Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 8 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I'jh. 8. Iatzjsch- B-lkrstim«- Leite 3. Soweit die großen Gründungen deS verstordenen Wohltäters. Ungezählt sind die kleinen Wohltaten, die David v Gutmann im Laufe der Jahre erwiesen hat. Es verging kein Tag. an dem nicht Damen der Gesellschaft mit Ansuchen um Beiträge zu irgend einem wohltätigen Zweck an den Verstorbenen herantraten. Die Ansuchen wurden jedesmal genau geprüft und immer, wenn sie sich als stichhältig erwiese», günstig erledigt. Im Laufe der Jahre wurden die Agenden aus diesem Titel so groß und umfangreich, daß ein einzelner Sekretär sie nicht bewältigen konnte. Es wurde ein kleines Bureau errichtet, das sich mit der Sichtung u: d Erledigung d:r Gesuche zu befasten hatte. Eine Reihe von wohltätigen Vereinen verliert in dem Verstorbenen einen großherzigen Förderer und Gönner. Den philantropischen Verein hat er gemeinsam mit dem verstorbenen Freiherrn von Rothschild gegründet und ihn nun durch ganz außerordentlich hohe Dotierung instand gesetzt, seinen hochherzigen Intentionen im reichsten Maße nachzukommen. Vereine, die Unterstützung von Kranken, Witwen und Waisen sich zur Ausgabe gemacht hatten, bezogen regelmäßige Dotierungen vom Hause Gutmann. Das Testament. Freitag Vormittag ist das Testament David v. Gutmanns eröff.iel worden. Es verlautet, daß das Testament fast durchgehends Verfügungen pri- Vater Natur enthält, materielle Bestimmungen rücksichtlich der Deszedenten, der Töchter und anderer Mitglieder der Familie. Zum Universalerben ist der Enkel des Dahingeschiedenen. Herr Willy Ritter v. Gutmann eingesetzt. Man berichtet uns ferner, daß gemäß den Intentionen des Verblichenen humanitäre Akte großzügigen Stils ins Leben treten sollen, deren Detailausführung jedoch einer späteren Zeit Vorbehalten bleibt. Trauerkundgebungen. In der am 14. d. stattgefundenen Sitzung des Vertreterkollegiums der israelitischen Kultusgemeinde hielt der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern dem Verewigten einen tiefempfundenen Nachruf. In der 39. Generalversammlung der ״Allianz" wurde zum Zeichen der Trauer um den Hingang des Präsidenten, zur Tagesordnung nicht übergegangen. Trauunge«. Sonntag, den 26. Mai 12, r/.3 Uhr nachmittag findet im israel. Tempel. XII, Turnergasse, die Trauung des Frl. Olga Weiß, Tochter der Frau Philippine Weiß, mit Herrn Rafael Margulies, Militäroberarzt staat. Sonntag, den 26. Mai 12. um 1 Uhr nachmittag findet im Tempel, XVIII., Schopenhauerstraße 39. die Trauung des Herrn Wilhelm Toch, Religionslehrer der israelitischen Kultusgemeinde, mit Fräulein Grete Eichner statt. Sonntag, am 19. Mai fand die Trauung des Frl. Berla Stiaßny, mit Herrn Hans Silberstein, Beamter der israelitischen Kultusgemeinde, statt. Sonntag, am 19. Mai, 12 Uhr mittags fand im Josesstädtertempel die Trauung des Frl. Hedwig Bachler, mit Herrn Wilhelm Weiß, Mitchef der Firma Philipp Weiß & Co, statt. Delegiertcnversammluug österreichischer Kultusgemeinde». Am 14. d. fand auf Einladung des Präsidenten des Allgemeinen österreichischen israelitischen Bundes Dr. Alfred Stern im Sitzungssaal der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eine Versammlung der Delegierten der Kultusgemeinden von Niederösterreich. Obervsterreich und den Alpenländern statt. Der Zweck dec Delegiertenversammtung war die Gründung eines Gemeindeverbandes der genannten Kronläuder behufs Schaffung gemeinsamer kultureller und Wohltätigkeitsanstalten. Das vorgelegte Statut wurde angenommen. Zur Anfrage des Delegierten der Mödlinger Kultusgemeinde Herrn Belai, betreffend ein anläßlich der letzten Wiener Gemeinderalswahlen von christlich, sozialer Seite verfaßtes Pamphlet über die Rede eines angeblichen englischen Rabbinners namens Retcliffe, gab der Vorsitzende Dr. Alfred Stern folgende Erklärung ab: ״Einen Rabbiner namens Readcliffe oder Retcliffe hat es weder in England noch anderswo jemals gegeben. Die von der Wiener antisemitischen Bezirkspresse in hetzerischer Absicht anläßlich der Wahlen veröffentlichte und von der antisemitischen Preffe weiter verbreitete angebliche Rede eines Rabbiners ist das Produkt der krankhasten Phantasie eines deutschen antisemitischen Publizisten namens Hermann Goedsche. der im Jahre 1868 unter dem Pseudonym John Retcliffe einen ״Goeta-Warschau-Düpp.