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Jüdische Volksstimme · 1912-04-10 · Heft 2 (10.4.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 2 (10.4.1912)
Date
1912-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ALttsche BolkSstttmae. 8 r-r d 8 ■8 U So o ,ä ^ro Z Ausführung. WaS sich da in vier langen Akten abspielt, könnte vsn einem Modernen wohl in einen einzigen Akt zusammengedrängt werden. Aber diese Dichter sind Epiker, trotzdem sie für die Bühne schreiben. Eine gewisse, sehr beliebte Art der jüdischen Stücke hat stets dasselbe Motto: die unglückliche Zwangehe. Es kehrt immer wieder, als ob dieses ״Verkuppeln" der jungen Seelen das ärgste Uebel des GoluS, des östlichen Ghettos wäre- Ich habe unlängst in der ״Wiener jüdischen Bühne" der Aufführung der ״Kreutzersonate" von Gordin beigewohnt. Der Titel des Stückes ist insoferne berechtigt, als eine Szene des berühmten Tolstoischen RomaneS den Hintergrund der Handlung bildet. Die Tochter eines reichen russischen Juden hatte mit einem andersgläubigen Offizier ein Liebes- Verhältnis. Als die Folgen offenbar wurden und der Offizier eine Vereinigung fürs Leben wegen der Glaubensverschiedenheit als unmöglich erkannte, erschoß er sich. Um die Schande der Tochter zu verwischen, sucht und findet der Vater einen Gatten für die Geschändete: Einen jungen Musiker. Mit ihm soll sie nach Amerika ziehen. Nach furchtbarem, seelischen Kampfe folgt das Mädchen dem ungeliebten Mann. Das Kind der Schande ist zur Welt gekommen. Der neue Vater haßt es, weil er in ihm das Abbild des Liebesobjektes der jungen Frau sieht. Inzwischen ist der Vater der Frau mit seiner Familie in Amerika angelangt, darunter die zweite Tochter, eine begabte Pianistin. Sie musiziert mit dem Schwager. Er verliebt sich in sie. sie verleitet ihn zur Blutschande. Und als alles ans Tageslicht kommt, erschießt die betrogene Frau den Gatten und die Schwester. Das ist in kurzen Umrissen die Handlung, die sich durch vier breite Akte zieht. Die Zahl vier ist übrigens obligat. (Manchmal gibt es aber auch fünf Akte.) Die Aufführung der ״Kreutzersonate" vereinigte sich übrigens mit einem schönen und inreressanten Fest: Dem Benefiz einer Schauspielerin. Des Sternes der ״Wiener jüdischen Bühne", Elise Weint raub. Sie ist tatsächlich eine erstklassige Künstlerin. Und in der Rolle deS unglücklichen Weibes öffnet sie alle Register ihres Talentes. Sie weiß Schmerz, Wut und Milde gleich vollkommen zum Ausdrucke zu bringen. Dabei ist ihr Organ weich, schmiegsam und anheimelnd. Sie hat einige ״Glanzrollen". (Ich erinnere an die Trauerrolle in der ״Neueste", deren Aufführung ich an dieser Stelle bereits seinerzeit gewürdigt habe.) DaL ״Benefiz" bewies die Beliebtheit, also daS Können Elise WeintraubS; denn das Publikum des jüdischen Theaters liebt wirklich nur die Könnenden, nicht, wie es im allgemeinen Kunstleben der Fall ist, bloß die sympathischen oder ״namhaften" Künstler. Es ist gar schön, mitanzusehen, wie der Benefiziantin auf Tabletten Geschenke aller Art. wie Blumen, Süßigkeiten, Schmucksachen, Bücher, Noten rc. zur Bühne hinaufgereicht werden, wie sie dieselben mit glückseligem, echten (nicht komödiantischem) Lächeln unter dem wsenden Beifall der Zuschauer entgegennimmt. Da zeigt sich das opferwillige, jüdische Herz, die frohe, jauchzende jüdische Seele.... Eine der modernen Bühne bereits fremde, dem antiken und mittelalterlichen Theater eigene Erscheinung ist die Besetzung von Frauenrollen durch Männer. In der ״Kreutzersonate" haben wir sie. Und ich muß gestehen, eine Frau hätte die Rolle der alten, um das Wohl des Mädchens besorgten, gutherzigen Amme nicht besser gestalten können, als Herr Podzamce, der Komiker der ״Jüdischen Bühne" sie schuf. Es ist das vielleicht weit größere Kunst, es gehört