Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.5.1912)
- Date
- 1912-05-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII|1. Jahrg. Nummer 7 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. «llrsßiiMk. Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen b 20 ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 650־ Balkan, Frankreich.Franks 12־— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 K. i Geschäftsstelle: Wien, 1., Rolenturmstraße Nr. 31. j Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig.! Telephon 300S/VIN. Sprechstunden von 10—12 Uhr.! Manuskripten ist Rückpotto beizufügen. I Brünn—Budapest. Wien, .K Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Das Offenbarungsgesetz im Altertum, Mittelalter und Jetztzeit. — Der Kiewer Ritualmorbprozeß. — Ein eng» lischer Protest gegen die ״echtrussische" Rltualmordhetze. — ״Agudath Jisroel." — Wiener Jüdisches Leben. — Buda» pester Nachrichten. — Prager Brief. — Brünner Nach» richten. — Badener, Ung.-Broder Brief. — Korrespondenzen. — Eingesendet. — Notiz. — Briefkasten. — Jüdisch-Volk» liche Gedenktage. — Malvine Grünwald (Gedicht). — Max Jung. ״Die Jungen kenn ach doj nicht seh'n!“ — Bücher» besprechungen. — Salamon Dembitzer. Der Wartesaal. — H. Stern. Ein Besorgter. — Vermischtes. — Rundschau. Das Offenbarungsgesetz im Altertum, Mittelalter und Jetztzeit. Schwarze Nacht. Die ganze bekannte Welt eine einzige Sklaverei. Götzenwahn und Leidenschast hemmen jeden sittlichen Gedanken, jede edle Regung. Der Lauf der Dinge scheint unter einem ehernen, unerbittlichen Gesetz feines Weges zu gehen. Man verfertigt sich Götter, schreibt ihnen Einfluß auf das Geschick zu und will sie bestechen. Gott lächelt. Da ist ein armes, gedrücktes Pariavolk. Das Kind im Mutterleibe schon zum Sklaven bestimmt. Kennt keinen Gott, keine Lehre. Lebt nur seinem Frohndienst- Da geschieht etwas Großes. Gott denkt seiner Ahnen, die sich ihm ergaben, sendet ihm einen Erretter und Führer, will es zum Verkünder seines Namens machen. Hell sollte es werden, licht und hell. Gott führt das Volk aus dem Frohnlande, um es den Bedrückern zu entrücken. Führt es durch das Meer, trotz des Landweges. Das Volk soll sehen, daß Er die Natur nicht nur einst geschaffen, sondern auch fortdauernd leitet. Sollte auch sehen, wie Er ein ganzes Volk jahrzehntelang ernähren Ä״lucl m uc״ m ־ ״״״ ״״w״״ |lu, k°nne ohne Anbau und Ernte. Nun standen sie ^!bst an, bevor die Hyänen sich an den Gesetzes- Gottesdienerschaft. Sie sollten der Welt sittlichen Inhalt geben. Sollten sie zu jener Stufe bringen, für den die Sprache nur den armen Ausdruck Herrlich" besitzt. Von Zion sollte die Lehre ausgehen und Gottes Wort aus Jerusalem. II. Israel war von Gott abgefallen und ging ins Exil. Die Mutter, das traute Heimatsland, hatte es verlassen müssen. Gott, der ewige Vater, begleitete es auf allen seinen Wegen. Den konnte ihm niemand rauben. Jetzt kam ihm erst zum Bewußtsein, was es an seiner Thora besitze. Europa war auf das tieffte Niveau gesunken, Israel blühte. Man konnte es plündern und verjagen, Lehrhaus und Familie blieben ihm; aus ihnen sog es Energie zum Wiederleben und mit Gott im Herzen und der Thora im Arm zog es ins Ungewisse. Kam das Frühjahr und mit ihm das Wiegenfest der Offenbarung, wer war glücklicher als diese verfolgten, gemarteten Juden War doch die Thora die Feuersäule, die ihnen in beffere Zeiten voranleuchten sollte, war sie doch die Grundlage ihres glücklichen Familienlebens, die Quelle, aus der sie immer wieder Geist und Erkenntnis und Trost schöpften. Die Thora erhielt den Geist und die Lebenskraft des schwergeprüften Volkes aufrecht. Je größer der Druck von außen ward, desto inniger versenkte man sich in die Schächte der Thora und des Talmuds. Alles lernte und lehrte. Von Frankreich ging die Lehre aus, und Gottes Wort aus Deutschland. Als die Kreuzritter in die Ghettis der Rheingemeinden eindrangen und ihr Liebeswerk durch Mord, Brandschätzung und Schändung des alten, armen Judenvolkes weihen wollten, da schloß sich Groß und Klein. Männer und Frauen Greise und Kinder in den Synagogen ein und zündeten sich beim Sinai. Die Natur wütete. Berge wankten, alles war aus den Fugen. Der Mensch sollte aufrecht bleiben. Gott sprach: Ich bin Gott, bin vor allem Dein Gott, habe Dich erlöst aus tiefstem Elend. Erkenne mich als den ausschließlichen Lenker Deines Geschickes an. Heilige Meinen Namen, heilige den Sabbat mit dem Ich Meine Schöpfung vollendete und krönte. Ehre die Eltern und liebe deinen Nächsten. Liebe ihm wie dich selbst. Wahrheit folgte auf Wahrheit. Gott verkündete die