Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 12 (20.6.1912)
- Date
- 1912-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Jwffche B-lNstdmae Seite 5. Gott um Erbarmen angefleht hatte, daß sein Namen nicht genannt werde, wenn unter seinen Nachkommen einmal Streit entstehen sollte. Nach einer anderen Version unserer Lehrer konnte Jakob hier nicht genannt werden, weil ja die Kinder nur dann nach ihren frommen und gottergebenen Vätern genannt würden, wenn auch sie, wie ihre Väter fromm und gottergeben sind, wenn sie sich ihrer Väter in Gesinnung und Tat würdig erweisen. Korach, der sich gegen die Anordnung Gottes aufgelehnt, Korach, der sich gegen den weisesten und selbstlosesten Führer und Lehrer empört. Korach, der den Frieden in der Gemeinde gestört und ernste Gefahr über Israel gebracht hat — er war nicht der würdige Nachkommen Jakobs, er konnte nicht, durfte nicht als מ שנב bezeichnet werden. Und dennoch haben unsere Lehrer recht, wenn sie für die auffallende Erscheinung, daß hier Korachs Stammbaum bis Levi und nicht weiter hinauf bis Jakob zurückgeführt wird, eine andere Begründung geben, denn die von uns versuchte Erklärung stellt uns vor neue Schwierigkeiten. Waren doch auch Jizhar und Kehath und Levi fromme Männer Gott ergeben und ihrem Volke zugetan — auch als ihr Sohn hätte also Korach nicht bezeichnet werden sollen, in einem Augenblick, da er mit den heiligen Traditionen seiner Väter gebrachen hat- Daß sie aber dennoch hier genannt werden, hat seinen guten Grund. In der תוכחה־ wird, nach der geistreichen Deutung eines Großen in Israel, als Strafe angedroht, daß wenn Israel pflichtvergessen von Gott und seiner Lehre sich abwenden sollte, der Herr gedenken werde des Bundes mit Jakob, auch des Bundes mit Jsak, ja bis zu Abraham wird sein Gedenken zurückreichen; dadurch wächst die Sträflichkeit der Verschuldung, denn Nachkommen Abrahams, Jsaks und Jakobs sollten standhafter sein allen Versuchungen und Verlockungen gegenüber. Aehnlich will auch in unserem Verse die Thora vor Augen führen, wie schwer sich Korach als Sohn eines Jizhar. des Kehath, des Levi vergangen hat und wie auch seine außerordentliche Strafe nicht als zu hart beurteilt werden darf. Sollte nun aber nach dieser Auffassung der Name Jakobs nicht erst recht genannt werden, wenn die Schwere der Schuld Korachs noch deutlicher zu kennzeichnen? AllerdiugS, meinen unsere Lehrer, aber Jakob hatte — nicht so sehr mit/ Rücksicht auf seine eigene Person als vielmehr im Interests seine Kinder — Gott ergeben, daß sein Name nicht genannt werde, wenn im Kreise seiner Nachkommen, wie es nun durch die Anzettellung Korachs geschehen, ernster Streit entstehen sollte. Zu unserem Text zurückkehrend, wollen wir nur den einen Gedanken festhatten, daß, wer nicht im Geiste Jakobs lebt, auch nicht als Sohn Jokobs gelten kann. Nichts aber ist so geeignet, uns dem Geiste Jakobs zu entfremden, als im kleinen eine reichgedeckte Tafel und im großen ein reicher Anteil an den Gütern und Genüssen dieser Erde. Als R. Jizchak aufgefordert wurde, bei Tisch zu sprechen, da wollte er eine Bemerkung machen, die von größter Bedeutung ist für die Erweckung des jüdischen Pflichtbewußtseins und