Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 9 (30.5.1912)
- Date
- 1912-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621816--1508-2622554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Volksstimme Nr. 9 Wiener Brief. 11. Glosse». In Wien erscheint allwöchentlich eine Zeitschrist für jüdische Interessen: ״Die Wahrheit." Dagegen ließe sich nun unter normalen Umständen nichts einwenden. Wenigstens insolange nicht, als ״Die Wahrheit" ihrer traditionellen und zumindest ungefährlichen Beschäftigung mit der israelitischen Vergangenheit nicht untreu wird und wie sie es leider in ihrer letzten Nummer vom 20. Mai getan hat über Gegenwartsfragen, mitsprechen will. So prangt denn an der Spitze der erwähnten Nummer ein Leitartikel mit dem bündigen Titel: ״Lehren aus den letzten Wiener Gemeinderatswählen. Daß der Artikelschreiber Herr L.R. hier nur wiederholt, waS schon unzählige Male von israelitischen Vorkämpfern des deutschen Freisinns mehr oder minder verschämt angedeutet worden ist, nämlich, daß auf den jüdischen Schultern das hehre Ideal deS teutonischen Liberalismus ruhe und die Juden deshalb die Mission hätten, an der ״Renaissance" dieser urgermanischen Partei mitzuwirken, ist nur selbstverständlich. Es soll auch nicht weiter darauf eingegangeu werden. Was zu einer Antwort zwingt, ist nachstehende, selbst für Assimilanten köstliche Stelle im Leitartikel. Ich zitiere wörtlich: ״Der Wiener ist aber trotz seines Leichtsinnes viel intelligenter, dem ReligionsfanatismuS abgeneigter und gutmütiger, als man allgemein annimmt. Der Beweis für diese Behauptung liegt in der Tatsache, daß es den fortgesetzten giftigen Verhetzungen der Christlichsozialen in Wien und Niederösterreich noch nirgends gelang, die Volkswut gegen die Mische Bevölkerung in Form von Juden- Verfolgungen auszulösen." Sol Nun sehe ich wohl ein, daß es Pflicht eines jeden Menschen ist, seine ״Volksgenossen" herauszustreichen. Ich verarge es daher auch Herrn R. L. durchaus nicht, wenn er, selbst ein ״Deutscher mosaischer Konfession" für seine arisch-christlichen Volksgenossen nur Worte überschwänglichen Lobes findet. Herr R. L. konstatiert Beweismangel für vorhandenen Antisemitismus. Das ziffernmäßige Wahlergebnis der letzten Wahlen ist ihm Hekuba. der Judenhaß und die Judenverachtung, die sich im ganzen öffentlichen Leben breit machen, beweisen ihm nichts. Was kümmert eS ihn auch, daß die Juden in Wien und ganz Niederösterreich seit Jahr und Tag überall zurückgesetzt werden, daß in fast allen, reich wohl als den anti antisemitistischen Staat Aemtern keine Juden mehr angestellt werden, daß ausschreien. Fast scheint er recht zu haben, denn die Juden gesellschaftlich, politisch, kulturell und!selbst die rüdesten Prager Antisemiten, die stuwirtschaftlich boykottiert werden! Das alles weiß dentische ״Germania" veröffentlicht das Programm auch Herr R. L. Aber — und das ist der wunde j zu ihrem zwanzigjährigem Stiftungsfeste, aus Punkt — es genügt ihm nicht. Herr R. L. will dem'die hervorragende Betätigung des jüdischen so lange nicht an einen wirklichen Antisemitismus, Professor Bail, dabei verrät. glauben, bis dieser nicht in ״Form von Juden- Verfolgungen" seinen klaren Ausdruck gefunden hat. Nur Pogrome könnten Herrn R L. überz-ugen. Solange nicht jüdisches Blut fließt, wird R. L. bei seiner Meinung bleiben. Aufrichtig gestanden Herr R. L.: Würden Sie es wagen, einmal einer Versammlung dieser ״dem Religionsfanatismus abgeneigten und gut- Mütigen Wiener" beizuwohnen? Genügt es Ihnen nicht, wenn es nur bei dem Rufen bleibt und die Tat nicht ausgeführt