sicherlich auch mehr Beobachtungsgäbe dazu, eine Frauenrolle natürlich zu geben, als eine männliche Figur des Altags darzustellen. Die Frauengestalt, die Herr Podzamce bot, war eine vollkommene. In der vorigen Woche hat die ״Wiener jüdische Bühne" ihre Pforten für diese Saison geschlossen. Das Ensemble geht auf Sommergastspiel nach Czernowitz. Einige Mitglieder wenden sich nach anderen Städten. Es ist auch das Leben dieser Schauspieler echt jüdisch, der Mehrzahl vielleicht (abgesehen von denen, die Sommer und Winter, sei - es auch in zwei verschiedenen Städten, ihr ständiges Engagement haben), wandern müssen sie, wandern. Es war und ist das Los deS Mischen Volkes, daß es überall ״gastiert", nirgends ist es heimisch. Und wie oft hat es traurige, bitter traurige Rollen spielen müssen, während die Stachelpeitsche des feindlichen Hanswursts auf seinen gekrümmten Mcken niederfuhr. Das jüdische Volk hat nicht ״Komödie gespielt", es hat mit tiefernster Wahrheit agiert. Und WaS das Schlimmste daran ist: EL bekam niemals Gage, sondern mußte noch selbst daS Eintrittsgeld bezahlen. Aber wir Juden können dafür mit Stolz darauf Hinweisen, daß wir auf der Kulturbühne stets erste Rollen gespielt haben. Und diesen Rang kann uns niemand streitig machen. Der Kiewer RitualmordpÄzeß. Die Mordaffäre Juschtschiuski. Der im ״Berliner Tageblatt" zum Abdruck gebrachte, von vielen hervorragenden Persönlichketten aller Richtungen Unterzeichnete Protest gegen die Beschuldigungen des Ritualmordes, die im Zusammenhänge mit der Ermordung Juschtschinskis in Kiew gegen die Juden erhoben wurden, hat in Rußland einen großen Eindruck hervorgerufen. Man spricht sogar davon, daß der Protest einen gewissen Einfluß auf das Urteil haben dürfte. Und dieser Prozeß wird zu den bemerkenswertesten in der Geschichte der russischen Gerichte gehören. Die Verhandlung findet sofort nach Ostern in Kiew bei offenen Türen statt. Die Zivilklage gegen den Angeklagten Beilis vertritt das Mitglied der Reichsduma Samuslowskie und wie nunmehr endgültig feststeht, der verteidigte. Rechtsanwalt Schmakow; beide sind hervor- . ragende Stützen der rechtsstehenden Parteien. Als Verteidiger des Angeklagten werden die Rechtsanwälte Grusenberg. Grigorowitsch-Barski und andere fungieren. Auch der Rechtsanwalt Bobrischtschew-Puschkin wird zu der Zahl der Berteidiger gehören. Dieser erklärte ihrem Korrespondenten, daß er selbst Anttsemit sei, aber an die Märchen von Ritualmorden nicht glaube und nur zu dem Zwecke die Verteidigung übernommen hat, um dieses Märchen ein für allemal zu widerlegen. Auch der berühmte W. M. Maklakow ist gebeten worden, an der Verteidigung teilzunehmen, hat jedoch bisher eine bestimmte Zusage nicht gegeben. Erst vor kurzem hat der Mnister des Innern wieder sämtliche Men in der Angelegenheit Juschtschiuski verlangt. In der Sitzung des Kiewer Bezirksgerichtes, die am 2l. Marz unter Vorsitz Grabars stattfand, wurde über die Anträge der Verteidigung wegen Hinzuziehung von 150 Zeugen und einer großen AnzahlvonSachverständigen(AerztenundTheölogen> verhandelt. Die Sitzung dauerte den ganzen Tag. Die Entscheidung des Gerichtes lautete, daß von den 150 Zeugen, die die Verteidigung beantragt hatte, nur 80 vorgeladen werden. Die Vernehmung der übrigen Zeugen, deren Aussagen hauptsächlich die Schuld der Diebsbande mit den Brüdern Mifle an der Spitze, bezeugen sollten, wurde ab-- gelehnt. Die vorgeladenen '80 Zeugen sollen die Unschuld Beilis beweisen. Auch der Antrag, als Sachverständige Aerzte und Theologen zu vernehmen, wurde abgelehnt. Der Prozeß wird vor der 11. Kammer des Bezirksgerichtes, die durch׳ ihre sttengen Urteile bekannt ist, verhandelt. Für das Publikum sind 120 Plätze reserviert. Das Interesse an dem Fall ist jedoch so groß, daß schon lange vor der