jüdischen Pflichtenlebens und darauf verweisen, wie die Lehrer in Israel Jakob gleichsam am Leben erhalten, dadurch, daß sie selbst im Sinne Jakobs leben und die Brüder zu echten und rechten Jakossöhnen erziehen durch den Jakobsgeist, mit dem sie ihr Herz erfüllen. Aber er trug Bedenken, dies während des Essens zu sagen, da zuweilen auch die edelsteu und die besten die Freude am Genuffe ablenkt von gottgeweihtem Sinnen. Sagt doch schon ein altes Wort, es sei leichter לשם שמים zu fasten, als לשם שמים zu effen. Nach dem Speisen aber, als sich die beiden Gelehrten gesammelt hatten, als ihr ganzes Fühlen und Denken wieder dem Heiligen galt, sprach R. Jizchak עוב אבינרלאמת\ Heil uns, Israeliten, daß wir uns durch lautere Gesinnung, durch ernstes Streben und gottgefälliges Tun als wahre und würdige Nachkommen Jakobs bewähren und Jakob am Leben erhalten dadurch, daß wir in seinem Geiste leben! Eines Gedankens, meine Herren, kann ich mich nicht erwehren, der nach Ausdruck ringt, wenn ich einen Kreis von Prager Juden sehe, die sich als Juden versammeln. Wohl rühmt sich jeder Jude eines gewiffen Adels, die Prager Juden aber besonders! Die ganze Gemeinde besteht auS Männent; die von Heiligen abstammen, die für Gott und Glauben ein unvergleichliches Martyrium durchgemacht haben. Darf sich aber jeder Nachkomme dieser klangvollen Vorfahren mit diesen auch in Verbindung bringen? Sorgt er dafür, die heiligen Familientradittonev, Glaubenstreue und -Innigkeit seinen Kindern unversehrt zu überliefern? Mag sich -jeder gewissenhaft prüfen und diese Frage selbst beantworten! Wir alle aber kennen, nicht Einzelpersonen, sondern eine ganze Körperschaft, Chewra-Kadischa, die, wahrlich nicht zu ihrem Nachteil, ihren Traditionen treu geblieben ist und wegen dieser Treue überall, in der ganzen Welt, hochgeschätzt wird. Lernen wir von ihr! Brüder! In einer Zeit des Verfalls und der Zerfahrenheit ist nichts richtiger, als daß wir uns wieder zusammenfinden, wieder scharen um die altehrwürdige Fahne, die von tausend Pfeilen getroffen, von tausend Geschoffen durchbohrt, immer noch in der Höhe stolz flattert! Wenn der Geist Korachs zu neuem Leben erwacht, wenn aller Glauben geschwunden und alle Autorität untergraben ist, wenn alles, rechts und links, gegen Mosche sich auflehnt und die heilige Thora keine Beachtung mehr findet, lastet uns, Brüder, Juden sein, lastet uns unseren Stammbaum bis Jakob zurückführen, lastet uns der Traditionen unserer Väter uns erinnern uns sie verwirklichen und betättgen im Leben! Hochleben aber lasset uns die Chewra-Kadischa, die keinen Augenblick von ihren Tradittonen gelassen hat und uns darum Muster und Vorbild sein kann! Die Chewra-Kadischa wachse, blühe und gedeihe! Nachdem sich der Beifall, den die geistvolle, durch Zitate aus der hebräischen Literamr gestützte Rede ausgelöst, gelegt hatte, erläuterte Professor Salomon Knöpfelmacher die Begriffe Liebe und Wahrheit, Chesed, Weemes an der Hand biblischer Beispiele und fuhr fort: Nach mehrjähriger Unterbrechung find wir heute in einem Bes Mischne und freuen uns der atten Freundschaft sowie neu geknüpfter Freundschaftsbande. In gewiffem Sinne sind wir aber auch in einem Bes hoewel, wo die Männer