Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 2 (10.4.1912)
- Date
- 1912-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebetbücher zu beziehen durch den ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag", Brünu. Jüdische B-lttstimme. Nr. 2 Im Jahre 1853 erschienen unter ihnen die ersten protestantischen Missionäre, die ihnen vorgespiegelt zu haben scheinen, daß sie noch die einzigen Juden auf der Erde seien, da der Messias bereits vor 1800 Jahren erschienen sei und alle Juden zum Christentum übergetreten seien. Das war für sie ein überraschender Bericht, den ste sich in ihrer Vorstellung nicht anders zurechtlegen konnten als durch die Annahme, daß nunmehr das jüdische Reich in Palästina erstanden sei und daß in Jerusalem ein Hohepriester seines Amtes walte. An dessen Adresse richteten sie denn auch ein Schreiben, in welchem sie um Aufnahme in den jüdischen Staat baten, ein Schreiben, das natürlich nicht beantwortet wurde. Etwa 50.000 Falasja ließen sich taufen, man kann sich aber ihre Enttäuschung und Erbitterung denken, als sie bald von dem Dasein anderer Juden in der Welt vernahmen; die Rolle der Missionäre war ausgespielt, und indessen war es gelungen, di- Aufmerksamkeit und das Interesse einflußreicher jüdischer Kreise in Europa auf sie zu lenken. Besonders der Oberrabbiner Zadok Kahn in Paris und ein Mitglied der Familie Rothschild griffen tatkräftig ein. Dr. Jakob Faitlovitsck besuchte sie wiederholt und brachte von einer seiner Reisen einige junge FalaSja mit, die in Europa als Religionslehrer ausgrbildet werden und dem Eifer dieses begeisterten Sachwalters ihrer religiösen Interessen ist es zuzuschreiben, daß jetzt in Berlin, Frankfurt. London, New-Zork und nunmehr auch in Amsterdam Komitees errichtet worden sind, die einem Generalkomitee in Florenz unterstehen und namentlich für die materielle und intellektuelle Hebung dieses bis jetzt auf sich selbst angewiesenen jüdischen Stammes tätig sind. Prager Brief. Das aktuellste Thema ist entschieden die Mazzosteuerung. Von Jahr zu Jahr wird weniger dafür gesorgt, daß in Prag Mazzos in ausreichendem Maße vorhanden sind. Die Prager Bäckerei erzeugt viel zu wenig, die Händler, die Mazzos von draußen beziehen, werden immer behutsamer in ihren Bestellungen und so konnte man Heuer am Erev Pessach bereits Mazzos nur zu unerschwinglichen Preisen erhalten. 2 K bis 2 40 K mußte man für ein Kilo anlegen. Und dabei sind die Tagesblätter voll Inseraten. Die Koscher alpessach Ueberschriften geben den Anonzenteilen ein ganz eigentümliches Gepräge, selbst der £as weiß seinen Lesern nicht genug von den echten Pnstoupimer Mazzos zu erzählen. Der Setzerlehrling des Prager Tagblatt ist schon so daran gewöhnt, daß er zu allem Guten und Schönen die Bezeichnung ״ech! Pristoupimer" hinzuzusügen hat, daß er sogar einen Spezialisten für Hautkrankheiten inserieren ließ ״echt Pkistoupimer Hautkrankheiten heilt", vielleicht war cs derselbe Setzerlehrling, der ankündigte, daß Regierungsrat Jerusalem ein Vortrag über ״Spionage und Judentum" halten werde (statt ״Spinoza und Judentum"). Die Sensation der letzten Woche bildet die Meldung der tschechischen Blätter, daß die Frau e׳nes Prager jüdischen Advokaten sich scheiden läßt um einen leibhaftigen Prinzen Hohenlohe zu heiraten, der eine Vergangenheit als Fregattenkapitän und eine Zukunft als Erbe eines 8 Millionen Vermögens hat. Zu dem Berichte ״Cesty dennik“ in Pilsen, der darauf hinweist, daß ein Jude in Preußen es zu keiner Universitätslehrstellc bringen kann, meint der £ech neidisch, daß es in Preußen auch nicht so viele jüdische Bankdinklaren gibt, er ärgert sich aber nicht nur über den ״goldenen Feilchenfeid" (natürlich längst getauft) er registriert auch wehmutsvoll jedes kleine Geschäft, das in jüdische Hände übergeht. In eimr seiner letzten Nummer schlägt er vor, der eben konstituierte Verein der deutschen Hausbesitzer Prags, der zumeist nur reiche Juden zu seinen Mitgliedern zählen werde, solle sich den Namen ״Jerusalem" beilegen. Ein hübsches Stück Antisemitismus leistet sich der XX- Vek, vorerst macht er einen schüchternen Versuch, das Verschwinden eines Mädchens wieder zu einem Ritualmord zu verarbeiten, dann aber druckt er eine Zeitung aus dem Jahre 1899 mit einer ״Das