Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.5.1912)
- Date
- 1912-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621812--1455-2622497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1IXIII. Jahrg. Nummer 5 Wiener Erscheint jede» Donnerstag. «lksstiMk. Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 520־ ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 650׳ Ballan, Frankreich.Franks 12•— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. 1 Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Geschäftsstelle': Wien, I., Rotenturmstraße Nr. 31. Buchhändlerifche Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Telephon 3009/VIH. Sprechstunden von 10—12 Uhr Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriett. Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn-Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Dr. Artur Landsberger: Die Zukunft der Ostjuden. — Was fehlt dem modernen Judentum? — I. L- Perez: Sieben gute Jahre. — Wiener Nachrichten. — Prager Nachrichten. — Budapester Nachrichten. — Brünner Nachrichten. — Der ö. jüdische Turntag. — Die Juden in Fez. — Der Ausstand in Marokko. — Die Tätigkeit der Czernowitzer Kultusgemeinde. — Badener Brief. — Korrespondenzen. — Rundschau. — Vermischtes. — Bücherbesprechungen. — Malvine Trünwald: Gedicht. — Markus Brückner: Welchen Wert hat ein jüdisches Museum? — Jda Barber: Der Märtyrer seines Glaubens. Die Zukunst der Ostjuden.*) Bon Dr. Artur Landsberger, Herausgeber der ״Juden- Die Hoffnung, die ich an die Herausgabe der ״Judentaufen", in erster Linie knüpfte, hat sich leider nicht erfüllt. Aus der großen Zahl der Zuschriften und der Tatsache, daß nach kaum vierzehn Tagen die sechste. Auflage nötig wurde, ergibt sich zwar das Vorhandensein regen Interesses für das Problem der Judentaufen im engeren, wie die Assimilation im weiteren Sinne. Aber was wichtiger erschien: Die Frage nach der Zukunst der östlichen Juden, ist von den meisten einfach beiseite'geschoben worden. Ich aber frage mich: ist es zweckdienlich, daß die westlichen Juden ihre inneren Kämpfe, ob liberal oder zionistisch, zu einer Zeit austragen, zu der mehr denn je die Existenz fast der Hälfte aller lebenden Juden auf dem Spiele steht? Mir scheint, daß die Entwicklung, die die Berhältnisse der östlicher Juden genommen hat, zunächst alle Gegensätze innerhalb des Judentums zum Schweigen bringen und alle Juden in dem *) Dr. Artur Landsdergers ״Judentaufen" ist soeben in 9. Auflage erschienen. Der Herausgeber äußert sich dazu in obigen Worten, die wir wiedergeben ohne uns jedoch mit den Ansichten des Verfassers identisch zu erklären. Wir glauben jedoch viel Wahres in seinen Ausführungen zu finden. Die Red. «Feuilleton. Sieben gute Jahre. Eine volkstümliche Erzählung von I. L Perez. Deutsch von Hermann Blumenthal. In Türkin lebte einst ein Lastträger namens Tewje, der sehr arm war. Eines Tages stand er auf dem Markt und blickte sich nach Arbeit um. Es war an einem Donnerstag und Tewje hatte kein Geld, um für Sabbat Einkäufe zu machen. Es war aber nirgends etwas zu verdienen, und so erhob der Lastträger seine Augen zum Himmel und flehte um Hilfe, damit er, sein Weib und die Kinderchen am Sabbat nicht Hunger leiden Da zog ihn jemand beim Rock, und als er sich umblickte, gewahrte er einen Jäger, der ihn in deutscher Sprache also ansprach: ״Höre, Tewje, dir sind sieben gute Jahre bestimmt, sieben Jahre voll Reichtum Glück und Segen. Wenn du willst, können die sieben guten Jahre noch heute beginnen, und bevor noch die Sonne untergeht, wirst du ganz Türkin' mit deinem Gelde kaufen können, aber nach diesen sieben Jahren wirst du wieder ein armer Mann. einen Streben einigen sollte, den sechs Millionen in Rußland, der Million in Galizien und den zweihundert fünfzigtausend in Rumänien lebenden Juden eine Existenzmöglichkeit zu schaffen. Hier handelt es sich lediglich um eine Frage der Humanität, bei deren Behandlung alle religiösen und politischen Gegensätze schweigen müssen. An diesem Werke reiner Menschlichkeit mitzuwirken, ist die Pflicht eines jeden, gleichviel zu welchen Glauben und welcher politischen Richtung er sich bekennt, gleichviel welcher Raffe und Nation er angehört. Jeder, der die Entwicklung einer solchen Bewegung hemmt, versündigt sich. Und da die einzige Lösung: die Kolonisation dieser Unglücklichen an irgendeinem hiefür geeigneten Ort ist, so begehen die Zionisten ein großes Unrecht, wenn sie die Verwirklichung dieses auch von ihnen als den einzig gangbaren Weg bezeichnet«» Gedankens dadurch erschweren, ja vielleicht unmöglich machen, daß die ihn als einen wesentlichen Bestandteil ihres