Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 9 (30.5.1912)
- Date
- 1912-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII|1. Jahrg. Nummer 9 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. m- Bezugspreise: Für Österrelch-Ungarn, halbjährig . . Kronen 520 ganzjährig.'. . Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 8 50 Balkan, Frankreich.Franks 12•— Einzelne Nummer 20 h. «lksßiiWr. 1 xr ■ > Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 K.; Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.! Geschäftsstelle: Wien, l.. Rotenturmstroge 4tr. 3i.! Telephon 3009/VIU. Sprechstunden von 10—12 Uhr. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. I Manuskripten ist Rückporto beizufügen.! Brünn-Budapest Wien, 30. Mai!912. 14. Siwa» 5872. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte:' Die jüdischen Reserveoffiziere in Deutschland. — Die Abschiebsrede (Feuilleton). — Wiener Brief. — Prager Brief — Trauergottesdienst für David Ritter v- Guttmann in Tvbitschau. — Budapester Nachrichten. — Agudath Jisroel. — Prager Nachrichten. — Personalnachrichre!׳. — Des Kindes Gebet (Gedicht). — Emigrantenfürsorge. — Leo Jung. Nationaljudentum. — Jda Barber. Der Märtyrer seines Glaubens. — Bücherbesprechungen. Die jüdischen Reserveoffiziere in Deutschland. Berlin, im Mai 1912. In der Spezialdiskussion über den Etatpunkt ״Verwaltung des Reichsheeres" kam durch einen Volksparteiler im deutschen Reichstag die Zurücksetzung der Juden in der Deutschen Armee zur Sprache. Der Abgeordnete Gothein knüpfte an den bekannten Fall des Osfiziersaspiranten Lieber an. gegen dessen Wahl zum Offizier offiziell ins Feld geführt wurde, daß er im Laden seines Vaters tätig gewesen sei. Nun wies aber der Abgeordnete Gothein nach, daß dieser Grund an sich jeder Stichhältigkeit ermangle, da der Vater des Aspiranten gar keinen Laden besitzt, sondern ein Engroslager führt. Abgeordnete Gothein erklärte übrigens weiter, daß das Milieu, in dem der Aspirant lebe, mitunter sehr minderwertig sein kenne, wofern nur der Bewerber Christ ist- Ich kenne Fälle, führt so Gothein aus, wo der Vater Bäcker war und der Sohn, wenn auch nicht in Uniform, am Verkauf teilgenommen hat. In einem andern Falle hat der Vater amtliche Gelder unter» schlagen und im Gefängnis Selbstmord verübt, und der Sohn ist Reserveoffizier geblieben. Ich billige das auch, aber dann sollte bei jüdischen Offiziersaspiranten nicht da Milieu ins Feld geführt werden. Demselben Beznkskommando, dem der Vizefeldwebel Lieber untersteht, untersteht auch ein Reserveoffizier, dessen Vater ein Kleinbauer war und nebenbei das Leeren der Abortgruben eigenhändig besorgte. Aber wo sind denn die jüdischen Reserveoffiziere? Es ist doch eine starke Zumutung, uns glauben machen zu wollen, daß wirklich konfessionelle Rücksichten nicht maßgebend sein sollen. Der Kriegsminister stellt sich nun auf den Stand- Punkt, er hätte keinen Einfluß auf die Wahl zum Reserveoffizier. Aber er hat doch Einfluß aus die Bezirkskommandeure. Wenn er solche Ausflüchte macht, dann müssen wir ihn eben zurechtweisen." Einer so scharfen Verwahrung gegenüber konnte natürlich der Kriegsminister nicht schweigen- Er ergriff dann auch das Wort um eine lendenlame Erklärung abzugeben, die dem Kern der Sache ängstlich aus dem Wege geht. Kriegsminister von Haeringen erklärte: ״In bezug auf die Zulassung zum Reserveoffizier wird kein Unterschied zwischen Christen und Juden gemacht. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß hie und da auch antisemitische Bestrebungen in der Armeevorhanden sind. Diese sind natürlich zu mißbilligen, aber wo sie.greifbar hervortreten, da wird sofort gegen sie eingeschritten. Das Taufwasser macht keinen Unterschied. Bei den Wahlen zum Reserveoffizier suchen die Bezirkskommandeure zu verhindern, daß jemand sich zur Wahl stell! und nachher durchfällt. Deshalb werden ganz genaue Erkundigungen eingezogen. Wenn man dann sicher sein kann, daß die Wahl des Betreffenden zustande kommt, dann erst wird er zur Wahl gestellt." Die bombastischen Worte können natürlich nicht über die wahre Sachlage hinwegiäuschen. Die Existenz des Antisemitismus gesteht der Kriegsminister zu. von einem Einschreiten gegen ihn und seine Auswüchse ist bisher nie etwas gehört worden. Unwiderlegbar