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Jüdische Volksstimme · 1912-05-16 · Heft 7 (16.5.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 7 (16.5.1912)
Date
1912-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Jüdische VvßWimme Nr. 1. schäften waren rechtzeitig durchschaut und durchkreuzt worden, so daß die Auslosung der Geschworenen regelrecht und in Gegenwart der Verteidiger des Angeklagten vor sich gehen mußte. Nach der Auslosung begann nun ein Kesseltreiben, und dieselbe Petersburger oberste Instanz, die vorher zur. Beschleunigung der Affäre gemahnt hatte, erteilte einen entgegengesetzten Wink, worauf das Gericht sich beeilte, den früheren Beschluß aufzuheben und den Prozeßtermin zum Herbst anzusetzen. Sikorski und ObolonÄi waren nur ein Vorwand, aber ein recht unvorsichtiger Vorwand. Denn damit hatte der Gerichtshof nochmals betont, daß er merkwürdigerweise in der Affäre Juscht» schinski dem psychiatrischen Gutachten ein ganz besonderes, geradezu entscheidendes Gewicht beilege, und er konnte schließlich dem in derselben Sitzung von der Verteidigung zum zweiten Male gestellten Antrag auf Zitierung anderer Psychiater außer Sikorski als Experten die Genehmigung nicht mehr versagen. In seiner Not hat er wenigstens die Zahl der außer Sikorski zu zitierenden Psychiater auf einen einzigen reduziert. Die Wahl ist dann auf den Moskauer Professor Serbsky gefallen, und das eventuelle Duell Sikorski- Serbsky würde sicherlich das interessanteste Intermezzo im bevorstehenden Ritualmordprozeß werden, wenn es nicht schon jetzt feststünde, daß Sikorski den Gerichtsverhandlungen überhaupt fernbleiben wird. Denn ein Auftreten vor Gericht im Sinne der Pogromprediger durste der Nagel zum Sarge seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Rufes werden. Wenn ihm bislang als Gelehrten oft genug von berufener Seite der Vorwurf der Chartatanerie gemacht wurde, so werden jetzt auch seine geistigen und moralischen Qualitäten in Zweifel gezogen. Ein Gelehrter, der sich dazu hergibt, die Phantastereien und verbrecherischen Erdichtungen eines unwissenden und verrufenen Archimandriten> wie es der Vikar des Kiewer-Petschersker Klosters Ambrosius ist, durch psychiatrische Belege zu, er- Härten und selbst das Geschwätz der niedrigsten antisemitischen Flugschriften wiederholt, ohne dabei augenfällige Entstellungen zu scheuen, ist: in der Achtung seiner Kollegen von vornherein gerichtet. Unterdes dauert die Hetze mit unbeschreiblicher Heftigkeit fort. In Kiew selbst widmen sich zwei Organe, das Blatt vom Popen Sinkewitsch, das sich hochpatriotisch ״Der zweiköpfige Adler" nennt und die angeblich satyrisch-humoristische ״Spinne" voll und ganz dem Geschrei der Rache. Sie sprechen immer konditionell davon, daß russische Volk die ״Ritualmorde" bald nicht mehr werde auShalten können und sicherlich ein Gemetzel unter den Juden veranstalten werde, wenn es erfährt, wie ״schuldbeladen und blutbefleckt" die Juden seien, und gleich hinterher beteuern sie durch Aufsätze, Gedichte und hetzerische Illustrationen, daß die Juden stets und überall Christeublut gebraucht haben. Wenn sie allerdings in dem von ihnen mit solcher Lust ausgeschlachteten Fall Juschtichinski Tatsachen cmführen sollen, kommen sie mit allgemeinen Redensarten. Für den Beilisprozeß selbst arbeiten sie jetzt ein alphabetisches Wörterbüchlein darüber au/, was ״Geschworene über Ritualmorde wissen solle«'".' Kurzum, sie rüsten sich zum Herbst und. werk,en offenbar den ganzen Sommer hindurch das Mordsüchtige Gesindel in Spannung halten.. Hinter den Gittern des Kiewer Gefäng nisses sitzt aber auch weiter der unschuldige B-ilis. der es bis jetzt noch nicht einmal begxiffen hat, wie er von der Katastrophe betroffen, worden ist. Tr ist ein einfacher Mann, der kaum eine Ahnung: davon hat. daß solche Katastxopheu nicht wenige seines Stammes zugrunde gerichtet haben, und seine Gefangenschaft