Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 16 (18.7.1912)
- Date
- 1912-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sekte 2 Jüdische BoMstimme Nr. 15 zwingen; denn davon wird ihr Vertrauen und ihre Hilfe abhängen. Und sie mögen vergnüglich geschmunzelt haben, als man sie als die wahren Erben Herzls bezeichnete. Das war keine Geschmocklosigkeit mehr, das war ein Schlag ins Gesicht der Wahrheit. Vielleicht glaubt dies mancher ehemalige Zionist wirklich, die Leute werden das nicht sagen, ja unter sich nicht einmal hören wollen. Für sie ist Zangwill vor allem der Sturmbock, der die Mauer der zionistischen Festung einrennen soll. Dafür wird man dann in anderen Dingen gefällig sein. Wir wünschen Zangwill und manchem seiner überzeugten Anhänger, daß dieses Gefälligsein weiter als über Worte und Versprechungen hinausgehe. Wenigstens in Bezug auf eine philantropische Aktion, das Einzige, was noch zu erwarten ist. Und darüber soll einiges gesagt werden. Daß so und so viele Familien, die bisher in Palästina nicht angesiedelt werden konnten, trotzdem ihnen der Boden unter den Füßen _ brennt, etwa in Amerika eine l^istenzmöglichkeit finden können, haben wir Zionisten nie geleugnet. Das ist aber die brennende EmigrationSfraqe, an der wir mit anderen Korporationen, die längst bestehen und auch materiell gut fundiert sind, schon seit Jahren gearbeitet haben. Wenn die zionistische Organisation auch in dieser Frage eine ganz bestimmte Stellung einnehmen muß, so hat sie sich doch gerne an dies-u Bestrebungen beteiligt und wird jede ernste Organisation freundlich begrüßen, die hier Mitarbeiten will. ES wäre dann zwar nicht leicht einznsehen, warum Zangwill nicht eine der bereits bestehenden Korporationen unterstützt, aber da er sich ursprünglich in seiner Austastung der Judenfrage von den außerhalb des Zionismus bestehenden Organisationen weit entfernt wußte, so ist das immerhin erklärlich. Vielleicht ist eS nunmehr so weit, daß, wenn die Jto erst organisiert ist, eine Bereinigung mit diesen Gesellschaften zustande kommt. Dann wird sich aber herausstellen. waS Zangwill jetzt schon ganz gut weiß, daß man mit Philanchropie einige Notstände beseitigen, nie aber einem Volke Hilfe bringen kann. Immerhin, auch das Wenige wäre etwas Gutes und der Unterstützung aller W-rt, die sich von gründlicher Arbeit in der jüdischen Volks- Organisation aus den verschiedensten Gründen zurückziehen. Auch den Zionisten läge eS sicher ab, so weit dies ihre Anschauung und ihre Mittel gestatten, auch da mitzuhelfen. So lange wir Zionisten einem Teile unseres Volkes, daS in depravierender Armut, in physischer und moralischer Not. ja dirett unter Mörderhänden zugrunde geht, nicht helfen können, werden wir sicherlich jede Aktion, auch wenn sie außerhalb unserer eigentlichen Arbeit liegt, unterstützen, wenn sie diesen Aermsten eine menschenwürdigere Existenz sichert. Die Garantien für die Sicherheft aber müsten wir allerdings »eanspruchen; wenigstens so weit sie nach menschicher Voraussicht gegeben werden können. Deshalb muß hier noch eine Erscheinung erwähnt werden, die anläßlich des JtokongresteS auch vielen Zionisten sehr unangenehm aufgefallen ist. ES ist dies die oft weft Wer das Sachliche hinausgehende Kritik des KongreffeS und der Jto durch Monistische Zeitungen. Es ist sicher Pflicht der Monistischen Presse alle Versuche, die eine Besserung ,er Lage deS jüdischen Volke« oder eines seiner Teile bezwecken, in gründlicher Weise zu prüfen. Natürlich ist eS, wenn sie dies von ihrem Stand- ,unkte aus tut. Weniger begreiflich ist eS, wenn te sich dabei in der Form so gründlich vergreift, wie anläßlich deS JtokongresseS. Wenn ein guter Jude, dem man die Reinheit seiner Absichten nicht antasten darf, auch unsere Reihen verläßt, so ist >a? kein Grund ihn als Feind zu bekämpfen. Seine Jrrtümer sind auszuzeigen und sie sollen und dürfen mit der schärfsten Sachlichkeit geprüft werden. lieber Zangwill aber ist von mancher Seite geschrieben worden, als sei er so allmählich ein Paralytiker oder Hanswurst geworden. Das