Verhandlung eine Unzahl von Gesuchen um Eintrittskarten von hochgestellten Beamten.. Mitgliedern der Reichsduma und des Reichsrates. Manchmal ahnte ich den echten, tiefer fühlenden Menschen in Dir, Aber Du ließest mich nie nahe kommen, Du zogst Dich immer ängstlich zusammen, wie die Blume, die der kühlende Nachtwind berührt. Jetzt weiß ich, daß ich recht hatte. Und ich freue mich dessen. Um uns schlingt sich ein Band voll wundervoller Zartheit — die Kindheit Agnes! Diese köstliche Zeit des Lebens, da wir mit kurzen Kleidchen und losen Haaren im Sande spielten, da wir einen toten Spatz, den wir tagelang geduldig gepflegt hatten, in der dunkelsten Ecke des HoseS begruben und Blumen auf sein Grab pflanzten. Die Zeit, da wir auf dem Marktplatze unseres Heimatstädtchens Reifen spielten und voll jauchzender Lust Kämmerchen vermieten wollten! All die Spiele, die der Jugend Lust und Freude sind, wir haben sie zusammen gespiett, wir haben zusammen der Kindheit Schmerz und Freude kennen gelernt. Und dann die Schulzeit, Agnes. Diese unvergeßlichen Jahre des Sammelns, deS Eindringens in neue, unbekannte Wetten, des langsamen Begreifens der eigenen Schätze. Diese herrliche Zeit, da ein Tadel unserer Lehrer Tränen-! ströme entfesseln konnte, da ein Lob aus ihrem Munde uns beglückte und entzückte. Weißt Du es noch, Agnes? Wenn im großen Schulhofe der Flieder blühte und Du mit den Kameradinnen in der Freistunde trotz strengsten Verbotes auf die Straße liefest, um nachzusehen, ob Bekannte vorübergingen, um zu lachen und zu schwatzen, da glühten wohl Deine Wangen und die Augen leuchteten über den gelungenen Stteich. Aber fragte dann das Fräulein, ob jemand auf der Straße gewesen wäre, dann warst Du diejenige, die voll Offenheit und Reue den Fehler bekannte. Neckisch und tändelnd schrittest Du durch die Zeit des Lernens und nahmst doch vieles in Dir auf. Me lieb wußtest Du nach der Religionsstunde meinem Vater einen Tadel abzuschmeicheln; mit allerlei Listen wußtest Du ihn zu umgarnen, bis er nachgab. Noch heute sehe ich Dich, wie Du den Ueberrock brachtest, Hut und Stock vor ihn hinlegtest und dabei die bittenden Augen nicht von ihm ließest. Und noch eine Szene ist mir jetzt gegenwärüg, da ich an die alten, traulichen Zetten zurückdenke! Unsere Vorsteherin hatte Geburtstag und wir sollten Theater spielen. Das gab eine Aufregung. Allerhand Stücke wurden vorgeschlagen und wieder verworfen, es wurde disputiert, kritisiert und endlich nach vielen Erwägen und Beraten das' Märchen ״Schneewittchen" gewählt. Du bekamst die Hauptrolle, weil Du von jeher viel Talent zum Theaterspielen hattest. Ich höre noch die Rufe der Bewunderung, die Dein Anblick bei den Zuschauern erregte. Du lagst regungslos in dem gläsernen Sarge, das frische, liebe Gesicht weiß gepudert, und das schwarze, volle Haar aufgelöst über die Schultern fallend, die Augen geschlossen — füll, unbeweglich!... Es wurde damals sehr gut gespielt. Aber Du warst die Schönste! Ich kann das Bild nicht vergessen, es ist mir, als sähe ich Dich jetzt in Deinem engen Bette liegen, in dem Du nun ruhst für immer. Damals lachtest Du uns aus, weil wir Dir prophezeiten, Du würdest nicht so lange still liegen können. O, könntest Du doch auch jetzt lachen, lachen über die dummen Menschen, die da glauben, daß Du tot bist. Tot! Daß Du daS Sonnenlicht nicht mehr siehst und die Blumen, die Früchte nicht mehr und den Schnee. — Nichts mehr!... (Schluß folgt.) Mährisch-sdüesisdie Bank Brünn! Taltphon Nr. 310, Dlraktt». Ferdhiandsgasse Nf. 29 ־Muhon Nr. 1016, W»efa«g»«tohfl■ verzinst EINLAGEN gegen X 1| 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank' ädebel1״und in lautender Rechnung mit *T |2 (0 geschäftealler Art, Börsen-u. Wechslergeschäfte.

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