Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 6 (9.5.1912)
- Date
- 1912-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Jüdische Volksstimme weil sie trotz ihrer Jugend die typischste ist und dieses Bestreben am deutlichsten zeigt. Weil sie dadurch, daß täglich über 400 jüdische Studenten in ihren Räumen zusammenkommen gewissermaßen einen geistigen Brennpunkt der jüdischen Studentenschaft in Wien bildet und so am geeignetsten ist. mitzuhelfen zu einer weiteren Verständigung. Hier, in den Räumen der Mensa haben die Heimatslosen ein Heim, ihr Heim. Denn die jüdischen Studenten haben sich es selbst geschaffen... Viel wird jetzt von einer jüdischen Zukunft gesprochen. Heftig und leidenschaftlich wird von beiden Seiten pro und kontra verteidigt. Die Frage ist aktuell und darüber zu sprechen gilt als modern. Ruhig sehe ich dem Wort» und Federkämpfe zu. Nein > Einem Volke, daß schon eine solche Jugend har, braucht um seine Zukunft nicht bange zu sein. Der jüdischen Oeffentlichkeit aber fällt die Aufgabe zu, durch Spenden und Sammlungen die jüdische Studentenschaft in ihrem kollegial-humanen Werke zu unterstützen. A. E. R-r. Diskonto-Gesellschaft bei der Nordösterreichischen Bank für Industrie, Handel und Landwirtschaft, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung in Briinn, Ferdinandsgasse Nr. 33 Telephon 1340. Empfiehlt sich für alle einschlägigen Bankgeschälte, hauptsächlich auch für den Eskompi offener Buchforderungen unter den allergünstigsten Bedingungei. Aus dem Leben CH. N. Bialiks. Von Hermann Menkes, Wien. Ein Dichter von Qualität, dessen künstlerisches Schaffen an der Tagesform zerbricht; ein Vielversprechender, dem es noch nicht vergönnt war mit einer größeren Leistung hervorzutreten, obwohl wir nicht glauben, daß dies dem künstlerischen Unvermögen entspringt: — Hermann Menkes, spricht im ״N. Wr. Journal" über unseren Nationaldichter Bialik. Wir geben seinem Urteil, das eines klugen Kopfes, die Wertung einer hohen Instanz. — ״ •״Aus dem Osten" usw. ״Aus dem Osten dringt zu uns eine Stimme von eigenem Klang und so mächtig, daß wir ihr lauschen müssen. Es sind die Gesänge CH. N- Bialiks, eines hebräischen Poeten aus Rußland. Seine Gedichte liegen in einer vorzüglichen Uebersetzung des Wieners Ernst Müller in deutscher Sprache vor. (Köln, Jüdischer Verlag.) Diese Gesänge sind nicht nur als Kulturdokumente interessant. Ein Dichter von großer Gewalt des Ausdruckes tritt uns entgegen, einer, dem ein ansehnlicher Platz in der modernen europäischen Literatur zukommt. Die Modernität ist bei ihm von rein menschlicher und intellektueller Art, als Poet wirkt Bialik wie ein Verspäteter aus der großen romantischen Epoche der slawischen Literaturen, einer aus dem Geschlechte der Mickiewicz und Slowacki, mit welchen er dieselbe Heimat teilt. Wie diese wurzelt er ganz im Nationalen, schöpft er aus der Tragödie des eigenen Volkstums. Es ist etwas von Messianismus, von Prophentum in seinen Dichtungen, die er unmöglich in die liedmäßige lyrische Form einzuzwängen vermag. Zu großen Symbolen gestaltet er das eigene Erleben um, die ein Volksleid umfassen. Die alte, stolze Sprache des Judentums, die er wie die biblischen Meister handhabt, gibt ihm die Pracht des Bildnerischen, ihre leuchtende hieratische Schönheit. Von seinen engeren Volksgenossen im Osten langst geliebt und verehrt, ist Bialik der sonstigen europäischen Welt noch ein Unbekannter. Aber er wird wohl schon in kurzer Zeit Morris Rosenfeld, den Sänger des jüdischen Elends, überstrahlen. Bialik ist kein Stadtkind, ist hinter Gettomauern nicht aufgewachsen. Sein Getto war das eigene Elternhaus. In dem Dörfchen Radi in dem polnisch-russischen Gouvernement Wohlin ist Bialik im Jahre 1873 geboren worden. Hier war sein Vater Besitzer eines ärmlichen Dorfwirtshauses. Es scheint viel Elend in dem Elternhause geherrscht zu haben, und der Dichter schildert es in den