muß zurückgewiesen werden, öffentlich und mit aller Schärfe. Dafür darf weder der Zionismus noch seine Leitung verantwortlich ,;macht werden, so lange eS nickt erwiesen ist, daß neS von der Mehrheit der Zionisten gebilligt wird. 88 ist die Meinung vieler Zionisten, baß da ein chwerer Fehler begangen wurde, der Sühne heischt. ES wäre bedauerlich, wenn die maßgebenden Personen der zionistischen Leitung durch ihr Schweigen eine solche Art deS Kampfes zu billigen cheinen möchten. Gerade wir Zionisten wissen, wie weh eS tut, ehrliche Arbeit verspottet und verhöhnt zu sehen, wegen seiner Ueberzeugunq in hämischer Weise persönlich angegriffen zu werden. Wenn ZangwillS Ueberzeugunq sich geändert hat, so sollte gerade die zionistische Presse deswegen nicht aus dem Häuschen geraten, denn wir verlangen ja von der Majorität der Juden dasselbe. Wir wollen, daß sie ihre bisherigen Anschauungen revidieren, sich eine neue Ueberzeugung erkämpfen. Mit Hohn und Lachen kann man nur Dummköpse oder Schwächlinge abschreck-n. UebrigenS, hier ist vielleicht auch ein Wort MirabeauS am Platze, das er in der Nationalversammlung über Ro beSpierre sprach: ״Lacht nicht über ihn. er glaubt an das, was er sagt." Wenn die zionistische Presse, die diesmal nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe war, den guten Glauben ZangwillS nickt bestritt, — und da« tat sie nicht — dann ist ihr Vorgehen diesmal« eines öffentlichen Tadels wert. E S ist nicht klug. RobeSpierreS zu schaffen. ES ist auch nicht edel, einen ehemaligen Freund schmählich zu behandeln. Der Zionismus ist so groß und wahr, so sicher seines endlichen Sieges, daß die zionistische Presse selbst den niedrigsten Angriffen gegenüber ihre Würde nicht verlieren darf, viel weniger noch in einem Falle, wie eS der Jtokongreß war. Dieses Vorgehen mancher zionistischer Organe war eine der merkwürdigsten Erscheinungen, die der Jtokongreß gezeitigt hat. Man sollte Zangwill weniger unterschätzen. WaS ist eine Gefahr. Die Jto selbst ist bisher wirklich recht Harm- 100. Hoffentlich bleibt sie eS. Karlsbader Badebrief. Bon Dc. F. Rich. Heins che l. ״Wenn einer eine Reffe tut, so kann er was erzählen". DaS Reisen erweitert den Gesichtskreis, erweckt neue Eindrücke, wirkt auf empfängliche Naturen nicht nur belehrend, sondern auch belebend. Man sieht Neue«, mancher erlebt sogar etwa«. Freilich kommt es auf den Jnteresseukreis an, in welchem man lebt und sich bewegt. Darum eben bildet sich jeder Eiazelue über da« Reisen ein eigene« Urteil; die Brille der Subjeküvität beleuchtet hier alles. Die fällen Zuschauer, die von der bequemen Fensterecke deS WrgenabteilS beschaulich vor sich Hinblicken, auf die Fragen der Nachbarn nur einsilbige Antworten geben, da« Hereinstürzen der Reisenden ruhig mit ansehen, die auch ein leichter Fußtritt, oder ein Stoß mit einer Schachtel oder einem Koffer nicht aus ihrer Lechargie zu reißen vermag, weil sie all da« als zu einer Reise gehörend betrachten, daS sind in der Regel die aufmerksamsten Beobachter. Um in meinen Beachtungen nicht gestört zu werden» hielt ich ein Zeitungsblatt in der Hand, so daß ich bequem darüber hinwegblicken konnte. Später merkte ich erst, daß es der Börsenbericht war. dem ich meine angebliche Anfmerksamkeit schenkte, waS mich peinlich berührte, weil das ja einer Vorspiegelung falscher Tatsachen gleichkam. ״Was hat em ,Priester' auf dem Friedhofe zu suchen." Meine erste Wahrnehmung auf der Reise: ״Die Juden essen die meisten Schinkensemmeln". Wenn an den Haltestellen in den verschiedensten Tonarten auSgerufen wird: ״Heiße Würstel, frisch Wasser, Bier, Wein, Schinkensemmel gefällig", dann stürzen unsere Glaubensgenossen auf den Schinkeusemmel verkaufenden Piccolo, als könnte die von der Sonnenglut auSgedörrte Schinkensemmel einzig und allein den kranken Magen kurieren, die abgespannten Nerven wied-r aufpeitschen. Wer Gelegenheit hat. ein schinkeneffeuden Glaubensgenossen einmal in einer koscheren Restauration zu beobachten, wie unbescheiden und anspruchsvoll er dort, wie ihm alle« schal und fade schmeckt, der muß eS gerade unbegreiflich finden, wie eine Schinkensemmel, die x-mal ausgeboten wird, ehe sie einen ausgehungerten Judeumagen gefunden, mit soviel Behagen und Zuugeuschnalzen verzehrt werden kann. gehalten, er drückte keine« Weibe« Hand, keine Frauenlippe hat je seinen Mund berührt. Denn er war immer allein und verlassen, von seiner frühesten Jugend her verwaist. DaS Weib kannt er nur aus der heiligen Schrift. Sara war schön und deswegen ward sie von Pharao begehrt. Rebekka war schön. Auch die Rahel, um derentwillen Jakob zweimal sieben Jahre Frohndienste geleistet hat. Worin ihre Schönhett bestand daS wußte er nicht. Aber die sein werden sollte, sah er klar und deutlich in den Wchsten. Er führte mit ihr wundersame Gespräche, empfand die Reize ihrer Schönheit und fühtte die Güte ihre« Herzen«. So sollte sie sein: schön und gut. Und weil er allein und einsam durch da« Leben schritt, hatte er sich an Zeichen und Wunder gewöhnt, die er nach seinem Sinne zu deuten pflegte. Eine Katze, die seine Wege kreuzte, ein Vogel, der über seinen Kopf dahinstrich, war ihm Fingerzeig und Symbol. Er selbst versuchte den Schleier der Zukunft zu lüften und ihr Geheimnis dadurch zu erraten, daß er sich Zeichen errichtete und Geschehnisse vorausbedang, deren Eintreffen oder Ausbleiben maßgebend für seine Entschlüsse werden sollte. Da nun die ihm vom Schicksale vorbestimmte Gefährün schön und gut sein sollte, muß sie Scheiudl-Gütel heißen. DaS war da« große Zeichen seines Leben«, unter dem er siegen wollte. Scheindl-Gütel... käme jemand mit der Botschaft, er habe für ihn eia Mädchen gefunden, daß diesen Namen trägt, so war sie für ihu vom Schicksal erkoren. Scheidl-Gütel — so sollte sie heißen. Wenn er in den Nächten von der Mühe deS Lehren« ermüdet in seiner Kammer der Ruhe pflegte, lispelte er verzückt die beiden Namen vor sich hin, deren Trägerin ihm Erlösung bringen sollte. Scheindl-Gütel kam aber nicht. Die Vermittler, die sich bemühten, ihm ein Heim zu gründen, konnten kein Mädchen nennen, welches diesen Namen trug. Energisch, mit kurzen aber bündigeu Wgxteu wieS er sie ab. ohne daß jemand hinter sein Geheimnis kam. So blieb da« Weib, dem er inbrünstig nachjagte, nur ein Ideal, daS er nicht zu erreichen vermocht. Wohl litt er unter der Not seine« Fleische«, in schwülen Sommernächten wälzte er sich in »»gekanntem Sehnen und namenlosem Weh auf seinem Lager, er wußte aber sein Geschick in großer Hingebung zu ertragen uud wartete auf da« Mädchen seiner Liebe. Und als die Mannesjahre verschwunden waren, sein Leib gebrechlich und sein Blut gelassen ward, ließ auch seine Sehnsucht nach dem Weibe nach. Hie und da dachte er mit Wehmut an die Zeit, in dem ihm die Liebe beglücken könnte, doch setzte er sich bald in der Erkenntnis der Vergänglichkeit alles Irdischen über die Empfiudung hinweg. In den letzten Jahren störte Scheindl-Gütel noch selten seine seelischen Kreise. Jetzt aber, auf dem Totenbette, ergriff ihn eiu Weh nach dem Mädchen seiner Jugend. ES wäre doch schön gewesen..., warum war eS ihm nicht vergönnt. Gott der Schöpfer hat dem Menschen die Liebe gelobet, warum war eS ihm versagt? Wäre sie gekommen, die Frau seiner Sehnsucht, sie ginge wie eine Leuchte durch sein Leben. Sie wäre die einzige Freude seine« Daseins, der einzige Stern auf seinem Erdengange. Warum kam sie nicht? Warum durste sie seine Finsternis nicht durchleuchten? Warum muß er sich in seiner letzten Stunde eingestehen, daß nicht einmal ein Hauch von Wärme durch sein Schicksal ging... Er empfand, daß sein Leben mählich schwindet. Das Herz pochte leise, kaum hörbar, wie ein müder Specht auf das Holz einer hohlen, alterskranken Eiche. Müde öffnet er sein gebrochenes Auge und blickt durch die feuchte Scheibe seines Sterbezimmers. Draußen fallen keine Flocken Mährisch-schlesisdie Bank Brünn: T»t«pben Nr. 380, mrafcti—. Ferdfaand8ga99e Nr. 29 Ttkplw■ *f. UH>, WwfcujttnfM.; verzinst EINLAGEN gegen e II 01 gebundene Einlagen laatÜberemkommen. Baak- BMdvimd in hiiiwder Rachaung »it *r |2 |0 geschiftraflrrArt, Bftnen-u.WedMlrfgnchah,