Blut" betitelten Rede des Bischofs Brynych ab, in der sich der Herr Bischof in den albernsten und abgedroschendsten Angriffen auf die Juden gefällt. Wie wohltuend sticht von unseren österreichischeu Blättern der echte Liberalismus z. B. des ״Budapester neuen politischen Vvlksblatt" ab, daß seinen Lesern eine interkonfeffiovelle Speisekarte empfiehlt, für den 5. April (für Katholiken) Fischsuppe, für den 6. April (für Juden) Mazzesknödel, für den 7. April (wohl für Meschumodim) Preßburger Mohnbeugel. Buntes Allerlei. Ein famoser Reformator. Der Schriftsteller A. I. Rodionow, Verfasser des blutrünstigen Romanes ״Unser Verbrechen", hielt vor einigen Tagen in der Rußkoje Sebranije vor einem gleichgesinnten Publikum einen über das Thema ״Me ist Rußland zu retten?" Wahrscheinlich konnte er mit der Tendenz gegen das Branntweinmonopol gerichteten Romanes bei den schnapsliebenden ״echten" Russen nicht durchdringen, und verspricht sich mit Unrecht mehr Erfolg von der alterprobten Wirkung des Judenfressens. Nach seiner Meinung ist Rußland auf folgende einfache Weise zu helfen: Die gesamte Presse ist zu unterdrücken und durch eine nationalistisch-monarchische zu ersetzen. Das Volk ist von jeglicher Bildung zu schützen (!), da alle Volksschullehrer Revolutionäre sind. Als Gegengewicht gegen die humanen Urteile der Schwurgerichte sind Körperstrafen einzuführen. Auf jedem Mord ist nach dem Bibelworte ״Aug' um Aug', Zahn um Zahn" die Todesstrafe zu setzen. Die Juden sind aus Rußland zu vertreiben. Da das auf friedlichem Wege erreicht werden soll, sind den jüdischen Kaufleuten, Handwerkern und Absolventen der Hochschulen alle ״Privilegien" zu nehmen, damit sie keine Existenz finden und genötigt sind Rußland freiwillig zu verlassen.-Ein Vorschlag zur Güte! Vielleicht könnte man auf Zwangswege die Romane Rodinows unters Volk bringen, der Erfolg müßte 'überraschen: der ersehnte Zustand völligen Idiotismus würde Rußland in kürzester Frist auf das gewünschte Niveau bringen. Eine Apotheke im alte» römischen Ghetto Die letzte Nummer des ״Bolletino della Comissione Archeologika di Roma" enthält einen post- Humen Attikel des verstorbenen Oberrabbiners von Rom Castiglioni, über eine Marmorplatte, welche in einem römischen Privathause gefunden wurde. Die Steinplatte weist eine Inschrift auf. aus welcher bervorgeht, daß das jüdische Ghetto im Jahre 1635 eine eigene Apotheke besaß, welche von einem jüdischen Wohltätigkeitsverein ins Leben gerufen wurde. Es wird in dieser Inschrift auch erwähnt, daß zu den Koste» der Apotheke die Brüder Elia und Mordechai Toskano je 400 Skudi und Benjamin Aschkenasi 100 Skudi beigettagen Max Liebermann, Ehrendoktor. Max Liebermann ist von der philosophischen Fakulität der Berliner Universität zum Ehrendoktor ernannt worden. Das Doktordiplom, das dem Künstler vom Dekan der philosophischen Fakulität. Geheimrat Nernst, überreicht wurde, ist in lateinischer Sprache abgefaßt. In deutscher Ueberictzung besagt cs, daß Liebermann ein Künstler sei, ״der die Malkunst zum langerstrebten Ziel emporhob, die Natur so darzustellen, nicht wie sie laut verstandesgemäßer Ueberlegung ist, sondern wie sie unserem Auge wesentlich erscheinen." Leffer Ury, der jüdische Maler, hat für den Festsaal des neuen Bene Brith-Hauses in Berlin zwei biblische Gemälde geschaffen, darstellend ״Rebekka und Eleasar" und ״David und Jonathan". Die Gemälde sind in großen Dimensionen gehalten und von unbeschreiblicher Gewalt des GedankenS. Ein großes Bermächtnis. Das Testament des Verstorbenen Lord Wansworth bestimmte fast das ganze Vermögen von über eine Million Pfund zur Stiftung einer Erziehungsanstalt für englische Waisen aller Konfessionen. Ein jüdisches Opernhaus. In London ist das erste jüdische Opernhaus der Welt eröffnet worden, es führt den Namen ״Der Tempel". Das Gebäude ist im orientalischen Stil gehalten und liegt im Herzen des Ghettos. Der Direktor ist Mr. Kenard. Die erste Vorstellung wurde durch eine Eröffnungsrede von Sir Francis Montefiore ein- Ein Freund des Königs Eduard VH. In London ist der 70jährige bekannte Finanzier Artur David Saffoon nach nur dreitägiger Krankheit im Palais seines Verwandten Leopold v. Rothschild zu Ascot, wo er zum Besuch geweilt hatte, gestarben. Mr. Artur Saffoon war mit dem