ertzteifendsten Worten und Bildern: Wißt ihr, woher ich mein Singen geerbt? Im Haus meines Vaters wohnte ein Sänger, Der hinter dem Hausgeräte sich barg, In Spalten nistend, in dunklen Löchern — Der kannte nur einen Marterton,' Ein ewig eintöniges Lied der Qualen. Wenn Armut den Vater zwang, zu entweihen Den Sabbat, es mangelten Wein und Brot — Die Lampen verpfändet, an ihrer Stelle Magere Kerzchen, befestigt in Lehm. Es tanzten die Schatten — und sieben Kinder, Alle hungrig und manche schlafend. Umgaben den Tisch- Die Mutter in Gram, Selbst dann, wenn die Sabbatengel wir grüßten. Dann schnitt der Vater mit stumpfer Klinge Zum Heringschwanz ein ärmliches Brot. Wir knabberten noch und eh' die Portton Verschlungen, die schmutzige, dumpfe und schale, Erfüllten uns Tränen: gleich Waisen verlaffen, Sangen wir mit knurrendem Magen Die Sänge des Vaters. — Dann tönt es im Winkel. Die Grille gehört zur Gemeinde und singt. Gierig saugt der Knabe in sich die Eindrück׳ der Einsamkeit, der Naturumgebung ein. nimmt er in sich eine Welt von Legenden und Sagen auf. Das russische Dorf ist düsterer als ein anderes und stark weckt sein rauhes Leben die Versonnenheit des Kindes. Sechs Jahre alt, erzählt Bialiks deutscher Uebersetzer, wandert er mit seinen Eltern in eine Vorstadt von Schitomir, mit sieben Jahren verliert er seinen Vater und wird in derselben Stadt dem Großvater zur Erziehung übergeben. Schon hatte Bialik den Cheder besucht, jene dumpfe Stube, in welcher den ganz kleinen Knaben die Elemente jüdischen Buchwissens in pädagogisch unmöglicher Methode eingedrillt werden. Nach vollendetem dreizehnten Lebensjahre kommt der Knabe in das Bet-Hamidrasch. in das eigentliche Lehrhaus, die Stätte der Talmudforschung, welche allerdings in der Handelsstadt völlig verwahrlost ist. Einsam, fast nur mit einem greisen Talmudisten zusammen, verbringt Bialik hier Tage und Jahre. Eine große Sehnsucht nach lebendigem Wiffen tteibt ihn in die Ferne, und er erhofft von der Jeschibah in Wolosin. einer Art rabbinischer Hochschule, sein Heil. Wolosin aber ist erst die Vollendung dessen, was Bialik fliehen wollte. Weder bildet hier totes Wissen den Mittelpunkt des Lebens. Er selbst taucht eine Zeitlang ganz in die Atmosphäre eines Talmudjüngers unter. Angeregt von der zionisttschen Bewegung, die eine Renaissance der jüdischen Literatur herbeiführte, schreibt Bialik seine ersten Gesänge nieder. Er verläßt Talmud und Jeschibah und wandert nach Odessa. Trotz äußerster Mühseligkeit ist ihm hier eine freie Entwicklung seines Wesens gesichert. Rawnitzki. ein liebevoller und einsichüger Krittker, erkennt in Bialiks Gedicht ״An den Vogel" das erwachende Talent. Der Tod des Großvaters ruft Bialik für kurze Zeit in seine engere Heimat zurück. Ein Fremder, betritt er die Schwelle des Bet-Hamidrasch, das er in ttefer Ergriffenheit besingt: Heiligtum der Kindheit 1 greises Bet-Hamidrasch, Wieder überschreit' ich deine welke Schwelle, Schaue wieder deine rauchgefleckten Wände, Deiner Dielen Schmutz, die rußgeschwärzte Decke. Alles wüst und öde ohne Festespilger, Gras wächst auf den Bahnen, Unkraut auf den Stegen — An der Decke zittern lange Spinngewebe, Durch des Daches Luken krächzen jetzt die Raben; Stein auf Stein zersplittert, sind geborsten deine Säulen, du nur stehst noch lebend wie ein Wunder. Eine Lade ohne Torah liegt im Staube, Grüne Pergamente modern in der Tonne, Traurig blinken Strahlen durch der Wände Riffe, Jede Ecke trauert, jeder Winkel weinet. Bet-Hamidrasch-Wande, eines Tempels Mauern, Berge alten Geistes, Hort des ew'gen Volkes! Warum steht ihr also, schweigend und verzweifelt? Nach der stammen Sitte mit achtzehn Jahren schon verheiratet, muß Bialik zuerst durch Holz- Handel, dann indem er einen Verlagsgeschäft beitrat, für den Unterhatt seiner Familie sorgen. Er führt eine ärmliche Existenz, bis sich seine Verhältnisse als Redakteur einer hebräischen Monatsfchrift