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Jüdische Volksstimme · 1912-07-11 · Heft 15 (11.7.1912) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 15 (11.7.1912)
Date
1912-07-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ויי Nr.!8 , Äoree^ponäenzen. Biseuz. Am 5. d. M. fand in Bisenz in der israel. Synagoge ein Trauergottesdienst für unseren unvergeßlichen, in Gott ruhenden Führer Doktor Theodor Herzl statt. Bei vollbesuchtem, hell beleuchtetem Tempel intoniert» der verstärkte Chor unter der ausgezeichneten Leitung des Herrn Oberkantor Lewytiu das Ma towu. Nachdem noch der Herr Oberkantor Lewytin El mole rachamim in rührender Weise zum Vortrage gebracht bestieg Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Josef Hoff die Kanzel und hielt eine von hoher Begeisterung getrageve, allen Zuhörern zu Herzen gehende Gedächtnisrede, in der er den großen Führer in ge» bührender Weise zu würdigen wußte. Nach Abfingung des Schewissi und der Hattkwoh endete die erhabene Feier. Mähr.'Kroma«. Bon verschiedenen Seiten wird uns von hier über den Tod und das Leichenbegängnis des 87jährigen Glasermeisters Wilhelm Schwarz und über die Begleiterscheinungen aus dem Gemeindeleben berichtet. Es wimmelt in diesen Berichten von ״Paschawirtschast", ״Herzlosigkeit" u. dgl. Wir wissen, daß es keine Kromauer Spezialität ist, daß der dem Judentum fremde Kastengeist in die Gemeinden unter dem Titel ״Reform" und ״Fortschritt" Eingang gefunden hat und daß Leid und Freud', Leben und Sterben in Klassen eigeteilt wird und daß die Preisdifferenz von einigen Kronen eine unübersteigbare Grenze zwischen den Gemeindemitgliedem bilden. Besonders unjüdisch erscheint diese Tatsache innerhalb der Chewra kadlscha. Es ist darum wichttg, daß diese heilige Jnstttution in allen mährischen Gemeinden wieder auf rein jüdischen Boden gestellt werde. Daß die Machthaber in der frommen Gemeinde Kromau sich im besonderen Falle nicht entgegenkommend bewiesen und die selbstlose Intervention eines hochachtbaren Fremden abgewartet ehe sie eingriffen, und daß sie arme Leute in ungerechtfertigter Weise kränken, wird in Zukunft hoffentlich nicht wieder geschehen. Mähr.-Ostra«. Vom Rabbinare in Mähr.» Ostrau wird hremit zur Anzeige gebracht, daß die Selchwarenfabriken der Herrm Freud und Preis nicht unter Aufsicht des RabbinateS stehen und daß für deren Kaschrus nie eine Garantie übernommen wurde. Ebenso stehen die Selchwaren- Händler in Mähr.-Ostrau nicht unter Aussicht! Prag. Fräulein Sophie Löwy, Tochter des Herrn Moritz Löwy, k. k. Oberoffizial i. R. in Weinberge hat sich mit Herrn Dözsö Grünberger, Kausmann in Teplitz verlobt. — Herr Karl Beck, Pilsen, Prod. chem. tech. Spez., hat sich mit Fräulein Gisela Fanto, Wien, dritter Bezirk verlobt. Lemberg, 30. Juni. Vorige Woche fand hier eine Berjammlung von Bachurim statt, welche sich für die Agitation zu Gunsten der Agudas Jisroel interessieren. Es wurde ein Jugendkomitee der Lemberger Ortsgruppe unter dem Vorsitz des Herrn Akiba Blankstein gebildet. Man beschloß, 1000 Aufrufe in Jargon drucken zu lassen und dieselben zu verteilen. Ferner übernahm Herr Jizchak Horowitz unter Zuziehung tes Herrn Pessach Modlinger, die Jugend zu organisieren, um planmäßig die Agitation zu betteiben. Auch aus den Lanobezirk Lemberg wurde die Tättgkeit der Jugendgruppe ausgedehnt. Preßbnrg. Schwere Trauer ist in unser Beth hamwrasch Hagodaul eingezogen, denn einer der besten unserer Bachurim, der aus Groß-Tapolcsany stammende Simon Rosenberg, ist in der Blute seiner Jahre gestorben. Sein schwächlicher Körper hat der gewaltigen Not, der ein armer, hilswjer Bochur ausgesetzt ist, nicht genug phisische Kraft entgegenstemmen können. Er mußte vorder Zeit zusammendrechen. Tief erschüttert war die Klage des Rabbiners über den Verlust des geliebten Schülers und zu Herzen gingen die schlichten Worte des Freundes Aron Weiß, die im Beth hamidrasch ertönten. Szolnok. Königlicher Tafelrichter Wilhelm Lippe, oer langjährige Vorsteher der hiesigen Gememde, wurde mit dem Eisernen Kronen-Orden ausgezeichnet. Nagy-Tapolcsany. Für das orchodoxe Pattouage-Heim m Nyltra sind bis heute 41.090 Kronen gesammelt worden. Hatora». Zum städtischen Spitalbau haben die Herren Josef und Alexander Deutsch 100.000 Kronen beigesteuert. Berlin. Die Ludwig Philippson-Gedächtnisstistung, welche aus Anlaß der 100. Wederkehr Jüdische LoMstdmne des Geburtstages Ludwig PhilippsonS von der Synagogen-Gemeinde Magdeburg ins Leben gerufen wurde, ist nunmehr offiziell in die Verwaltung der Gesellschaft zur Förderung der Wiffeuschüft des Judentums übergegangen. Das StiftungSkapital bettägt nahezu 9000 Mark. Die Erttägniffe dieser, zur dauernden Ehrung eines ״Große» in Israel" errichteten Stiftung sollen dazu verwandt werden, um gediegene, allgemein verständliche Schriften, die zur Aufklärung über Juden und Judentum dienen, unentgeltlich oder zu mäßigen Preisen zu verbreiten, in erster Reihe an kleine, bedürftige Gemeinden, deren Schulen und Beamte sowie an Vereine und Jnstituüonen zur Erziehung und Förderung der jüdischen Jugend. Der Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschüft des Judentums hat jetzt in seiner Sitzung vom 24. Juni d. I. die Annahme der Stiftung durch die Gesellschaft gutgeheißen und gleichzeittg beschlossen, für die Verwaltung keine besondere Kommission einzusetzen, sondern zum Zeichen des Dankes an die Stistergemeinden diese in den Händen des Ausschuffes selbst zu belassen. Anttäge auf Bewilligungen aus dieser Stiftung sind alljährlich nach vorheriger Bekanntmachung durch die Preffe bei der Gesellschaft einzureichen. Berlin. Anläßlich des 70. Geburtstages des Philosophen Hermann Cohen, ordentl. Professors au der Universität Marburg, stiftete Siegfried Brünn 100.000 Mark für einen Hermann Cohen- Lehrstuhl an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Der Lehrstuhl ist der systematischen Religionsphilosophie gewidmet. Berlin. Professor Martin Philippson hat nunmehr das Amt eines geschäftsfahrenden Borsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes niedergelegt. Bereits einen Tag nach der letzten außordentlichen Tagung des Gemeindebundes, auf der die Abänderung der Statuten unter Dach und Fach gebracht war, hat er an ten stellverttetenden Vorsitzenden, Herrn Prof. Dr. Sobernheim, eine Zuschrift gerichtet, in welcher es heißt, er sehe ein, ״daß unter den gegenwärtigen verantwortlichen und schwierigen Umständen eine jüngere und frischere Kraft die Leitung der großen Körperschaft übernehmen muß, die für die deutsche Judenheit eine so hervorragende Wichtigkeit besitzt". Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ernannte einstimmig den scheidenden Profeffor Philippson zum Ehrenpräsidenten. Zürich. Die geplante Versammlung zur Gründung der ״Agudath Jsroel"-Gruppe fand hier gestern statt. lieber zweihundert Personen waren der Einladung gefolgt. In einer fast einstündigeu Rede legte Herr Rabbiner Dr. Cohn (Basel) die Ziele und Aufgaben der Agudath dar. Nach ihm ergriff der als Gast hier weilende Herr Rabbiner Dr. Löwenstein (Mosbach) das Wort. Darauf wurde die Gründung der Ortsgruppe der Agudath beschloffen; ein großer Teil der Anwesenden meldete sofort seinen Beittitt an. Eine ähnliche Versammlung fand auch in Basel Donnerstag den 20. Juni statt. Auch die Versammlung, in der Herr Rabbiner Dr. Cohn das Referat hielt, führte zur Gründung einer Ortsgruppe, der sich bis jetzt 50 Mitglieder angeschlossen haben. Brüssel. In den Senat sind bei letzten Parlanentswahlen 2 Juden gewählt worden: Samuel Wiener für Brüssel, und Herbert Speyer für die belgische Provinz Luxenburg mit dem Hauptort Arlon. Paris, 2. Juli. Auch in den hiesigen gesetzestteuen Kreisen hat die ״Agudas Jisroel"-Jdee ein freudiges Echo ausgelöst. Ein vorbereitendes Komitee ist rührig an der Arbeit. Schon in den nächsten Tagen soll eine Propagandaversammlung stattfinden und eine Agudah-Ortsgruppe gegründet werden. Krmäsckau. Die KrieaSfahne der jüdische« Frauen. Wie das italienische offizielle Blatt ״Gwrnale d'Jtalia" aus Benghast in Tripolis berichtet, haben die jüdischen Frauen dieser Stadt am 2. Juni, als der Jahreswende der italienischen Bersaffung, zum Beweise ihres Vertrauens für die italienischen Regierung dem Kommandanten von Benghast eine eigenhändig gestickte Kriegsfahne in italienischen Farben überreicht. Me Fahne, welche ein Kunstwerk der weiblichen Handarbeit barstellt, wurde am 8. Juni auf dem Gebäude d«S italienischen Konsulates feierlich gehißt und vom Militär wie auch von der angesammelten Menge enchufiastisch begrüßt. Die ״Septuaginta". Mit Beihilfe der Regierung wird ein hochbedeutsames Werk von der ״Königlichen Gelellschast der Wissenschaften" in Güttingen zur Durchführung gebracht: die grie¬ Seite S. chische llebersetzung des alten Testamentes. Die ״Septuaginta", ein weltgeschichtliche- Kulturwerk aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert, hat infolge der handschriftlichen Ueberlieferung manche wesentliche Abänderung erfahren, die der llebersetzung zum Nachteil gereicht. Eine Weder- Herstellung des ursprünglichen Textes wäre von größter Bedeutung und wird darum schon seit langer Zeit gefordert. Jetzt wurden von den wissenschaftlichen Körperschaften, die dem Kartell der deutschen Akademien angehören» in erster Reihe von der Göttinger Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, die Vorarbeiten zu einem wissenschaftlichen Wiederaufbau der Septuaginta in Angriff genommen. Auf Grund der wissenfchaftlichen Forschungen ist zu hoffen, daß der ursprüngliche Text wieder vollkommen wird hergestellt werden können. ES ist dazu eine Summe von 450.000 Mk. erforderlich. Die preußische Staatsregierung hat sich bereit erklärt, einen große» Teil der Kosten zu übernehmen. Die Gesamtarbeit wird voraussichtlich 30 Jahre in Anspruch nehmen. Antisemitische Kmrst. In Rußland hat sich ein Komitee gebildet, das ein Preisauschreiben erläßt für ein in der Stadt Kiew zu errichtendes Denkmal für den früheren Ministerpräsident Stolypin. Die Listen des Standbildes werden auf 100.000 Rubel geschätzt. Für die 3 besten Entwürfe sind Prämien von 3000, 1500 und 750 Rubel festgesetzt. Juden find zu dem Wettbewerb, der für ganz Rußland ausgeschrieben ist,, nicht zugelaffen. 