der Chewre mit Chesed Weemes ihr heiliges Amt mit Liebe und Ausdauer erfüllen. Möge Gott ihre Kraft und Stärke erneuern! Der ganze Vorstand der Chewre lebe hoch! Prof. Dr. M. Klotz legte in fein poentterter Weise den Stteit dar, der z. B. zwischen Hillel und Schamai um Gotteswillen geführt wurde und dem Sttett Korachs und besten Rotte gegen MoseS. Elftere hatten nur das Gute im Äuge, dem sie zum Sieg verhelfen wollten. Anders aber wenn selbstsüchtige Zwecke den Parteikampf bestimmen, da ist Zwietracht unausbleiblich. Ersterem edlen Ziel stteben die Männer der Chewra-Kadischa zu, darum herrscht unter ihnen Harmonie und Einkacht; selbst verschiedene Meinungen werden geklärt und Einigkeit erzielt. Jeder Stteit um Gotteswillen hat bleibenden Erfolg. Sein Hoch gilt dem Obmann Herrn David Lieben, der das Altjüdische zu erhalten sucht. Herr Rabbiner Dr. Karl Thieberger dankt dem Vorstand, der die Erschienenen zudem Mahl geladen, das nicht nur ein den Körper stärkendes sondern auch Herz und Gemüt erhebendes Fest mit ernster Beratung ist. Er preist das vorbildliche humane Streben des Vereines, der darum an der Spitze aller Korporattonen steht und dem Ahronstabe gleicht. Und das Geheimnis besten, daß alles nach Recht und Ordnung geht — das ist der Stab Moscheh, der Leitstern unserer Chewre. Noch eines dritten Stabes sei gedacht, des Stabes Davids im Kampf gegen Goliath. Unser Herr Obmann David Lieben führt auch seinen Stab, er führt ihn zum Guten und schwingt ihn zum Frieden. Erheben wir darum das Glas auf die Vereinsleitung und ihren Obmann l Vorsteher H. Simon Hahn heißt die Erschienenen im neuen Heim willkommen und rühmt die unendliche Arbeitskraft des langjährigen Obmannes: ״Was er uns ist, kann nur der beurteilen, der das Glück hat, mit ihm zu arbetten. Darum streben Sie meine Herren, m den Vorstand zu kommen, um dies zu erfahren. Was den Obmann vor Allem ziert, das ist sein goldenes Herz. Die Prager Chewra hat keinen Obmann seinesgleichen. Daß es Ihnen, hochverehrter Herr Obmann, gegönnt sei, noch recht lange im Dienste des Gemilus Chasodim zu wirken, rufe ich Ihnen ein herzliches Lechaim, Lebehoch! zu. Herr Prof. Dr. N. Grün vergleicht die Zwischenzeit, da es keine Sude gab, mit den Berhältniffen in Moab und schildert in der ihm eigenen humoristischen Art die ״Unzufriedenheit" mancher Mitglieder, die uach dem Lande der Hungersnot auswandekn wollten. Nu«, steht das Repräsentattonshaus der Chewremit einer Repräsentationstüche da. Die Hungersnot ist beendet und alles wieder beim alten, im allen Glanz und atten Treue. Er ruft dem Vorstand, der es heute nicht oft genug hören soll, ein kräftiges Lechajim zu. Es sprachen weiter: Vorstandsmitglied Anton Br and eis auf die Lehrer, Rabbiner Dr. Ar je preist die Brüderschaft, deren begeisterter Anhänger er geworden, Rabbiner Fritz Knöpfelmacher bespricht in tschechischer Sprache die beiden Richtungen im Judentum und feiert die Chewre, welche den Glauben mit der Tat verbindet; H. Freund tostiert aus die Damen; H. Fuchs (Smichowj überbringt die Wünsche der Chewra-Kadischa Smichow, H. Weltsch begründet in humorvoller Weise die Berechtigung des Mahles u. a. m. Vorstandsmitglied H- Eduard Lasch dantt den