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Jüdische Volksstimme · 1912-06-13 · Heft 11 (13.6.1912) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 11 (13.6.1912)
Date
1912-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 11 Jüdische »»!«stimme Seite 5. über Genua und Marseille, erwirkte. Die mit uns in Verbindung stehende Vertretung der ״Jewish Colonization Association" in Bukarest hat aus Rumänien im Laufe des Jahres!'911 insgesamt 728 Emigranten befördert. Summiert man die Zahlen der Emigranten, welchen von uns und von den kooperierenden Hilfskomitees während eines Jahres Fürsorge zugewendet wird, so ergibt sich, selbst unter Einschluß der über Norddeutschland reisenden Emigranten, eine gegenüber den Gesamtzahlen der Auswanderung verhältnismäßig geringe Ziffer von wenigen taufend Personen, die wirklich auf Unterstützung angewiesen waren; einer weit größeren Zahl kommt allerdings dre Fürsorge durch Verbreitung richtiger Informationen und Wachsamkeit der Hilfskomitees gegenüber unredlichen Agenturen zugute. Aber der größte Teil der Emigranten entzieht sich vollkommen jeder Fürsorge, da er ihrer nicht bedarf. Die große Masse der Auswanderer besteht aus Personen, die entweder zu ihren bereits in Amerika ansäßigen Verwandten reisen und von diesen direkt im voraus die besten Auskünfte erlangt haben, oder aus solchen Personen, die über eigene Mittel ausreichend verfügen und sich selbst zu raten und zu helfen wissen. Wir heben dies hervor, um unsere Mitglieder und Freunde in den Stand zu setzen, sich über die ״Regelung der Emigration", von welcher so viel außerhalb der bestehenden Organisationen und nicht immer mit genauer Kenntnis der Verhältnisse gesprochen wird, ein Urteil zu bilden. Es werden oft die großen Zahlen der jüdischen Emiqrationsstatistik, die in die Oeffentlichkeit dringen, so aufgefaßt, als wenn es sich um wandernde Kolonnen handeln würde, welche irgend eine bestehende oder neu zu schaffende Organisation nach Belieben lenken könnte, was nicht richtig ist. Es ist in fernstehenden Kreisen auch die Meinung verbreitet, daß durch irgend welche erst zu kreisrende Einrichtungen den armen Emigranten manche Vergünstigung und Erleichterung verschafft werden müßte und daß der Kampf gegen Ausbeutung durch unredliche Agenten erst auszunehmen wäre. Durch die Stille und die vollkommene Präzision, mit welcher der bereits bestehende große Apparat der europäischen Emigrantenfürsorge arbeitet, dringt über die segensreichen Leistungen derselben verhältnismäßig wenig in die breite Oeffentlichkeit. Es kann natürlich aus dem Gebiete der Aus- Wanderer-Fürsorge ebenso wie auf dem der Armen- Unterstützung überhaupt noch sehr vieles verbessert werden, aber es dürste schwerlich irgend welche Vorkehrungen zum Schutze und zur Förderung der jüdischen Emigranten geben, die durchführbar sind und nicht von uns im Verein mit den verwandten Organisaiionen bereits im Rahmen der Möglichkeit getroffen wurden, oder Gegenstand von Verhandlungen zwischen den zusammenwirkenden Komitees bilden. Das Problem der Emigration, das oft genannt wird, bietet die größte Schwierig, keit nicht mit Bezug auf die eigentlichen Emigranten, auch nicht einmal so sehr mit Bezug auf die Auswandererziele — da trotz aller Be,chränkungen in überseeischen Ländern für Hunderttausende von arbeitsfähigen Personen Raum ist — sondern mit Bezug auf die physisch, infolge mangelnder Gesundheit oder Erwerdssählgkett zur Aus- Wanderung ungeeigneten Personen, deren Unterstützung vom rein Humanitären, keineswegs vom emigrationspolitischen Gesichtspunkte geschehen muß. Korrejponäenzen. Proßnitz. Israelit. Frauen - Wohltätigkeitsverein. Sontag, den 2. Juni l. I. fand im Dr. Brecher Stiftuugshause die 'Generalversammlung dieses humanen Vereines statt. Im Namen der Vorsteherin Frau Johanna Lasus begrüßte der Schriftführer, Ehrenmitglied Herr Ernst Springer die Anwesenden, und ersuchte den Herrn Bürger- Meister Dr. Zweig, den Vorsitz zu übernehmen. In Erledigung der Tagesordnung wurde das Protokoll der letzten Generalversammlung verifiziert und der Rechenschafts-, Kassa-, Revisions- und Vermögensbericht vom Schriftführer erstattet. — Der Verein hat einen ganz bedeutenden Zuwachs an ausübenden und unterstützenden Mitgliedern zu verzeichnen, die Einnahmen sowie die Ausgaben für Vereinszwecke sind wesentlich gestiegen und decken sich, so daß