Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Jttische «.Mstbmae. Nr. 1 Aber ach! Nicht das herrliche, strahlenumglänzte Zion ihrer Träume sollten sie sehen, sondern das schwarzumhüllte, betrauerte, beweinte Zion des Schmerzes, des Leidens. Schwarze Fittiche rauschten über dem Haupte der jungen Frau, die lächelnder Anmut in selbstloser Hingabe die Mutter des Hauses, die Wohltäterin ihres Kreises geworden war und durch ihr reiches Wissen und ihre Liebenswürdigkeit alle Herzen gewonnen hatte. Schwarze Todesfittiche umschwebten sie. Und dann kam ein Seder-Abend, an dem Doktor Fried allein am lichtumstrahlten Tische saß mit seinem kleinen schwarzhaarigen Töchterchen und das Brot des Elends und der Trauer brach. Damals war er alt geworden, damals, als er daS junge liebliche Weib hingeben mußte, den Herrlichen, edlen Sproß eines alten, jüdischen Patriziergeschlechtes. Und die Seder-Abende, die dann folgten, sie waren nur Ruhepunkte in gleichförmigen Arbeitsjahren, die der Erziehung seiner Hanna und dem Wähle seiner Gemeinde gewidmet waren. Es waren Ruhepunkte an denen er sich doch wieder freuen lernte, an denen er wieder Gefallen fand und deren reiche Schönheit und deren intimen Zauber er immer von Neuem einatmete. Und er wurde wieder zum Kinde, indem er vor den erstaunten, gläubig aufschauenden eigenen Kinde die Erzählung darstellte, indem er die Gestalten eines Mose, eines Aron lebendig werden ließ. Und er lachte, wenn sie nach einigen geschicktem Manövrieren endlich den Afikaumon aus der Seitentasche seines Rockes zog, den er dort versteckt hatte. Und er sang das Lobelied des Ewigen und erzählte eingehend die so märchenhaft scheinende und doch so natürliche, ungeschmückte Geschichte, die da beginnt: ״Mein Vater kaufte sich ein Lämmchen...״ Mah nischtane... Die Lippen seines Kindes ftagten und er antwortete, soweit er antworten konnte. Schwere Jahre, harte Jahre waren das für den Mann, der einst voller Ideale, voller Begeisterung in die Gemeinde gekommen. Bittere Kämpfe, die mancher Unverstand und Hochmut ihm geschaffen, mußten durchgekämpft, Neid und Scheelsucht abgewehrt werden. Schwere Jahre, harte Jahre, die aber doch auch mancher Sonnensttahl, manches Freudeswort, manche herzliche Tat milderten, die durchsonnt waren besonders von dem Zauber der Jugend, die durch seine Räume schritt. Und er blieb mit seinem Kinde allein. Allein auch stets an den Festabenden, wo er sie für das Leben stark und fest zu machen suchte mit feinem Geiste und klugem Sinne. Aber auch da mußte er manchmal Bitteres schlucken, war nicht alles so, wie er es wünschte. Denn junge Mädchen wollen manches Ändere, als kluge Mütter und Väter. Und erst viel später erfahren sie an sich selbst diese Weisheit. Auch Liebe zeigen konnte sie nicht. Sie war innerlich reich, gemütsttef und voll Sehnsucht, aber nach außen scheu und verschlossen. Aber er wußte doch, daß sie zusammen gehörten, er wußte, daß sie einander glichen, daß sie in ttefster Seele eins waren. Und das machte auch die geheimnisvolle Schönheit der Seder- Abende aus, an denen sie allein waren und das erwachsene Mädchen noch aufmerksam lauschend an den Lippen des Vaters hing. Mah nischtane ... Dann ging auch sie. Ein edler, kluger Mann holte sie aus dem Vaterhause. Und ob auch ihr Herz aufschrie vor Weh über die Trennung von