Erschienenen, worauf Herr Josef Strauß als Verwalter des Chewra-Hauses über die Ziele des Vereines, Menschenliebe und Selbstlosigkeit spricht. Er fordert in warmen Worten die Mitglieder auf, sich im Verein zu betätigen und bringt ihnen sein Glas. Unterdeß war es Abend geworden, der Saal erstrahlte im Glanze des elektrischen Lichtes. Die Feier schloß der Obmann D. Lieben. Ec lehnte in der ihm eigenen Bescheidenheit das ihm gezollte Lob ab. ״Unter dem Eindruck der Tatsache, daß wir heute das Mahl wieder in unserem Heim abhalten, drängt sich das Gefühl des Dankes gegen den Allgütigen auf, der uns diesen Tag hat erleben lassen. So ist das Wort des Plalmisten an uns in Erfüllung gegangen. Es ist uns gelungen, diesen Friedhof, die Ruhestätte unserer Vorfahren, in voller Integrität zu erhalten. Ein weiterer Wunsch ist uns erfüllt worden, unser Heim diesem heiligen Boden anzugliedern, den wir behüten und beschützen wollen. Wie aber jede menschliche Freude ihre Kehrseite und Bitterkeit hat, geht es leider auch uns. In den Kelch der Freude mischen sich Tropfen der Wehmut, die Erinnerung an jene Guten und Fromme», den wir verloren haben den Heimgang des Oberrabbiners Dr. N. Ehrenfeld, der noch die letzte Suda mit seiner Anwesenheit beehrt hat. Mit ihm sind die köstlichen Attribute der Stadt geschwunden; er war ein Friedensfürst, sein Lebensziel war Frieden. An der Chewre aber mögen die Prophetenworte sich erfüllen: Trage weit deine Zelte, deine Teppiche mögen sich ausbreiten, die in der Erde festgerammten Stellen, die Grundsätze, denen wollen wir tteu bleiben, der Hauptzweck ist die Thora! Ihren Lehrern gilt mein Glas!" Nach Absingung des Jigdal wurde das Tisch- und Mariwgeber verrichtet und die Feier war beendet. Auch sie hat dargetan, daß die Prager Chewra-Kadischa die von Simon dem Gerechten angeführten drei Säulen der jüdischen Gesellschaftsordnung Gotteslehre, Gottesdienst und Wohltätigkeit zur Grundlage hat. Wilhelm Klein. De. Rudolf Katboiicky ge«. Leiter der I.evirg.Hvteilung der £ande*Rranlte1tan$talt «ohnt: Ccke Terdinandsgasse und 30banne$ga$$e <-«»«׳ «>««».> ordiniert täglich von 2 vir 4 Uftr nachm. Fernrprecver Nr 803. Prager Briefs. Der ״Czech" ist endlich einmal konfisziert worden wegen eines Leitartikels Kovacs-Straßer, der den ungarischen Oppositionshelden und Attentäter Kovacs, der angeblich Jude ist, als Symbol für den Einfluß des Judentums und seine unheilvolle Tätigkeit hinstellte. Kovacs, der Getteidespekulant und Attentäter verkörpere so recht die Judenheit, die in der einen Hand die Getteidepreise halte um die Bevölkerung durch künstliche Teuerungsmachen auszuhungern, in der anderen den Dolch, um ihr unbequeme Personen aus'dem Wege zu räumen. Der Artikel ist wegen Aufteizung zum Klassenhaß konfisziert worden, wird aber sicher, wenn diese Zeilen erscheinen, längst durch eine Interpellation immunisiert worden sein. Denn der ״Czech" und seine Gefolgschaft wettern gegen diesen Mißbrauch der Interpellation nur wenn es sich um eine ihnen unangenehme Publikatton handelt, wie Machars Lesebuch. Jedenfalls ist aber der gute Wille des Zensors anzuerkennen. Auch aus der Landskroner ״Deutschen Grenzwacht" kann man machmal etwas Neues er-