wird. Ihnen sind sie gewiß bekannt, die tosenden christlichsozialen Versammlungsrufe: ״An . die Laternen mit den Juden", ״Hängt die Juden", ״Nieder mit den Juden", ״Schußgeld für die Hand aufs Herz Herr R. L.: Zeugen diese und ähnliche Rufe von Intelligenz, Gutmütigkeit oder etwa Abneigung gegen Reliqionssanatismus? Ich erlaube mir die gegenteilige Meinung zu haben. Nein Herr R. L.l Das Judentum hat wohl manche Schmach und Demütigung erlitten. Aber es ist noch lange nicht reif genug dazu, den Deutschen die Kastanien aus dem Wahlfeuer zu holen und hüben und drüben den Sturmbock und Prügelknaben abzu- Und schon ganz und gar üicht zu haben sind sie für eine Vervollständigung der R. L-'schen Beweisführung. Das zur Darnachachtung. A. E. R—r. verkürzt und heilt. Von der Güte, die der Edle auS seinem Herzen heraus für die andern schöpfen muß, die sich wie ein Mantel der Vergessenheit über alle Schwächen der Erdenkinder breitet, die im Verstehen und Verzeihen menschlicher Schwächen und Fehler wurzelt.- Von jener Güte, die einem nicht geraubt werden kann!- Die Fluten sanken immer ttefer, die Kanzel senkte sich, der Redner kam wieder herab.- Eine gütige Melodie, getragen von den Engeln der Unschuld und Liebe zittert durch den Raum- Er spricht von Versöhnung. Versöhnung allen, die ferne oder nahe stehenl Friede! Friede! Und die bösen Waffer verMchtigen sich — die Kanzel steht an der gewohnten Stelle. Der ״Volksstimme" ist Heil widerfahren, großes unfaßbares Heil, der heilige ״Czech" widmet ihr mehr als eine halbe Spalte seines ftommen Blattes. Er behandelt sie nicht gerade ehrerbietig, er meint, sie besitze jüdische Frechheit usw., aber er würdigt sie seiner geneigten Kenntbrennen 'läsftn^wi'rd?״ MellH'ch HhH? die"nächste niSnahme. Dem ״Czech" ist nämlich der offene' Zukunft. , N. Brief der ״Volksstimme" an den Kardinal in die, _ Krone gestiegen; er ist über diese ״Frechheit" so! ...... r, sprachlos gewesen, daß er vier Wochen lang nichts LAÜU6kgVlIkS0ik11sI David Ritter v. Guttmann wieder schimpfen kann, seinen Lesern ja nicht I flj ^OÖitfcf)(tU. verrät, daß die ״Volksstimme" einen offenen Brief ' an den Prager Erzbischof gewagt hat, sondern I Anläßlich des Ableben unseres Gutsherrn nur einzelne Sätze daraus zitiert. j Herrn David Ritter v. Guttmann, welcher lang- Interessant ist wieder das Verhalten dieses jähriges Ehrenmitglied und Förderer unserer Gesauberen Blattes zu jüdischen Wohltätern und' meinde war, fand Sonntag den 19. Mai im Wohltaten, daß es David Ritter v. Guttmann,1 hiesigen Tempel ein Trauergottesdienst statt. Noch Als ich die Augen aufschlug, sah ich eine schluchzende Menge, die dichtgedrängt den Ung. Broder Tempel füllte, um von ihrem RabbinerAbschied zu nehmen. Da gab es nur eine weinende Seele, nur ein schluchzendes Herz- Mir hartgesottenem Sünder fielen zwei Tränen auf die Hand- Prager Brief. Ja noch mehr. Prager liberale Blätter wissen zu melden, daß die Unterrichtsverwaltung von Prof. Einstein, einem gebürtigen Juden, der jetzt konfessionslos ist verlangt habe, er solle einer Konfession und sei es auch nur der jüdischen Beitreten. Prof. Einstein habe dies aber abgelehnt und eine Berufung an eine außerösterreichische Universität angenommen. Bei dieser Gelegenheit wird uns auch erzählt, daß auch der hauptsächlich wegen seiner Tätigkeit in der freien Schule, freien Gedanken, gedankenfreien Diskussion usw. bekannt. Kinderarzt Prof. Dc. jR. W. Raudnitz nur darum bisher stets von der Unterrichtverwaltung bei Besetzung des Ordinats übergangen wurde, weil er konfessionslos sei und nicht einmal zur jüdischen Religion seiner