bleib'׳ bloß die Tatsache, daß es ein Jude in Preußen nicht zum Reserveoffizier bringt. Und es liegt dock gar kein Grund zu der Annahme vor, daß alle jüdischen Soldaten weniger brauchbar seien, als ihre christlichen Kameraden. Aber das Prinzip der Judenreinheit des Offizierskorps vom Obersten bis zum letzten Kommando konsequent durchgeführt und der Bezirkekommissär hütet sich wohl, einen Juden zu präsentieren, da er dadurch der Ungnade seiner Vorgesetzten gewiß ist. Da wird lieber gelogen, mit entstellte», unwahren Tatsachen manipuliert, um so der offenkundigen Rechtsbeugung wenigstens offiziell das Mäntelchen der Berechtigung umzuhängen. Verbreitet Hickl’s Wiener ״Jüdischer Volkskalender״ Feuilleton. Die Abschiedsrede. Bon einem Hartgesottenen. Ein gewaltiger, himmelwärtsstrebender Bau. — Der geräumige Saal rechts und links von ehernen Säulen flankiert, von meterstarken Mauern gestützt. In der Mitte eine Kanzel.- Plötzlich geht ein Rauschen durch die Menge. Alle wenden den Kopf nach einer Seite hin. Ein Mann betritt die Kanzel. Tiefes Schweigen. -- Er sprach. — Und als er sprach, da wurde seine Gestalt größer, seine Stimme mächtiger, sein feuriger Blick flammender.- Der Raum schien zu wachsen — die Kanzel sich zu heben — immer höher und höher bis der Mann bei dem Redepult ganz allein oben stand und eine unabsehbare Menge zu seinen Füßen.- Er sprach. — Da begann eine ungemein feine und zarte Musik — so keusch und traut wie das erste Sehnen des Menschenherzens, so tiefbewegt und anmutig, daß den Kindern die Tränen in die Augen kamen und di^ Alten erstaunt innehielten. So innigsüß, daß die Nachtigallen, die von Ferne zuhörten, herzbrechend schluchzten und durch die wetterstarken Mauern ein leises Raunen zog. Ein Instrument ertönte, mit weichem, molligem Klange erst-der Jüngling, den das Hoffen die Brust erweitert — die Jungfrau die in tiefer Sehnsucht nach dem Glück des Lebens lauscht — — dann immer stärker und stärker. — Und die Stimme des Mannes wurde immer gewaltiger und gewaltiger — der liebliche Klang seines Wortes versteinerte sich, das Wetterleuchten seiner Äugen erstarrte in einem strafenden Blicke. — Und, je lauter er sprach, je mächtiger und ergreifender seine Stimme durch den Raum schallte, desto stärker wurde auch die Musik.- -Gewaltige Ströme ergossen sich in den Raum, mächtige Fluten, vor denen es keinen Halt gab, bahnten sich, alles vor sich niederreißend den Weg — Schäumende Wogen stellten sich drohend aus, schienen das gebrechliche Pult zu zertrümmern - der Mann sprach von seinem Leben. Von dem ungeheuren Mute, von dem Fanatismus, widerlicher Neid des Pöbels nichts abbröckeln konnte, von der Enerpie, die, einem Felsen im Meere gleich, alle Angriffe zurückwies mit ihrer granitnen Entschlossenheit, von dem begeistellen Blicke nach oben, von dem ehernen Wunsche Ideales zu schaffen, den Materialismus zu besiegen' von den vielen Kämpfen mit dem unverstandenen Volke, das für Geistiges. Rein — Sittliches nicht zu haben war — von den vielen Enttäuschungen und Schmerzen- Da stiegen die Wogen immer höher, weißlicher Schaum spritzte ihm im ins Gesicht, greulicher Gischt zerrte ihn zynisch hinab- Das Instrument klagte und heulte wie ein Löwe, dem man das Junge geraubt, wie ein tvdwundes Element, das im Kampfe mit dem eleuden Menschen den Todesstoß abwehren will — wie ein Schmerz, hervorbrechend in unendlich ergreifender, erschütternder Weise aus tausend und abertausend Herzen, wie ein Weh', für das es keinen Balsam mehr gibt, wie ein Leid, das unser Innerstes erfaßt hat, das nicht von uns weichen kann.- Die Stimme wurde schwächer, der Andrang der gewaltigen Wogen wich zurück, die klagenden Töne beruhigten sich.- Milde und sanft, doch zugleich stark und fest ertönten die herrlichen Weisen.- Der Mann sprach von der Güte. Von jener Güte, die über alles Schlechte und Niedrige hinweg den Weg zum Herzen des Menschen findet, die dem Schmerze seinen bittern Stachel raubt, die tränende Augen trocknet, die unendliches Leid Sie haben Erfolg! Sie schlagen jede Konkurrenz! Man respektiert Tie! _ _ Wenn Sie einen gutsitzenden Anzug aus der Werkstätte eines Rudolf Goldstein Ge«tlemen-Tail-rs,trage» Men Hk Tab-rstraß- 54 Spezialist in Talaren I Neel.Gediegen.Elegant.BMg | Erstklassiger Zivil-«. Nniformschneider