Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebetbücher zu bezü m durch den ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag", BrüUL. Jüdische BolUstimmr, Nr. 1 Haus nämlich einzelne Typen der Prager Bevölkerung in Skulpturen festgehallen, so auch die Juden. Und da sieht man am Schwibbogen, der das schöne Gebäude mit dem altehrwürdigen Pulverturm verbindet auch einen Juden Largestellt, und zwar mit dem Wanderstab in der einen, dem Geldbeutel in der anderen Hand. Für die Prager Juden, die in Prag zumindest solange ansässig sind als die Tschechen und Deutschen kein schmeichel- Haftes Kompliment. Aber das alles schadet nichts! Dem Vernehmen nach sind es doch zumeist Juden, die das Repräsentationshaus besuchen, wahrscheinlich solange besuchen, bis man ihnen ins Gesicht speit, vielleicht auch länger. - Unsere Zeit scheint eben die Nackensteife, diese alte Eigenschaft der Juden wie so vieles anderes Jüdische znm Schwinden gebracht zu haben. Und doch werden die meisten Juden schmunzeln, wenn sie hören, daß der alles eher als philosemitische Herr der ״goldenen Gans" der Abgeordnete Klofac auch mit Juden Geschäfte macht, wenn sie ihm kreditieren. Dieser Tage wurde nämlich Herr Klofac von der Möbelfirma Ludwig Schreiber auf Zahlung von mehr als 5000 K für gelieferte Ware geklagt. Wenn wir schon unsere guten Eigenschaften ablegen um den Ariern gleichzukommen, sollten wir aber auch gelegentlich von ihnen lernen. Der böhmische Cyrill und Methodschulverein für Mähren plant seil langem die Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt; auf der kürzlich stattgefundenen Generalversammlung wurde bedauert, daß die Mittel zu dieser Gründung noch nicht ausreichen und beschlossen an mährische Kandidaten Stipendien im Gesamtbeträge von 10.000 K zu verteilen, um ihnen den Besuch der Prager tschechisch-katholischen Lehrerbildungsanstalt zu ermöglichen. An Prag gibt es einen jüdischen Schulverein, der Ähnliches erstrebt, jüdische Lehrer fördern will, aber wenn man von dem spricht, meinen die einen, der ist zionistisch die anderen, die Nationaljuden, der ist klerikal und so bleibt er ohne Förderung. In Pilsen ist ein jüdischer Bäckergehilfe verhaftet worden, der wie sich nachher zeigte, ein russischer Militärfiüchtling ist; die tschechischen Antisemitenblätter wissen zu berichten, daß er an Rußland ausgeliefert werden wird, wäre es nicht Sache der anständigen Presse, gegen ein derartiges Vorgehen zu protestieren? Miskolcz hatte vor kurzem eine Sensation, ein Raubmörder war hingerichtet worden. Der Raub- Mörder war Arier von reinstem Wasser, seine Opfer die Familie Zeisler,Juden; dessenungeachtet kam es beim Leichenbegängnisse zu judenfeindl. Kundgebungen. Die Lösung des Rätsels ward erst nach der Beerdigung kund, da sah man nämlich das Grab des Raubmörders von Blumen übersät. Wer einen Raubmörder so ehrt, gewissermaßen sein Einverständnis mit ihm kundgibt, der hat für die Juden nichts als Haß. Verbrechertum und Antisemitismus hängen enge mit einander zusammen, nicht jeder Verbrecher braucht ein Antisemit zu sein, aber jeder Antisemit hat das Zeug zum Verbrecher in sich. Dragee Hudmditcn. Ein sonderbares Leichenbegängnis. In Tynischt bei Ädlcrtosteietz ist der Schuhfabrik!