hat ihn bereits krank gemacht. WaS hat . er je mit hoher Politik zu tun gehabt? Und nun ist er ein Spielball in ihre-n Händen, ein Mittelpunkt de« öffentlichen Interesses Welch Ironie des Schicksals! Ein englischer Protest gegen die ״echtruffische" Ritualmordhetze. Zweihundert vier und dreißig der bekanntesten Männer Englands, darunter die hervor ragendsten geistlichen Würdeutäiger, zahlreich- Staatsmänner und Militärs v«t europäischem Ruf, viele Theologen und sonstige. Gelehrte, eine ganze Schar von Schriftstellern, Redakteuren und Herausgebern bedeutender englischer Zeitungen ufw. haben folgenden Protest gegen den in Rußland überhandnehmenden Ritualmordwahn und die daran sich knüpfende Pogrompropaganda erlaffeu. Der Aufruf lautet in deutscher Uebersetzung: ״Wir schließen uns dem Proteste an. den führende christliche Theologen, Männer der Wissenschast. Politiker und andere Personen in Rußland, Frankreich und Deutschland unterzeichnet haben, gegen den Versuch, der in Kiew unternommen wird, die abscheuliche Anklage des ״Ritualmordes" — bekannt als ״Blutbeschuldigung" — gegen Judentum und Juden neu zu beleben. Wir, die wir aufrichtigste Freundschaft für Rußland hegen, wollen uns keinesfalls in die inneren Angelegenheiten dieses Landes mischen. Noch weit weniger wollen wir auch nur im entferntestendem gerichtlichen Verfahren vorgreifen, mit dem jene Anklage auf das engste veänüpft worden ist. In den Worten des von unseren russischen Freunden und Kollegen veröffentlichten Protestes und in deren Wunsche, auöh von anderen Ländern möge ihre Sache unterstützt werden, haben wir die beste Gewähr, daß: unsere Beweggründe nicht mißdeutet werden körmen. Die Frage., um die es sich hier handelt, ist eine dev Menschlichkeit, der Zivilisation, der Wahrheit. Die ״B'mtbeschuldigung" ist ein Ueberbleibsel aus den Tahen desHexenglaubens und der Schwarzkunfh eiue greuliche, jeder Grundlage entbehrende Verlästerung: des Judentums, ein Angriff auf die westliche Kultur, eine Schmach für die Kirchen, in deren Namen diese Anklage durch unwiffende Fanatiker fälschlich erhoben wurde. Auch andere religiöse Minderheiten als die Juden, wie die frühe Christenheit, die Quäk!» und christliche Miffionäre in Chine sind die Opfer: solchen Wahns gewesen. Die Blutbeschuldigung ist durch die trefflichen Männer aller Zeiten und Religionen gebrandmarkt worden. The Päpste, die Führer der Reformation, der Kalif, Staatsmänner aller Länder, zusammen mit den bedeutendsten Gelehrten Europas haben sie öffentlich für nichtig erklärt. Es ist dringend notwendig, daß die Zeugnisse jetzt eroouert werden, denn unter der unwifstnden und leicht erregbaren Bevölkerung Osteuropas, hat die ״Blutbeschuldigung" oft Anlaß zu schrecklichen Ausbrüchen der Pöbelleidenschasten gegen die Juden gegeben. Er ist ernstlich zu fürchten, daß ihre gegenwärtige Wiederbelebung viele unschuldigen Menscheu in den übervölkerten jüdischen Bezirken des ruflischen Reiches in Lebensgefahr bringen ,wird." \ Unterzeichnet ist der Protest von Randall!?Thomas Davidsohn, Erzbischof von Canterbury, von CoSmo Gordon Lang, Erzbischof von Aork, John Baptist Crozier, Erzbischof von Armagh und Primas von ganz Irland, von Francis Bourne, Kardinal-Erzbischof von Westminster, von den Bi׳ schöfen von London, Winchester, Birmingham, Carlisle, Chester, E^eter, Gloucester, Hereford, Lichfield, Liverpool, Manchester, Oxfort, Rochester, St. Albans, Stepney, Wakifield. Worcester, Bath und Wells, von den Dekanen von Westminster, Canterbury, Norwich, Peterborough und Ripon und verschiedenen anderen Vertretern der Kirche. Unter den Unterzeichnern sind sodann: Herzog von Norfolk, der ehemalige Premierminister Rosebery, Selborne (erster 20rb der Admiralität von 1900 bis 1905). Halzbury (Lordkanzler von 1895 bis 1905), Cromer (Generalkonsul und Minister in Aegypten von 1883—1905), Milner (Staatskommissär für Südafrika 1897—1906), der ehemalige