Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 2 (10.4.1912)
- Date
- 1912-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Donnerstag. IjXIH. Jahrg. Nummer 2 "SSST " * Wiener k DMspMk. «-- Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn. halbjährig . . Kronen 520־ ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 650־ Balkan, Frankreich.Franks 12•— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. | Inserate: die 6 spaltige Petitzeile '.!0 h. | Geschäftsstelle: Wie», I., Rotenturmstraße Nr. 31.! Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm. Leipzig.!Telephon 30011/Vlll. Sprechstunden von 10-12 Uhr. ■ Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert, j Rtanuskripten ist Rückporto beizufügen. Brünn—Budapest. Wien, Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Fr. Porges, Wiener jüdische Bühne. — Anna Mandl, Abschiedsbrief. — Der Kiewer Ritualmordprozeß. — Wiener jüdisches Leben. — Ein jüdischer Bolksstamm in Ostasrika. — Prager Brief. — Buntes Allerlei. — Der alte und der neue Gott. — Asyl für kranke Israeliten, Meran. — Jüd. Handlungsgehilfenverband, Wien. — Brünner Nachrichten. — Korrespondenzen. — A. Mandl, Moses Danklied. — Dr. Guggenheimer, Zwei Rundgesänge. — I. Fingermann, Eine Gesellschaftsreise nach Palästina. — '!jiddische Oper. Wiener jüdische Bühne. Bon Friedrich Porges. Es ist ein schmaler, langgestreckter, niederer Saal, in dem die ,.Wiener jüdische Bühne", das Ensemble jüdischer Jargonschauspieler, Kinder östlicher Erde, die doch von ihrer eigentliche,׳ Heimat weg noch weit im Westen liegt, Untertanen Polens, Rumäniens und Rußlands, von einer primitiven Bühne aus, immerhin aber von Brettern, die für sie die Welt bedeuten, die Werke jüdischer Theaterdichter vorführen. An Tischen sitzen die Zuhörer essen, trinken und rauchen. Ein Klavierspieler und ein Violinist füllen die Pansen mit hastig gespielte! Weisen, die vielfach jüdisch sind, leider aber auch allzu oft ins Gebier der ״Lustigen Witwe" und der ״Dollarprinzessin" hienüber schielen. Mögsich, daß da ein Zusammenhang besteht! Mein Gott! Die Herren Komponisten nehmen ja von überall... Ein roter Samtvorhang trennt den Zuschauerraum von der Welt des Scheines. Wenn die Borstellung beginnt, d. h. wenn das Programm einsetzt, öffnet sich der Vohang und ein Sänger steht am Podium, ein bekannter, ein beliebter. Denn er wird sofort bei seinem Erscheinen vom Publikum akklamiert. Und schon rufen sie ihm zu, alle durch, einander, daß man die Worte nicht recht unterscheiden kann. Es sind Liedertitel. Je nach dem Geschmack des Einzelnen soll sich der Sänger richten. Endlich wühlt er ein Lied und singt. Der Kontakt zwischen Schauspieler und Publikum. Das ist etwas, was uns wie unkultiviert erscheint. Und doch! Es hat was anheimelndes an sich. Der Mann da oben auf den Brettern verliert urplötzlich den Nimbus des Komödianten. Es ist. als wäre einer von da unten, aus der Mitte des Auditoriums hinaufgestiegen und sänge. Man würde sich wundern, wenn der Sänger am Schluß seines Vortrages von der Bühne herabkäme und sich gemächlich zu einem Tische setzte. Das Leben unseres Volkes ist die Familie..." Ein Komiker tritt auf. Ec karrikiert chassidische Gestalten. Das heißt, er karrikiert sie nicht, er gibt sie. wie sie in frohen Stunden sein würden. Manche Weisheit steckt in diesen jüdischen Couplets, deren Refrain das Auditorium mitsiugt. Eine Soubrette beweist, daß es auch jüdischen ״Chic" gibt. Sie singt Couplets und lost ge Lieder. Im Cabaret singt man sie französisch mit ein paar pikanten Einlagen, erotischer Melodie und dann heißen sie ״Chansons". Nach den Solovorträgen, die geboten werde!, müssen, erstens, weil das Publikum daran gewöhnt •st und sie verlangt, und zweitens, weil die ..Iüdische Bühne" keine reine Theaterkonzession, sondern eine bloße Singspielkonzession besitzt, daher Theater¬ Feuilleton. Ein Abschiedsbries. Bon Frau Anna Mandel, Wien. Dezember war's. Ein grauer, regenfeuchter Tag. — Da haben sie Dich hinausgetragen'. . .. Wenn ein Mensch vom andern Abschied nimmt für immer, dann reicht er ihm noch einmal seine Hand und drückt sie fest, als wollte er sie nimmer lassen. Die Blicke versenken sich Minutenlang ineinander und in diesem träumeschweren letzten Augenblicke des gemeinsamen Schweigens