verstorbeneu König Eduard Vll. befreundet. Wiederholt hatte der König in Brighton, wo er zu verschiedenen Malen zur Kur weilte, in Saffoons Palais Gastfreundschaft genossen. Die Saffoons haben ihren Reichtum hauptsächlich durch den Handel mit Nord- und Zentralafrika erworben. Der alte und der neue Gott. (Eine wahre Episode ) In einer kleinen Provinzstadt hat sich vor kurzem folgendes zugettagen: Es war der Sterbetag eines im Orte ehemals angesehenen jüdischen Mannes. Der Verstorbene hatte fünf Söhne, von denen vier der jüdischen Konfession noch angehörten, einer aber bereits vor langem in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche eingegangen ist, weil dieser Weg ihn zugleich in den Beamtenstand des Handelsministeriums führte. Außerdem ist der Mann Kadettoffizierstellvertreter, freilich ohne Aussicht auf den Generalsrang, denn er ist Offizier der Reserve. Zum Kaddischgebet fanden sich in der Synagoge nun die fünf Brüder vollzählig ein, also der fürs Handelsministerium getaufte unter Ein Tempelvorsteher, der in richtiger Erkenntnis der Unmöglichkeit einer Vereinigung des jüdischen mit dem christlichen Ritus die Anwesenheit des Meschumed beim Kaddischgebet für eine Entweihung ansah, ließ den Täufling nun einfach durch den Tempeldiener ״sowohl höflich als auch dringend" aus dem Gotteshaus entfernen. Der Ministerialbeamte verließ natürlich fluchtartig Synagoge und Stadt. Diese Episode ist für den inneren Wert der Taufe des Juden bezeichnend. Wo sich die nur dem Judentum entstammende und im Judentum wurzelnde Pietät mit der Aeußerlichkeit einer der Sucht nach Vorteil entspringenden Bekenntnisänderung am Papier trifft, ist die Grenze, an der die ganze Lächerlichkeit und Verworfenheit der Maskerade zu Tage tritt. Der neue Gott hält die Hand gefüllt mit gleißendem Golde entgegen, während der alte Gott stumm in der Brust, in der Seele des Strebers verharrt, bis die Zeit an ihn kommt. Und die Zeit kommt an ihn, wenn der blinde Lebenswanderer eben an den Pfahl jener Grenze stößt. Da gibt es dann einen Anprall, der ihm Kopf und Herz erschüttert. Und es hat schon einige gegeben, die durch diesen Stoß aufgeweckt wurden und zum väterlichen Rain zurückgekehrt sind. Freilich gibt es auch Viele, die sich einbilden, sie könnten nicht mehr zurück, die sich das schließlich solange einreden, bis sie dem neuen Gott anzugehören glauben, der nie der ihre war und nie der ihre sein kann, weil er ihre Sprache nicht redet. So ist er ihnen fremd und Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran. Sonntag am 24. März fand die vierte Generalversammlung des Vereines ״Asyl für mittelto!e kranke Israeliten in Meran" statt. Ein distinguiertes Publikum von Gönnern, Freunden und Mitgliedern des Vereines, die zum Kurgebrauche in Meran anwesend sind, fand sich ein und folgte mit Interesse den Berichten des Vorstandes. Präsident, Herr Dr. med. M. Koref, begrüßte die Erschienenen, konstatierte die ordnungsgemäße Einberufung und Beschlußfähigkeit der Versammlung und gedachte in warmen Worten der durch den Tod dem Vereine entrissenen Gönner. Frau Dr. Rosa Hersch, die geschäftsführende Vizepräsident!!!, gab in ihrem Tätigkeitsberichte eine ausführliche Uebersicht über die geschäftliche Tätigkeit des Vereines und wußte durch die klare und sachliche Berichterstattung die fortschreitende gedeihliche Entwicklung des Genesungs- Heimes zu veranschaulichen, so das allgemeiner anhaltender Beifall ihren Ausführungen folgte. Dem Kaffaberichte des Kassiers, Herrn Gustav Katzenstein und dem Revisionsberichte des Herrn Heinrich Gutmann erwies die Versammlung die größte Aufmerksamkeit und wurde mit großer Befriedigung die umsichtige und genaue Führung der finanziellen Agenden seitens der genannten Herren zur Kenntnis genommen. Einstimmig wurde hierauf dem Vorstande das Absolutorium erteilt. Herr Dr. med. M. Koref erstattete sodann seinen ärztlichen Bericht. Allseits große Befriedigung erregten die äußerst günstigen ärztlichen Erfolge, welche das Genesungsheim gufzuweisen hat. Bei Berücksichtigung der vielen schweren Fälle, welche unvermeidlich im Laufe, eines Jahres dem Genesungsheime zugeschickt werden, gewinnt die Tatsache noch größere Bedeutung, indem dadurch einerseits der vortrefflichen ärztlichen Leitung, der