Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.5.1912)
- Date
- 1912-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Tüllcssim zu beziehen durch den ״Jüdischen^ Buch- und Kunstverlag", Brünn. Geile 2 Jüdische B-lksstimme. Der Schlüssel zur Lösung dieser Rätsel ist nicht schwer zu finden. DaS Judentum ist «eine Religion der tätigen Liebe". Zur edlen Wirksamkeit, aber wird der Jude nur durch die Kenntnis der Thora angeregt. Durch einen ratiovellen Religionsunterricht wird die Jugend für das sittlich Große erwärmt und zu glaubensstarken Söhnen ihres Volkes herangebildet. Was wäre aus Israel geworden, wenn nicht die Religion ihm Kraft verliehen hätte. R- Jochanan, hatte in einem über die Worte Jeremias: ״Doch erwiedere ich dies meinem Herzen und Hoffnung zu ihm (Gott) kchrt zurück (Klgel. 3. 21)" gehaltenen Vortrag diesen Gedanken durch folgendes Gleichnis zu illustrieren gesucht: «Einst schloß ein Fürst mit einer Frau den Bund der Ehe und machte ihr im Eheverttage bedeutende Verschreibungen. Einige Zeit später unternahm er eine Reise übers Meer und blieb sehr lange weg, so daß man seine Rückkunft bezweifelte. Die Freundinnen der Fürstin besuchten sie und machten die Bemerkung: «Dem Gatte hat dich verlassen und kommt nie mehr zurück." Die Worte machten auf sie einen betrübenden Eindruck. Sie verfügte sich dann in ihre Gemächer, hotte ihren Ehevertrag hervor und als sie die Verschreibungen, die ihr der Gatte gemacht, gelesen, war sie beruhigt, denn sie bettachtete denselben gleichsam als Unter- Pfand der Liebe und Treue. Nach längerer Zeit kam der Fürst von seiner Seereise zurück und rief bei seiner Ankunft erstaunt seiner Gatttn zu: «Ich bewundere, meine Tochter, deine Treue gegen mich". «Wäre ich nicht", entgegnete sie, «durch die vielen Verschreibungen, die du mir gemacht von deiner Liebe und Treue zu mir überzeugt gewesen, w ihrlich, die Bemerkungen meiner Freunbinnen würden mich wankend gemacht haben". ״So verfahren auch die Völker mit Israel. Sie rufen ihm höhnend zu: «Euer Gott hat sich von Euch entfernt". Israel erträgt aber ruhig diese Spottreden, verfügt sich in seine Synagogen und Lehrhäuser, nimmt die Thora zur Hand und liest in derselben die Verheißungen. Wenn aber die Zeit der Erlösung herannahen wird, wird Gott seinem Volke zurufen: ״Ich bewunder ׳ eure Treue und seltene Ausdauer". Israel antwortet dann: «Herr der Welt! hättest du uns nicht die Thora verliehen, wahrlich wir wären infolge der uns von den Völkern zugefügten Schmach wankend gemacht worden". — Das ist eoen der Sinn der Worte. «Doch erwidere ich dies meinem Herzen, und Hoffnung zu ihm (Gott) kehrt zurück". Ebenso hat der Psalmist ausgerufen: «Hätte mich nicht deine Thora erfreut und erquickt, wahrlich, ich wäre in meinem Elende zugrunde gegangen". (Psalm 119, 92). So hoffet und vertrauet auf Gott und rufet täglich zweimal inbrünstig aus: ״Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einig einziger Gott". (Midr. Echa 3.) Ungefähr achtzehnhundert Jahre lang bildete Israel unausgesetzt den Gegenstand deS Hasses Fremden, daß die sieben guten Jahre gleich jetzt beginnen sollten. ״Ueberleg eS dir gut", sagte der Jäger. «Jetzt bist du ein kräfttger Mann und kannst verdienen, aber dann wirst du die Sttapazen nicht mehr so gut erttagen können." Tewje aber sagte: «Mein Weib will es aber so haben. Erstens, sagt sie. sollen wir dem lieben Gott für alles Gute, das er uns heute beschert, danken und unS für später keine Sorgen machen und dann will der Lehrer die Kinder nicht mehr unterrichten, weil wir ihn nicht bezahlen können." «Wenn eS so ist. dann geh' nur nach Hause", erwiderte der Fremde. ״Bevor du die Stube bettittst. bist du ein reicher Mann." Tewje wollte noch etwas fragen, aber der Jäger war plötzlich verschwunden. Der Träger ging also nach Hause. Bor seiner Hütte spielten die Kinder im Sand, doch als er näher ttat erkannte er, daß es kein Sand, sondern pures Gold war. Für den Träger begannen nun die sieben guten, glücklichen Jahre. und der grausamsten Verfolgung. Ueberall haben die Völker eS sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Namen Juda zu entwurzeln. Israel aber