Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. MMfche L,Mstt»»e Seite 11. Ein Gedicht ist Beer - Hofmanns schönste Schöpfung: ES heißt ״Miriams Schlaflied". Mau kann seine Wrkung nicht mit Worten schildern. Die Herrlichkeit dieses Liedes muß man fühlen. Die Schlußstrophe: ״Ufer sind wir und üef in unS rinnt Blut von Gewesenen, zu Kommenden rollt's, Blut uns'rer Väter voll Unruh' und Stolz. In uns sind alle. Wer fühlt sich allein? Dein Leben ist ihres, ihr Leben ist dein. Miriam, mein Leben, mein Kind, schlaf ein". Horchet auf diesen Klang! Kennet ihr ihn nicht? ״An den Ufern Babels saßen wir und weinten.״ Klingt das nicht so? Es ist das jüdische Lied. Der Akkord der jüdischen Seele! Und Beer-Hofmann ist ein jüdischer Dichter. Kein jüdischer Dichter, der das Mileu des Judentums sucht und bearbeitet. Sondern ein Dichter, aus dem das jüdische Fühlen, die jüdische Seele spricht. ״Beer-Hofmanns Schaffen hat eine tiefe nationale Wurzel". Er spricht nicht bewußt, er spricht unbewußt jüdisch, er fühlt eben jüdisch. Und diesem Gefühl hat er in einer Dramenfigur Ausdruck geeben, die in ihrer wahrhaftigen Zeichnung zu den esten der Literatur gezählt werden kann. Es ist die'des ״roten Jtzig" in dem so vielfach äugefeindeten Drama Richard Beer-Hofmanns, im ״Grafen von Charolais". ״Hier hat Beer-Hofmann", so sagt Dr. Reik, ״ein jüdische s Schicksal — wenn auch episodisch — gestaltet. Im ״roten Jtzig" wird nicht nur der Jude gezeigt, wie er ist, sondern auch, wie er geworden ist". Der ״rote Jtzig" ist das Symbol des getretenen, gedrückten Judentums, das sich windet und bäumt und in dem Augenblick unerbittlich ist, da der falsche Feind seine Hilfe braucht. Es tst das Bewußtsein der schlummernden Stärke, die einmal zum Ausbruch kommen muß und ihre Wirkung nicht verfehlt. Es ist der Stolz auf die verborgenen Schätze, die einmal ans Licht kommen müffen, kommen mußten. Hai Beer-Hofmann schon in ״Georgs Tod" Paul als einen dargestellt, der sich der Zusammengehörigkeit mit seinem Volke bewußt ist, so hat er im ״roten Jtzig" die Figur des mit seinem Volke und seiner Art verwachsenen Juden geschaffen. Dr. Reik sagt dazu: ״Es kommt schließlich so sehr nicht darauf an, daß dieser Dichter jüdische Stoffe behandelt, vielmehr darauf, daß das Jüdische hinter dem Stoffe, in seiner Erfassung, in seiner Behandlungsweise als Potenz stark fühlbar wird".' Und bei Beer-Hofmann fühlt man das Jüdische. Der Dichter verwendet übrigens auch Motive die echt jüdisch sind, so die Schicksalsbestimmung, die in seiner Dichtung herrschend ist. In seinem Bortrag, beziehungsweise in seinem Buch, erschöpft Theodor Reik vollkommen das Thema der seelischen Analyse Beer-Hofmanns. Das Buch Reiks ist übrigens das Werk eines geistreichen Essayisten, der oft zum scharfen Satiriker wird. Ein Ausspruch, wie: ״Das heutige Deutschland besteht wesentlich aus 2 Typen: dem einem, dessen Ideal das Geschäft ist, und dem anderen, dessen Geschäft das Ideal ist״, beweist ein klares Urteil über die Zeit der Maschinengeister oder Geistesmaschinen, deren geringes Geisteskapital ihnen umsomehr bare Kapitalien einbringt. Kein Wunder denn, wenn der Vortrag Dr. Reiks den stürmischen Beifall der Zuhörer entfesselte, ein Prognostikon für das treffliche Buch, das wohl viele Begeisterte finden wird. Auf die Konferenz folgte die Rezitation Beer- Hofmannischer Dichtungen durch den begabten Max Präger, der mit dem jüdischen Gefühl, das in der Dich'ung liegt, ״Miriams Schlaflied" las und so eine weit größere Wirkung e^ielte, denn ein Berufsrezitator. Ebenso prachtvoll das tiefsinnige Gedicht ״Altern". Meisterhaft gelang Präger aber die Wiedergabe der Szene aus dem ״Grafen von Charolais" zwischen dem jungen Edelmann und dem ״roten Jtzig". Präger traf alle Nuancen der Gefühle, die sich vom Haß bis zur unbändigen Wut. geschürt von dem bittern Schmerz über des Vaters Märtyrertod, in dem armen Juden entladen, und er wußte ebenso die Spannungen dieser ^ene in den künstlerischen Grenzen zu halten. Eine Leistung, die zu den vornehmsten und besten gehört. So erntete auch Max Präger für seine Vorlesung begeisterten Applaus. Friedrich -Porges. Wien. _ Judentaufen.'