Programms ausschließlich für den Zionismus in Anspruch nehmen und so jeden, der sich nicht zum Zionismus bekennt, die Teilnähme an diesem Werke der Humanität erschweren. Zweck und Wirkung werden verwechselt. Man soll die sechs Millionen dort unten zunächst nicht darum ansiedeln, um endlich den zionistischen Traum, den jüdischen Staat, zu verwirklichen, man soll es vielmehr ruhig der Zeit überlassen, ob sich dann hier eine staatliche Gemeinschaft herausbildet oder nicht; man soll lediglich als Mensch den Menschen helfen und Zweck und Befriedigung darin sehen, daß man sechs Millionen seiner Mitmenschen vor dem — von kaiserlich russischen Regierungshenkern aufgepeitschten — Fanatismus russischen Pöbels zu einem Menschenwürdigen Dasein rettet. Daß diese Unglücklichen — Juden sind, ist Die gute, gesegnete Zeit kann aber — wenn du willst — auch zu Ende deines Lebens kommen und du kannst als der reichste Mann aus dem Leben scheiden." Der Fremde war der Prophet Elias, der sich als Jäger verkleidet hatte. Der Lastträger aber meinte, daß er einen einfachen Zauberer vor sich habe, und so antwortete er: ״Mein lieber Herr, mich laßt in Ruhe, denn ich bin ein armer Teufel. Ich habe nicht einmal Geld für die Sabbateinkäufe und ich werde eure Mühe und eure guten Ratschläge nicht bezahlen können." Der Fremde aber ließ nicht von ihm. Er wiederholte seine Worte ein paar Mal, bis sich Tewje mit dem Gedanken befreundete. ״Wißt ihr was?" erwiderte er. ״Wenn ihr es wirklich ernst mit mir meint, so muß ich euch sagen, daß ich mich in allem mit meinem Weib Serel berate. Ich kann euch, bevor ich mit meinem Weib gesprochen, keine richtige Antwort Darauf erwiderte der Fremde, daß eS sehr vernünftig sei, sich bei der Frau immer Rat zu holen. Er solle doch gleich zu ihr gehen und ihr den Fall erzählen. Tewje blickte sich nach allen Seiten um und dabei zunächst mal Nebensache! Wären es Protestauten oder Mohamedaner — die Pflicht eineS jeden gesitteten Menschen, sich zu entrüsten, Widerspruch zu erheben, zu helfen, wäre dieselbe l Darum schweige der Kampf, ob nationaler Jude, ob deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wenigstenS so lange, als derart wichtige Kulturaufgaben noch der Erfüllung harren! Erst schaffe man die Hälfte aller Juden die Möglichkeit, daß sie leben. Ist das gelungen, und glaubt man dann auch noch über die Fasson, in der ein jeder von ihnen selig werden muß, prinzipiell entscheiden zu müssen, dani mag man sich wieder der alten Fehde zuwenden. Ich für meinen Teil glaube, daß die Fehde dann weniger erbittert und weniger unfruchtbar als heute sein wird. Denn etwas als eine reinliche Scheidung zweier Weltanschauungen kann ja das Ziel einer solchen Fehde nie sein. Und aller Weisheit letzter Schluß wird auch dann nicht bekehren, sondern bekennen lauten. Und diesen Bekennermut finden, der heute den meisten fehlt, wird das Bewußtsein einer großen moralischen Pflicht genügt zu haben, erleichtern. Was fehlt dem moderne» Judentum? Seit undenklichen Zeiten wurden nicht so viele Millionen Gulden für die Erhaltung religiöser Institutionen und humanitärer Anstalten gespendet als in der Gegenwart. Dessen ungeachtet greift die Taufseuche mit jedem Tage mehr und mehr um sich. Wie oft werden von denjenigen, die von religiösen Jndifferentismus a״gekiän'el׳ erscheinen. Millionen zur Giiiou g vum >!•nie! Anstalten und Erbauung mode: .er T >»p.l .»1• spendet? da es nichts zu Mn für ihn gab, sagte er sich, daß er den Weg nachhause riskieren könnte. So machte er sich gleich auf den Weg. Der Träger wohnte in einer Lehmhütte in der Vorstadt, wo daS freie Feld begann. Als Serel ihren Mann durch die offene Tür erblickte, lief sie ihm steudig entgegen, doch er ries ihr zu: ״Ich bringe dir kein Geld, Serel. denn Gott hat mir heute noch keinen Verdienst beschert, dafür hat mich aber ein merkwürdiger Mann aufgesucht." Ec wiederholte ihr die Worte des Fremden und erbat sich einen Rat von ihr. Doch Serel rief, ohne erst lange zu über- ״Sag dem Herrn, daß die sieben guten Jahre noch heute beginnen sollen." ״Aber nach sieben Jahren werden wir wieder arm sein und nach der guten Zeit wird eS uns sehr schwer fallen, wieder im Elend zu leben," wendete Tewje ein. ״Mach' dir keine Gedanken, sondern nimm, was man dir gibt und dank dem lieben Gott dafür", erwiderte Serel. ״Sieh, man hat heute die Kinder aus dem Cheder geschickt, weil wir das Lehrgeld nichr bezahlen konnten." Tewje eilte auf den Markt und erklärtedem Sie haben tzrsolg! Sie schlagen jede Konkurrenz! Man respektiert Sie! Wenn Sie einen gutsitzenden Anzug aus der Werkstätte eines Ru-ols G-l-stein »-»----»r-u---'?--- ägjen ״>, SCIEp: