Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Attische «ollrsttmme Leite 5. Ueber diese Stellungnahme der Provinzjuden haben wir schon oft genug unseren Standpunkt klar gelegt und auch vor Beginn dieser Wahl den Juden in deutschen Gegenden die Wahl der deutschen Kandidaten, den Juden in czechischen Gegenden die Wahl der czechischen Kandidaten und in gemischtsprachigen Gebieten Wahlenthaltung empfohlen. Womit wir uns aber hiemit näher befassen wolle״, ist die Person des Kultusvorstehers Herrn Dr. Fiala. Es ist geradezu widerlich zu sehen, wie sich dieser Herr trotz aller Fußtritte, welche er persönlich bereits von der deutschfortschrittlichen Partei erhalten hat, an ihre Frackschösse anheftet, und seine Funktion als Kultusvorsteher mißbraucht, um den Parteiführern gefällig zu sein und wo möglich noch den ״Freisinn" dieser Herrn zu überbieten. Als vor mehreren Monaten das Jubiläum der deutschen Lesehalle in Brünn gefeiert wurde, fühlte sich merkwürdiger Weise gerade der Kultus- Vorsteher, Herr Dr. Fiala berufen, gegen den Klerikalismus zu Felde zu ziehen und seiner freisinnigen Zuhörerschaft Reminiszenzen vor Augen zu führen, beginnend von den 50 er Jahren, ״als der Staat von der würgenden Fessel des Konkordates, die Schule von den Kirchenbehörden umklammert waren, bis auf die Gegenwart, wo wiederum ein Klerikaler, ein emer. Lehrer des Kirchenrechtes als oberster Hüter der freien Schule bestellt ist." Er ging aber noch weiter; er hatte auch Besitzstörungsklagen gegen die nichtdeutschen Nationen im Auge, weil sie angeblich ununterbrochen bemüht sind, den Deutschen Teile ihres redlich erworbenen Besitzstandes abzugraben. Herr Tr. Fialla hat unserer Ansicht nach, sich in Bezug auf seine politischen Ergüsse denn doch eine gewisse Reserve auszuerlegen. Er ist nicht nur Privatperson, Advokat ui'.d Mitglied der deutschen Lesehalle, er ist auch , der Kuliusvorsteher der größten Kultusgemeinde Mährens, und hat als solcher alles zu vermeiden, was geeignet ist, die nichtdeutsche Bevölkerung im allgemeinen und auch noch den kirchlich gesinnten Teil der deutschen Bevölkerung Oesterreichs gegen die Juden einzunehmen. Er weiß sehr gut, daß man geneigt ist, zu generalisieren und daß das, was der Präsident der größten mähr. Kultusgemeinde nicht etwa in camera caritatis, sondern zum Fenster hinausspricht, als Meinung der gesamten Judenschast zu deren Ungunsten auszuschrotten. Haben wir Juden denn wirklich soviel Veranlassung, uns speziell für die deutsche Fortschritts- Partei zu exponieren? Hat Herr Dr. Fialla bereits vergessen, daß gerade er, als er im Jahre 1906 anläßlich der Landtagswahlen vom mähr.-jüdischen Wahlkomitee als Kandidat für. den mähr. Landtag aufgestellt werden sollte, von der deutschen Fortschrittspartei nicht akzeptiert wurde, trotzdeni er stets ein ״verläßliches" Mitglied der deutschen Partei war. Hat nicht Herr Dr. Fialla ein näheres Betätigungsfeld? Warum verhält er sich passiv, wenn in der deutschfortschrittlichen Stadt Brünn, diesem ״Bollwerk des Freisinns", wie er sie einmal in seiner bilderreichen Sprache nannte, bereits seit 15 Jahren kein Jude angestellt wird? Sie haben recht Herr Dr. Fialla, wenn Sie bei dem Jubiläum der deutschen Lesehalle erklärten: ״Tie Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen." Die Zeiten, wo Sie im Gemeinderat der deutschfortschrittlichen Stadt Brünn saßen, sind auch vorbei und kehren nicht mehr wieder, und wenn die jüdische Bevölkerung Brünns endlich aus ihrer Lethargie erwachen und erkennen wird, was für eine Politik ihr Gemeinderepräsentant betreibt, wird sie hoffentlich gleichfalls diesen Kämpfer für seine deutsche Nation nicht länger die höchste Würde, welche sie zu vergeben hat, genießen lassen. Generalversammlung des mähr.- jüdischen Landesmassafondes. Montag, den 25. d. Bk., fand die diesjährige ordentliche Generalversammlung des mährischjüdischen Landesmassafondes statt. Wir nahmen in den Borjahren Beranlassung, an der Art und Weise, wie diese Generalversammlungen abgehalten wurden, Kritik zu üben und erklären, daß sowohl das Präsidium als auch die Delegierten unsere Kritik ein wenig beherzigten. Die Sitzung wurde nicht wie sonst in 30 Minuten erledigt, sondern dauerte drei Stunden. Es freut uns auch, unseren Lesern berichten zu können, daß es sogar eine Debatte, wenn auch nicht auf gar zu hohem Niveau, ge- Besonders hervorzuheben wäre es, daß man sich nicht nur begnügte, die Verteilung des Fondserträgnisses vorzunehmen, sondern daß auch Anregungen gemacht wurden, wie dem Niedergange in den kleinen Gemeinden abgeholfen werden könnte; desgleichen wurde von mehreren Rednern die Rabbiner- und Religionslehrerfrage angeschnitten. Die Anregung des Herrn Sigmund Schwarz, bezüglich der Erhaltung der kleinen Gemeinden, verdient vollste Beachtung der maßgebenden Faktoren und werden wir in einem demnächst erscheinenden Artikel hierauf eingehend zurückkommen. Ueber die Schaffung eines Verbandes der mährischen Kultusgeineinden auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1874: sprach der Mähr.-Ostrauer Delegierte Kultusvorstand Dr. Hilf namens des österreichi schen israelitischen Gemeindebundes. Dem Delegiertentage wohnten zum ersten Male zwei delegierte Rabbiner bei. Selbswerständlich ist von derartigen Delegiertentagen so lange keine ersprießliche Tätigkeit zu erwarten, bis tatsächlich durch systematische Vorarbeit der Delegiertentag sich mit allen Fragen, die Juden und Judentum bewegen, beschäftigen wird. Zu bedauern ist es. daß die Herren Repräsentanten für das Hebräische so wenig Interesse an den Tag legen, so daß eS möglich war, daß ein Gesuch des Vereines Machsike Hadas zur Unterstützung der dreiklassigen Bibelschule abgelehnt wurde. Bericht: Herr Statthaltereirat Dr. Spitzer eröffnete die Versammlung und hielt den verstorbenen langjährigen Delegierten Jakob Müller und Samuel Kohn einen warmempfundenen Nachruf. Zu Verifikatoren wurden die Herren Tandler und Hoffmann, zu Skrutatoren die Herren Hauser und Schnabl ernanut. Herr Dr. Hamlisch erstattete den Revisionsbericht. Von der Verlesung des Rechenschaftsberichtes wurde Abstand genommen. Hierauf wurde der Voranschlag pro 1912 durchberaten und die Einnahmen mit K 90 28103, die Ausgaben mit K 98-720 — festgesetzt. Bei Punkt Gemeindeunterstützungen sprachen sich die Herren Herschan, Gaya, und Staßny. Butschowitz, dahin aus. der Grundfond soll nicht erhöht, sondern die obligatorische Zuweisung der 5 Prozente für den Reservefond möge zur Unterstützung hilfsbedürftiger Kultusgemeinden verwendet werden. Die Herren Dr. Spitzer, Doktor Hamlisch sprachen sich gegen den Antrag aus. Dr. Spitzer gab insbesondere dem Wunsche Ausdruck, die einzelnen kleinen Gemeinden mögen im Haushalte etwas ökonomischer Vorgehen und insbesondere müsse man bei Anstellung von Beamten daraus bedacht sein, die Mittel zur standesgemäßen Führung zu bewilligen. Der Vertreter der Loschitzer Gemeinde, Herr Rabbiner Doktor Günzig, begründete in ausführlicher Weise das Ansuchen der Loschitzer Gemeinde um Erhöhung der Gemeindeunterstützung, da dieselbe durch eingetretene Verhältnisse, insbesondere durch die Er- Haltung der Schule außerstande wäre, aus Eigenem das Gemeindeerfordernis zu decken. Herr Kurator Dr. Hilf versprach unter Berücksichtigung der Verhältnisse das Ansuchen der Loschitzer Gemeinde zu befürworten. Herr Dr. Körner sprach sich für die Vergrößerung des Fondes durch Sammlungen, Spenden und Legate aus. Punkt Landesrabbinat (Pauschale) gab zu einer längeren Auseinandersetzung Anlaß» an der sich die Herren Dr. Körner, Tr. Hilf und Sigm. Schwarz beteiligten. Trotzdem auf der Tagesorduung die Aenderung der Statuten nicht gestanden, wurde in Angelegenheit der Pensions- Versicherung der Beamten eine diesbezügliche Aenderung des Statuts vorgenommen. Die Wahlen in das Kuratorium ergaben folgendes Resultat: Josef Hauser, Joses Pollenz, Mißlitz. Dr. Körner, Göding, Karl Löw, Prerau, Tr. Hilf, Mähr.- Ostrau und Sigmund Hoffmann, Wischau. Doktor Weiß, Boskowitz, Dr. Fiala, Brünn, Gustav Tandler, Brünn, H. Bittner, Lundenburg. Tr. Spitzer, Brünn. Ersatzmänner: Kais. Rat Fischt, Olmütz, I. Feldmann) Jglau, Ignaz Knöpfelmacher, Kremsier, David Spitzer, Leipnik. Revisoren: Sigmund Schwarz, Brünn. Dr. Hamlisch, Damboritz, D. Lederer, Eiben schitz. Herr S.Schwarz sprach dann überdieNotwendigkeir der Erhaltung der alten Kultusgemeinden vom Standpunkte der Pietät sowie vom wirtschaftlichen Standpunkte. Herr Schwarz berichtete, daß die Benei Berith-Vereinigung in Brünn sich damit beschäftige, Mittel und Wege zu finden, um eventuelle Gemeinden zu erhalten. Herr Schwarz appeliert an die Anwesenden eine diesbezügliche Aktion zu fördern. Die Ausführungen des Herrn Schwarz fanden allgemeinen, lebhaften Beifall. Herr Dr. Hilf, Mähr.-Ostrau, machte den Delegierten namens des israelitischen Gemeindebundes die Mitteilung, daß über Anregung des Bundes eine Bereinigung der Kultusgemeinden in den einzelnen Kronländern angestrebr werde. Ein diesbezügliches Musterstatut sei bereits ausgearbeitet und werde den einzelnen Gemeinden mit der Aufforderung zum Beitritte zugehen. Auch mit dieser Frage werden wir uns ehestens eingehend beschäftigen. Herr Statthaltereirat Tr. Spitzer stellte insbesondere an die Vertreter des Rabbinerstandes das Er suchen, dahin einzuwirken, daß der mährisch, schlesische Rabbinerverband sein Hauptgewicht aus die Frage der wirtschaftlichen Organisation lege. Herr Dr. Spitzer gao auch seiner Freude Ausdruck, daß zum ersten Male, Rabbiner, als Delegierte von Kultusgemeinden . den Beratungen des Landesmassafondes beiwohnten. Der Vorsitzende erklärte