Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621808--1407-2622445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5Rr. i. i. Jahrg. Beilage zur ״Wiener Jüd. Volksstimme" » M--,--.- Hagada. הא לחטא עניא די אכלו אבהתנא בארעא דמצחע: ״Dieses ist das Brot des Leidens, das unsere Vorfahren im Lande Mizraim gegessen haben." L-H-K.H לך אכל בשמחה לחמך §ap 9, 7. ״Geh' und iß vergnügt dein Brot." I. Nissan! Wundermond der Freiheit Wo erlöst aus Sklavenketten Ward ein schwerbedrücktes Volk. Das ein Gott nur könnt' erretten. 'II. Aus dem glutenvollen Ofen') Aus Mizraims Eisenklauen Führt' ״mit ausgestrecktem Arme" Er sein Volk aus Nacht und Grauen. III. Wie auf Adlerflügeln bracht Er-) Seine Treuen in Verwahrung Daß sie Ihm nur dienen sollten Ward ihnen die Offenbarung. IV. Wenn in weihevoller Stimmung Ungesäuert Brot wir essen. Zum Gedenken an die Leiden Bitterkraut wird nicht vergessen. V. Dann beim heitern Festesmahle Wir die Heilpokale heben Danken laut mit Herzensfreude Gott, der uns erhielt am Leben. VI. Und es ruft uns zu, der Weise: ״Geh' und iß vergnügt dein Brot" Denn der Herr hat Wohlgefallen Sendet Heil wie Morgenrot?) VII. Wenn du Hungernden die Speise') Reichst mit mitleidigem Sinn; Wenn du kleidest mild den Armen, Meidest Unrechten Gewinn. VIII. Wenn du lösest Fesseln, Bande Unterdrückten, muterfüllt Schirmst Gerechte, Fremdling, Waise, Züchtigst Bosheit unverhüllt. IX. Wenn wie Karmesin die Sünden Wandeln sie sich weiß wie Schnee, Gottes Gnade wird dir fühlbar Schaffet Heil nach bitt'rem Weh. X. Hallelsang aus voller Kehle Mvg' zu Gottes Preis erschallen. ״Bau o Herr in unfern Tagen" Deines Tempels heil'ge Hallen. Wien. Malvine Grünwald. ') 5 B. Moses, Cap. 3. Vers 20. ■) 5 B. Moses, Cap. 21. Vers I I. ’) Jesaia, Cap. 58, Vers 8. Jesaia, Cap. 58, Vers 7. Mah nischtane. Skizze von Anna Friedmann-Mandel, Wien. ״Gut Jontow", sagte Herr Freudental zu einem älteren Herrn, der soeben aus dem Tempel trat. ״Gut Jontow. Herr Dr. lassen Sie sich die ersten Mazzaus gut schmecken. ״Heut sind Sie allein?" setzte er teilnahmsvoll hinzu. ״Danke schön, lieber Herr Freudental. Ja, gewiß bin ich allein. Und recht müde bin ich auch. Gut Jontow. Grüßen Sie Ihre Frau." Die beiden Herrn drückten sich die Hände und gingen ihren Wohnungen zu, wo der Sedertisch schon bereitet war. Herr Freudental hatte eine große Familie, Dr. Fried, der Rabbiner der kleinen Gemeinde, lebte allein. Die warme, von Veilchendüften durchtränkte Aprilluft fächelte dem alten Manne die Stirne und er atmete tief und rasch, als wollte er etwas Schweres abwerfen, das ihn bedrückte. Ein paar Schritte noch, dann war er bei seiner Wohnung. Das Mädchen öffnete die Türe. Sie hatte schon auf ihren Herrn gewartet, den sie verehrte und liebte. Ein mitleidiger Blick traf ihn aus ihren blauen Augen. ״Nun. Marie, ist alles fertig? Sind die Mazzot-Klößchen gelungen?, fragte der Herr Doktor. ״Ich glaube schon, gnädiger Herr. Jetzt bin ja schon den dritten Ostern da, endlich muß ich's doch wissen." ״Na, ua", winkt der alte Herr mit der Hand. ״So sicher ist das nicht bei Dir. Die jungen Mädel merken sich nicht alles. Frau Stein schon