. Er empfängt ben Arm seiner geliebten Braut und schreuer mit chr an der Sp.tze dieser jubelnder Menge seinem Glücke entgegen.... Draußen pfeift der Sturm, Schneemasten werden gegen ben Hiinmel geschleudert und drmneu Mt ein Heiliger seinen letzten Atemzug. TaliS und Tefilin an und verrichtete daS Morgengebet. Dann reichte ihm Jostel daS einfache Frühstück, daS aus einem Gla'e Milch und einer Buttersemmel bestand. Für JoflelS Magen war das allerdingS kein Esten. Er hotte aus seinem Kaftan eine große grüne Gurke, einen Rettich, mehrere Zwiebel hervor, schälte und zerschnitt diese in Glück, streute Salz und Butter darauf und verzehrte diesen Salat nebst einem großen Stücke Schwarzbrot mit viel Behagen; ab und zu machte er einen tiefen Schluck aus einer wohlgefüllten SchuapSflasche. Als ich den Jungrabbi» während Jossel mit viel Behagen speiste, wie stagend anschaute, sagte der Jungrabbi: ״Brunnen darf (braucht) mau Mensch (mein Diener) nischt ttinkea". In Karlsbad angelangt, fand ich mein allzu bescheidenes Zimmer bereitin Ordnung. DaS AuSpacken meiner Habseligkeiten und daS Abjchütteln des Reisestaubes nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch; gegen 1 Uhr war ich bereits beim koschern Pupp in der Egerftraße. Wenn ich das Lincoln- Restaurant mit der fashionabelsten und größten Hotelunternehmung auf dem Kontinente in Bervlndung bringe, so will ich ja zwischen beiden Etablissements keine Vergleiche ziehen. Wenn auch das Koscher-Rcstaurant in der Egerftraße das größte und vornehmste Koscher-SpeisehauS der Badestadt ist, so steht eS ja hinter dem Grand Hotel Pupp weit zurück, aber das eine hat der koschere Pupp mit dem auf der alten Weise gemeinsam: exorbi tante Preise. Um vier Uhr war ich in der Mühlbrunnenkolonnade, um diese Zeit der RendezvouSort der Raddiuen und Rebbe-, sowie zahlreicher Brüder und Schwestern aus dem Osten. Das Gro» der Kurgäste absolviert die Trink- und Badekur am Vormittag, an den Nachmittagen werden größere Ausflüge oder Spaziergänge gemacht, oder auch vielfach bei Karienspiel verbracht. U1»jere östlichen Brüder sind an zurückgezogener Lebensweise gewöhnt, können aber auch nicht genug von dem warmen Naß bekommen. Der Aufenthalt in der Badestadt ist mit großen Kosten verbunden und mit dem progrestlven Anwachsen der Becherzahl, verringern sich die Kosten deeinzelnen Bechers. Die östlichen Brüder, wenn sie in polnischer Tracht gekleidet, haben ja, zumal wenn sie belebte Promenadenplotze aufsuchen, unter dem Gespötte der Andersgläubigen, zuweilen auch unter dem der eigenen Glaubensdruder viel zu leiden uud ziehen es deshalb vor, 1m Weichdilde der Siadr zu kleiden. Mühlbruunenkolonuade, Sprudelhalle, Siadipart und Elisadethpromeuade sind ihre Domänen. Daß es nicht die Tracht ist, die den Spou erregt, sondein der Jude, der sie trägt, da» »st einmal wtsicher. Man sieht in Karlsbad exotische Prinzen und Prinzessinnen in geradezu grvresler Kleidung, Neger, Morgenlander, russische Popen in wallenden Talaren Mit randlosen Hüten und ich habe noch kernen Menschen de! deren Anblick lächeln gesehen; das sind eben teme Juden! In der Muhlvrunnenkolonnade ging eS recht lebhast zu. Ter K-er Oberrabvmer, einer der besten Kenner der Halacha, disputierte eifrig Mit dem geistvollen Oberraviner von Z. und em Kreis aufmerksamer Zuhörer haue stry um beide gebildet. Der K.er Rabbi, eine herrliche Erscheinung mit weißem, wohtgepstegrem Bart uud klarer Summe, e»n Mann in den Vesten Jahren, hlrtt den Hut IN der Hand und trug nur das schwarze Käppchen aus dem kohlschwarzen Haupre, gestckmierre eifrig Mit beiden Hänvrn. Der Z-er, ein kühner und geubier Schwivtmer auf dem Meere oes Talmud, widersprach mtt noch groß, rer Heftigkeit. Fünf Minuten fpurer promenierten beide in bester Freundschaft die üllühwrunneukolonuade aus und av. Der K-er Rabbi ging aufrecht einher, daß sie ihn vor einigen Mouaien aus ber Rabbinerkommistivu der uugartandtjchea Orihodoxen herausballvuerr, weil ver Wunüerravvi von M. den kühnen Ausspruch getan: ״Der K-er tor mscht saa", schien ihn nicht besonder» zu dedrücko. Aus seiner Rocktasche lugte ein gelber Umschlag hervor, eS war die ״Wett", zu deren eistigsten Lesern er zählt. Ter Z.er merke oas nicht, denn sonst, wer weiß!! Ja ewer andern Ecke standen Chastidim und MifaagbiM, Maskttm und Strenggläubige und uurrrhietten sich eifrig über die Kattvw>tzer Asttfah und die Zukunft der Agudath Jsroel. Die einen flehen der Sache skeptisch gegenüber, fre andern versprachen sich davon die Rettung des JuüeniumS. Herrenwäsche nach Mass und Herrenmodewaren kaufen Sie am besten Im Spezialgeschäfte der Firma ״Derby“ V. DRESLER, Brünn Krapfengasse 24-26. Nur apparte Neuheit-n. Feste Preise.

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