dem geliebten Freund und Vater, sie ging. Weit fort in ein ftemdes Land zu fremden Menschen. Doktor Fried seufzte tief, als er an dem ersten Seder-Abend dachte, da er ganz einsam war. Wie hatte ihm sein Liebling gefehlt. Ihr nachdenklicheS Gesicht, ihr kluges Wort, ihr Lachen, ihre Jugend. Mah nischtane. Ja. warum war er ausgezeichnet, war er bestimmt zum Entsagen, zum Entbehren. Er war fromm, gläubig, gottvertrauend, gewiß. Der Hüter der Religion, ders Lehrer einer Gemeinde, der kluge Schriftgelehrte und Schrift, steller. Aber er ftagte doch manchmal. Und auch heute wieder. Da begann er weiter zu lesen. Kopfschütteld richtete er sich auf und sprach: ״Awodim hojinu. Knechte waren wir gewesen im Lande Aegypten." Und sein Wille wurde wieder stark. Und sein Jnteresie wach. Ja, er vergaß, daß er allein war. Als wenn er einer Tafelrunde vorttagen sollte, so hell und laut zitierte er Satz um Satz, bis er dann wieder inne hielt bei den wundervollen Worten: ״Bechol' daurwodaur." Ein jedes Geschlecht und ein jeder Einzelne in Israel muß sich selbst als aus dem Drucke und der Knechtschaft befreit betrachten" ... Da hob er das Haupt und seine leuchtenden Augen sahen wie eine Vision ein seltsames Bild: Männer und Frauen ziehen an seinem Geiste vorüber, Gestalten, der Vorzeit entnommen und doch noch immer wirklich, immer lebensvoll.... Ein gewaltiger Zug, ein unermeßliches Heer, den Rücken gebeugt, die Augen voll Sehnsucht in die Ferne gerichtet... Und der Führer voran. So ziehen sie durch die Jahrtausende... Da flammt ein Licht. Es wird hell. Und der Führer streckt seine Hand aus. Ec weist hinauf, zum Sternenzelte. Und wie durch ein Wunder richten die Armen sich auf. sie folgen der Richtung seiner Blicke, sie sind groß, stark, mutig befteit. - Ja, jetzt weiß auch er es, der einsame Mann, daß diese Macht ausgezeichnet ist. Auch er hat sich befreit von dem Drucke, der sein Inneres umklammert, der seine Seele finster und dunkel gemacht. Ec hat sich befreit an dem Gedanken an die hohe Mission, die auch er noch immer auf Erden zu erfüllen hat und für die er einsam bleiben muß, denn auch er ist ein Führer in Israel. Und noch ein zweites Bild, ein liebliches Gemälde erscheint vor seinem geistigen Auge. Ihm ist, als sei er nicht mehr allein, als kämen sie zu ihm, seine Lieben seine Teuren. Als wären sie ihm in diesem Augenblicke körperlich nah... Er sieht ein großes, Helles Zimmer, von Kerzenschimmer durchwärmt, er sieht eine schlanke, brünette Frau neben einem stattlichen Manne am Tische sitzen und zwei Kinderchen aufmerksam lauschen auf die Erzählung die ihnen der Vater im Märchengewande vorträgt. Das wundervolle Märchen vom Seder, das Märchen vom Leben... Und er hört das kleine, blonde Mädchen fragen: ״Ma nischtane... Und darauf wieder hört er die sonore Stimme des Vaters antworten, er sieht das Lächeln der Freude auf den Gesichtern, er sieht die Weihe des Abends, die Poesie des Festes wieder von Neuem aufleben. Und dann sieht er im Auge der Mutter eine Träne glänzen. Da weiß er, daß diese ihm gehört, daß er unvergessen ist, daß die Seelen frei einander zufliegen und den Festesgruß tauschen, auch wenn der Körper fern ist. Und er faltet die Hände und dankt dem Ewigen und fragt nicht mehr ... ״Lefichoch anachnu chajowim lehaudaus." Ja, es rst unsere Pflicht, zu danken dem