weggegangen?" ״Ja, Herr Doktor. Sie hat alles zurechtgemacht, den Tisch gedeckt, dann ist sie nach Hause geeilt, um auch dort Ordnung zu machen." ״Nun. es ist gut. Wenn ich die Suppe wünsche, werde ich klingeln, Marie. Jetzt laß mich allein." Dr. Fried vertauschte in dem kleinen Schlafzimmer seinen Ausgehrock mit dem bequemeren Hausrocke und trat dann, das Sammetkäppchen auf dem ehrwürdigen Haupte, in daS große, schöne Herrenzimmer. Hohe silberne Kandelaber, in denen dicke, weiße Kerzen brannten, standen in der Mitte des weißgedeckten Tisches. Die Hängelampe warf ihr mildes Licht auf die eichenen Bücherschränke, den großen Schreibtisch, die tieflehnigen Polstersessel und׳ die schönen Bilder an den Wänden, die Szenen aus dem jüdischen Familienleben darstellten. Mit zögernden Schritten ging der einsame Mann an den Tisch heran, um zu sehen, ob nicht etwas fehlte an den so vielfältigen Vorbereitungen zur Sedermahlzeit. Ob die bitteren Kräuter da waren, das gebratene Fleisch und Ei, die süße Lehm-Mischung, die Petersilie, das Salzwasser und die ungesäuerten Brode in der schön gestickten Mazzot-Tasche. die noch eine Handarbeit seiner seeligen Mutter war. Alles war am richtigen Orte, von liebevoller Freundeshand zurechtgelegt. Alles war schön, festlich. einladend zum Genüsse. Und doch! Doktor Fried konnte sich nicht entschließen, sich auf den kleinen, türkischen Divan zu setzen, konnte es nicht über sich bringen, die Hagadah zu beginnen, deren Lektüre ihn doch noch immer angeregt zu neuen Gedanken und Ideen. Er strich mit der Hand über die, von Falten durchfurchte Gelehrtenstirne und verträumt blickten seine großen, dunkelgrauen Augen auf den hohen, silbernen Pokal, der ein Erbstück seines frommen Onkels und Wohläters war. Dann aber raffte er sich auf, füllte seinen kleinen Kiddnsch-Becher mit Wein und begann zu beten und zu lesen. Als er jedoch an die Stelle kam: Mah nischtaue halailoh haseh .... diese, der Erzählung voranleuchtende, sie einleitende Bemerkung, da gingen ihm die Augen über, da rollte eine Träne in den grauen Bart. Und er lehnte sich in die Polster zurück, die an der linken Seite nach Vorschrift gebettet waren. Mah nischtane.... Warum ist diese Nacht ausgezeichnet vor allen anderen Nächten?, so soll der Jüngste der Tischgesellschaft fragen, so tönt es heute von Millionen Kinderlippen in allen Teilen der Welt. Er aber war allein. Die Jugend war von ihm gegangen. Jn's Glück wohl, in den Sonnenschein, aber doch gegangen! Und wenn er auch sonst, an Wochentagen, in der Arbeit vergaß, daß er allein war, an den Festen, besonders aber am Sederabend, wurde die Wunde brennender, der Schmerz größer. Da konnte er nicht ruhig sein. Da glühte und wühlte in ihm das Verlangen nach Menschen, lieben, nächsten Menschen, die zärtlich zu ihm waren und gut, nach Freude und Lust Jugend und Heiterkeit. Man hatte ihn wohl eingeladen. Freunde, Bekannte hatten ihn zur häuslichen Feier gebeten. Aber das tat er nicht. Er blieb zu Hause. Bei seinen Büchern und Geräten, die ihm so wohlbekannt waren, an deren jedes sich eine Erinnerung knüpfte. Nein, das tat er nicht. Obwohl es Menschen waren, die er seit dreißig Jahren kannte. Denn