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Jüdische Volksstimme · 1912-05-09 · Heft 6 (9.5.1912) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 6 (9.5.1912)
Date
1912-05-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Jüdische Bottsstimme machen. Den Höhepunkt der zionistischen Arbeit bildete die glänzend verlaufene ״Makkabäerfeier" mit Herrn Dr. L. Reich, Lemberg, als Festredner und Herrn Feldmar als Rezitator. Zum Schlüsse wäre noch zu erwähnen, daß der Verein für alle zionistischen Institutionen intensiv arbeitete. Er ist auch bemüht, die P.L.D.C. nach Kräften zu fördern. So hat er in letzter Zeit einen Share-Klub gebildet, welcher der erste in der Bukowina ist. Er beabsichtigt auch in Kürze in den größeren Ortschaften der Bukowina die Gründung von Share-KlubS zu betreiben. Am Schlüsse seiner Ausführungen konnte der Präses mit Befriedigung auf die Tätigkeit des Vereines . zurückblicken. Die Chargenwahlen für das 14. Semester 1912 ergaben folgendes Resultat: Markus Brecher X (Präses), Ludwig Chaies X X (Vize- Präses) und Jakob Bartfeld XXX (Schriftführer). L. CH. Krankkeilen der Nerven, des Magens, Darmes etc. werden mit Erfolg im Dr. Mbanr Sanatorium in TISCHNOWITZ kuriert. — Prospekte Korrejponäenzen. Nikolsburg, 7. d. Vorgestern starb hier der Geschäftsmann Anton Schiller im 84. Lebensjahre. Der Verblichene war der einzige noch, der unter dem berühmten Radetzky den Feldzug in Italien mitgemacht. An dem Leichenbegängnisse beteiligte sich ein zahlreiches Publikum und korporativ der Verein gedienter jüdischer Krieger. Herr Schiller war auch ein Jude, der unseren Traditionen gemaß lebte und war auch in der Synagnge ein häufiger Besucher. — Herr Jakob Spitzer, gegenwärtig Prokurist bei der Weingroßfirma Teltscher & Glattauer feierte sein 25 jähriges Jubiläum als Angestellter bei der genannten Firma. Aus diesem Anlasse verlieh ihm der mährische Gewerbeverein die große silberne Verdienstmedaille, welche dem Jubilar von dem Statthalter mit einer Glückwunschavsprache überreicht wurde. Möge es Herrn Jakob Spitzer, der auch ein sehr eifriges Mitglied unserer Kultusvertretung ist, vergönnt sein, noch lange rüstig schaffend zu wirken. Ung.-Brod, 5. Mai. Im jüdisch-literarischen Verein ״Chorebh", der vor 21 Jahren von Sr. Ehrwürden, Herrn Rabbiner Dr. Jung gegründet wurde, eröffnete gestern abend Herr k. k. Steuerassistent Herm. Tauber den diesjährigen Sommerzyklus durch einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über das Thema: ״Worin liegt die moralische Stärke des Judentums?" Der Redner verstand es in seiner klaren Weise das Thema nach mehreren Seiten hin zu beleuchten urid durch Beispiele aus der Geschichte des jüdischen Volkes treffende Schlußfolgerungen auf jene unwägbare Macht zu ziehen, die uns Gegenern, ob geistig oder physisch, überlegen zeigte und den Bestand unseres Volkes gesichert hatte. In der darauffolgenden Diskussion nahm Herr jur. Jung das Wort, der Ergänzung des gelungenen Vortrages auf die jüdischen Gesetze hinwies, die als Speisegesetze dem tierischen Genußtriebe eine Schranke setzen, als Keuschheitsgesetze die unverwüstliche Kraft jüdischen Familienlebens bilden, als Gesetze der Nächstenliebe und Armenfürsorge jenes ״jüdische Herz" voll Güte und Zartheit geschaffen haben, das heute noch allen Nationen vorbildlich ist. Herr Karl Beck wies auf das schon in Bibel vorkommende Beispiel von Balak und Bileam hin und sagte, daß die Kraft des Judentums bis nun in seiner Einigkeit beruhte. Diese sei anzustreben. Herr Bernhard Kohn nahm als langjähriger, treuer Mitarbeiter des ״Chorebh" Gelegenheit, dem Schmerze des Vereines über das Scheiden des Herrn Rabbiners beredten Ausdruck zu geben und zu betonen, daß die Ung.