bessern. Als Gelehrter beherrscht er die hebräischen Literaturen der verschiedensten Epochen nach ihrer sprachlichen Seite wie wenige Menschen der modernen Zeit. Diese Kenntnisse befähigten ihn, Schätze der jüdischen Sagenwelt wieder ans Licht zu heben und sie seinen Volksgenossen zugänzlich zu machen. Im Frühjahre 1908 unternimmt Bialik eine Reise nach dem Lande seiner Sehnsucht, nach Palästina, wo die Sprache seiner Dichtung in einer Neubelebung noch gesprochen wird. Die, jüdischen Kolonisten begrüßen ihn mit Begeisterung. Neben dem Strande des Meeres, berichtet Ernst Müller, unter dem ttefen südlichen Nachthimmel, wurde ihm von einer mehrtausendköpfigen Menge zugejubelt. Die Schuljugend begrüßte ihn hierauf mit seinem ״Segen des Volkes", einer Hymne, die überall in jüdischen Kreisen wie ein Nattonallied gesungen wird. Die jungen Kolonistensöhne und Arbeiter eines jüdischen Dorfes rafften, eben vom Felde kommend, eilends einen Kranz auS wilden Blumen zusammen, als sie von der Nachricht seiner plötzlichen Ankunft überrascht wurden. Manchmal begleiteten ihn jüdische Reiter von einer Kolonie in die andere. So ging es von einem Abend zum anderen, in Jaffa, Judäa, Jerusalem und Galiläa. In wunderbarer Weise beginnt der Dichter an einem Abend unter den ersten Eindrücken zu sprechen. Es sind plastische Bilder, die er sinket, üefe Empfindungen, die ihn übermannen/ und all das vereint sich zu einem mächtigen Ausdruck, der die Zuhörer hinreißt. Mehr als biographische Daten erzählen die Poeme Bialiks von seinem Innenleben, obgleich sein privates Leid nur wenig berührt wird. Er schildert sich sebst, aber in einer das Gelehrtenleben von Gettomenschen symbolisierenden Weise, in dem von großartigen Bildern erfüllten Gedicht vom ״Matmid", dem Talmudjünger, der seine Knabenjahre hinter den Mauern der Jeschibah wie ein Asket verbringt, eine sich verzehrende Flamme, eine welkende Pflanze im Schatten. Zornig stagt der Poet: ״-Ist dies die Stätte, Wo eines Volkes Seele ersteht? Ist dies der Born seines Blutes und Lebens, Der Herd seiner inneren Flamme und Glut? Wer hehlte Zauber in welken Papieren, Gab dürren Sätzen weckende Kraft? Wenn er die Schrecken des Kischenewer Pogroms schildert, da -klingen seine Worte in den Zorn darüber aus, daß die Makkabäerenkel nicht heldenhaft genug in den Tod gingen und sich in einer schwächlichen Märtyrerrolle gesielen. Zornige Lieder, erfüllt von erhabenem, männlichem Schmerz, widmet er seinem Volke, das schlaff geworden und seiner großen Vergangenheit sich nicht mehr würdig zeigt. Trotz der Küstern Klänge ist Bialik kein Weltschmerzdichter. Wenn der Lyriker als ein Mann bezeichnet wurde, der eigentlich eine Frau ist, dann ist Bialik, dem die zarten Farben, die Molltöne weniger gelingen, kaum ein solcher, sondern ein Rhapsode, wie er in dieser Art unserer Zeit fehlt. Ec ist zu männlich, zu sehr von einer hohen Mission erfüllt, um sich dem Erotischen, dem lyrischen Liebesspiel hinzugeben. Me eine kleine Episode nehmen sich seine wenigen Liebesgedichte aus, die so wenig von orientalischer Sinnenglut an sich haben. Wenn es außerhalb seines Volkes eine Geliebte für ihn gibt, so ist es die Natur, die er wie ein gewaltiges Lebewesen voller Geheimnisse vorführt. Diese Bilder sind in ihrem Pantheismus bald düster, bald sonnig beglänzt, und das eine Mal mit fausttschem Trotz, ein anderes Mal wie ihr glückselig sich hingegebenes Kind steht er ihr gegenüber. Er singt von den ״Rätseln der Nacht". Wie ttef das Rätsel, das die Nacht umschließt! Mit tausendfachen Tönen gießt Aus stummen Mund sich ihre Heimlichkeit, Aus tausend Augen blickt die Dunkelheit, Mährisch-sdilesisdie Bank Brünn: Taltpfaon Wr, 380, Dlrekttac. Ferdinandsgasse Nf. 29 TbMmb■*. UN«. WMtatMub». verzinst EINLAGEN gegen / lj 0( gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel > und in luiitaier Rechnung ■it geschähe aller Art, B6r»en-u,WechslesfCfchgk