so lange schon wirkte er in dem schönen waldumhegten Orte, der sein Glück gesehen und sein Leid, seine reichste Freude und seine Einsamkeit. Und Bilder zogen an seiner Seele vorüber, dunkle und Helle Bilder. Er sah den einfachen Sedertisch im Eltern- Hause, sah seine schlichten, frommen Eltern, die beiden dunkeläugigen Schwestern und sich selbst, den kleinen, blassen Bochur, der von früh bis abends im Cheder saß und lernte. Er hörte die Worte, die die blassen Lippen sprachen: ״Mah nischtane ..." Und dann sah er die reichgedeckte Tafel, auf der Gold und Silber prangte und um welche gelehrte und fromme Männer bis zum Morgengrauen saßen, im Hause seines kinderlosen reichen Onkels, dessen Liebling er gewesen. Und er hörte die tiefsinnigen Erläuterungen, die dessen weisen Lippen auf die antwortheischende Frage gaben, dann saß er einÄral an einem Sedertische in einem Freundeshause in Berlin, wo er unter Entbehrungen und Leiden seinen Doktor gemacht und von wo er hoffnungsfreudig und zukunftSsicher hierher gekommen, um sein Nest zu bauen. Da waren immer gute, treue Menschen um ihn und er hatte Anteil an jedem Einzelnen genommen. Man hatte Scherz und Frohsinn zu Gästen des SederS gemacht, man hatte auch ernst und oft voll verhaltenem Grimme der Leiden des Volkes gedacht, die so oft gerade an diesem Herrlichen Freiheitsfeste so entsetzliche und Herzerschütternde waren. Man hatte vertraulich diese und jene Ansicht geäußert, hatte von Idealen gesprochen: begeisterte Reden gehalten, man hatte gestritten, gelacht und den Abend voll Poesie und Schönheit verbracht. Ein Lächeln erhellte einen Augenblick das Antlitz des Ruhenden und seine Augen suchten ein Bild an der Wand, das eine junge Frau darstellte. Liebevoll blickte er es an. Ja, das war sie. Seine Mirjam! Sein trautes, schönes Weib! O, was waren all' die ftüheren Abende gewesen im Vergleiche zu dem berauschenden Glückes, dem wunderbaren Zauber eines Seders im eigenen Wie sie ihm gegenüber saß. die schöne sanfte Frau mit dem goldbraunen Haar und den tiefen seelenvollen Augen, die ihm ein treuer Kamerad, ein hilfsbereiter Freund geworden! Wie verständnisvoll sie ihm zuhörte, als er die bekannte Erzählung von dem Drucke und der Errettung Israels vortrug, wie Helle Tränen in ihren Augen erglänzten, Tränen des Mitleids, des Erbarmens/ Und wie er sie um dieser Tränen, dieses Mitleids willen noch mehr liebte, wie er ihre Hände hielt und sie küßte ... Und das Jahr darauf! Wie hatten sie gescherzt gelacht, voll tiefstem Glück voller Seligkeit beisameu gesessen, als neben ihnen noch ein kleiner Gast in seinem Korbwägelchen lag, als zwei runde Kindcraugen ins Licht blinzelten, zwei dicke Fäustchen auf der mit Engelsköpfen gestickten Wagendecke ruhten. Da fragten sie mit bebenden Lippen: ״Mah nischtane... Und sie wußten die Antwort. Sie wußten, daß diese Nacht ausgezeichnet war vor allen ander» Nächten, daß sie beglückt und ausgezeichnet waren, gesegnet durch die Huld des Herrn. Und mit starker Stimme riefen sie: ״Le schono habo beruscholajim... Das nächste Jahr noch freudiger, noch beglückt«, reicher und gefestigter! Denn das war daS Jerusalem ihr« Zukunft!