dem Vereinsreservefonde bloß der Zinsenertrag desselben hinzugefügt wurde. Der Revisionsbericht wurde genehmigend zur Kenntnis genommen u. der Kassierin Frau Friederike Katz die Anerkennung und der Dank ausgesprochen. Das Budget für daS Vereinsjahr 1912 zeigt, daß auf Grund der bisherigen Einnahmen die Voraussichtlich erhöhten Vereinsansprüche gedeckt erscheinen, und wurde über Antrag der Vereinsleitung beschlossen, 2 bis 3 Frauen oder Mädchen auf Kosten des Vereines als Krankenwärterinnen ausbilden zu lassen. Diese haben die Verpflichtung zu übernehmen, nach der Ausbildung wenigstens 2 Jahre hierorts zu verbleiben. Sollten sich keine entsprechenden Bewerberinnen melden, wird die Vereinsleitung anderseitig bemüht sein, ausgebildete Krankenwärterinnen anzustellen, um die statutenmäßigen Vereinszwecke erweitern zu können. Herr Bürgermeister Dr. Zweig dankte den ausübenden Mitgliedern und dem Vereinsausschusse für die umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der Humanität, speziell der hochbetagten Vorsteherin Frau Johanna Lasus, welche mit jugendlicher Tatkraft und unermüdlichem Eifer den Hauptanteil der Vereinsführung auf sich nimmt und die Pflichten mustergültig erfüllt, sowie dem Schriftführer Herrn Ernst Springer für seine Mitarbeit. Trebitsch. Im Mai d- I. wurde der Oberlehrer Adolf Freund, Vizepräses der israelit. Kultusgemeinde, mit 15 von 16 abgegebenen Stimmen zum Bürgermeister der politischen Gemeinde gewählt. Bürgermeister Adolf Freund erfreut sich infolge seines biederen Charakters, seines milden Wesens, seiner strengen Objektivität, seiner seltenen Zuvorkommenheit gegen jedermann, sowie wegen seiner besonderen Herzensgüte und großen Wohltätigkeit der ungeteilten Sympathie aller Gesellschaftsklassen. Dessen langjährige, mit Umsicht und Sachkenntnis zurückgelegte Tätigkeit im Vorstande bietet die sicherste Gewähr, daß unsere Gemeinde wie bisher, aus wirtschaftlichem, wie kulturellem Gebiete vom Geleise des Fortschrittes nicht abweichen werde. Nikolsburg. Unter ungewöhnlicher Beteiligung der Bevölkerung fand heute das Leichenbegängnis des Bürgermeisters der Israelitengemeinde Herrn Moritz Abeles statt. Um dem rechtschaffenen, biederen Manne, von dem man sagen konnte, daß er keinen Gegner hatte, das letzte Geleit zu geben waren erschienen: Vertretung der politischen Gemeinde I und II, der Kultusgemeinde, der Feuerwehrverein, geführt vom Obmann Eduard B. Linhart, der Verein gedienter jüdischer Krieger mit seinem Obmanne S. Krakauer, der Verein ״Hilaritas", geführt von Gustav Kohn, die Schuljugend der Volksschule der Israelitengemeinde mit dem Oberlehrer Anton Maaz und den anderen Lehrkräften, die jüdischen Gymnasialschüler, geführt von Professor Richnowsky, Landtagsabgeordneter Dr. Kreiml, Dompropst Freiherr Menshengen, Schulinspektor Korger, Gymnasialdirektor Dr. Artur Petak mit einigen Professoren, Bürgermeister Josef Hauser aus Mißlitz als Vertreter dieser Gemeinde, die Mitglieder des Ortsschulrates mit Herrn Franz Deutsch an der Spitze, Landesgerichtsrat Wuschke fast sämtliche Perlmutterdrechsler, die im Dienste des Verblichenen gestanden und eine fast unübersehbare Menschenmenge. Da sich die Friedhofshalle als zu klein erwies, so hielt Rabbiner Dr. Moritz Lewin eine ergreifende Rede vor der Halle, in welcher er die Rechtschaffenheit, Biederkeit, sowie das Entgegenkommen und das gefällige Wesen des Verblichenen erörterte. Der uns so früh Entrissene wird als leuchtendes bei allen jenen fortleben, die Gelegenheit hatten, die schätzenswerten Eigenschaften des Verblichenen kennen zu lernen. — Nun würden wir uns einer Unwahrheit zeihen, wollten wir erwähnen, daß der Verblichene konservativ war; aber das eine müssen wir gestehen, daß er als Mitglied des Kultusausschusses Oie alten religiösen Einrichtungen unangetastet ließ. Auch war er viel zu anständig, um über religiöse Gebräuche zu kritisieren oder sich darüber lustig zu machen, wie dies ja letder in vielen Gemeinden geschieht. Diese schätzenswerte Eigenschaft halte es bewirkt, daß das verblichene Oberhaupt unserer politischen Gemeinde selbst in einer orthodoxen Gemeinde keinen Gegner gehabt hatte. Zwicker. Lundeuburg. (Ehrung.) Anläßlich der liebersiedlung des verdienstvollen Herrn Heinr. Bitlner aus Lundeuburg nach Wien, veranstaltete der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Montag den 27. Mai