Ewigen, der uns aus der Finsternis zum Lichte führt, aus dem Drucke zur Freiheit. Hallelujah. Beer-Hofmann-Abend. (Zur Veranstaltung der Rebe- und Lesehalle jüdischer Hochschüler in Wien.)' Es war ein Abend, den man zu den genußreichsten der Saison rechnen kann. Kein Komiker, keine Sängerin, keine Klaviervirtuosin wirkte mit, pur zwei Akademiker. Aber die ״Lese- und Rede- Halle jüdischer Hochschüler in Wien", deren Rührigfeit und ernstes Streben ja bekannt ist, kann mit Stolz auf die Veranstaltung vom Mittwoch, den 28. Februar 1912 blicken. Der Hörsaal 33 der Universität war bis auf das letzte Plätzchen besetzt und die Vielen, die gekommen waren, gingen hochbefriedigt von dem Schönen, daß ihnen der Abend geboten. Richard Beer-Hofmann! Wir wollen von ihm sprechen, aber wirkönnen es nicht, ohne auch seiner jüngsten Biographie zu gedenken. Nein! Nicht Bio graphie! Dr. Theodor Reih d°r die Konferenz am Beer-Hofmann-Abend hielt, sagt es selbst in seinem Vortrag, der soeben in Buchform*) erschienen: ״Es gibt eine einzige Art, einen Dichter zu erfassen. Nicht der Hinweis auf literarische Vorgänger und die Zuweisungen zu Richtungen, sondern die seelische Analyse: das Vordringen zu seinen Grundgefühlen." Reik berichtete nicht, wo und wann Beer-Hofmann geboren, wer seine Eltern waren usw. (der beliebte Stil der Konferenzen) Ec gab uns vielmehr das Spiegelbild der Seele des Dichters, wie es aus seinen Werken reflektiert. Und die Gestalt Beer-Hofmanns, seine Art und sein Wesen, ward uns so klar, als hätten wir mit Röntgenstrahlen das innere Werden und Wirken dieses Dichters durchleuchtet. Eine Parallele nur zieht Reik in seiner Beer- Hofmann-Abhandlung: zu Arthur Schnitzler. Und das bei Behandlung jener Novellen Beer-Hofmanns, in denen die ״Anatol"- und ״Süße Mädel"-Stimmung herrscht, dem Novellenband die ״Verlassene". Eine Wiener Geschichte, in der ״Anatol" Paul heißt. Und eine zweite, in der ein an Jahren älterer Anatol sein Glück beim ״süßen Mädel" findet. Es sind die Geschichten von den sinnlichen Lebensegoisten, aber auch von jenen zwischen ernsten Gefühlen und leichtsinnigen Anwandlungen schwebenden jungen Männern. ״Wir jungen Männer", könnte man mit Wegener sagen- Denn so sind sie alle, alle. ES gehört mit zu dem unsicheren Gefühl der Jugend, dieses Schwanken zwischen Mocal und sogenannter Unmoral, die eigentlich keine ist. Denn solange ״Anatol" oder ״Paul" oder ״Freddy" das ״süße Mädel" mit den mächtigeren Gefühlen der Sinnlichkeit liebt, ist das Verhältnis moralisch. Wenn er ihrer überdrüssig wird, weil seine Ideale plötzlich überwiegen, beziehungsweise seine sinnlichen Gefühle ermüden, das Mädel ihm gleichgültig wird und er sie verläßt, weil kein Band da tst, das ihn fester mit ihrem Wesen verbindet. Ist das Unmoral? Beer-Hofmann schildert diese unsteten Geister in seinen beiden Novellen, die, wie Reik sagt' ״nicht so wichtig als Kunstwerke, denn als Marksteine einer Entwicklung sind". ״Der Tod Georgs" gehört auch zu dieser Art von Erzählungen, in denen Beer-Hofmann ein Meister der Schilderung seelischer Konflikte und wohl auch des Stils ist, wenn letzterer auch vielfach gekünstelt erscheint. •) Richard Beer-Hofmann von Dr. Theodor Reik. Verlag von Rudolf Eichler in Leipzig 1912. Aus der Offenbacher Haggabah 1721 (im Besitze des Herrn I. H. Wagner). MW üü