Väter zurückkehren wolle. So anerkennenswert auch die Propaganda der christlichsozialen Unterrichtsverwaltung für das Judentum ist, im Falle Raudnitz schaudern wir noch heute bei dem Gedanken, daß Raudnitz sich hätte fügen können. Was wären fteie Schule, freie Gedanken, Flamme, wenn sie auf die ragende Intelligenz und reckenhafte Gestatt R. Wolf Raudnitz hätten verzichten muffen, wer hätte diese Besttebungen in Zeitungsartikeln und Diskussionen noch gut lächerlich machen können, wie er? Der ״Osveta Iidu" ist voll Freude, ein Jude ist verbrannt worden, in Kuttenberg verunglückte ein 19 jähriger Gymnasiast und wurde von seinen religiösen Ettern, weil er es im Leben so gewünscht (!), der Feuerbestattung überantwortet. Die erste Leichenverbrennung eines Kuttenbergers, besonders rühmt die ״Osveta lidu“ den Rabb. Dr. Kraus aus Beneschau, der die Einsegnung vornahm und stellt ihn der katholischen Geistlichkeit als Muster hin. Ja die katholische Geistlichkeit wird nicht überall mithatten können, wenn z. B. ein Rabbiner auch am Freitag Schinken ißt. wird wohl kein Geistlicher es nachmachen. Im Uebrigen Verba docent, exempla trahnet, ob sich so ein Rabbiner auch selbst verder konfessionell-jüdische Stiftungen geschaffen hat, in geistreich sein sollender Weise verhöhnt ist ja verständlich, weniger verständlich ist, wenn es sich mühsam die Gelegenheit sucht um dem Baron Nathaniel Rothschild und seine interkonfessionelle 20 Millionenstiftung herabzuwürdigen. lange vor Beginn der Feierlichkeit war das c räumige Gotteshaus bis aufs letzte Plätzchen l setzt. Mit dem Minchagebete wurde die Trauerfeier eingeleitet, worauf Herr Rabbiner Schap dem Verblichenen einen würdigen Nachruf hielt in welchem er die besondere Herzensgute, Wohltättg- Der ״Czech" brachte übrigens auch einen keitssinn und Religiösität dieses Hochedlen schilderte klugen Artikel über die verworrenen polittschen j und den herben Verlust den nicht nur unsere Ge- Verhältnisse in Kroatten, und wie es halt immer geht, der Weisheit höchster Satz war auch diesmal, die jüdischen Freimaurer in Kroatien sind an all dem Unglück schuld. Der ״Czech" hat außer gegen die Juden jetzt auch noch gegen seine GesinnnungSgenossen von der Fraktion des ״XX. Vök“ und ״Venkovan" schwer zu kämpfen. Uns Juden als ftohen Zuschauer dieses Tierkampfes kommt ungewollt dasselbe Wahrwort auf die Lippen ״Schaudere, Bändere e kapore mit enandere." Der längst vergessene Rektor Ahlwardt in Berlin hatte jüngst in Budweis vor Gericht eine Zeugenaussage abzulegen, sein Benehmen war derartig, daß er in eine Ordnungsstrafe von zehn Kronen genommen wurde, der wird jetzt Oestermeinde sondern auch das Gesamtjudentum durch das Hinscheiden dieses Großen erleidet in beredten Worten Ausdruck verlieh. Herr Rabbiner Schap sagte u. A.: Wedovid hu hakoton dieser David Ritter von Guttmann war die Bescheidenheit selbst. Eben Deshalb will ich erwähnen was durch die, diesen Hochedlen so besonders auszeichnende Bescheidenheit nicht allgemein bekannt war und wo wir in Tobjtschau die hohe Ehre hatten davon die Ueberzeugung zu gewinnen. Es war dies: wajischasek dovid baschem elvkow, sein Festhalten an der Religion, an den althergebrachten Sitten, sein edler religiöser Sinn, feine Handlungsweise auf gottesdienstlichem Gebiete und seine Kenntnisse in der heiligen Lehre. So oft dieser Fromme bei Mährisch - schlesische Bank Brünn. Tatopbon Nr. 380, MMH». FferdfoafldsgasSe Nr. 29 kr. uns, iktotafab». EINLAGEN gegen e II 01 gebundene Einlagen lagt Übereinkommen. Baak- ״und in hniwirr Rechnung mit j219 ge«LWenSerA^VSrHen-u.VechÄerg»h»V. verzinst