l. I. im festlich geschmückten Sitzungssaale eine Festsitzung, an welcher die Mitglieder des engeren und verstärkten Kultusausschusses, Herr Bürgermeister Moriz Holländer, sowie der Ausschuß der politischen Jsraelitengemelude, Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner De. H. Schwenger und andere Honoratioren teilnahmen. Herr Kultusvocsicher Josef Holländer schilderte mit warmen Worten die großen Verdienste, welche sich Herr Heinrich Bittner in uneigennütziger Weise als Borstandsmitglied der israelit. Kultusgemeinde durch volle 31 Jahre, als Vorsteher der Chewra Kadischa, als Gründer des Gomle Chesedvereines und als Oberkurator des mährisch-jüdischen Landesmassafondes um die hiesige Kultusgemeinde erwarb in so herzlichen Worten, daß kein Auge tränenlos blieb. Herr Heinrich Bittner dankte tiefgerührt für die ihm dargebrachte Ehrung und versprach, auch fernerhin die Interessen der Kultusgemeinde zu wahren und seine Vaterstadt in bleibendem Andenken zu bewahren. Hierauf ergriff Se. Ehrwürdeu Herr Rabbiner Dr. H. Schwenger das Wort, schilderte den Gefeierten als einen wahren ״Jsch jehudi" und hob mit beredten Worten den Verlust hervor, welchen die hiesige israelitische Kultusgemeinde infolge der llebesiedlung des Herrn Heinr. Bittner erleide. Karlsbad. Am 20. Mai verschied nach längerem Leiden Herr Josef Te i n owi tz, der nahezu 30 Jahre als Kantor der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad gewirkt hat- Die überaus zahlreiche Beteiligung beim Leichenbegängnisse legte Zeugnis von der allgemeinen Beliebtheit des wegen seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften sowohl bei den Karlsbadern, als auch bei den israelitischen Kurgästen geachteten Mannes. Außer dem gesaniten Vorstand der Karlsbader Kultusgemeinde mit ihrem Vorsteher Ludwig Moser, waren noch der Kultus- Vorsteher Herr Eduard Löwy aus Eger, die Vorstandsvertreter der Kultusgemeinden Falkenau, Kaaden, Komotau, Brüx u. a. m. erschienen. Am Grabe hob Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Ziegler das verdienstvolle und pslichtgetreue Wirken des Verblichenen im Dienste der Karlsbader Kultusgemeinde hervor. Wien. Am 31. Mai d. J. fand in Wien eine Vorstandssitzung der österreichischen JTO-Gruppe statt, in welcher bekanntgegeben wurde, daß die internationale JTO Konferenz nun endgültig für den 27., 28. und 30. Juni d. I. mit dem Beratungsort Wien, festgesetzt wurde. Die Tagesordnung für die Konferenz lautet: 1. Begrüßung; 2. Bericht des britischen Sektionsrates, Referent Israel Zangwill, London; 3. Berichte der Delegierten; 4. Unser Programm, Referenten Dr. Jochelmann, Kiew und I. Leschtschinsky, Zürich; 5. Organisation, Referenten S. Rubinstein, Biel und Dr. M. Goldberg. Jeletz; 6. Finanzinstitut, Referenten David Goodman, Oscar Plaut und M. A. Spielmann (sämtliche in London); 7. Kongreß, Referent Dr. S. Krenberger, Wien; 8. Emigration: a) Rußland, Referent W. Großmann. Petersburg. d) Emigrations-Kongreß, Referent M. Schmidt, Wien; 9. Konisation: a) Bericht über die JTO׳ Projekte, Referent Israel Zangwill, London; b) Portugal und seine Kolonien, Referent W. Terlo, Lissabon; c) Angola und seine politische Beschaffenheit, Referent S. Rubinstein; d) Angola als jüdisches Siedlungsland, Referent Sir Harry Johnstone; 10. Territorialismus und Kolonisation. Referent I. Glanz, New-Dork; 11. Varia. Wien. In Wien ist am 6. Juni 1912 Herr Jos. Werner, der Vater unserer bekannten Gesinnungsgenossen Dr. Siegmund Werner, Pros. Dr. Julius Werner und Dr. Ludwig Werner, nach kurzem schwerem Leiden im 72. Lebensjahre verschieden. Bei dem am Sonntag den 9. d. M. stattgesundenen Leichenbegängnisse haben sich zahlreiche Korporationen und eine große Menge von Freunden und Bekannten eingefundey. Der gesamte Vorstand des Kaiser Franz Josefs׳Jubiläums- Huldigungstempel, dem der Verstorbene seit 7 Jahren als Tempelvorsteher angehörte, war mit seinem Präsidenten, Kultusvorsteher Adolf Schramek erschienen. An der Bahre sprach Rabbiner Dr. Abeles einen tiefempfunden Nachruf- Auch Kultusvorstrher Schramek nahm von dem Verstorbenen im Namen des Tempelvorstandes und der Kultusgem-inde bewegten Abschied. Die Vertretungen, die erschienen waren, nahmen auf Ersuchen den Leidtragenden von weiteren Reden Abstand und drückten den Kindern und der Witwe ihr Beileid aus.

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