Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 4 (25.4.1912)
- Date
- 1912-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Misch« «*Htfttanttt «eite 3. ständigen Wohnsitze, betätigte er sich als Chowew Zion, indem er nicht zur Freude der Regierung die Emigration nach Palästina propagierte. Im Jahre 1878 stand die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien an der Tagesordnung; die rumänische Regierung wollte zum Scheine 773 Juden naturalisieren, da veröffentlichte Gaster Dokumente über die Behandlung der Juden in Rumänien seitens der Regierung, unbeirrt von allen Einflüsterungen Sturdsas und anderer Machthaber. Man beschuldigte ihn später, er habe Lord Salisbury Material über die Lage der Juden in Rumänien zu seiner großen Parlamentsrede verschafft. 1885 wurde er ausgewiesen, er verschmähte es, die Freundschaft, deren er sich seitens des Königs und angesehener Staatsmänner erfreute, zur Aufhebung dieses Verbots zu benützen. Einige Jahre später sollte er wieder mit Sturdsa, der seine Ausweisung veranlaßt hatte, Zusammenkommen, und zwar als Gaster Vertreter Englands auf einem wissenschaftlichen Kongresse in Berlin war. Diese Begegnung veranlaßte Sturdsa die Ausweisung sofort aufheben zu lassen und Gaster dringend nach Rumänien einznladen. Aber er blieb in England, wo er jetzt sein 25jähriges Jubiläum als Chacham der spanischportugiesischen Gemeinde feiert. Gaster ist ein meisterhafter Redner; jede seiner Reden ist ein Kunstwerk, er ist einer der hervorragendsten Gelehrten, einer der opferwilligsten Juden, dem nie ein Opfer für die jüdische Allgemeinheit zu groß war. Dr. Gaster ist, wie man sieht, der fähigste, ja der einzige fähige Kandidat für das Chiefrabbinat, daß sein Name trotzdem nicht einmal ernstlich genannt wird, das werden ihm spätere Geschlechter, die die Verhältnisse aus der Perspektive objektiv beurteilen, zur Ehre anrechnen. N. Der Turm zu Babel. Die Engländer zeigen im allgemeinen keinen großen Respekt vor den großartigen deutschen Ausgrabungen an der Stätte des alten Babylon, das sie verächtlich nur ״den großen Ziegelhaufen" nennen. Um so bemerkenswerter ist darum der Artikel, in dem der bekannte englische Schriftsteller Perceval Landon im Dayly Telegraph von einem Besuch Babylons berichtet. ״Die Engländer", schreibt er, ״sind ihrer ganzen Natur nach mehr geneigt, die praktische Arbeit zu bewundern, wie sie WiUcoks und Jakson in ihren Entwässerungsarbeiten versuchen; ihnen gült Babylon in der Regel als ״der große Steinhaufen" und kaum wert eines Besuches. Außerdem haben im gewissen Sinne die Ruinen von Aegypten und Griechenland das Auge an eine leichte und bequeme Rekonstruktion der alten Bauwerke gewöhnt, die zum Teil noch heute eine Anschauung davon überliefern, wie sie einst waren. Babylon stellt größere Anforderungen an die Einbildungskraft, denn Geschlecht auf Geschlecht hat die Natur in ihrem Zerstörungswerke unterstützt und die gigantischen Paläste und Tempel Nebukadnezars dem Erdboden gleichgemacht. Jahrhundertelang hat Babylon als der größte Steinbruch gedient, aus dem sich die umwohnenden Völker ihr Baumaterial holten. Hauptsächlich aber hat Babylon sich selbst zugedeckt. Stadt auf Stadt wurde an derselben Stätte gebaut. An einer Stelle muß man z. B. 75 Fuß tief heruntergehen, bevor man auf dem Boden von Nebukadnezars Tempel steht und blickt man dann hinauf und sieht, wie das Werk Nebukadnezars so völlig begraben wurde, so begreift man zugleich, daß unter diesen Bauten noch Schichten früherer Ansiedlungen liegen, denn Babylon ist die älteste sicher bekannte Stätte der mesopotamischen Herrschüft, und selbst wo das Grundwasser schon keine Grabung mehr zuläßt, kann man noch mit der Hand Täfelchen aus dem Wasser fischen, Täfelchen aus der Zeit Honnurabbis, jenes Gesetzgebers, der rühmliche Geschichte schrieb, wie die Genesis enthält, der Gebote gab, ähnlich denen des viel berühmteren Dekalogs. Unter der Schicht Honnurabbis sind Spuren anderer Zivilisationen, die