׳l" betitelten Schundroman erscheinen ließ, indem einen Rabbiner eine Rede in den Mund gelegt wird, die in jedem ihrer Worte unjüdisch ist, da sie den traditionellen ethischen Grundsätzen der jüdischen Moral geradezu ins Gesicht schlägt. Diese niemals gehaltene Rede eines niemals existierenden Rabbiners gehört also zu jenen Legenden, deren Lügenhaftigkeit von einwandfreien Historikern wiederholt nachgewiesen, die aber von Zeit zu Zeit von den Antisemiten dennoch als angeblich historische Wahrheit aufgetischt werden." Die Versammlung beschloß hierauf namens der von ihr vertretenen Kultusgemeindeu über die systematische Vergiftung der Bevölkerung durch Verbreitung unwahrer Mitteilungen der tiefsten Entrüstung Ausdruck zu geben und diesen Protest, sowie die Erklärung des Präsidenten dem Protokoll einzuverleiben. Eine Protestversammlung gegen das Borgehen des Wiener Rektorats fand Samstag den 18. Mai 6 Uhr abends im Hotel Kontinental Wir haben bereits in vorletzter Nummer die Stellung des Rektorats zu den jüdisch-nationalen Studenten beleuchtet und schärfstens beurteilt. Enthüllung einer Gedenktafel. Sonntag am 19. Mai. 11 Uhr vormittags, fand im Wiener Bet-ha-midrasch. in Anwesenheit des Landesschulrates Dr. Gustav Kohn die Enthüllung einer Gedenktafel für Lekror Friedmann sel., statt. Die Eröffnungsreoe hielt Lektor Rubin, der in warmen Worten auf die segensreiche Tätigkeit Friedmanns hinwies. Dann fiel die Hülle und man sah die schön gearbeitete Gedenktafel. Oberkantor Morgenstern sprach ein Gebet und erhöhte so die Weihe des Augenblicks. Unter den Anwesenden bemerkte man u. a. Herrn Amtsleitec Julius Braun, Herrn Dr. Wachstein. Badener Brief. I. Thora. Die in meinem vorigen ״Badener Briefe" angekündigten Berichte, beginne ich mit der Schilderung, wie es derzeit bei uns mit der ״Talmud- Thora aussieht. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß unser heilige Thora eine Daseinsbedingung für das jüdische Volk involviert, daß die maßgebenden Leiter einer Kultusgemeinde verpflichtet sind, den Religionsunterricht der ״Talmud-Thora" in ihre besondere Obhut zu nehmen. In richtiger Erkenntnis dieser heiligen Aufgabe und in dem Gefühle der Notwendigkeit, beide Schattierungen in unserer Kultusgemeinde zu befriedigen, ist unter Aegide des Vorstandes und des ehrwürdigen Rabbinates nebst Ausgestaltung unserer Religionsschule auch ein ״Bet-Hamidrasch" entstanden. Es ist nicht nur unserem Nachwuchs, sondern auch jedem Erwachjenen, ob Gemeindemitglied oder Fremde die Gelegenheit geboten, in Thora und Talmud ihr Wissen zu bereichern. Es wurden zu diesem Zweck die nötigen Lehrkräfte für unsere Religion« schule angestellt und auch die Stelle eines Talmudisten für das Bet-Hamidrasch besetzt. Damit auch die Kinder unserer Glaubensgenossen in der Provinz keine Einbuße an ihrem nötigen Religionsunter, richt erleiden, wurden sogenannte Wanderlehrer angestellt, nur vermissen wir leider die nötige warme Fürsorge für diese, jede religiös fühlende Familie interessierende Institution. So ist z. Beiip. für den Vöslauer Rayon ein Lehrer, der zugleich in Wien Leiter einer größeren ״Mazzos-Fabrik" ist, angestellt. Einige Monate im Jahre muß dieser Lehrer in Wien seine Zeit zubringen, den Religionsunterricht versieht :nzwischen ein nicht ganz einwandfreier, junger Substitut. Wer kontrolliert diese Eigenmächtigkeit? Diese kaum verständliche Unterlassung, welche unsere ״Schulräte" (bis 100 Zahre) verschulden, indem sie die Wanderlehrer gar nie inspizieren, machen mir die Unzufriedenheit unserer Provinz- Mitglieder begreiflich. Genießen doch diese Mitglieder von den einigen, bei uns noch bestehenden Institutionen sonst keine wesentlichen Vorteile, wo doch die ..Gotel-Balbatem" nach Maßgabe ihrer geleisteten Kultussteuer das statutarisch verbriefte Recht in Anspruch nehmen. Nicht weniger stiefmütterlich wird das Bet- Hamidrasch behandelt. Ich will nicht davon sprechen, wie die Stätte, wo die Thora gelehrt wird, aussieht, ich will nicht über die