«: Hermann Traub, d׳> e>> in dieser Stubi lebende Jude, dem vor kurze»! seine F!au, eine einmalige Christin starb. Tie Äerstorbene wurde aus dem katholischen Friedhose als einzige dort ruhende Jüdin bestattet. Das Begräbnis sank nach jüdischem Ritus patt. Als die Zeremonien zu Ende waren, entblüsten die anwesenden Natholiken ihr Haupt und beteten ein Vater unser. Todesfall. Am 26. März d. I. verschied in Prag nach kurzem schwerem Leiden Herr JUDr. Eduard Pfau, Landesadvokat, im 55. Lebensjahre. Mit dem Verstorbenen schied einer der wenigen wahrhaft religiösen Prager Juden, der z. Bnie den Sabbatb entweihte, weder als Student noch als Advokat. Dr. Pfau stellte seine Person in den Dienst vieler wohltätiger und gemeinnütziger Institutionen, so war er Vorstandsmitglied der Pinkassynagoge, des Ez. Hadasvereines, des Afile Zehuda, des israelitischen Fortbildungsvercines usw. Sein Andenken wird in der Prager Judenschast stets ein ehrendes bleiben. Im Hotel Bristol, Prag, Langegafle wird an beiden Pastahabenden ein festlicher Eeder veranstaltet, worauf wir jüdische auswärtige Gäste, welche um diese Zeit in Prag weilen, aufmerksam machen und da wirklich diese Feier gemütlich und in echt jüdischem Geiste abgehalten wird, whnt es sich diese beiden Tage hier in gehobener Stimmung zu verleben, da der Besitzer dieses Hotels, Herr Josef Diamant alles aufbietet um den Seder zu einem wahren Familienfeste zu gestalten. ״Die Blntlüge in Sobotka". In Sobotka bei Ji- Lin in Böhmen wurde ein Märchen vom Abzapsen des Blutes an einem Dienstmädchen, welches beim dortigen jüdischen Kaufmanne Gans in Stellung war, kolportiert. In dem so vorgeschrittenem Lande, wie Böhmen ist, muß alljährlich zum herannahenden Passahfeste diese Hebe!- reste aus dem finsteren Altertume vom Neuen wiedererwachen. Der ״Svaz pokrokov^ch 2idü" in Prag erhielt vorige Woche aus Jung-Bunzlau in dieser Sache emen Brief, allsogleich begab stch Herr Advokat Dr. Moritz Hirsch in Smichow, nach Sobotka, vordem interventierte er bei der Oberstaatsanwaltschast, verhandelte mit dem Stadtvorstande, dem Postengendarmeriekommandanten und auf Grund der Erhebungen hat das bewußte Dienst. Mädchen, das dieses ״Bilbel" herbeigeführt hat, gestanden, daß an der Sache nicht ein Wort war ist. — Hofrichter, besten Name, wurde selbstverständlich sofort verhaftet und hieraus beruhigten sich die erhitzten Gemüter. Herrn Dr. Moritz Hirsch gebührt großer Dank für seine Energie, zumal er sehr viel Unheil im Keime erstickt hat. Israel. Spitalbauvcrei«. In der verslostenen Woche spendeten: an Kranzablösungsspenden: für Herrn Sigmund Grünseld: 100 K Herr kais. Rat Fuchs, 150 K Beamtenschaft der Prager Zentrale der Firma Robert Fuchs und 110 K die Beamtenschaft der Papierfabriken in B.-Kamnitz (gleichzeitig patt besonderer Traueranzeigen): für Herrn Dr. Raphael Kuh: 50 K Frau Emma Sobotka, je 20 X Herr und Frau Dr. Noraert Blumenseld, Herr und Frau k. k. Kommerzialrat Eduard Bruckner, MUDr. Heinrich Figdor, MUDr. Leodpold Fischl, MUDr. Richard Fischl (Bad Hall), MUDr. Artur Götzl, Artur und Mitzka Perutz, Herr und Frau k. k. Kommerzialrat Fried, rich Perutz, Dr. Hugo Salus, Siegfried Schleißner und Frau, Frau Julie Schlosser, Dr. Paul Sobotka, Wilhelm Sobotka, MUDr. Sigmund Tänzer und MUDr. Theodor Wohrizek; je 10 K: MUDr. Ferdinand Bloch, MUDr. August Frank und Frau Adele Nobler; für Herrn Max Winterberg: 100 X H. Fritz Winterberg; je 20 X MUDr. Bunzl-Federn. Frau Ottlilie Herrmann, MUDr. Otto Kuh und Bernhard Lüftschitz. 60 X Emil und Franzi Fuchs (Prag); je 10 X H. Moritz Orlik (Ziztoö), Purimunter. Haltung in Patzau; X 8 20 H. Karl Lieb in Pribyslau; 5 X H. Theodor Deutschmann (Reichenau a. Kn.) Auäapefter NackriMen. Soiree der israelitischen Hochschiller. Im Lloydsaale fand kü!Hlich eine Tanzunterhaltung mit Konzert statt, welche vom Verein der rsrael. Jugend im Vereine mit der Liedertafel jüdischer Hochschüler zu Gunsten der ״jüdischen Mensa" veranstaltet worden ist. Die Soiree, deren Protektorat Hofrat Franz Szekely übernommen hatte, begann mit einem Programm; in besten Rahmen