>, Es gibt Perioden in der Menschengeschichte, da man ein lebhaftes Bedürfnis fühlt, zu sprechen; da führt man Kriege mit Worten, schafft Werke mit Schlagwörtern, ruft Sensation hervor durch Stichwörter. Diese Perioden sind unabhängig von Zeit und Stamm, sie stellen sich mit erschreckender Regelmäßigkeit ein, sobald man handclnsmüde geworden. Ohne daß ich beschwören wollte, es sei diesem ״Müdewerden" eine erfolgreiche oder wenigstens ehrliche, ernste Arbeit vorausgegangen. So oft nichts mehr die indifferenten Weltenbürger aus ihrer beschaulichen Ruhe herausreißt, beginnt man zu sprechen und man ist unter Umständen sogar in der Lage, sich zu ereifern. Die Judenfrage ist seit zweitausend Jahren aktuell und seit ebenso langer Zeit, mit wenigen Ausnahmen inaktuell. Weil agere tun, handeln heißt und weil wir nichts machen. Es sind immer Anfänge, wenn auch noch so schön, wenn auch tatsächlich sehr schön. Diesmal verstehe ich unter ״Judenfrage" das nach außen sich geltend machende Streben in der Judenheit, eine gewisse Klärung der Situation herbeizuführen; eventuell durch Ermannen und Starkbleiben oder wie gewöhnlich durch Anhörung fremder Geister; ich wollte natürlich fremden Geistes sagen. — Die Zeit, die wir die unsrige nenne», ist wieder um eine Zeit der vermehrten Redebedürfnisse. Zum Teile hängt dies wohl damit zusammen, daß unsre guten, alten Herren im nationaldeutschen und nationalczechischen usw. Lager sich nicht ganz wohl fühlen, so oft sie blitzenden Augen und geröteten Wangen der national bewußten jüdischen Jugend sehen müssen. Und darüber muß man sich doch aussprechen! Der prozentuell genommen allzu große Einfluß der Hebräer auf ihr Wirtsvolk regt natürlich auch dieses zur geneigten Aeußerung an. So daß auch sie sprechen und schreiben. Schließlich ist an dem vielen Gerede der Umstand schuld, daß es den Westjuden, die ״außerhalb der Judenfrage", sie behandeln, gut geht, daß es Frieden gibt. Denn... ״die paar russischen Juden, die sind ohnehin verlorene Individuen, Revolutionäre und dergleichen Pack." Also: Es gibt Frieden und die Gojim reden auch. ״Nu. sagen Se mir, warum sollen nicht auch wir sprechen dürfen? Sprechen und sprechen lassen. Unser Schäfchen haben wir, Gott sei dank, im Trockenen, also 'mal 'nen Plausch oder eine jüdische Sensation." Und, — meine Herren, vergessen wir nicht! — fähige, uneigennützige, in ihrem Idealismus wahrhaft vergehende Männer gibt es doch immer, die diesem Bestreben mit Kopf und Fuß dienen. Und so werden dann die uralten Fragen wieder gefragt und der uralte und ewige Kampf tobt weiter. Es ist zwar ein gemächlicher ZeitungSkampf und er hat den Vorzug, daß er manchem jüdischem Jüngling Gelegenheit gibt, sein mehr oder minder begeisterungsfähiges Judentum in die gefügigen Blätter zu schleudern. So will nun auch ich es versuchen.- Etwas soll vor allem festgestellt werden. Dr. Artur Kahn hat nicht recht. Dieser wackere, ehrlich offene Vorkämpfer treuen Judentumes hat in einem sehr geiswollen Artiksl im Israelit sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß Oberkellner und Friseure in der Sammlung fehlen. Meinte, es sei ganz belanglos, was jene denken, gehe uns allein an und es sei deshalb nur von Wert, unsre eigene Meinung darüber zu kennen. Zum Teile, glaube ich, hat er Unrecht. Denn, wenn es auch hauptsächlich, und zwar in puncto Taufe hauptsächlich, darauf ankommt, daß wir selbst unser Bekenntnis zu dieser Frage aussprechen, läßt es sich dennoch nicht leugnen, daß es von großem Werte ist, zu wissen, was bedeutende und ernste Männer von uns denken. Es ist doch überflüssig, zn bemerken, daß das Taufproblem ein volles, umfassendes Judenproblem ist. Und wenn sich —. um Dr. Kahn Recht zu geben; hoffentlich meint er es auch so> — auch nicht leugnen läßt, daß das Urteil aller Nichtjuden und zum Teile leider auch der Westjuden deshalb ziemlich subjektiv erscheint, weil sie alle das Judentum nicht nach seinem inneren Wert beurteilen, da sie es nur durch seine Wirkungen nach außen kennen, eins muß Tatsache bleiben: Es ist in-! *) Sammlung von eingehollen Ansichten über dieselben,1 