stehen vor ihrem geistigen Auge die Erinnerung an all die Stunden, die der Eine mit dem Andern zusammen gelebt. Die Hand konnte ich Dir nicht mehr drücken, Agnes! — Auch ins Auge konnte ich Dir nicht mehr sehen! Aber die Erinnerung an die Stunden, die wir zusammen gelebt, ist wach in mir. Und indem ich sie festhalte für immer, will ich Dir zugleich ein Denkmal setzen, will ich mich zugleich befreien von dem Druck, der auf mir lastet, seitdem wir Dich zu Grab ge- Du hast mich den Schmerz gelehrt, Agnes, oen wilden, verzweifelten Schmerz um ein Liebes, mit dem man durch hundert kleine Erinnerungen verbunden ist und das man plötzlich verschwinden sieht aus seinem Kreis, verschwinden, zerfließen ins Unendliche, Wesenlose, wohin nur der ewigen Zehnsucht Schrei dringt. Zum ersten Male habe ich aus eigenster, tiefster, seelischer Bangigkeit die brennenden Fragen getan. ״Wo bist Du hingegangen? Wo weilst Du jetzt?" — Und in all den Tagen, die jener traurigen Stunde folgten, da wir. Deine Verwandten, Deine Freunde Dir das letzte Geleite gaben, quälte mich eine dumpfe Angst, eine brütende Tatenlosigkeit ergriff mich: ״Wozu dies alles, da doch oer Tod kommt, ehe es vollendet ist?" Solche Tage müssen lurchgekämpft werden. Und ich habe tapfer gekämpft. Ich bin durch alle Stadien der Berzweiflung, der Bitterkeit des Trotzes und der stummen, müde gewordenen Resignation gegangen! Tage und Nächte habe ich geopfert, bis ich endlich die Ruhe wiedergefunden, bis ich mich in Gottes unabänderliche Fügung ergeben habe. Und immer warst Du bei mir, Agnes. Dein Bild begleitete stücke allein nicht aufführen darf, tritt erst das eigentliche Theater in seine Rechte. Gordin. Perez, Hirschbein, Lateiner. Goldfaden, usw. das sind Namen, die dem aisimilierren Westjuden weit weniger, als bekannt sein dürfren. Es sind die Autoren der heutigen jüdischen Bühne. Dem gebildeten Westjuden werden aber die Namen Hans Sachs. Andreas Gryphius usw. der Dichter aus der Kinderzeit des deutschen Theaters geläufig sein. Ich nenne sie mit Willen in einer Linie mit den angeführten jüdischen Autoren. Nicht aber um zu sagen, daß die Produkte der heutigen jüdischen Jargondichter so schlecht und unvollkommen wären, wie uns heute Hans Sachsens Bühnenspiele erscheinen, sondern deshalb weil immerhin diese jüdischen Autoren auch die ersten Dichter sind, die für ein Theater schreiben, und ebenfalls diejenigen sind, die an der Wiege des jüdischen Theaters stehen. Der jüdischen Intelligenz ist es zuzuschreiben, daß die ersten Jargonstücke, nicht wie die Stücke der deutschen Theaterwiegendichter, roh, geistlos und nur der Befriedigung blutrünstiger, beziehungsweise sinnenlüsterner Gier dienlich, sondern bereits von lebendigem Geiste erfüllt und handlnngsreich sind. Nicht unwahrscheinliche Teufels szenen, Heldenmorde und Slerbedramen sind es, sondern Szenen aus dem Leben, aus dem Heimleben der Ostjuden, aus ihrem Leben . . . Auch aus dem Leben der Schauspieler da oben. Und darum die Natürlichkeit des Spieles. Die Schauspieler spielen die eigenen Rollen, oder die Rollen ihrer Väter, ihrer Brüder in der Heimat... Immerhin sind diese Stücke primitiv, im Ansbau, in der Handlung, in den Sentenzen, in der mich, dieses heitere, anmutsvolle Bild, das ich von Dir im Herzen trage. Oft stehst Du des 'Nachts vor mir zum Greifen deutlich: die zierliche, anmutige Gestalt mit dem kleinen Kopfe, der die wundervolle Last der schwarzen Zöpfe kaum ertragen konnte! Und Tu lachst mich mit den grauen Augen fröhlich an und Dein roter Mund plaudert leicht und schnell von diesem oder jenem, von dem, was gerade Dein Interesse in Anspruch nimmt. Es war eine Eigentümlichkeit von Dir, dieses hastige, kurz abgerissene Sprechen. Aber gerade das liebte ich an Dir. So warst Du immer heiter, fröhlich, ungezwungen, voll natürlicher Anmut, die alle Menscheu in Bann schlug, voll gesunder Derbheit, die auch ein offenes, wahres Wort nicht scheute. Und eine besondere Gabe, mit Menschen aller Arten und aller Klassen umzugehen, war Dir eigen. Aber die Wenigsten kannten Dich wirklich. Sie iahen nur die schillernde Außenseite, sie hielten Dich für oberflächlich; wenige nur ahnten, das; der eigenr liche Mensch in Dir schon war und verschlossen, aber wertvoll genug, um geben und empfangen zu können.