mit. wirkten die ״Liedertafel jüdischer Hochschüler" unter der Leitung des Chordirigenten Ludwig Burger, die Elevin der LandeS-Mufikakademie Stella Herzog, ferner Margit Takacs, Joseph Diskai und Heinrich Strocke. Sowohl den Borträgen der Liedertafel, als auch den übrigen Mitwirkenden zollte das in schöner Zahl erschienene, vornehme Publikum leb. haften Beifall. Das Jubiläum der israelitische« Realschule in Bagujhcly. Die israelitische Realschule in Vagujheiy feiert in den nächsten Tagen das fünfzigjährige Jubiläum ihres Bestandes. Große Feierlichleiten sind geplant, um dem Jubiläum ein besonders festliches Gepräge zu verleihen. Der Mittelschulverein hat eine Aktion eingelettet, um eine noch intensivere und segensreichere Tätigkeit der Anstalt in der Zukunft zu ermöglichen und die Schule zu einer erstklassigen zu gestalten. Die Leitung des Mittelschulvereins bittet alle ehemaligen Schüler der Anstalt, ihre Adressen der Direktion der Realschule mitzmeilen, damit die aus Anlaß des Jubiläums verfaßte Denkschrift jedem Schüler der Anstalt zugesandt werden könne. Mrünner Nackrickten. Generalversammlung des Vereines Machsike Hgdas Brünn. Samslag 24. d. M. fand in den Vereinslokalitäten die diesjährige General- Versammlung statt. Der Obmann des Vereines Herr Halpern eröffnete die Versammlung begrüßte die Erschienenen. Den Rechenschaftsberichl erstattete der Geschäftsleiter des Vereines und gedachte zunächst der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder, denen gegenüber der Verein seiner statutarischen Pflicht pünktlich nachkommt und ist dem Bericht zu entnehmen, daß durch die zielbewußte Leitung des Ausschusses der Verein sich in steigernder Entwicklung befindet. Die 3 klassige Bibetschule sowie die anderen vom Vereine geleiteten Unterrichtsknrse erfreuen sich eines entsprechenden Besuches und werden im Unterrichte befriedigende Resultate erzielt. Die Peo- Brockensammlung und Bibliothek erfahren seitens der jüd. Bevölkerung Brünns ziemliche Förderung und Bereicherung. Die Vereinsleitung werde sich mit der Lösung der Mikwayfrage oemnächst beschäftigen. Nach Erstattung des Kassaberichtes beantragte der Revisor dem adttetenden Ausschufst sowie dem Kassier das Absotutorium auszusprechen. Herr Glaser dankte dem Vereinsausschusse für die erfolgreiche und mühevolle Tätigkeit. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurden gewählt in den Ausschuß. Die Herren Halpern, Lax, Mukden, Hickl, Meisl, Bergmann, Breda. März, M. Ticho, Revisor Reiniger usw. Ueber Antrag der Vereinsleitung wurden einstimmig folgende Herren zu Ehrenmitgliedern ernannt. Herr Oberrabbiner Dr. Jung Ung.-Brod, Herr Rabbiner Hoffmann, Kostl, Herr Rabb. Jungreis und Herr Karl Beer Holleschau. Zu Punkt Eoentualia ergriffen die Herren Schwarz, Dr. Schütz, Platschet. Das Wort und äußerten Wünsche in Bezug auf die agitatorische und organisatorische Tätigkeit des Vereines. Hierauf schloß der Vorsitzende die General- Versammlung. Syumfeier. Montag, den 1. k. M. °/.7 Uhr rüh findet im Lokale des Vereines Machsike Madas Adlergaffe 12 eine Syumfeier statt. Herr Vereinsrabbiner Em. Friedmann wird über die Bedeutung des ״Syum" sprechen. Gäste willkommen. Theater, Kunst. Sonntag, den 2 t. d. M. gelangte nach längerer Pause C. W. Ziehrers Operette ״Der Liebeswalzer" zur Wiederholung. Das Haus war wider Erwarten nicht voll verkauft. Dem Gaste Gustav Müller gab man bisher die dankbarsten Partien und war es ihm gewiß nicht chwer gemacht, bei seinen Anhängern Gefallen zu inden. Die Rolle des Fiakers ״Führinger" hatte;edoch diesmal mit Erinnerungen zu kämpfen. In gesanglichen Charakterkomiker-Partien kann er nicht als ״vollendet" gedacht