Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 11 (13.6.1912)
- Date
- 1912-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«eite 2 Jüdische Bollsstimme. Skr. 1t aus das Recht ab, die Borwürfe der Mitteilungen nach meinem geringen Verstände aus den kauftvollen Perioden herauszuschälen. Also in kurzem folgendes: Die Mitteilungen identifizieren sich ganz unnötig mit dem ehrwürdigen Herrn Stimmer, sie werfen mir ״höhnische Anrempelung", ״hämische Notiz" vor. versichern daß es fich um die Diskufiion einer Angelegenheit handelt, ״die in unserem Blatte alle Meinungen erst zu Worte kommen läßt, um dann zu resümieren", meint, daß ich von meiner GeisteSgröß: durchdrungen bin, mich gerne in die Reihe der in der Schrift Bewanderten stelle, meint, daß der Gottesgeist, der die ״Volksstimme" als wahren ZionSfteund beseelen sollte, ebenso wie daS ״Ziel ihres Bestandes" sie von der Rolle des Satan abhalten möge, versichert, daß sie stets den Frieden wolle und nach dem Midrasch vom Lichtanzünden die goldene Mittelstraße suche. Darauf habe ich zu entgegnen: Ich habe niemanden Hönisch oder hämisch angerempelt, am allerwenigsten die ״Mitteilungen", ich habe nur gegen den ehrwürdigen Herrn Stimmer polemisiert. Ich habe mich nicht als Gelehrten hingestellt und stehe nicht an, besonders jetzt, wenn ich zu der schwindelnden Gelehrsamkeit der Mitteilungen emporblicke, meine Unkenntnis einzugestehen. Ich bin auch ein Freund deS Friedens, aber ein Frieden um jeden Preis ist oft faul, und erinnert mich zu sehr an faule Fische. Daß in den ״Mitteilungen" alle Meinungen zu Worte kommen sollen und darnach ein Resumö folgen soll, konnte ich ebensowenig ahnen, wie die ״Mitteilungen", die ja im besten Falle daS Resumö jetzt acht Wochen nach dem Erscheinen des Stimmerschen Artikels bringen werden. Es scheint mir direkt blaSphemisch, gegen jemand, der wenn auch noch so hämisch für eine gute Sache wie unseren alten Siddur einttitt, die Verwünschung anzuwenden: ״Es wehre dir der Herr, o Hinderer", denn eine Verwünschung bleibt es auch bei noch so schöner Uebersetzung. Der Satz ״Wehre ihnen mein Herr, Moses" erinnert mich an die scharfe Zurechtweisung, die MoseS dem Josua dafür erteilt״ doch will ich daraus ebensowenig Folgerungen ziehen, wie aus der alten Erklärung, daß Josua zu unrecht geeifert hat. Doch für diesmal genug. Die ״Volksstimme" wird in der letzten Zeit viel zittert, anerkennend von ernsten Blättern wie dem ״Israelit" dem ״Jsraelittschen Familienblatt", mißbilligend vom ״Rorvoj", ״Osvkta lidu" und ״Selbstwehr". ״Rozvoj" und ״OsvSta lidu" sind wenigstens ernst nehmen und sie vertteten auch wenn sie meinen Kollegen, ihren Prager Berichterstatter angreifen immer einen Stadpunkt, über den sich reden läßt. Der deutsche Fortschritt hat sich wieder einmal glänzend gezeigt; daß die fortschrittlichen terren vom Naüonalverband gegen den Antrag meral, der im Jnterefle der Juden ausgelegt werden könnte, stimmten, ist nach den Erfahrungen' bei der Resolution Schmidt nicht verwunderlich. Seinen Januskopf hat der deutschböhmische Fortschritt aber deutlich gezeigt bei der Landtagswahl in Rumburg. Hier wurde das alte fortschrittliche Mandat einfach den Radikalen überlasten: die Führer der Fortschrittspartei begnügten sich mit einem einfachen Protest. Wie ernst es ihnen um diesen Protest war zeigen die Stimmenverhältnisse; alle deutschen Sümmen mit Ausnahme der sozialdemokratischen die sich auf einen eigenen Kaudibaten vereinigten, erhiett der deutschradikale Kandidat. Das nennt sich dann politische Ehrüchkeit. Bei den Wahlen in die Peusionskassa der deutschen Sparkassen drang trotz aller radikalen Mogeleien die liberale List mit Zweidrittelmajorität durch. Die Liberalen mußten, weil sie auf Reinheit der Wahlen und Abstimmung sahen, sich Schimpf- Worte bieten lasten wie Saujud usw. Die Radikalen sind jetzt sehr geärgert, da sie sowohl ihre Verttetung in der Gremialkrankenkassa als auch in der PensionSkasta, die sie bisher der Indolenz der Liberalen verdanken, verloren haben. Hoffentlich gehtS ihnen in Zukunft ebenso. Die ״Neue Freie Presse" und der Talmud. Unter der Ueberschrift ״Eine Friedensfahrt in Kriegsjeiten" brachte die ״Neue Freie Presse" im Morgenblatt vom Freitag, den 31. Mai, einen Leitartikel über ein Gesprüch, das ihr Mitarbeiter R. de Fiori mit einem ״eisgrauen" — wahrscheinlich höheren — italienischen Offizier über die italienische Auffassung der Lage in Tripolis auf der Reise von Rom nach Rhodos führte. In diesem Leitartikel kommen folgende Sätze vor: ״Schwermütig", so sagte der italienische Offizier, ״sind wir nicht; aber steht es nichti rgenbwo in einem uralten Buche geschrieben: Dreier Leben ist kein Leben; des Weichmütigen, deS Zornmütigen und des Schwermütigen?" Darauf erwiderte der Journalist: ״Gewiß, aber auch dieses Wort hat uralten Klang: ״Aus drei Dingen steht die Welt: auf Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden." Im Laufe der Unterredung meint der Offizier ferner: ״Eigentlich sollen wir Fechy Bey dankbar sein und chn loben; in den Brunnen, aus dem du getrunken, sollst du keinen Stein werfen." Worauf der Journalist erwiderte: ״Ich sehe, Sie sind ein spruchfester Mann und muß Ihnen recht geben." Den wenigsten Lesern der ״Neuen Freien Presse" wirb eS bekannt sein, daß der ״spruchfeste Mann" lauter talmudischer Zitate fich bediente. DaS ״uralte Buch", wo der Ausspruch vorkommt: ״Dreier Leben ist kein Leben usw." Dieses Buch ist der babylonische Talmud. Im Talmud (Traktat Pessachim 113b) heißt es wörtlich: שדשה חייהן אינם חיים הר חמנין והדתחנין ואניני הדעת. Ein ähnlicher Ausspruch sinder sich auch im Traktat Beza 32 b (vergl. Toffafot zur angeführten Stelle in Pessachim). Daß die Entgegnung deS Journalisten ״Auf drei Dingen besteht die Welt usw." den ״Sprüchen der Väter" (Kap. 1, M. 17) entnommen ist, dürfte ja bekannt sein. Aber auch die Schlußbemerkung des italienischen Offiziers, man solle in den Brunnen, aus dem man getrunken hat, keinen Stein werfen, ist ein bekannte! talmudischer Ausspruch. ES entstehen nun die Fragen: Woher die große Belesenheit der Italiener (des Offiziers und deS Journalisten) im Talmud und Midrasch?, Und dann: Hätte die ״Neue Freie Presse" bei ihrer bekannten ״reservierten" Haltung gegen alles, was daS Judentum betrifft, diese Zitate wiedergegeben, wenn sie gewußt hätte, aus welchem ״uralten Buche" sie entnommen sind? Jedenfalls jann man aber aus diesen wenigen Proben ersehen, welch kernige Sprüche der Talmud enthält, wenn man sie nicht als talmudisch bezeichnet. Dr. F. K.-Z. Die Verleumder und Mordprediger. Aus Petersburg wird gemeldet: Trotz der äußerst traurigen Lage, in der sich gegenwärtig die russischen Judenmassen befinden, schießen die anttsemitischen Giftpflanzen in Rußland wie die Pilze hervor. Immer neue, sogenannte literarische Erzeugnisse, voll der schwersten Verleumdungen und der gefährlichsten Pogromaufforderungen, werden in das Volk hineingeworfen, und allen diesen Machwerken gegenüber bewahrt die sonst brutale Zensur die größte Nachsicht. Das ist eben die einzige Literatur in Rußland, die keine Zensur kennt, die in ihrer privilegierten Stellung auch mit dem Strafgesetz fast nie in Konflikt gerät. Eines dieser jüngsten Machwerke aber, von einem gewissen von Egert verfaßt, daß sich nicht an das Volk, sondern an ״die Minister und ihre Mitarbeiter zur Analyse und Beratung wendet, beginnt eine ganz ungeheuerliche Kampagne gegen das russische Judentum. Es benutzt die amerikanische Kündigung deS Handelsvertrages und die ihr vorangegangene Agitatton und ttscht dabei sehr auftegende Märchen auf, die auch bereits von den Judenhetzern in der TageSpresse weiter kolpolttert werden. Laut einer dieser Erzählungen dieses neuen Hetzapostels hätte ein Bankier Löb, ein Jude, am 18. Februar dieses Jahres in einer Massenversammlung in Philadelphia folgendes ausgeführt: ״Es ist nicht übel, die Handelsverträge auszulösen, aber noch besser ist es, sich ein für allemal vom Zarendespotismus zu befreien! Sammelt einen Fonds, um nach Rußland Waffen und Führer zn entsenden, welche unsere Jugend lehren sollen, die Unterdrücker wie die Hunde zu verülgen. Möge diese Lavine über die ganzen Bereinigten Staaten sich dahinwälzen. DaS gemeine Rußland, das vor den Japanern auf den Kaien gestanden hat, werden wir zwingen, vor dem von Gott auserwählten Volke auf die Knie zu sinken. Sammelt Geld, das Geld wird es schon