hieraus die Versammlung für geschlossen. Koscher al Pessach! Die skandalösen Vorgänge in Berlin, von denen die letzte Volksstimme zu berichten wußte, daß bei einer großen Zahl von Koscherselchwaren- Händlern 70% des verarbeiteten Materials Schweinefleisch war. sollte jeden Juden, der religiös empfindet, veranlassen seine Bezugsquellen für Ware, die eine rituelle Herstellung erfordert, genau zu revidieren. Ganz besonders legt uns Pessach diese Pflicht gebieterisch auf. Wir dürfen nicht Mazzos kaufen, wo sie am billigsten oder am dünnsten sind, wir dürfen nicht Wein oder Riagronen kaufen, wo sie am schmackhaftesten sind, sondern nur dort, wo die Person des Verkäufers oder des Erzeugers Garantien für die rituelle Zuverlässigkeit bietet. Positiv läßt sich ja nicht immer leicht die Zuverlässigkeit ergründen, aber die Unzuverlässigkeit ist oft leicht zu erkennen. Bor allem verdient kein Verkäufer auch nur das geringste Maß an rituellem Vertrauen, der am Sabbath oder Feiertag sein Geschäft offen hält. Kauft man bei einem solchen Händler, so muß man ganz besonders strenge darauf achten, daß die Ware, und zwar jedes einzelne Stück der Ware ein Attest über die rituell einwandfreie Herstellung seitens eines Rabbiners von anerkannt sittlichem und religiösem Ernste hat. Denn, wenn auch die meisten der ehrwürdigen Herren dieser Anforderung genügen, so ist es doch erwiesen, daß die Erzeugung von Koscher und Pessachware sich lieber an die wenigen Rabbiner wenden, denen die Ueberwachung ein Geschäft ist. die dem Erzeuger gegenüber leicht Konzessionen machen. Darum ist es besonders in Böhmen dringend notwendig, sich erst über die Person des attestierenden Rabbiners Sicherheit zu verschaffen und jede Ware zurückzuweisen, deren Attest von einem Rabbiner stammt, der die Sache gewerbsmäßig betreibt oder in seiner Lebensführung die religiösen Gesetze selbst lax handhabt. Also Vorsicht beim Einkäufe von Koscherware, doppelte Vorsicht beim Einkäufe von Pessachware. Rorrejponäenzen. Wien. Am 17. März d. ist Frau Helene Slatner, die Gattin unseres bewährten Gesinnungsgenossen Herrn Slatner in Streithosen, nach 1%־ jähriger Ehe im Sanatorium Löw, Wien, gestorben. Das Begräbnis fand am 19. in Wien statt. Wien. (Vereinigung jüdische Export- Akademiker.) Seit mehr als vier Jahren, bestand an der Export-Akademie des k. k. Handelsmuseums in Wien unter der Höherschast das Verlangen nach einem engeren Zusammenschlüsse zum Zwecke der gemeinsamen Arbeit auf jüdischem und eigeufachlichem Gebiete. Die diesbezüglichen Besirebungen haben endlich zu einem befriedigendem Resultate geführt. Am 13. d. M. fand aus Grund der von der k. k. niederösterreichischen Staithalrerei genehmigten Statuten die konstituierende General- Versammlung statt. Der Zweck der Bereinigung wird erreicht: 1. Durch Vorträge zur Deckung des jüdisch-nationalen Geistes 2. Durch Abhaltung jüdisch-geschichtlicher Seminarien sowie 3. Durch Veranstaltung geselliger Zusammenkünfte. In den Ausschuß wurden gewählt: Siegfried Lustig. Präses, Abraham Bernstein, 1. Vizepräies, Siegfried Sander, 2. Vizepräses, Emanuel Bordach, 1. Schriftsührer, Karl Ofner, 2. Schriftführer, Emil Borger, 1. Kassier, Samuel Guttmann, 2. Kassier.