Staatssekretär Landaff, der frühere Premier Balfour, Chamberlain (Kanzler des Schatzamtes von 1903—1906), Rodesdale (Staatssekretär von 1886—1892). Lyttelton (Staatssekretär für die Kolonien 1903—1905), Lang (Minister von 1895 bis 1905), der Präsident des Unterhauses Lowther, der Lordmayor von London CroSby, der ehemalige Gesandte LascelleS, der jetzige Staatskommisiär für die südafrikanische Union Solomon, der Minister für L ^staust ralien Moore, der Staatskommiffär für Neuseeland Hall-Jones, der Minister für Viktoria Taverner, der Minister für Tasmania Call, der Feldmarschall Lord Roberts, der Feldmarschall Sir Evelyn Wood. General Neville Lyttleton. Admiral Fullerstone, Generalmajor Turner, die Namen von etwa hundert Rektoren, Professoren und Kuratoren der Hochschulen von Cambridge. Oxford. London, Birmingham, Edinburg. Glasgow. Dublin. Leiden, eine größere Anzahl von Malern und sonstigen Künstlern, der Führer der Arbeiter-!,yrtei Madconald, der Präsidentder englisch.n schriftstellergesellschakt Thomas Hardy und viele andere Schriftsteller, wie Conan Doyle, Jerome K. Jerome, O'Connor. Pinero, B-rnard Shaw. Trewrlyan usw, sodann die Herausgeber von den Zeitschriften und Zeitungen ״Quarterly Review", ״Edinburg Review". ״Fortmgthly Review". ״Hibbard Journal", ״The Qrest". ״The Spectator", ,The Nation", ״Daily Telegraph", ״Daily News". ,Daily Chronicle", ״Daily Graphic", ״Pall Mall Sazette". ״Westminster Gazette", ״Star", ״Morning Leader" und ״Manchester Guardian", der Präsident der Institut« der Journalisten George Hodgson u. a. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordüsterreichisehen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrlerte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Brünn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschälte, hauptsächlich auch für den Eskompt offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungen. ״Agudath Jisroel? . Frankfurt 0. M , den 13. Mai 1912. DaS Programm der auf den 27. u. 28. Mai nach Kattowitz eiuberufenen Korferenz zur Begründung einer Weltorganisation der gesetzestreuen Judenheit sieht für Montag, den 27. Mai, von 3 Uhr an eine zwanglose Zusammenkunft der Teilnehmer im Sitzungssaals der Synagogengemeinde Kattowitz vor. Die eigentlichen Beratungen beginnen mit Rücksicht auf die von weiterer Entferaung kommenden Teilnehmer erst Dienstag Früh m 9 Uhr in dem gleichen Saale. Die Tagesordnung lautet: a) Begrüßung. b) Bericht des ״Provisorischen Komitees״, e) Generaldebatte. d) Konstituierung der ״Agudgth Jisroel", Festsetzung der Vollmachten des ״Provisorischen Komitees" und Beschlußfassung über Ort und, Zeit der ersten Hauptversemmlung. e) Neuwahl des ״Provisorischen Komitees״,, svs, wie Wahl verschiedener Kommissionensyrhie. Vorbereitung von Programm und StMt, für die Propaganda in den einzelnen Ländern und für die zunächst in Angriff zu nehmen- Gebiete der praktischen Arbeit. Die gewählten Kommission treten Dienstag, Nachmittag von 4 Uhr an, zu ihrer Konstituierung und ersten Beratung zusammen. Das allseitige, zum Teil stürmische Interesse für die Bewegung, das sich in allen Ländern kundgibt, und das dem ״Provisorischen Komitee" zahlreiche Gesuche um Zulassung zu der Konferenz brachte, hat das Komitee veranlaßt, auf den vertraulichen Charakter der Beratungen zu verzichten und die Oeffcntlichkeit, soweit eS die Raumverhältniste gestatten, zuzulassen. Karten sowohl für die geladenen Teilnehmer als auch für die Zuhörer, werden vom ״Provisorischen Komitee" in Frankfurt a. M-, Große Eschenheimerstraße 23. soweit verfügbar, auszu- Atährisrfi-schilesische Bank Brünn Trtopbon Nr. 380■ Ednktt Z verzinst EINLAGEN i «een ÄKhdvumi in laufe•*! Rechnung ■it. Fterdhvanctegasse Nr. 29 :1! Tofcphon Hr. UN«, gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Lankgeschäftc aller Art, BCr»en־u.Wechslcrgr schiffe■

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