vielleicht eines Tages ergründet werden und die noch tiefer hinabreichen bis zur Wiege der Menschheitskultur. Landon gibt einen kurzen Ueberblick über die Fülle von Gebäuden und Schätzen, die durch Koldeweys glänzende Grabungen ans Licht gebracht wurden; er bespricht ausführlicher den Palast des Nebukadnezar und den Marduktempel und gibt schließlich eine lebendige Schilderung jenes Baues, den er den Turm von Babel nennt. Dieser berühmte Bau in der Nähe des Marduktempels ist der ״Ziggurat", das himmelragende Symbol dieses heiligen, vom Zauber uralter Vergangenheit umwobenen Ortes. ״Riesenhaft, düster. weithin sichtbar auf 25 bis 30 Meilen, wurde dieses Bauwerk die natürliche Heimat von Legenden und Sagen aus zehn Jahrhunderten und muß den Juden besonders verabscheuungswürdig gewesen sein. Man kann sich wohl vorstellen, daß seine hilflose Ruine, denn es wurde zerstört, lange bevor Nebukadnezar einen neuen Turm baute, als sichtbarer Beweis von Gottes Zorn gegen das Heidentum trüb und drohend in die Luft zu ragen schien. Wenn man die Ueberlieferung Mesopotamiens beachtet, so darf man die ersten Arbeiten an diesem Turm wohl in die früheste Zeit menschlicher Zivilisation verlegen; freilich das genaue Datum wird man nicht bestimmen können, denn diese Periode liegt weit vor der Erfindung der Schrift. Man muß sich damit begnügen, festzustellen, daß die Erzählung vom Turmbau und der Sprachenverwirrung sich auf einen berühmten Bau bezieht, der an dieser Stelle errichtet wurde; denn unterhalb des von Nebukadnezar aufgeführten Turmes, wurden Reste und Fundamente eines viel älteren Bauwerkes gefunden, das wohl den biblischert Turm von Babel darstellt. Nebukadnezar in seinem Berichte über die Wiederherstellung des Turmes wiederholt fast wörtlich den biblischen Text, der sich auf die geplante Höhe des Turmes bezieht. Hier also steht man auf der durch die Bibel unsterblich gewordenen Stätte des ״Turmes von Babel". Jede Seite des viereckigen Fundaments aus sonnengetrockneten Ziegeln ist noch jetzt etwa 135 Fuß lang und die ganze Basis, die der Turm Nebukadnezars einnahm, läßt sich als doppelt so groß feststellen. Dieser Turm Nebukadnezars wurde auf Befehl Alexanders abgetragen, der an dieser Stelle ein noch größeres Architekturdenkmal zum Gedächtnis an seine Toten ausrichten wollte. Aber Alexander kam nur nach Babylon, um zu sterben; sein Gedächtnismonument ward nicht erbaut und so ist die Stätte wüst und leer geblieben bis auf den heutigen Tag, ein Trümmerhaufen, von dem durch die Jahrhunderte hin Diebe ihr Baumaterial entnahmen. Und so waltete auch über der letzten Rekonstruktion des Turmes von Babel das Verhängnis, das die Vollendung des ersten Baues verhinderte, er blieb ungebaut. N. NEWVORK vorm. Hotel Romania 5__ Neu eröffnet! Wien II., Kleine Sperlgasse Nr. 5. 5 Minuten vom Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähe des Nord- und Nordwestbahnhofes. PRACHTNEUBAU! 100 ZIMMER. 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Der jeweilige Rabbi mußte sich daher auch — wenn er sich keine Blöße geben wollte, da das Thorastudium sich damals noch überall der schönsten Blüte erfreute — durch wahre ungeheuchelte Religiösität wie durch gründliche Kenntnis des Talmuds und der Poskim decisioren auszeichnen. Mit dem Beginne der neuen Aera — der Aera der Freiheit — jedoch wurde, besonders in gewissen Gegenden, das schöne prachtvolle Religionsgebäude in seinen Grundfesten erschüttert. Die Einen glaubten, Religionsfreiheit heiße, sich frei machen von den Fesseln der Religion, während die anderen wieder für A s s i m i l a t i o n schwärmten, um sich auf diese Weise die Liebe und Achtung der Nichtjuden erwerben und in nichtjüdischen Kreisen Ehrenstellen, Ehrenämter usw. ergattern zu können. Infolge dieser Assimilationssucht, die in den Gemeinden zumeist von begüterten einflußreichen Strebern gefördert wurde, ist gar vielen das Judentum lästig, eine unerträgliche Bürde geworden, daher selbstverständlich die religiösen