Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 14 (4.7.1912)
- Date
- 1912-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ZMfche S-«S-tm«t Nt. 14 Die wohltuende Art, mit der die Bedürftigen bedient werden ist es auch, die uns die Armen näher bringt. Unsere Verkaufsleiteriu, sowie die Damen sind nicht in erster Reihe darauf bedacht, Geld einzunehmen, sondern den Armen zu helfen, sie zu befriedigen. Die Meisten sind glücklich, nicht betteln zu brauchen und sich für ihr eigenes Geld selbst versorgen zu können. Nichts wird verschenkt, und wenn es ein Bilderbuch um einen Pfennig, ein Sieb für zwei Pfennige sein sollte! Und was wird alles für geringes Geld heimgeschafft! Verarmte Familien, die kaum einen Stuhl im Zimmer hatten, konnten sich durch uuS ihr Heim behaglicher gestalten. Während deS ersten Jahres unseres Betriebes haben wir 9550 kaufende Parteien abgefertigt, durch die wir Mark 8967-44 vereinnahmten — den Gegenwert für Arbeitsleistung um gekaufte Gegenstände nicht miteingerechnet. — Hiezu kommen Hunderte von Personen, deren Wünsche wir, so gerne wir auch wollten, nicht befriedigen konnten, da die gefragten Gegenstände, in der Hauptsache Wäsche. Kleider, Schuhwerk bereits vergriffen waren. Derartige Petenten mußten auf spätere Eingänge vertröstet werden und wurden dann nach Möglichkeit bevorzugt. Wiederholt sind uns Geschenke a« Naturalien zugegangen, die begreiflicherweise seitens der Armen reißenden Wsatz fanden. Zeigte die überaus große Nachfrage nach verkäuflichen Gegenständen, daß für unsere WohlfahrtSeinrichtung in Breslau ein Bedürfnis vorlag, so spricht die Zahl derjenigen, die hisher bei uns Arbeit suchten, noch mehr für unsere Sache. Unser Zukunftsideal ist neben unserer bereits bestehenden Brockenhaussammlung, eine ArbeitS» werkstätte mit erweiterter Arbeitsgelegenheit. Wahrlich eine schöne Aufgabe, der Förderung aller Edelgesinnten würdig. Und was in Breslau möglich, dachte ich. sollte nicht auch in Wim, wo so viel Reichtum auf der einen Seite, so viel herzbrechende Not auf der anderen, nicht möglich sein? Ein Apell an das goldene Wiener Herz ist noch nie zwecklos verhallt. Hunderte armer, würdiger Familien wären dankbar, wenn sie all das, was in den Häusern der Wohlhabenden als Bodenkcam usw. lagert, erhalten könnten. ES fehlt nur die Organisatton, und auch diese wäre zu beschaffen, wenn sich nach dem Muster der Breslauer ״Peah" ein Komitee jüdischer Frauen bildete, die sich in die Dienste der guten Sache stellen. Gar viele Brosamen fallen von den Tischen der Reichen, für die die Armen ״Tausend Dank" sagen würden. mit mir auf derselben Kampflinie ficht. Wir wollen uns mit vereinten Kräften wacker zur Wehr stellen, liebe Genossen. Ein heißer Tag für uns, den die Entscheidungsschlacht schlägt. Aber wir sind Männer unk werden als Sieger hervorgehen. Wer dem Schicksal den Fuß auf den Nacken setzt, dem wächst eS nicht so leicht über den Kopf!" Er ergriff lebhaft AlbertS Hand und behielt sie mit warmem Druck in der seinen, während sein Blick teilnahmsvoll die durchgeistigten Züge durchforschte, auf denen die Verzweiflung der bösen Nacht ihre Zeichen gegraben. Albert hob langsam den Kopf. Der gequälte Ausdruck seines bleichen Antlitzes wich allmählich und machte einem wehmütigen Lächeln Platz, das Auge wurde ruhiger, die Haltung freier. ״Aber was soll denn das heißen?" Der Lehrer rief eS aus uud sah erstaunt auf die heraneilenden Kinder, von denen mehrere mit allerlei Gegenständen beladen waren. Wie daS kichert und nur mit Mühe den Jubel unterdrückt, während die Ueberraschung ins Werk gesetzt wird. Und dabei immer die verstohlenen Blicke zum Lehrer empor, der sich scheinbar vor Staunen nicht zu fassen vermag. ״Aber das geht ja über den Spaß! Dampfender Tee und Butterbrötchen und meine Lieblingezigarren! Eigentlich sollte ich zürnen. Wer gestattete euch hier zu kochen?" ״Aber wir waren so vorsichtig!" ״Es konnte gar nicht passieren!" ״Wir waren weit fort vom Wie oft wurden Haushaltungen durch Todesfall aufgelöst! Wie oft Neuanschaffungen gemacht! Man weiß zumeist nicht, wohin mit dem alten Kram! Gedenken wir derer, die auf die Unterstützung der Edelgesinnten angewiesen sind! BeittittSerklärungen für einin Wien zu gründendes Brockenhaus nach dem Muster der ״Peah" nimmt die Redaktion dieses Blattes entgegen. _ Zur Beachtung! Die Empfänger der heutigen Nummer, denen an eine regelmäßige, ununterbrochene Zustellung der ״Jüd. Bolksstimme" gelegen ist, wollen sofort «ach Erhalt dieser Nummer die Abonnementgebühr uns zukommen lassen. Gleichzeittg bitten wir die Freunde und Leser unseres Blattes, für die weitestete Verbreitung der ״Jüd. Volksstimme" einzutteten. In keiner wahrhaft jüdischen Familie fehle die ״Jüd. Bolksstimme"! Die Geschästsleitung. Wiener jüdisches Leben. Juterwiev Israel Zangwitt. Wien, am 1. Juli 1912. Unser Redakteur hatte Gelegenheit Mr. Israel Zangwill, der im Metropol-Hotel abgestiegen war, in Angelegenheit der ״Jto" zu sprechen. Obwohl Mr. Zangwill sehr in Anspruch genommen war, erklärte er sich liebenSwürdigst bereit, unserem Redakteur über das gegenwärtige Stadium der Jto-Arbeit Aufklärung zu geben. ״Die Angriffe der gegnerischen Presse berühren mich nicht", äußerte sich Mr. Zangwill; ״man gewöhnt sich allmählich daran mißverstanden, ja gemein verdächttgt zu werden. Meine Stellung zur zionistischen Partei ist bekannt. Sie sprechen von einer Kräftezerspitterung? Nein, mein Herr, das ist eS nicht. Ich folge meiner Idee, die ich für die richtige halte; jene mögen ihrem Ziele zustreben — schließlich kommen wir doch zusammen. Ich glaube auch nicht, daß Eines das Andere ausschließt. ES kann einer Zionist sein und doch für die Jto sich erwärme«. Ueberhaupt kommt eS in der Praxis nicht darauf an. ob eine Theorie als einzigrichtig anerkannt ist. Erfolge beweisen, Tatfachen sprechen und schließlich ist eS beider Richtungen Wunsch und Ziel das gequälte jüdische Volk aus dem Käfig zu befreien, in ein freies Land". Gehölz!", riefen sie durcheinander. Und da stürmten die andern von allen Seiten herbei und lachten und freuten sich des gelungenen Einfalls. ״Was? Für drei decket ihr sogar?" ״Ja freilich! Aber wir hatten bloß eine Taffe mit und mußten die andern zwei durch Wassergläser ersetzen." ״DaS soll unL trefflich munden. Nicht wahr, meine Herren, wir werden die kleinen Köchinnen nicht bekörben?" ״Nein! Nein! Bitte, nehmen Sie doch!" Und sie traten mit erwartungsvoller Miene dicht an die Herren vor. Ein Zurückweisen war da nicht möglich. Der Doktor nahm belustigt ein Glas, Albert das zweite. ״Bitte auch essen!" ״Auch essen!" ״Effen!" Sie sagten, sie riefen, sie schrieen es und klatschten dabei in die Hände und hüpften und sprangen. ״Es geht wohl nicht anders, wir müssen alle zugreifen", lächelte der Lehrer heiter. Albert führte daS Glas langsam zum Mund und fühlte sich wohlig durchwärmt. Seine Wangrn bekamen Farbe, er richtete sich unwillkürlich empor. ״Der Tee ist vorzüglich. Ihr habet mit Rum und Zittone nicht gespart", nickte der Lehrer und schuf verklärte Gesichter ringsum. Der Doktor nickte beifällig und reichte dem Nächstehendeu das geleerte Glas. ״Also essen müssen wir auch", fragte er launig. ״Natürlich!" ״Ei fteilich!" ״Gewiß!" ״״Können Sie derartige Verantwortung au sich nehmen? Ich bitte zu bedenken, wie folgen schwer ein Irrtum im Grundprinzip sein würde."" ״Es ist meine heiligste Ueberzeugung und ich glaube die Kraft zu haben." ״״Würden Sie, wenn z. B. beide Projekte gleichzeitig realisierbar wären: Palästina einerseits und sagen wir ein gutes Kolonialland andererseits, letzteres wählen?"" ״Wahrscheinlich das Letztere. Beachten Sie, lieber Freund, die Bevölkerung Palästinas, die sich auf 600 000 Araber, Vieltausend autochthone Christen und Türken beläuft. Vergessen Sie auch nicht die vielen heiligen Stätten der verschiedenen Religionen, deren Vertreter sich mit gegenseitigem Haß beschenken, und sehen Sie darin das Moment der immerwährenden Gefahr. Es braucht ja nur wieder ein neuer Peter von Amiens aufzustehen... Die jetzige Bevölkerung verbraucht so ziemlich die Konsumatton des Landes, hält Handel, Industrie, Wirtschaft in ihren Händen. Kämen wir hinzu, wenn auch legalisiert, in den Augen der Eingeborenen würde unser legitimer Anteil an der Volkswirtschaft, an der Gesetzesausführung nie zu Recht zu bestehen. Unsere Konkurrenz auf alle» Gebieten müßte ihren Fremdenhaß verstärken, und diese feindlich gesinnte Maffe, auch wenn wir ihr zehnfach überlegen wären (und wieviel Jahrzehnte würden darüber hingehen), bliebe immer ein schwächender Fremdkörper zwischen unseren Gliedern. Allo würde ich ein unbewohntes erst zu kulttvierendes großes Kolonialland, dessen geographische Kondittonen Entwicklungsmöglichkeiten versprechen, entschieden vorziehen." ״״Was gedenkt die Leitung der Jto zunächst zu unternehmen?"" ״Wir sondieren das Feld, knüpfen Beziehungen an, unterhandeln, bereiten vor, um, wenn wir einen definittven Beschluß bezüglich einer Niederlaffung fassen, sogleich schlagfertig Vorgehen zu können." ״.,Woher wollen Sie die Summen, die zur Ausführung einer so umfangreichen Kolonisanon benötigt werden, hernehmen? Und ferner: wollen Sie dann auch mit dem Nationalfond unterhandeln?"" ״Um mit dem Nattonalfond in Verbindung zu tteten, wäre nicht Zeit im Erustfalle, denn eS müßte ein Kongreß einberufen werden, der die Beschlüsse der früheren aufhebt. Das ist auch gar nicht notwendig! Meine Verbindungen mit der großen Finanzwelt werden die Mittel schaffen. Schon einmal wurden mir 6.000.000 Pfund zur Verfügung gestellt; auch heute wird mir dieser Bettag zu Händen sein, wenn ich desselben bedürfen werde." ״Da heißt 's sich fügen, lieber Herr Bing", lachte Frei, ״aber ihr werdet doch wenigstens gestatten, daß ich dies riesige Butterbrot zerschneide? Habt ihr vielleicht ein Messer zur Hand? Meines ist fleischig". ״Ein Messer? Daran haben wir richtig vergessen. Dort ist eS im Korb!" Vierzig oder mehr Füße setzten sich in Bewegung. ״Kinder, daß sich keines schneidet, nur immer langsam!", rief der Lehrer und suchte in seinen Taschen. AlbertS Lippen kräuselten sich und nun reichte er dem Doktor sein Rasiermeffer hin: ״Ganz neu, noch unbenützt. War nicht bestimmt, Brote zu schneiden!" Der Doktor nahm das feine Ding und wurde plötzlich tiefernst. Mit eiuer raschen Bewegung streckte er dem andern die Hand hin: ״Auf Freundschaft!" Der Lehrer war totenbleich geworden. ״Dachte ich's doch", flüsterte er unhörbar. Eine bange Pause entstand. Da zuckten sie sichtlich zusammen. ״Tafelmusik!", rief eine Kelle Kinderstimme: ״Eins, zwei, drei!" Die klemen Musiker kamen im Taktschritt heran, die Gesichter vom Blasen hochrot. Vor den Herren machten sie Front, die sich ihnen rasch zugewendet hatten. ״O, wie lustig, lustig lätzt es sich marschieren in der schönen, frohen Maienzeit..." ״Hier ist das Messer", sagte ein kleiner Junge und lachte den Lehrer vergnügt an. Mährisch-sdilesische Bank Brünn: T»1«pi>on Mr. 380, Mwirtk■. Ftrdinandsgasee Nr. 29 v»l«pt»on Kr. IQtt, W>1S1«t1tufci. ׳ verzinst EINLAGEN gegen / II Oi gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bankä&ckeivund in laufeaier Rechnung mit *T |2 |0 geschälte aber Art, Bdreen-uWedwlrrffflchHe.