-Broder Vereine, die sämtlich von Herrn Rabbiner Dr. Jung gegründet wurden, vor allem aber der ״Chorebh", durch gewissenhafte Pflege der Intentionen seines Schöpfers dem scheidenden Odmanne ewiges Andenken sichern wollen. Herr Jakob S. Schön hofft, daß durch die Tätigkeit des Vereines das Interesse für jüdische Literatur zunehmen werde. Er erzählt, daß in früheren Jahren die bekanntesten jüdischen Gelehrten dein Rufe des ״Chorebh" willig gefolgt waren und meint, daß dies auch jetzt geschehen werde. Nun nahm Herr Obmannstellvertreter I. Konrad- Kohn das Wort, dankte dem verehrten Herrn Oberrabbiner Dr. Jung für sein Erscheinen, versicherte ihn der Ergebenheit der Broder Jugend und bat ihn, auch in der Ferne des Vereines zu gedenken. Hiemit schloß der zahlreich besuchte, genußreich verlaufene Abend. — Der Vorstand des ״Chorebh" wendet sich zugleich au die jüdische Oeffentlichkeit mit dem höflichen Ersuchen, seinen Bestrebungen durch Bücherspenden (namentlich jüdische Literatur) und durch freiwilliges Abhalten von Vorträgen entgegenzuknmmen. Den letzteren Wunsch dürften namentlich die ehrwürdigen Herren Rabbiner bei ihrer bekannten Opferwilligkeit fördern, umsomehr als ganz besonders durch Vorträge das Interesse für Judentum und jüdisches Wissen geweckt. Lemberg, am 30. April starb hier der gewesene langjährige Direktor der Galizischen Hypothekenbank Moriz Lazarus, der Schwiegervater des Abgeordneten Dr. Diamand, im Alter von 80 Jahren. Der Verstorbene stiftete unter anderem für den Bau eines israelitischen Spitals eine halbe Million Kronen. Satoraljaujhely (Komitat Zemplen, Ungarn). Die ״Machsike Hadasz "-Vereinigung der Komitate Abanj, Saios, Zemplen, Dorsod, Szepes und Gömör hielt am 29. April in Sawraljanjhely ihre diesjährige Generalversammlung ab. Zu derselben erschienen beinahe sämtliche Rabbiner der obgenannten sechs Komitate, etwa 50 an der Zahl und zahlreiche Delegierte, weltliche Ausschußmitglieder des Vereines. Oberrabbiner Fischer aus Eperjes. leitete die Versammlung, welche von 10 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends mit einer kleinen Unterbrechung. In dieser Versammlung wurden sehr wichtige Beschlüsse gefaßt, welche berufen sind, zur Stärkung viel beizutragen. Es wurde beschlossen, eine Aktion einzuleiten, daß solche Rabbiner, welche ihren Posten fürs Geld sich erkaufen, von den Rabbinern boykottiert werden sollen und ihre Hatara nicht anerkannt werde. In der in Ungarn seitens der Neologen aufgeworfenen Unifikationsfrage wurde einhellig eine Resolution gefaßt, daß das orthodoxe Juden» tum mit allen Mitteln gegen die Vereinigung kämpfen solle, ein glaubenstreuer Jude darf einer solchen Beratung, welche die Unifikation verhandelt, nicht teiluehmen. Die Regelung der Jeschiwas und Unterstützung der Talmud-Thoras wurde beschlossen und die Sammlung eines Fonds für arme Bachurim wurde angeordnet. Eine Kollekte an Ort und Stelle ergab 1700 K zu diesem Zwecke. Die Aufsicht der Ritualgegenstände wurde von den Rabbinern urgiert und wurde beschlossen einen Szofer hiezu anzustellen. DieSchochtim-Definitivumfrage so auch die Hechscherim-Angelegenheit wurde gründlich partraktiert und der Erledigung näher gebracht. Die ott.