Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Jüdische «-!»stimme Nr. 1. Und noch so mancher Recke weint bittere Druckerschwärze über unseren Unverstand. Diese Herren sind ungefährlich. Wir sind, Gott sei dank, gescheit genug, um nicht überzeugte Täuflinge zu sein. Gefährlicher sind die Herren, die die Taufe nur als Mittel zum Zwecke einer gründlichen Assimilation, also zu GeschäftSzwecken wünschen. Wir haben ja keinen Grund, dieses Verlangen aus übergroßen Philosemittsmus zuruckzuführen. Sie wünsche,׳ die Taufe der Juden, damit durch den Rassenmischmasch in den 1—2 Zentner schweren «Michel und Gemahlin" ein wenig jüdischer Witz Eingang finde. Diese Herren sind gefährlich, weil es leider auch unter uns immer Halunken und Lumpen in Menge gibt... Dies die unerfreuliche, trotzdem aber in mancher Hinsicht lehrreiche Seite. Vielleicht fragen sich die Assimilantev, aus welchem Umtriebe, in welchem Maße, diejenigen, die es tun, die Ver- Mischung der Rassen wünschen. Ob aus anderen als aus grob egoistischen Gründen, ob zu anderen als zu grob egoistischen Zwecken! — Schön und wertvoll ist ttotz aller extremen Gegensätzlichkeit Dchmels, Vahrs Ansicht. Von der BerdauungSkraft meines Volkes erhoffe ich, daß das Schädliche, ohne Schaden anzurichten, vergehe... Die Kinder sollten das Buch kaufen, es den Ettern bringen, sie schamrot oder bester machen. Vielleicht auch Beides. — Herrn Köhler und Genossen hat unser prächtiger Zangwill sich sellber unbewußt, eine gründliche Abferttgung zu Teil werden lasten. Es sagt es offen: ״Ihr Herren, die Ihr bewußt liegt wisset es wohl, daß Ihr nur den Abfall bekommt, soviel Ihr Euch auch erniedrigt, Eure Schmach, lügenhaft geschmückt, öffentlich feilbietet. Eines sollt Ihr bei Euren Predigten nicht vergessen: Hätt' uns der Christ stets christlich angefaßt Kein einz'ger Jude lebt' heut' in Europa. Zum Fazit: Wir wollen hier nicht über Religion und Frommsein sprechen. Sein und Nichtsein wird besprachen. Und bei den ehrlichen, ernsten Männern und von ihnen heißt es, tönt es ermahnend uns entgegen: Sein! Im Interesse der Gesamtmenschheit liegt nötig, unbedingt nötig die Erhaltung des Juden- So suchet denn die Wege zur Rückkehr! Ihr Männer, die Ihr Euren Wunsch dem unsrigen vereinet, kommet zu uns, nehmt unser rasches Blut uns nicht übel, kommet in ehrlicher Absicht und tatbereit! ' Es wird sich ein moduS vivendi finden Ung. Brod. Leo Jung. Jomtow. Verkosten steht der Marl, un Häßlech, Still un ruhig jeder Haus; In dem kleinem Ghettostädtel Seht sich alles heilig aus. Bei die Toiren stehen Meidlech, Winken, Kucken zu der Schül-, Un die Sunn sie warft mit Strahlen, Un die Lust iS rein un kühl. Jomtow, Jomtow in dem Städtel Glück und Frieden is arum Un die kleine Ghettohaislech Blicken büngedig un stumm. . . Salomon Dembitzer. Buntes Allerlei. Jüdischer Geist i« Paris. Hier hat sich dieser Tage ein zum größten Teil aus jüdischen Studierenden aller Kategorien bestehender jüdischer Jugendbund gebildet, der sich die Wiedererweckung jüdischen Geistes unter den französischen Juden zur Ausgabe macht. Der Jugendbund führt den Namen ״Renaissance juife". Seit einiger Zeit erscheint auch ein Jargon-Wochenblatt, welches unter der eingewanderten ruffischen Bevölkerung große Verbreitung findet- Es heißt: ״Das jüdische Blatt". Hebräische Sprache und Kultur. Dieser Tage ist ein von Achad Haam, Dr. A. Büchler (Rektor des Jew's College). Mr. Herbert Bentwich, Dr. S. A. Melamed, u. a. Unterzeichneter Aufruf in London publiziert worden, der für die Schaffung einer Organisation für hebräische Sprache und Kultur in England eintritt. Der Aufruf weist auf die immer mehr um sich greisende Assimilation der englischen jüdischen Kreise hin und spricht die Meinung aus, daß nur eine derartige Institution dem erfolgreich entgegenarbeiten könnte. Zum 50. Todestag I. Halevys. Bor einem halben Jahrhundert, am 17. März 1862, schied Jacques Froment al Elle Halevy in Nizza aus dem Leben- Am 27. Mai 1799 in Paris geboren, Sohn jüdischer Eltern, trat er 1809 in das Konservatorium ein und hatte unter anderem bei Cherubini Kompositionsunterricht. Schon 1819 wurde ihm die Komposition des hebräischen Textes De profm-dis für die Totenfeier des Herzogs von Lorey übertragen. 1820 bereiste Halevy auf Grund eines Stipendiums Italien zu Studien zwecken; 1826 wurde er Lehrer am Pariser Konservatorium. Mit seinen Kompositionen hatte er zuerst nur geringen Erfolg; erst 1835 gelang ihm der große Wurf mit der Oper ״Die Jüdin" (Erstaufführung 23. Februar). Hier konnte er seine große Vorliebe für grelle Konttaste und leidenschaftliche Ausbrüche anbringen; um so mehr überraschte et die Pariser, als er ein halbes Jahr später die komische, sehr elegant geschriebene Oper ״Der Blitz" herausbrachte, die nur 4 Personen (ohne Chor), 2 Soprane und 2 Tenore beschäftigt, und durch eine Fülle von Melodien aus seinen übrigen Werken hervorragt. Seine anderen besseren Opern ״Das Tal von Andern" und ״Karl VI-" sind heute beinahe vergessen. Halevys Ansehen wuchs nun mehr so, daß man ihn 1846 zum Mitglied, 1854 zum Vertreter der Akademie der Künstler ernannte. Er starb an einem Lungen- Judentaufcn. Es war eine erhebende Feier — Dr. Walter (Isidor) Wandels Taufe. Der Pfarrer hiett eine wunderschöne Rede — Matth. 26, 61: ״Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und wieder aufbauen". Man gratulierte dem Neophyten und die Frau Gräfin sagte: — nun sei die Vergangenheit ausgelöscht, ein neues Leben fange an im Schoße der Kirche. Alle gingen gerührt. Da ftagte der Pfarrer den Meßner: ״Hat dir der Jud auch Trinkgeld gegeben?" (״Jugend"). Das Raffenproblem. Bon Dr. Ignatz Zollschan's Buch ״Das Rastenproblem" ist soeben die dritte Auslage erschienen, der beste Beweis für die Bedeutung und Aktualität des Werkes. Diese Auflage ist durch ein neues Kapitel über Werner Sombart vermehrt In Jeliffawctgrad ermorderten zwei Jungen, Ronenko und Bohatenko, den alten jüdischen Händler Wischnewski — um Geld für Schnaps zu haben. Sie sagten, sie seien überzeugt gewesen, daß man Juden umbringen dürfe. Der Jude Jgnatawstli in Marow. bat den eben vorbeifahrenden Semstwoarzt, seiner Frau, die infolge einer zufälligen Verletzung stark blutete, ärztliche Hilfe zu leisten. Der Arzt meinte, er sei als Semstwoarzt nicht verpflichtet, Juden Hilfe zu leisten. Bis ein anderer Arzt ankam, war die Frau an Verblutung gestorben. In Home! wollte eine Gruppe Beamte einen Juden nicht im Bahnhofrestaurant dulden. Der Jude protestierte und wandte sich an den anwesenden Gendarmen. Dieser ließ ihn einfach Hinauswersen. Der Gouverneur von Grodno erlaubte dem zionistischen Agitator Buchmil nicht, einen Vortrag zu halten. Begründung: Zion ist für die Juden ganz unnötig, da es ihnen an nichts gebricht. (״Oft und West"). Die Künstlerin Mariska Baronin Augustin hat in der Pester graphischen Ausstellung einige Bilder jüdischen Sujets ausgestellt, die großen Beifall gefunden haben. Das liberale Spanien. Das spanische Parlament hat in die französisch-spanische Kommission zum Studium der finanziellen Fragen, welche den Gegenstand des Uebereinkommens