herausgegeben von Dr. Landberger, Berlin. Verlegt bei Georg Müller, München, ISIS. Achte Auflage. Preis teressant und wertvoll, all' diese Meinungen zu De» P. T. Berliner W. Juden und ihren Gesinnungsgenossen wünsche ich. daß ihnen täglich in den Ohren klinge, was Bahr und Sombart, Oppenheimer und Nordau, oder weil ich schon zwei Juden genannt und den Herren nur die echt arischen Meinungen gewichtig sind, waS jeder aufrechte Mann arischen Stammes von dem kriechenden und was er vom auftechten Judentum hält. Ich möchte den Herren gerne je eine Pathe-Platte schenken, die ihnen stets sagt, was jene unverhüllt sprechen: ״Wir halten das Judentum hoch, aber nur insofern«׳, als es uns fern bleibt, seine Eigenart bewahrt und sie. allem Agriffe, aller Lockung zum Trotz, mannhaft verteidigt. Bon Euch, Ihr nach arischer Kultur Lüsternen, die Ihr alle Selbstkraft, allen Selbstwert, hintansetzt, um Euch in ein Milieu zu drängen, da Ihr nie heimisch werden, Euch nie wohlfühlen könnt, von Euch wollen wir Eure Klugheit in puncto mammonis, in gnädiger Laune, für unsre Zwecke benützen, Euch selbst aber... ... Wisset Ihr, wie man lästige Kriecher behandelt?" Und auch, den jungen Helden, die Ihr auf den Trümmern elterlichen Mannesmutes Euer Judentum aufbauen wollt, auch Euch bringt das Buch so manches Wertvolle. Wenn Euch mitten im Kampfe Zweifel kommen, wenn Ihr glaubt, ermatten zu müffen, weil so ungeheurer, so trotziger Widerstand Euch überall begegnet, wenn dann in Euch die bange Frage auftaucht: Vielleicht ist eS doch ein Phantom, dem wir nachjagen, da unsre Alten davon nichts wissen wollen, es mit aller Macht bekämpfen?... Dann, wenn Eure Alten Euch falsche Lehre, falsche Begriffe aufoktroyieren wollen, von Werten, die Eure Großeltern nicht gekannt oder wenigstens gehörig beurteilt, dann, wenn Ihr, auf Euch allein angewiesen, zweifeln wolltet könntet nehmet dieses Buch und höret von Fremden was Ihr seid. Ihr werdet Euch dann selbst sagen, was Ihr werden könnet, wofür Ihr zu kämpfen habet. Das ist es, was ich vom Werte des Buches sagen wollte. Was die einzelnen Themen betrifft, ich meine, die einzelnen Ansichten, die sich in ebenso viele Themen gliedern, möchte ich auf jene eingehen, die typisch sind. Typisch, weil der Autor im Namen einer.bestimmten Kaste spricht, nicht seine individuelle Ansicht äußert. Vor allem, der.Löwe der Sensation, auf dem Umschlag dick gedruckt, Herr Prof. Sombart. Er druckt und duckt und drückt sich auch in seinem Thema. Und zwar sehr geschickt, da es sich doch nicht leugnen läßt, daß ihm durch die eingehende Beschäftigung mit Judaismen ein tüchtiges Stück jüdischen Geistes, praktisch-kaufmännischer Fertigkeilen zu eigen geworden. Obzwar er hiedurch und ebenso seine Ansicht für viele minderwertig ist» will ich doch feststellen, daß er die Juden ermahnt, sich auf sich selbst zu besinnen, auf ihre große Vergangenheit, daß sie der Faktor waren, ״der das ethische Pathos in das Völkerkonzert gebracht und so w-iter... Ob er es ehrlich meint? Er ist oft recht zweideutig in seinen Werken. Warme Töne für uns Junge Juden hat er in Fülle, er sagt uns auch viel Schönes über uns. Aber darüber, — diskutieren? Der ״berühmte" Taufprojektingenieur Köhler, spricht zum Thema, indem er sich schweißtriefende Mühe gibt, auf einer ganzen Seite seinen Stammbäum auf irgend eine urarisch Unrechte Hebamme zurückzuführen. Damit man nicht etwa meine ... Dann wird er triefend von christlicher Milde überlaufend von Güte und Erbarmen mit uns armen V ^kr' die wir, statt von der praktisch ausgeüb! .\ ,stenliebe deutscher Männer (er denkt w-l,. ^j.mlich an Herrn Raab, Bruhn und Genossin) zum Chriftentume erleuchtet zu werden, bei unserem finsteren Judentume beharren, das von Güte und Liebe nichts weiß ... Ein anderer hochgelehrter Herr meint ungeführ: Es gibt nur ein Ziel, das wert ist, genannt zu werden: Vincere totum periendo. ״Sterbet einen schönen Tod!" ruft er uns zu, ״Die Tachrichim mögen vielleicht noch jüdisch-semitischen Ui» sprunges, der Leichengesang muß jedenfalls schon im deutschen To <■ gehalten sein. Denn der Jude stirbt nur schön, wenn er kulturvoll stirbt" ...