-israel. Gemeinde hat die versammelte Rabbiner als ihre Gäste bewirtet, und ihre Schullokalitären den Verein zur Verfügung gestellt. An Arangement und Aufrechthaltung der Ordnung hat das Vorstandsmitglied Adolf Deutsch wacker gearbeitet. Die Rabbiner setzten noch ihre Beratung bis nach Mitternacht fort und erledigten zahlreiche laufende Angelegenheiten. Wich. Alexander. Satoraljaujhely. Eine mitleiderregende Reisegesellschaft wetlte diesen Schabos in unserer Stadt. Vier russische Familien, Handwerker (Tischler, Klempner) aus 22 Mitgliedern bestehend, von denen etwa 16 kleine unmündige Kinder sind, auch ein 16 Tage altes Kind war unter ihnen, die zur Zeit des russisch-japanischen Krieges von Rußland flüchteten und in Czernowitz sich niederließen, von wo sie jetzt ausgewlesen wurden, passierten unsere Sradt. In mit je zwei Pferden bespannte Wägen (nach Art wandernder Zigeuner), fahren sie vis Triest, wo sie sich emschiffen wollen, um, wie sie sagen entweder nach Palästina oder Argentinien auszuwandern. Woher sie die Spesen zur Fahrt nehmen werden, wissen sie noch nicht. Die jüdischeu Einwohner versahen die Armseligen mit allem uötlgen. Sonntag fahren sie weiter. Die Polizei bewacht sie — oaß sie nicht hier bleiben sollen. Halevi. St. Petersburg. Die jüdischen Advokatursgehilfen werden von emer großen Gefahr bedroht; der Justizminister will in Zukunft die Tätigkeit der jüdischen Advokatursgehllfen von einer vom Justizministerium in jedem einzelnen Falle zu erteilenden Erlaubnis abhängig machen. Bisher konnten die Juden, denen die selbständig» Ans- Übung der Advokatie in Rußland verboten ist, zu dem Auskunftsmittel greifen, sich als Advokatursgehilfen eintragen zu lassen und so ihre Praxis auszuüben. Das soll durch die neue Verfügung verhindert werden. Eine Deputation, die beim Justizminister vorsprach, wird amtlich dazu verhalten über die Audienz Stillschweigen zu bewahren, doch verlautet der Minister haben die Verfügung als unabänderlich bezeichnet und nur die Möglichkeit zugestanden, daß diese Verfügung keine rückwirkende Kraft habe, also die bereits als Advokatursgehilfen tätigen Juden nicht schädige. Kückerbespreckrungen?) Heiue H-, Ausgewähltc Prosaschrifte». Aritz Eckart», Verlag, G. m. b. H., Leipzig- Dieser hübsche Pappbanb vereinigt die besten Prosaschriften dieses »lassikers, darunter auch das Romansragment ״Ter Rabbi von Bachrach". Zu Geschenken bei freudigen Anlässe» -׳c. ist das Buch sehr geeignet. Das Buch kostet in Leinen 3 60 Kronen, in Leder 6•— Kronen. Alexander Castell. Beruards Versuchung. Roman, llmschlagzeichnung und Einband von Alfons Woelfle. Geheftet 2 50 Mk., in Leinen 7- Mk.. in Leder 10 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Ich habe diesen Roman mit Entzücken und Bewunderung gelesen. Ich weiß nicht, ob es die wundervolle Diktion ist, die mich so bezaubert hat, oder das lebensüberschäumende Paris, das in diesen Blättern auflebt, oder die Menschen, von denen ein Strom des auspeitscherden Daseins ausgeht: Aber dieses ist mir bewußt, daß ich das Werk eines großen Dichters empfangen habe, dem ich gerne einmal die Hand drücken möchte. Wie dort eine glänzende Welt von Genuß zu Genuß unersättlich jagt, wie bunte Geschehnisse sich