Menschenrechte, segnete die Sklavenhorde als sein erwähltes Volk und verhieß das Gottesreich. Die Lehre kam nicht aus dem Volke, sondern an das Volk. Das Volk war tief erschüttert. Es beschwor für sich und alle künftigen Geschlechter die Theokratie. Der Führer und Lehrer bestieg den Sinai, rollen und den Frauen heranwagen konnten. Mit der Thora im Arme starben sie um ihretwillen. Das war in den Tagen des Offenbarungsfestes. Das war selbst eine Offenbarung menschlicher Größe und Hoheit. Aber tief unter der Erde keimten schon die Symptome einer neuen, befferen Zeit. III. Besseren Zeit? Trümmer! so weit das Auge Kaum begann die Freiheit sich schüchtern zu regen, als auch schon das geoffenbarte, göttliche Gesetz zur philosophischen Spekulatton degradiert ward. Es wurde schließlich unbequem und unmodern, zumal soziale und technische Fortschritte ein neues, glänzendes Glück zu verheißen schienen. um das vollständige ethische, religiöse und nationale Da < Festhalten an der Thora war fortan Partei- Gesetz zu empfangen. Heilige sollten sie sein, heilig sache, zu der man sich stellen könne, wie man gleich Gott der sich ihnen offenbarte. ~ ~ *־ ־ ~ ‘ Sie sollten ein Segen werden und die Völker der Erde sich mit ihnen segnen. Sie sollten die Heidenvölker aus den tiefen Niederungen ihres Wahns emporführen zu den lichten Höhen der wolle. Die Auflösung des Judentums schien überhaupt nur noch eine Frage der Zeit. Bon Frankreich ging die Assimilation, die Selbstverleugnung aus, und der Abfall von Gott aus Deutschland. Trümmer und rapider Verfall, so weit das Auge reicht. Die Religion den ״Seelsorgern" überlassen, die Thora wohlversperrt in den Schränken der Tempel, die Jugend um den Glauben betrogen und dem Volke entfremdet. Das ist die Reform, erkennt sie an den Früchten! Soll es wahr sein, daß das Judentum nur in Not und Verfolgung gedeihen kann? Muß so ein großes, altes Volkstum, das die treibende Kraft jeden Fortschritt, jeder edlen Bewegung war, ohne welchem Europa heute noch ein abscheuliches Heidentum wäre, zugrunde gehen, ohne daß jemand Hand anlegen wollte, zu helfen?! In tiefer Nacht des neuen Lichts gehen wir weiter. Planlos, ziellos, führerlos. Wie wird das große Drama lenden? Und so ist abermals das Offenbarungsfest herangerückl. Der prangende Frühling hat sich wieder aus Dunkel und Frost herausgearbeitet und wieder jubelt die verjüngte Erde in Billionen Tönen. Sollte das nicht für uns ein höherer Fingerzeig sein uns endlich mit Simsonskrast aus dem Egoismus und der Lethargie aufzuraffen und das Thorajudentum neu aufzurichten? Wollet! und eS ist kein Märchen. Wien. L. Grünhut. Der Kiewer Ritualmordprozeß» Von verblüffender Unzweideutigkeit war der neueste Gerichtsakt in der Kiewer Rilualmordaffäre. Eben war der Beschluß geiaßt worden, daß der Prozeß am 17. Mai stattfinden soll, und wenige Tage darauf die plötzliche Aufschiebung des Prozeßtermins bis zum Herbst! Formell begründete das Gericht seinen blamablen Beschluß damit, daß die von ihm bereits in der Voruntersuchung herangezogenen Sachverständigen Prof. Sikocski und Prof. ObolonSki — der elftere wegen Krankheit, der andere wegen Arbeitsüberlastung — um die genannte Zeit den Gerichtsverhandlungen würden fernbleiben müssen. Das Gericht vergaß dabei ganz und gar, daß es noch vor kurzem die von der Verteidigung beantragte Vorladung von anderen Psychiatern als Sachverständigen mit der Begründüng abgelehnt hatte, sie hätten in diesem Prozesse nichts zu suchen. Und nun ist der Psychiater SikorSki einer der zwei Experten, deren Abwesenheit die Aufschiebung des ProzeßterminS für Monate zur Folge haben soll. In Wirklichkeit sind die Motive des Gericht«- Vorgehens ganz andere. Zwischen der einen Terminbestimmung und der anderen hatte in einer speziellen Sitzung die Auslosung der Geschworenen stattgefunden, und das Ergebnis dieser Auslosung verschnupfte die Schwarzhundertler gar sehr und versetzte sie in unbeschreibliche Raserei. Warum das? Einzig und allein weil die ausgelosten Geschworenen zu den gebildeten und geachteten Personen der Stadt gehören, denen von oben herab ein Verdikt nicht aufzuoktroyieren wäre. Das war aber gar nicht im Sinne der Hetzer, die im Gegenteil hinter den Kulissen alles mögliche getan hatten, um eine willkürliche Auswahle von Geschworenen aus ihrer Mitte zustandezubringen. Diese Machen- Sie haben Erfolg! Sie schlage» jede Konkurrenz! Man respektiert Tie! Wenn Sie einen gutsitzende» Anzug aus der Werkstätte eines Rudolf Goldstein Gentl-m-n-Tail-rs tragen Wien % Taborstraße 54 Spezialist in Talaren 1 Reel.Gediegen.Elegant.Billig | Erstklassiger Zion-«. u»iformsch«ewer