wankte nicht, sorgte für die Verbreitung der Kenntnis der Thora, brachte die größten Opfer für die Schulen, und gewann hiedurch Kraft und Mut, um einer Welt zu ttotzen und alle seine Feinde zu überdauern. Man hat in früheren Zeiten selten eine jüdische Gemeinde gefunden, in der nebst der Jeschibah es nicht auch Bibel-und Talmudschulen und Bibliotheken gegeben hätte. Es herrschte überall Begeisterung, daher wurde dafür gesorgt, daß jedes Gemeindemitglied Gelegenheit finde, seinen Kindern in der Thora einen gründlichen Unterricht erteilen lassen zu können. Die Talmud Thora-Stiftungen, die heute noch in den altehrwürdigen Gemeinden existieren, zeugen, daß unsere Ahnen das Wort unserer Weisen; Talmud Thora keneged kullom, ״die der Förderung und Verbreitung der Kenntnis der Thora gewidmete Anstalt überragt alle anderen religiösen und Humanitären Jnstitutionen der Gemeinde" zu würdigen verstanden. Als die Morgenröte der Aufklärung zu dämmern begann, gaben die ״Aufgeklärten" die Parole aus: ״Fort mit diesen veralteten Institutionen." Und so ist mit der Thorakenntnis auch die religiöse Begeisterung aus den Kreisen des moderneu Judentums geschwunden. Was nützen uns die prachtvollen Tempel mit Sängern. Orgeln, wenn die religiöse Begeisterung fehlt. Was nützen die Millionen Kronen, die für Krankenhäuser gespendet werden, wenn bloß für die kranken Juden, aber nicht für das kranke Judentum gesorgt wird? Gibt es denn keinen Balsam mehr in Gilead, sind keine Aerzte mehr dort zu finden, die den Seelenkranken Heilung und vollständige Genesung bringen und die umsichgreifende Taufseuche bekämpfen könnten? Ein Gleichnis, das der bekannte Dubner Magid im Jahre 1789 in Berlin, in einer Gesellschaft der «Aufgeklärten" zum besten gab, dürste am Platze sein. Er sprach: In einem Reiche herrschte eine hochherzige Regenün. Infolge eingelaufener Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage der in ein Küstenland verbannten Sttäflinge zu untersuchen und das ihr geschilderte Elend jener Unglücklichen mildern zu lassen. Sie bettaute damit einen .ihr als Menschenfteund bekannten Rat. Dieser'ttat seine Reise an. Er fand überall die ttaurigsten Zustände, aber nicht überall ein bereitwilliges Eingehen auf seine wohlgemeinten reformatorischen Anordnungen. Eines Tages kam er in ein von Sttäflinpen bettiebenes Hüttenwerk, welches einige hundert solch unglücklicher Arbeiter beschäftigte. Aber welch elende Jammergestalten fand er da! Auf die Frage des Staatsrates, warum die Leute so verfallen aussehen, erfolgte vom Hüttendirektor die Antwort, das rühre davon her. weil sie von Zeit zu Zeit einander ablösen, durch die Kraft ihrer Lungen die Glut des Feuers im Schmelzofen anfachen müßten! Der StaatSrat schlug entsetzt über solche Kunde die Hände zu- Doch Tewje stand auf dem Markt wie vor sieben Jahren, hatte sein Trägergewand an und wartete auf Arbeit. Und Tewje erwiderte: ״Sagt das meinem Weib, denn sie hat das Geld während der ganzen Zeit verwaltet". Die Beiden gingen nun in die Vorstadt, denn Tewje wohnte immer noch in der alten Lehmhütte auf dem freien Felde. Serel stand vor der Tür und war ärmlich gekleidet; nur ihr Gesicht sttahlte. Der Jäger sagte ihr nun, daß die sieben guten Jahre vorüber seien, aber Serel erwiderte, daß die gute Zeit bei ihnen noch gär nicht begonnen habe. DaS Geld hätten sie nie als ihr Eigentum betrachtet, denn nur das, was ein Mensch durch seine Arbeit verdient, ist sein Eigentum. Ein Reichtum aber, der einem mühelos in den Schoß fällt, ist nur dazu bestimmt, die Not der Armen zu lindern. So habe sie es die ganze Zeit gehalten und wenn Gott jetzt für sein Geld einen besseren Verwalter weiß, dann sei sie gern bereit es zurückzugeben. Als Prophet EliaS diese Worte hörte, ver- Die Zeit jagt dahin und die sieben guten, schwand er und legte den Fall dem höchsten Richter vor. Jahre waren gar schnell vorüber. Eines Tages »Gott aber wußte keinen besseren Verwalter für kam nun der Jäger zu Tewje und erklärte ihm, das Geld als Tewje und sein Weib uns so durften daß sein ganzes Geld am Vorabend verschwinden I sie den Schatz weiter bewachen und sie waren werde. »glücklich bis an ihr