avspielen, Menschen sich dem gewaltigen Erlebnis unterwerfen, ist mit entnervender Spannung ugtz virtuoser Kunst zu einer Dichtung gestaltet, welche die gierigste Hingabe erweckt. Fgm. WolfSthal. Man hat in letzter Zeit schon wiederholt die Beobachtung gemacht, daß eine gewisse Bewegung im Zuge ist, welche darauf abzielt, Talenten aus künst« lerischem Gebiete die Bahn zu ebnen. Leider ist diese Bewegung nicht so weit gedrungen, daß sie auch bereits anerkannte Talente in ihrem Schaffensdrange unterstützen und fördern würde. Ein solches musikalisches Talent von ganz hervorragender Bedeutung ist entschieden der jüdische Komponist CH. Wolfsthal, der in Tarnopol lebt und wirkt und seit einer Reihe von Jahren Kompositionen und Mu- Mücke aus dem jüdischen Leben produziert. WolfSthal ist entschieden ein musikalisches Genie. Seme Tondichtungen enthalten Motive aus dem Volksleben und geben die ganze Skala der Empfindungen des jüdischen Volkes wieder. Er findet die schwermütige Melancholie ebenso ergreifende Töne wie für die tändelnde Lyrik. Speziell seine jüdischen Kompositionen sind sanglich, melodienreich und oft von übermütiger Laune getragen. Dazu kommt noch, daß er die Technik in hervorragendem Maße beherrscht. Und es ist auch gar kein Wunder, daß der Kritiker der ״Vossischen Zeitung" aus Anlaß einer Besprechung die Bemerkung machte, daß Wolfsthal einen wahren Schatz von Volks- Melodien in fich trägt, von dem so mancher moderne Komponist schöpfen könnte. In der Tat hat WolfSthal mit feinen Werken in allen größeren Städten Europas und Amerikas enthusiastische Anerkennung gesunden. So wurde seine Operette ״Die Tochter Jerusalems" in New-',York, Paris, London, Berlin, Wien, Budapest, Warschau und Kiew ausgesührt. Es ist daher aufs freudigste zu begrüßen, daß sich nunmehr ein musikalischer Verlag gefunden hat, der die Werke Wolfsthals herausgibt und sie den weitesten »reisen bekannt machen will. Es ist dies der Verlag M. Landau in Czernowitz, bei dem zunächst die zwei Werke ״Die Tochter Jerusalems" und ״jüdischer Tanz" erschienen sind. Wir lenken auf diese musikalischen Werke die Aufmerksamkeit der musikalischen Welt. üiuulfcftaii. Ueber verstecktes Hebräisch i» unserer Sprache macht I. Blanzger in der ״Frkf. Ztg." interessante' Mitteilungen. Er schreibt unter an» ״Nehmen wir das Wort ״Haube"; nicht die ehrwürdige unserer alten Damen, sondern die, unter welche die jungen kommen wollen. Nach Goethe ״glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen"; so glauben denn auch viele, daß die bekannte ״Haube" irgendwo oder irgendwann in Beziehung zur Ehe gestanden oder stehe. Weit gefehlt: die vermeintliche Ehe-״Haube" ist der Trauhimmel der Juden, die ״Chupah", vulgär ״Chuppe" genannt, die sich allmählich in die ״Haube" verwandelt hat und nur in diesem Zusammenhang mit Trauung und Ehe steht. Ihr verwandt ist der ״Korb". ״Einen Korb senden", woraus sich später ״einen Korb geben" oder ״bekommen" entwickelt hat, das angebliche Symbol einer Weigerung, einer Absage, hat mit dem bekannten stummen Gebrauchsgegenstand nichts gemein. Der ״Absage"-Korb ist vielmehr der lebende, möglichst zungengewandte Verwandte, hebräisch ״Koreb", den der von einer beabsichtigten Verbindung zurücktretende Teil mit der Motivierung *) Zu beziehen durch den Jüdischen Buch- und Kunst- Verlag in Brünn.

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