zwischen Frankreich und Spanien bilden, drei Mitglieder : entsendet. Unter diesen befindet sich auch das Parlamentsmitglied Bauer, bekanntlich das einjige jüdische Mitglied des spanischen Cortes. Bauer ist ein hervorragender Finanzmann. ÄüHerbespreckungen. Kommentar zur Hagadah schel Pesach von Dr. Raphael Gugenheimer, Rabbiner in Kolin, eleg. geb. 160 Mark, Franfurt, Sänger und Friedberg. Bei diesen geisi- und gemütvollen Erklärungen zur Hogabah schel Pesach sind ganz neue Wege eingeschlagen worden, die Zeugnis oblegen von dem seltenen Scharssinn, - der tiefen rabbi« Nischen und profanen Gelehrsamkeit des Verfassers, der es in meisterhafter Weise versteht, für das traditionelle Judentum zu begeistern und entflammen, Herz und Geist in gleichem Maße anzuregen, religiöse Zweifel zu zerstören und Einwände zu widerlegen. Sein Kommentar ist daher nicht nur dazu geeignet, den Leser an den Sederabenden in eine gehobene, weihevolle Stimmung zu versetzen, sondern bildet auch jeder Zeit für Jung und alt ein Füllhorn der Belehrung und Erhebung.- ISternhof i bestes aller Bitterwässer. Vermischtes. Professor Siegfried Ochs, Berlin, Direktor des Philharmonischen Chors, erhielt den Kronenorden Hl. Klasse. — Dr. Heinrich Harburger, München, Rat am Obersten Landesgericht ist zum Senatspräsidenten ernannt worden. — Ter am 26. Februar d. I. in New-Aork verschiedene Bankier Ernest Thalmann hinterlicß ein Vermögen von 272 Millionen Dollars. Dem jüdischen Waisenasyl und dem Sinaispitale testierte er je 10.000 Dollars. — Der letzte Kongreß der Sozialisten Frankreichs, der dieser Tage in Lyon stattfand, beschäftigte sich auch mit der Frage, welche Stellung die franzöfischen Sozialisten zum Antisemitismus zu nehmen haben. Sollen die Sozialisten diese Bewegung bekämpfen oder liegt es in ihrem Interesse, den Antisemitismus zu stärken und ihn nach Möglichkeit zu propagieren. Der Lyoner Sozialistenkongreß wird der erste seinesgleichen sein, auf welchem die Stellungnahme zum Antisemitismus seitens der Sozialisten zur Diskussion gestellt wird! — In Staffelstein, Oberftanken, fiel ein vierjähriger Knabe in den Fluß. Niemand wagte es, ins Master zu springen, um den Kleinen dem nassen Elemente zu entreißen. D׳r zufällig dort wellende Jude, David Herrmann, kam hinzu, sprang schnell in die Fluten und rettete den Knaben vor dem sicheren Tode des Ertrinkens. — In Luzern wurde eine neue Synagoge eingeweiht. Die Weihepredigt hielt Herr Rabbiner Dr. Kohn, Basel. Bei dem am Abend stattgefundenen Bankett sprach auch der katholische Pfarrer Luschka. — Am 13. d. M. beging der bekannte Musikprofessor Jak. N. Grün in Wien den 70. Geburtstag. — Die niederösterreichische Statthalterei hat den Beschluß des Gemeinderates Mistelbach, wonach auf den Jahrmärkten dieser StadtgemeinLe den galizischen Juden keinen Standplatz mehr zugewiesen wird, aufgehoben und außer Kraft gesetzt. — Oskar Blumenthal war, wie aus Meran gemeldet wird, an seinem 60. Geburtstag Gegenstand zahlreicher Ovationen. — Ein jüdischer Bürger in Jerusalem, Herr Mendl Rand, beabsichtigt im Vereine mit anderen jüdischen Kausleuten eine mechanische Weberei in Jerusalem zu eröffnen, die 200 jüd. Arbeiter beschäftigen soll. Das Aktionskapital des neuen Unternehmens beträgt 200.000Frs. — Der Budapester Bürger weiland Moriz Bemfeld errichtete letztwillig eine Stiftung von K 61.000 für ein Knabenheim, und 30.000 K als Hilfsfond für blinde Kinder./ Die Empfänger der heutigen Numuter werden um gefällige umgehende Bezahlung des Abonncmentbetrages ersucht. Die Administration.