Lebensende. sammen und rief: Um Gotteswillen! Kennen sie denn den einfachen Mechanismus eines Blasebalges nicht?" «Ein Blasebalg? Was ist das?", antwortete der Direktor. «Ich habe alljährlich soundsoviele tausende Zentner Metalls an die Regierung abzuliefern und da gilt eS, die Leute zum sttengsten Frohndienst anzuhalten. Aber es wäre mir selbst im höchsten Grade willkommen, wenn ich durch ihre gütige Angaben eine Einrichtung kennen lernen würde, welche die aufteibende Plage meiner Arbeiter zu ersetzen vermöchte." Hierauf erklärte der StaatSrat, die Konstruktion und Verwendung des Blasebalges, und versprach auch, demnächst mehrere derselben dem Hüttenbergwerke zuzuschicken. Erfteut von dem frohen. Eindruck, den dies Versprechen auf die Sttäflinge machte, setzte er seine Reise fort. In die Hauptstadt des Reiches zurückgekehrt, erstattete er Bericht über den Erfolg seiner Sendung. Nach einem Jahre zog er auf Befehl seiner Fürstin abermals auf Reisen, um sich von dem Vollzüge der Verbesserungen in der Lage der Sttäflinge durch den Augenschein zu überzeugen. Nickt überall sah er die gettoffenen Maßregeln verwirklicht, und er mußte hin und wieder den sttengsten Tadel aussprechen. In die Nähe jenes Hüttenwerkes gekommen, gab er sich den angenehmsten Erwartungen hin und glaubte dort Befriedigung zu finden. Aber zu seinem Erstaunen ttaf er auch hier die alten Uebelstände an. Es sah womöglich noch schlimmer aus, wie bei seinem ersten Besuche. ״Warum hüben Sie meinem Befehle keine Folge geleistet?, fuhr der Statsrat den ihn empfangenden Direktor an. Wo sind die Blasebälge? Lächelnd erwiederte der Direktor: Herr, ich bin frei von jedem Vorwurfe! Ich habe mich genau nach Ihren Angaben bei Aufstellung und Verwendung der seinerzeit richtig empfangenen Blasebälge verhalten; allein es war alles vergebens. Die erloschene Glut blieb erloschen; da half kein Blasen, kein Schüren! ״Ja, wenn Sie die Glut ersterben lassen", sprach der Staatsrat, «dann fteilich nützt kein Blasebalg mehr, die tote- Glut bleibt tot."- Meine Herren! — rief der Maggid — dies ist mein Gleichnis. Hören Sie noch die kurze Anwendung: Unsere heilige Religion stellt die erhabensten Forderungen an uns, ihre Bekenner. Unsere Väter erfüllten ihre religiösen Pflichten mit Begeisterung, sie brachten die größten Opfer für dieselben, denn die heiligen Flammen der GlaubenStteue loderten in ihrem Herzen. Diese Glut wurde reichlich genährt durch die zahlreichen Satzungen und Bräuche, welche sie mit frommem Sinne erfüllten. Sie wollen jetzt einen großen Teil dieser religiösen Aeußerlichkeiten abgeschafft wissen; sie möchten dem Judentum neue leichtere und gefälligere Formen geben. Ich hätte nichts dagegen. Allein' beachten Sie eines wohl, damit es ihnen nicht ergehe wie dem Direktor jenes Hüttenwerkes: Lassen Sie, während Sie die neuen Einrichtungen treffen, die heiligeGlut des Glaubens im Herzen der Jugend nicht erkalten, nicht ersterben! Denn, ist einmal die Flamme jüdischer Glaubensinnigkeit erloschen, dann bleibt das kommende Geschlecht: kalt und unempfänglich für feine Aufgaben. Beachten Sie das Eine wohl, meine Herren! Lassen. Sie nur das ״Hislahawos", die zündende Be-- geisterung für die Religion unserer Väter im Herzen der Kinder nicht ersterben, lassen Sie den Funken nicht ausgehen, sonst nutzt alles Blasen nicht"! Ja, durch Orgeltöne, Damenchöre und sonstige radikale Reformen kann die erloschene Glut nicht angefacht und das geistige ideale Judentum erhalten werden. Soll das Judentum fortbestehen und sich seiner hohen und heiligen Aufgabe als mamlechet kohanim Reich von Priestern auch fürder auf die glänzendste Weise entledigen können, so müssen, wie für Tempel und Krankenhäuser auch für Talmud-Thora-Schulen große Opfer gebracht werden, damit die Jugend in schönen, gesunden, lichtvollen Räumen,von gediegenen Lehrkräften in der Thora gründlich unterrichtet und für den Glauben der Väter erwärmt und begeistert werden. Men im April 1912. Amitai. Mährisdi-schlesisdie Bank Brünn Hr. 380. Qlrafcbm. mzbist EINLAGEN Ferdtnandsgassc Nr. 29 ־Mtphon Hr. IQtt, Wwtototobt. gebundene Einlagen laat Übereinkommen. Bank- ■wHateArAft. F“ ־ * ־־־ * “