20.000 Dollars Gehalt bekommt der Rabbiuer Dr. Emil Hirsch in Chicago von der Sinaigemeinde, das sind 80.000 Mk.» ein Rekord, den wohl kein anderer Rabbiner erreicht hat. Aus Dänemark. Ein großer Zwist zwischen dem Oberrabbiner Lewenstein und der Gemeinde Kopenhaagen, dessen Austrag ein ganzes Jahr dauerte, ist nun zu Ende. Die Ursachen waren religiöse Unstimmigkeiten mannigfacher Art, wie Mischehen u. drgl. Zunächst waren ihm für seine Amtsentsetzung 50.000 Kronen Schadenersatz zuerkannt worden. Lewenstein beantragte aber Er- Höhung auf 80.000 Kronen die ihm nun von der höchsten rechtlichen Instanz zuerkannt wurden. Die Gerichtskosten von 1200 Kronen, die von der Gemeinde zu ttagen find, werden als ungewöhlich hoch bezeichnet. Ans Amerika. In Baltimore starb der hervorragende Talmudgelehrte Rabbiner Aba Chajim Lewinsohn, 59 I. An den Tautner Ritualmordprozeß wird man erinnert durch die Nachricht, daß in Köln dieser Tage der damalige Angeklagte, der Schächter und Vorbeteter der israelitischen Gemeinde in Tanten am Niederrhein, Adolf Buschhoff, im Alter von 72 Jahren gestorben ist. Buschhoff stand im Juli 1892, also vor gerade 20 Jahren, in 10tägiger Verhandlung vor dem Schwurgericht in Kleve unter der furchtbaren Anklage, das fünfeinhalbjährige Söhnchen des Schreinermeisters Heamann mit einem Schächtmesser durch Durchschneiden des Halses ermordet zu haben. Der ״BolkSmund" behauptete, er habe dies getan, weil die Juden zu rituellen Zwecken zu einem ihrer Feiertage ״Christenblut" gebrauchten. Der Prozeß, der in der ganzen Welt großes Aussehen erregte, endete mit BuschhoffS Freisprechung. Ist ״Chuzpe" eine Chreubeleidiguug? Das Jargonwort ״Chuzpe" zu deutsch ״Dreistigkeit" bildete den Ausgangspunkt eines vor der l. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts ausgefochtenen Rechtsstreites. Eine Verkäuferin fühlte sich in ihrer Ehre verletzt, weil die Chefin (eine Christin) ihr auf eine ganz sachlich gehaltene Erklärung zu Antwort gab: ״Das ist eine Chuzpe". Da ihr damit zu Unrecht der Borwurf der Frechheit oder Unverschämtheit gemacht worden sei, habe sie sich für berechtigt gehalten das Dienst- Verhältnis ihrerseits sofort zur Lösung zu bringen und sei darum fortgeblieben. Die beklagte Prinzipalin dagegen führt an, das Wort sei ihr allerdingS in der Erregung entschlüpft, sie habe sich aber unsoweniger etwas BöseS dabei gedacht, als. sie den Ausdruck mit ״vorlaut" oder ״anmasseud" für richüg übersetzt hielt. Sie habe dann ihre Deutung auch von Personen jüdischen Glaubens bestätigt erhalten. Trotzdem sei sie der Klägerin entgegengekommen, habe sich bei der Klägerin schriftlich entschuldigt und sie gebeten, wieder anzutteten. Letztere Kam aber gleich darauf mit der Klage. ES bedurfte nicht erst die Vernehmung eines ״Sachverständigen" über die Auslegung des

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