machen." In diesem Sinne arbeiteten nach demselben Gewährsmann außer dem schon genannten Löb auch die anderen Spitzen der jüdischen Finanzwelt, Männer wie Schiff. Seligmann, Groß-usw- Dabei jätten die russischen Finanzminister eine ganze Schar von amerikanischen Banken seinerzeit vor >em Bankerott bewahrt; als sie sich in einer chweren Krisis befunden, habe Witte nach den Bereinigten Staaten ungeheure (!).Goldmengen hinübergeschickt, um die amerikanische Goldvaluta׳ zu retten. So macht der Autor aus einer kaum beachteten Mücke einen Elefanten und stempelt nicht nur Wtte, der des schweren Verbrechens schuldig sei, zum Staatsverräter; nein, auch sein Schüler Kokowzow, Witte II. gehe vorläufig denselben Weg, auch er beuge sich vor den amerikanischen Machthabern, auch er unterstütze bislang in: seiner Vorliebe für Juden die Feinde Rußlands.. Möge er rechtzeitig die Gefahren erkennen und zu! radikalen Gegenmitteln greifen. ״Man muß sich! verteidigen!" lautet die Schrift von EgertS, und׳ die einzige Selbstverteidigung besteht nach seinem Rezept in völliger Vertreibung aller Juden «»2• Rußland. Die edle Parole macht sich der bekannte Judenfresser Menschikow zueigen, und ruft in einem fanattschen Feuilleton der Novoje Wremja das russische Volk zu entsprechenden Taten auf. Dies zu einer Zeit, da die finsteren Geister überall gegen die Juden losgelassen sind und in Wort und Schrift unausgesetzt die Lehre der Judenverttlgung verbreiten. Wahrlich selbst unter Jgnatiew und Plehwe haben die Juden Rußlands eine solch unverantwortliche Hetze nicht erlebt. Der unschuldige Lech. Jahrelang schimpft der erzbischöfliche Lech in Prag täglich über die an aller wirtschaftlichen und moralischen Miesöre schuldigen Juden.. Nun wollen letztere sich die wahnsinnigen Verleumdungen und Beschimpfungen nicht weiter gefallen lassen und maßgebenden OrteS gegett die ganz und - gar unchristliche Schreibweise des £edj protestieren. Das will Lech nicht begreifen und erklärt, er Hetze nicht gegen die Juden, wenn er. von der Finanzkraft derselben im Reiche spricht, von ihrer Gefolgschaft mit Deutschen und Magyaren gegen die Slaven, der Förderung von Freidenkern und Sozialdemokraten usw. Armer Lech! Diese Fragen können ventiliert werden, aber eS handelt sich um das Wie! Einer sachliHen•*־**»£״“<״»# kann man sachlich begegnen, ge^ <pße Ausschrotung zur Judenhetze aus. inuAn wir uns energisch wehren. Oder sollten wir dem Lech Unrecht tun. Ist er am Ende unschuldig an der Verhetzung des Volkes, am Antisemitismus des niederen Klerus, der zu den Abnehmern des Blattes zählt, und das niedere Volk von der Kanzel gegen die Juden hetzt? O, dieser Lech, kein Kind, kein Engel ist so rein! _ Der tschechische Freisinn. > Die tschechischen fortschrittlichen Staatsrechtler schillern in ihrem Organ 8״amo8tatno8t" in der letzten Woche etwas verdächtig antisemitisch. Einen Tag kehrten sie sich gegen das im Vorjahr nach allen Vorschriften der Hygiene erbaute Badhaus auf dem alten Judenftiedhof in der Josefstadt, dessen Verlegung nach Straschnitz sie verlangen. Diese Sorge der Herren um das Wohl der Mitbürger wäre ganz lobenswert, wenn sie sich auch gegen die Jahrhunderte alten Leichenkammern und Totenkapellen bei den Pfarrkirchen in Prag gekehrt hätte, dunkle, jeder Hygiene enttatende Kammern. Oder traut sich das den Mund so voll nehmende Organ nicht an diese Totenkammern heran, weil sie der allgewaltigen katholischen Kirche gehören und klopft auf den Juden, um den Christen zu treffen? Ein Trost sei der 3״amo8tatno81" gegeben. Als infolge der Assanierung der Josefstadt das alte Badhaus in der Ufergaffe fallen mußte und sich ein Ersatz als nötig herausstellte, wurde die Baubewilligung zu dem neuen, jetzt auf dem Friedhof stehenden unter der Voraussetzung gegeben, daß daS Badhaus solange in Verwendung sein kann, als die Totenkapellen ';bei den Kirchen bestehen. Werden diese aufgehoben, muß natürlich Mährisch-schlesische Bank Brünrt Tttopfcw Nr. 888, Blnktm. Ferdinandsgasse Nf. 29 faephon Mr. ICH. WUfcMtitiiiw! verzinst EINLAGEN gegen / II Ql gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- BAchdvund in laufaüer Rechnung att p gcschiftraflcrArt, Böt1en-u.Wech«kqgf1rhifle.