Anstalten, die den gewaltigen Stürmen der Jahr- Hunderte zu trotzen vermochten, allmählich verkümern mußten. Die ״Jeschibot", Hochschulen, für deren Erhaltung fast jede Gemeinde bereitwilligst die größten Opfer gebracht, mußten, in jenen Gegenden, bald das Feld räumen und die konfessionellen Volksschulen, in welchen die Jugend in der Thora gründlich unterrichtet und für den Glauben erwärmt und begeistert wurden, wurden während der letzten zwei Dezennien, besonders in Oesterreich, Schlesien und Böhmen aus nationalen Gründen aufgelaffen. Was Wunder also, daß die Kenntnis der Thora aus Israels Gemeinden geschwunden und der religiöse Jndifferentismus gewaltig um sich gegriffen hat. Die wichtigsten religiösen Satzungen werden sehr lax behandelt, Sabbathe und Feste sehr wenig beachtet und Spsisegesetze von vielen vornehm belächelt und verspottet. Der moderne Rabbi wird daher mit Schalot fast gar nicht belästigt. Nichtsdestoweniger gibt es auch in der modernen Zeit gewisse Fragen Schaaloth, die beantwortet werden sollen. In einer großenGemeindeinMähren fand vor kurzem das Begräbnis eines Nichtjudeu, dessen verstorbene Frau eineJüden war, auf dem jüotschen Friedhose statt- Nachträglich wurde der gelehrte Teplitzer Rabbiner Tr. Kurrein von der sehr geehrten Redaktion dieses Blattes ersucht ihr hierüber sein Urteil zukommen lassett zu wollen. Herr Dr. Kurrein hat, wie es 00» einem alten Rabbiner, der noch die Jeschiba besucht und gründliche talin. Kenntnisse sich angeeignet hatte, n ht anders zu erwarten war, geantwortet: dai einen Nichtjuden aus einem jüdischen Friedho in der Reihe der Gräber zu beerdigen nicht gestattet sei. Unsere Väter haben von solchen ״Fragen" nichts gewußt, weil sie eben infolge ihres fromineit. streng religiösen Lebenswandels wegen n i e in die Lage gekommen sind, derartige Fragen stellen zu müssen. Aus dem Briefkasten eines hiesigen allgesehenen jüdischen Blattes entnehme ich soeben, daß man an dasselbe von L. und S. in B. folgende Fragen zur Beantwortung gerichtet hat: 1. Ob man Einen, der mit einer Christin verheiratet ist. zur heiligen Thora aufrufen darf? 2. Ob der Schames und Schochet am Samstag am Wochenniarkt einkaufeit darf? 3. Ob die Frau des Schames und die des Oberkantors Samstag am Wochenmarkt einkausen darf. Die Redaktion des erwähnten Blattes antwortet mit vollem Rechte, ״daß zur Beantwortung dieser Fragen ausschließlich der Ortsrabbiner kompetent sei". Nun möchte ich mir noch erlauben diese neuen Ftagen mit einer noch neueren zu bereichern: Und wie, wenn die Frau des Oberkantors — der zufällig, was in B. häufig der Fall zu sein pflegt, auch das Rabbineramt — bekleidet, am Sabdath am Wochenmarkt einkauft, wer ist dann kompetent diese Schaale zu paskenen? Thora hi welilmod ani zorich. Wien. Ani hagever. Prager Brief. Die Nitualmordbuben der ״Reichspost" haben vor kurzem den Leichenschändern Platz gemacht. In der ganzen gesitteten Welt hat ihre unqualifizierbare Verleumdung des verunglückten Abgeordneten Silberer Abscheu, erweckt, nur bei uns in Böhmen herrscht die Sucht es ebenso zu machen. Freilich liegen die Kreise außerhalb der gesitteten Welt; denn es sind unsere tschechischeit Antisemittenblätter. Nachdem sie in der Pessachzeit das bischen Phantasie und Scharfsin, das ihnen eigen ist, dabei verpulvert haben, drei schöne Ritualmorde zu erdichten, ohne auch nur den geringsten Erfolg, den kleinsten Judenpogrom erzielen zu können, stürzen sie sich mit Eifer aus die jüdischen Opfer der entsetzlichen Titanickata strophe. Als richtige Leichenfledderer spritzen sie Gift und Galle auf die armen Toten und besudeln das einzige, was die Verunglückten sich übers Grab hinaus gerettet haben, die Ehre. Auffallende Ueberschriften in diesen Sudelblättern zeigten an, daß Leute mit jüdischen Namen unter den Passagieren der ersten Klasse waren, daß auch Juden gerettet wurden. Berichte über die grüß- * Gebetbücher zu beziehen durch deu ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag