Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 13 (27.6.1912)
- Date
- 1912-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Jüdische Volksstimme Nr. 13. LakoS, unternommen, die Geschichte der Nagyvarader Judenheit zu schreiben. Sein mit einem Aufwande großen Fleißes und Benützung der Archive verfaßtes Werk liegt in einem stattlichen Band vor. Was seine Arbeit auSzeichnet, ist die Fülle von Daten, die Wärme, mit der er für feine Gemeinde und deren Größen eintritt, und der patriotische Geist, der sein Buch durchweht. Diese Verdienste werden nicht geschmälert durch die überflüssigen Partien des Buches, welche dessen Umfang unnötigerweise vergrößern, wozu wir nameutlich die ersten zwei Kapitel zählen, die von der Judenheit im Allgemeinen und von den Urfachen der Antipathie gegen die Juden handeln — Themata, die mit einer Lokalmonographie kaum etwas zu schaffen haben. Jndeffen laflen sich auch diese Abschnitte mit in den Kauf nehmen, umso eher als der Leser sie einfach überschlagen kann. Ob und wann Juden in Nagyvarad vor der Türkenzeit gewohnt haben, läßt sich heute nicht feststellen. Nach Abzug der Osmanen begegnen wir dort den ersten Juden im Jahre 1722; es waren ihrer vier. AuS diesem Jahre erliegt im städttschen Archiv ein Wechsel, den wir, nach LakoS, im Folgenden wörtlich reproduzieren: ״Prespurgtensis 1-ten April 1772. fl- 53 : 75V2 kr. Von Dato ein Jahr und neunen Monath geloben wür beyde und versprechen in Solitum Einer vor den anderen zu bezahlen gegen diesen unseren Solowechselbries an Herrn Marcum Mentzer Medicinae Doctorem oder ordres die Summe von Fünfzigdrei Gulden 75^/2 kr. Compt; dies Werth haben wür an baar richtig Empfangen. Versprechen gute Zahlung zu chun. Gott mit uns An WaS selbst in Solitum Solo in Grostwardein oder wo an zu ttcffen ist. (Hebräische Unterschrift) r Weiland Juda's Sohn Chananje. Breindl's Tochter Herrn Judel." Ueber das Leben und Treiben der Nagyvarader Juden im 18. Jahrhundert tritt der Verfasser interessante Einzelheiten mit, so über ihre Besteuerung, ihre Beschäftigung usw. Im Jahre 1757 erhiett ein gewisser David Najman sogar das Recht, ein Haus zu kaufen — damals eine große Seltenheit. Auch von den Sttafen, welche zeitweilig über Juden verhängt wurden, finden sich Aufzeichnungen. Nazi Nuß inszenierte im Jahre 1757 im betrunkenem Zustande eine Schlägerei, weshalb er zu 6 fl. Rh, verdonnert wurde. Rosa RobiSek, der es (im Jahre (1783) ein fescher Soldat angetan hatte, wurde, weil sie ״mit Soldaten verkehrte", zu 25 Rutenhieben verurteilt usw. Bemerkenswert ist, daß die Juden in Nagyvarad auch als Stadtgründer austraten. Sie hoben nämlich den Grund zu der gegenwärtigen Vorstadt Varalja gelegt welche damals — gegen das Ende des 18. Jahrhunderts — ein eigenes Gemeinwesen wurde. Um aber Baugründe erwerben zu können, bedurften die Juden eines gar mächtigen Protektors und diesen fanden sie rn dem Festungskommandanten Obersten Georg Roth, der — trotzdem es in der bezüglichen Verordnung hieß, daß ״des Ankaufes der entbehrlich werdenden Festungsgründe auch alle Acatholici exklusive der Juden teilhaftig werden könne" — sich beim Preßburger Generalkommando für die Abänderung dieses Punktes verwendete, und zwar mit vollem Erfolg. — Eine hervorragende Rolle im Leben der Nagyvarader Juden spielte die Familie Litthaly, deren Ahn. F. Michel in einer Ronskription vom Jahr 1740 figuriert. Dessen Sohn Samuel Mthaly wurde Oberrichter der Judengemeinde und wirkte als solcher in ersprießlicher Weise. Ein Sohn dieses Mihaly, Albert, nahm mit behördlicher Bewilligung den Namen Mchelssy an und wurde im Jahre 1851 ttotz seines jüdischen Glaubens zum Magistratsrat der Stadt Nagyvarad gewählt — wohl der erste derartige Fall in Ungarn. Die Famisie Mchelssy blüht noch heute in Nagyvarad. Die Nagyvarader Judengemeinde zählt heute etwa 13 000 Köpfe; ihre Mitglieder nehmen am kulturellen und wirlschastlichen Leben der Stadt lebhaften Anteil. Prager Brief. Der Lech leistet sich in seinen letzten Älummern wieder was an tobsüchtigen Aussüllen gegen die Juden. Speziell die Juden in Ungarn haben es ihm angetan, die das ganze Geschüst in Hünden haben und ganz Europa mit ungarischen Exportartikeln wie Speck, Wein usw. überschwemmen. Ungarn sei heute das gelobte Land der Juden, es ist schon ein zweites Galizien. Dagegen lobt sich der Lech Deutschland, wo nach Zeitungsberichten soeben ein Verband gegen die Ueberhebung der Juden gegründet worden sei zu dem Zwecke, den umstürzlerischen jüdischen Einfluß zu beseitigen. Die Affaire Dr. Kraus»Beneschau wird noch immer in der Prefle besprochen. Im Rozvoj veröffentlicht Rabbiner Knöpfelmacher eine sachliche Entgegnung auf Kraus RechtfertigungSartikel; der Novy Vök gibt seiner Genugtuung über die Ausführungen Dr. Kraus Ausdruck und findet es besonders merkenswert, daß nach Kraus Aussagen die Juden von ihrem Glauben abfallen und dem Schulchan Aruch den Gehorsam auffagen. Schade daß der XX Bäk, der übrigens nach gewissen Anzeichen zu schließen, am Eingehen ist, diese Treulosigkeit der Juden gegen den Schulchan Aruch nicht anerkennt; sonst würde er nicht die verlogene Behauptung aufstellen, daß den Juden die Lüge gegenüber Christen nach seinen Vorschriften lobenswert erscheine, dieses verleumderische Blatt bringt einen Artikel über die Ausbreitung des Antisemitismus in England und sucht an der Hand vieler einzelner Beispiele zu erweisen, daß der Antisemitismus speziell in England stetig wachse. Einen zweiten Artikel widmet es den jüdischen Sekten. Es geht von dem Mord in Kiew aus, erzählt daß die Juden seit dem babylonischen Exil sich in die Chassidim und Zadikim scheiben, erweist eine ganze Spalte hindurch seine haarsträubende Ignoranz, die an Quantität nur von seiner lügenhaften Verworfenheit überboten wird um zum Schluffe zu gelangen, daß die meisten Ritualmorde von der fanatischen nichtswürdigen Sekte der Chassidim verübt worden seien. Auch die tschechoslavische Sozialdemokratie zeigt von Zeit zu Zeit ihre antisemitische Rohnatur, so hat erst dieser Tage der Svaz Ceskych pokrovych iidu sich veranlaßt gesehen die Parteileuung aus antisemitische Artikel des Pravo Lidu und Na§i obrany aufmerksam zu machen. In Deutschböhmen kommt es ab und zu noch zu einem Ausflackern des alten Liberalismus, das mußte der Abgeordnete Glöckner am eigenen Leibe verspüren, als er jüngst in Morchenstern eine Wählerversammlung abhielt; da hielten die Freiheitlichen des Bezirkes unter Führung eines Herrn Benda so scharfe Abrechnung mit ihm, daß ihm das Reden vergieng und er die Antwort schuldig bleiben mußte. Unter Umständen sind auch die antisemitischesten Arier judenfreundlich, so weiß das Montagsblatt aus Böhmen, das in feiner letzten Nummer, wie es sagt in den Schmutzwinkel der raffenreinen Spottbetätigung hineinleuchtet, von einem jüdischen Arzte zu erzählen, der als Paradejude bet den antisemitischen ״Sportbrüdern" fungiere. Dieser Tage hat Proftffor Rauchberg wohl schmerz, lich bedauert, daß er schlecht gelaust sei; wird man gleich nach der Geburt getauft, so kann man sich ja keine Selbst. Vorwürfe machen, Hofrat Rauchberg hat es aber bei seiner Taufe an der nötigen Vorsicht fehlen lasten, in seiner Sucht aus dem Judentum herauszukommen ist er Protestant geworden und das rächt sich jetzt bitter da er als Protestant nicht bei der bevorstehenden promotio sub auspicüs eines katholischen Theologen fungieren darf. Nebbich! NIEDERLÄNDISCHE LEBENS VERSICHEkUNGS GESELL- SCHAFT, WIEN, I. ASPERNPLATZ 1 Im eigenen Palais. — Versichertes Kapital drka 380 Milionen. Keserven tirka 113 Millionen Kronen. — Billigste Tarife, Mitarbeiter werden überall gesucht — Generalagentur: Karl Bloudek, Brünn, Krapfengasse 18/20 Unser neuester Tarif mit 5% jähr.ich fallender garantierter Prämie. Geueralagentur für Wien, 1., Aspeinpiatz 1, Leiter David Nebenzabl. Sub Direktion für Prag, Ferdinandsgasse 20, neu, Leiter Robert Oerster. Sub-Direktion für Lemberg, Szajnocba 3, Leiter Löbl Taubes. Dickhäuter. In der Prager deutschen Studentenschaft spielt sich en miniature der gleiche Kampf ab, der draußen auf der Walstadt des politischen Lebens zwischen den Deutschnationalen und den Liberalen wogt. Die deutschnationalen Antisemiten nehmen jede Gelegenheit wahr, um den Judenliberalen ihre Inferiorität derb vor Augen zu führen, diese aber krümmen geduldig den geschmeidigen Rücken und küssen den Fuß, der nach ihnen tritt. So geht es seit vielen, vielen Jahren, die Gestalten wechseln, die Methode bleibt dieselbe. Unvernunft und Starrköpfigkeit bringt junge Leute so weit, daß sie auf sich selbst vergessen nnd lammfromm Schmach und Entwürdigung dulden, um schließlich doch wieder den Peinigern Handlangerdienste zu leisten. Mit großem Applomp wurde vor wenigen Wochen unter der Mitwirkung des Rektors Rauchberg in Prag der akademische Sportausschuß begründet, der die Pflege des Sportes unter der akademischen Jugend an den Prager deutschen Hochschulen fördern soll. Die jüdischnaüonalen wurden natürlich ausgeschlossen und die Liberalen freuten sich schon, wieder einmal gemeinsam mit den Radikalen in einem Ausschuß wirken zu können. Wir habm bereits damals auf die Tatsache hingewiesen, daß Rettor Rauchberg an der Spitze der jungen Institution stehe und daß damit ihr antisemitischer Charakter verbürgt sei, wir dachten aber selbst nicht, daß das dicke Ende so rasch kommen werde. Vor der Konstituierung wurden Deutschliberale in den Ausschuß nominiert, bei der Konstituierung wurden sie übergangen und der neue Sportausschuß prangt in judenreinem, gutantisemitischen Gewände. Die Tatsache zu vermerken ist schon deshalb nötig, weil ja der Sportausschuß, Geldmittel benötigt und sich an die Bevölkerung um Unterstützung wenden wird. In solchen Fällen aber geht selbst der schärfste Radauantisemit in erster Linie zu den Juden und diese Zeilen mögen dazu dienen, ihm dann den entsprechenden Empfang zu bereiten. Die Liberalen sind natürlich wütend und schreien Zeter und Mordio. Sie denken auch an eine große Protektion durch die ״Lesehalle", die ihnen zu ihrem ״Recht" verhelfen soll. Augenblicklich allerdings muß die Stteitaxt begraben bleiben, denn am kommenden Sonntag wird es sich darum handeln, der Welt den deutschen Charakter des Grabens zu dokumentieren. Da haben sich natürlich die Antisemiten an die Liberalen gewendet und sie an ihre Pflicht als Deutsche erinnert, ja sie hatten sogar die übergroße Liebenswürdigkeit, die Liberalen aufzufordern, mit ihnen gemeinsam in ein Komitee zur Veranstaltung eines solennen Bummels zu gehen. Die liberalen Dickhäuter sind ihnen wieder einmal auf den Leim gegangen und haben dankbarst angenommen. Alle Wut ist verschwunden, die stürmischen Protestrufe werden gewaltsam verschluckt und man rüstet sich für die Rolle des Prügelknaben in ״gewohnter, unentwegter, deutscher Treue". Für einen Tag werden die Herren salonfähig, für einen knappen kurzen Tag. Fällt der Vorhang, dann sinken die Retter und Verteidiger wieder zu Parias zum Letzklassigen herab. Pfui Teufel, Hanswürste! t Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschälte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. בעזהי׳־ת Unter persönlicher Teilnahme von nahezu 300 Männern aus allen Ländern Europas, darunter führenden Rabbinen und hochangesehenen Persönlichkeiten des praktischen Lebens, getragen von den schriftlichen Sympathieerklärungen vieler- Hunderte von Gesinnungsgenossen und Körperschäften diesseits und jenseits des Ozeans, ist am 12. Siwan (28. Mai) in Kattowitz die Agudas Jisroel gegründet worden. Ueber den Verlauf der Kattowitzer Versammlung hat die gesamte jüdische Presse ausführlich berichtet und, von vereinzelten gegnerischen Stimmen abgesehen, unser Werk mit Enthusiasmus als die eigentliche Notwendigkeit der Stunde für 772 ישאדל begrüßt. Ist es ja seit Jahren die Sehnsucht unserer weitblickendsten Führer in allen Teilen der Welt, wie der breiten jüdischen Volksmassen im Osten, daß endlich einmal eine umfassende, auf dem geschichtliche« Boden der N71N ruhende Organisation erstehen möge, die, von dem Vertrauen der Millionen treugebliebener Söhne und Töchter des jüdischen Volkes getragen, sich der Lösung der vielgestaltigen praktischen und religiösen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit, wie sie jede Zeit neu hervortreibt, im Geiste der Thora widme. In einhelliger Begeisterung hat die Kattowitzer Versammlung folgende Resolution gefaßt: ״Die heute in Kattowitz versammelten Vertrete! der traditionell-gesetzestreuen Judenheit Die schönste Schrift in kürzester Zeit erreicht jedermann! R. k. best. aut. Sebreikschute Professor Rudolf Roubetebek ׳״«-«E-»!!,!»»»,- Pt na iü?t17?Knla7 17 Nach auswärts brieflicher Unter• riaa» nach eignes, öescb.metbode