rußig gefärbten und feuchten Wände, von den abgetretenen Dielen und von dem farblosen Anstriche der Betpulte Kapitel schreiben. Ich will von dem Wohlwollen (?), welches von dem ..Maßgebenden" im Ausschuß, der autorisierten Persönlichkeit, dem ״Ben-Thora" der den heiligen Zweck ״Außig-Bathorä" fördert, dessen materielle Lage zu unserer aller Schande eine stärkere ist, entgegengebrachr wird. Vielleicht wird es der neukonstituierte und rekonstruierte Kultusausichuß einsehcn. das ״Im en Kemach en Thora". Ich hoffe es. II. Schechita. Ein Kühnheit ist es, eine verlorene Sache zu vertreten, schade um die Druckerschwärze, werden die Leser dieses Blattes sagen. — Nicht richtig, meine verehrten Leser! Ich erlaube mir, anderer Ansicht zu sein. ״Im ru w-lau jagid. nasa Awaunau" — mit gutem Willen geht ja, Gott sei Dank, alles. Auch in Wien. Budapest. Brünn und Prag ist es besser geworden. Ich kann es nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit der energischen Intervention und dankenswerter Stellungnahme der ״Jüdischen Bolksstimme" zu ' gedenken. Dieses Blatt, das auch mir in konzilianter Weise seine Spalten zur Verfügung stellt, war es. das in Brünn mit heiligem Eifer für das ״Kaschrus" mit bestem Erfolge eingetreten ist. Den Lesern dieses Blattes ist es gewiß auch nicht entgangen, was der Schreiber der ״Prager Briefe" erreicht hat, wie die ßbrankenlosen Angriffe der Prager antisemitischen Blätter — welche sich jetzt schön ducken — zurückgewiesen wurden. Mögen auch die ״Badener Briefe" solche Erfolge aufweisen! Wer mit tut, ist ״kaune aulom habo". ״Schechita." Da stoße ich auf Mißbräuche, die sich schon seit langer Zeit fortschleppen. In dieser Frage muß eine durcbgreifende Remedur geschaffen werden, denn diese ist ein fundamentaler Bestandteil unserer Religion. Bevor ich diese Mißstände kritisch beleuchte, muß ich mir erlauben, folgendes zu bemerken: Die Tendenz der ״Badener Briefe" ist nicht, wie von gegnerischer Seite behruptet wird, der Ausfluß einer Kampfnatur, die Unfrieden stiften will. Gegenteiliges wird beabsichtigt. Mit dem Oelzweige in der Hand und nicht mit dem Zankapfel, soll ein ideales Ziel erreicht werden. Es zeigt von großem Ungeschick, daß unsere maßgebenden Persönlichkeiten statt die Opposition an sich zu fesseln, diese von sich stößt. Nun zur Sache! Was ist bis heute in der Schechitafrage geschehen'? Nichts, als Halbheiten. Was geschehen sollte, was unser ehrwürdiges Rabbinat verlangt, liegt leider in verstaubten Faszikel im Archive unserer Gemeinde, mit ihr viele Foliobogen beschriebene Referate. Eine ״Haschkacha", welche nur die Ankündigungstafel im Bethausvorraume amtlich dokumentiert, genügt nicht. Daß diese Ankündigungen nicht genügen, beweist der jüngst vorgekommene Fall, wo ״Busor schenisalew minen" verkauft wurden. Ein solcher ״Schochet". dessen Qualifikation ich sonst nicht bezweifeln möchte, muß seinen Austritt von dem Fleischhauer rechtzeitig bekanntgeben, wenn er auch, durch Not gedrungen, nach einigen Tagen wieder eingetreten ist, allerdings war der Name dieses Schochet nicht auf der ärmlichen Ankündigungstafel.(?) Jnsolange das Koschersleisch mit dem tresenen in einem Lokale ausgesch rottet wird, in den Schlachthäusern kontrollos hantiert wird, ferner, insolange Geflügel- Händler, welche ״Mechalel Schabes-besresje" sind, ihre toten ״Erzeugnisse" anstandlos unter der Marke ״Koscher" verkaufen dürfe», sieht es in Baden und in seinen KultuSsprengel, in Böslau rc. sehr traurig aus. worüber so mancher Kurgast bedenklich seinen Kopf schüttelt. Wie merkwürdig ist es doch,, das Unvermögen der Kultusgemeinde ist nicht materieller Natur, auch nicht in der Gesetzgebung des Landes gelegen — wofür der Erlaß der k. k. Bezirkshauptmannschast Zeugnis ablegt — sondern entspringt einer Antipathie, gegenüber dieser eminent wichtigen religiösen Gebote. Die Herren im Vorstande beraten untereinander, hören die eindringlichen Worte von der ״Kanzel" — es nützen keine motivierten Arqu- Die schönste Schrift in kÄrrnier Leit emlcftt jeäemann! K K. brh. aut, Zehtrivrehule- Professor Rudolf Roubitsebek Praa. Aenrelsvlslr 47nacl> auswam »««™יי« unterrni», *»/ rieht nach eig. grr. gerch. Metdscke.