werden. Das schöne Lied im 3. Akt wurde durch die ״melodramatische Auffassung" leider nur verstümmelt. Frau Wiesner als Fiakersfrau hatte starken Lachersolg. trug aber an manchen Stellen, durch Aneiferung ihres Part:׳ ׳ , bedenklich auf. Frl. Zierler führte mit ge!, ahnt gutem Gelingen ihre Rolle als ״Hella" durch. Des-;!eichen Herr Pitsch, im Vereine mit Frl. Wagchal, als gräfliches Ehepaar. Herr Warbeck samt Gemahlin (Guido Spini und Antschi) hatten keinen guten Tag. Herr Wiedemann ttat uns diesmal lebhaft in Erinnerung. Stimmlich kann ihm Herr Warbeck nicht nahe kommen. Das sonntäglich gestimmte Publikum applaudierte skruppellos und es war ja schließlich ein verdienter Beifall, da sich unsre heimischen Mitglieder, durch den rasch wechselnden Spielplan (wegen der vielen Gastspiele,) angestrengt, vollste Mühe gaben. Herr Regisseur Tramer und Herr Kapellmeister Heller haben sich bester Leistungen verdient gemacht. Mit Genugtuung kann man es begrüssen, daß sich nun auch endlich die. Stimme des Publikums für den allgemein beliebten Herrn Pachmann erhebt. Es / gibt gottlob nach ein Publikum, welches an einem Spiele, frei von jeder ״Possenreißerei", aufrichtigen Gefallen findet. Herr Pachmann ist derzeit ״kaltgestellt", doch wird man dieser Angelegenheit von Seiten des Brunner Theaterpublikums gewiß mit allen erlaubten Mitteln zu begegnen wissen. Wir wünschen Herrn Pachmann in seinen Paraderollen zu sehen, nicht aber in den Hintergrund gedrängt. Es ist nur erfreulich und geradezu wacker von Herrn Pachmann zu nennen, daß er absolut nicht Miene macht, sich nach seinen vielen Erfolgen plötzlich ״kaltstellen" zu lassen. Sein gestriger ״Chervais", den er in seiner bekannten Vielseitigkeit, schauspielerisch und gesanglich, sympathisch darzustellen verstand, war ein neuer Beweis, daß er, setbst neben den ״dankbareren" Rollen nicht klein, am allerwenigsten ״tot" zu kriegen ist. Die - ״Todesanzeige" des künstlerischen ״Erfrorenseins," welche bis nach Wien gelangte, und nicht nur Heiterkeit sondern ernsteste Sympathie erweckte, wird hoffentlich recht bald in eine ״Wiedererstehungs- Anzeige" verwandelt werden. Die nächsten Rollen, falls selbe von der Direktion nicht wieder abgenommen worden sind, sollen uns jedenfalls besonders Interesse abgewinnen. W. Dr. Hieronymus Fialla. Er ist schon wieder da. Wie das Mädchen aus der Fremde zeigt er sich wieder in der Oeffentlichkeit, sobald eS stch um die Wahlen in die Handels- und Gewerbekammer handelt, um dem bedrängten Deutschtum beizuspringen und mit ausdrücklicher Bezeichnung als ״Kultusvorsteher in Brünn" den jüdischen Wählern auf dem stachen Lande die Wahl der deutschfortschrittlichen Kandidatenliste in Tausenden von Flugblättern ans Herz zu legen. ״Wahldokumente an Herrn Dr. Fialla nicht frankiert absenden", heißt es zu Beginn dieses Aufrufes, welcher anscheinend von Herrn Dr. Fialla verfaßt, einerseits besagt, daß die Handelskammer keine politischen, sondern wirtschaftliche Interessen verfolgt, anderseits erklärt, wie ehrlich es die deutschliberale Partei mit den jüdischen Wühlern meint, zumal sie unter 38 Wahlbewerben: 15 Juden ausstellt. Herr Dr. Fialla scheint zu übersehen, daß diese 15 Juden nicht als jüdische, sondern als deutsche Kandidateauftreten, und ist der Provinzjude, welcher in czechischeu Gegenden lebt, wahrlich besser dran, wenn er mil seinen czechischeu Mitbewohnen: gemeinsam voroeht, als wenn er sich in Gegensatz zu ihnen stellt, und sich hiedurch wirtschaftlichen Verfolgungen aussetzt, um 15 Glaubensgenossen, welche sich wohl kaum sehr für jüdische Interessen exponieren werden den Eintritt in die Handels- und Gewerbekammer zu ermög-