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Jüdische Volksstimme · 1912-03-28 · Heft 1 (28.3.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 1 (28.3.1912)
Date
1912-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1. Jüdische Bottrstdmae Seite 3 als ihrer unwürdig, Hinweisen und wie gerne sie sich als Philosemiten ausspielen, geradeso, als ob es unter ihnen niemals Judenhasser, niemals Ritualmordhetzer, niemals einen Hisnerprozeß gegeben hätte. Wir lassen hier nun den tschechischen Wortlaut des allerdings in sehr warmen, Herz und Gemüt ergreifenden" auch der Logik des kühlen Verstandes befriedigenden Worten gehaltenen und diesmal von Boykot-Androhungen freien Wahlaufruf, insoweit er sich auf die Juden bezieht, in getreuer deutscher Uebersetzung folgen. Die betreffende Stelle des Wahlaufrufes lautet: ״Wir appellieren insbesondere an unsere jüdischen Mitbürger, daß sie unserer gerechten und und ehrlichen Sache zum Siege verhelfen. Wir erwarten, daß die Juden, welche mitten unter dem böhmischen Volke leben und mit ihm durch die Gemeinsamkeit der Kultur und der volkswirtschaftlichen Interessen verbunden sind, sich vorbehaltlos in unseren Reihen an dem Wahlkampfe beteiligen. Mögen sie nun über ihr Verhältnis zur Nation mie immer denken, ob ihnen das Judentum nur als Religionsgenossen, schaft oder als Nation erscheint, ihre Interessen sind identisch mit denen des böhmischen Volkes und unser Feind ist auch ihr Feind. Darum haben wir hervorragende Männer ihres Blutes auf unsere oppositionelle Kandidatenliste gestellt. Von dem deutschen Antisemitismus abgestoßen und niedergeschlagen, würden sie sich selbst verachten und sich an ihrer Dienschenwürde selbst versündigen, wenn sie dem deutsch-antisemitischen Nationalismus aufhelfen würden und sie würden sich an ihren eigenen Interessen versündigen, wenn sie sich dem böhmischen Volke gegenüber feindlich verhalten würden. Wir locken sie nicht, wir drohen ihnen nicht, aber wir versprechen ihnen nur die ehrenhafte Gemeinbürgerschaft ehrenhafter Leute gegenüber dem Gemeinsamen Feind, aber wir appellieren an ihren Sinn für die Gerechtigkeit und für das Verständnis ihrer eigenen Interessen. Aber mögen sie sich entschließen wie immer, unser Auftreten wird sich nicht ändern und kann sich nicht ändern. Wir werden den großen Kampf mit dem Deutschtum früher oder später ausfechten auf diesem Felde wie auf allen anderen Gebieten. Wir laden sie aber ein zur Teilnahme an unserem Kampfe, denn derselbe ist nicht nur ein nativnaler, sondern auch ein Kampf um das wirtschaftliche Leben, um die Hebung der mittleren und der kleinen produzierenden Volksschichten und darum ist es ein Kampf für Recht und Gerechtigkeit gegen die Uebermacht und für die Be- Befreiung des Verstoßenen." Indem wir hier den Wortlaut des Aufrufes des böhmischen Wahlkomitees wiedergeben, wollen wir noch eine Tatsache hervorheben, daß diesmal das tschechische Wahlkomitee sich keineswegs darauf beschränkt hat, in seinem böhmischen allgemeinen Wahlaufruf auch einen Appell an die jü> bischen Wähler zu richten, sondern eine umfangreiche eigene Gedenkschrift an die mosaischen Wähler, u. z. in deutscher Sprache versendet hat, die sich auch eines klaren, in ganz ruhigem, streng sachlichen Tone gehaltenen Sprechweise befleißigt, ein Ton, den wir gerade in dem modernen, so reich flutenden Strome der politischen Streitschriften zumeist vermissen, der uns daher nach vollzogenen Wahlen noch Gelegenheit geben dürfte, sich mit dem Inhalte dieser Streitschrift selbst eingehender zu beschäftigen. Dr. E—n. Jüdisch-volkliche Gedenktage. 10. bis 17. Nissan. 10. 1863 starb Rabbenu Jsak Alfasi, bekannt unter dem Namen ״Ha-Ris-, (Todestag der Prophetin Mn!am.) 11. 5599 starb R Salamon Lüpschütz, Vers. des ״Chemdath Schlomoh." ' 4 boU st°rb in Arnburg Rabbiner Juda Müller. 13. 0330 starb m Saset R. Josef ben Esraim Karo, Berfallet des ״Schulchan Aruch." 14. 2448 wurde in Aegypten das erste Peffachopfer dargebracht. 4890 wurde Moses Maimonides ״Ramdan" zu Cordowa geboren. 15. 3513 Die Königin Esther bat für ihr Volk vor König Achaschwerofch. 16. 5663 starb in Meran der bekannte Pbilofovb G-K Wiener Jüdisches Leben. Eine Protcstversammlung. Am 14. März fand im Festsaale des Hotel Guth, Stephaniestraße, eine große Protestversammlung statt, die gegen von gewisser Sette angeregten fortgesetzten Verunglimpfungen des Rabbiners Mayer Mayersohn Stellung nahm. Die Versammlung wurde von Herrn Dickstein eröffnet, zum Vorsitzenden Herr Jakob März gewählt. Als Erster sprach Herr Sporer, der darlegte, daß die gegen Rabbiner Mayersohn vorgebrachten Klagen nicht der Wirklichkeit entsprächen und in keinem einzige Falle Bestätigung gefunden hätten. Ferner sprachen die Herren Dr. Lifczitz, Dr. Zipser, Jsak Rosner, Dr. Goldberg, u. a. m., die sich den Ausführungen des Generalredners vollinhaltlich anscblosien. Es wurde zum Schluffe eine Resolution angenommen, in der die Versammlung Herrn Rabbiner Mayersohn ihr unbeschränktes Vertrauen ausspricht uud ihn bittet, sich durch derartige Angriffe nicht beirren zu lassen. Große Wohltätigkeitslegate. Der am 4. d. in Wien verstorbene Ingenieur Heinrich Baumgarten, der Infolge testamentarischer Verfügung in Budapest bestattet wurde, hat letztwillig verfügt, daß an seinem Todestage je 1000 K den Israelitischen Kultusgemeinden Wien und Budapest zur sofortigen Verleitung an Arme übergeben werden. In seinem Testament hat Herr Baumgarten weiter verfügt: Das Israelitische Blindeninstitut in Wien erhielt 10,000 K- Ferner erhalten je 6000 K: die Freiwillige Rettungsgesellschaft in Wien, der Verein zur Errichtung und Erhaltung von Wärmestuben in Wien und das Allgemeine österreichische Taubstummeninstitut in Wien; je 4000 K: der Verein zur Errichtung und Erhaltung von Suppen- und Teeanstalten, der Mädchenunterstützungsverein und der Verein zur Versorgung israelitischer Waisen in Wien; je 2000 K: der Verein Kinderheim ohne Unterschied der Konfession sowie der Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender. Bon Budapester Wohltätigkeitsanstalten erhalten: der dortige Knabenwaisenhausfonds 30,000 K, das Blindeninstitut und das Israelitische Landes-Taubstummeninstitut je 15,000 K, das Mädchenwaisen- Haus des Budapester Israelitischen Fcauenvereines 10,000 K, das Stephaniespital für arme Kinder und der Israelitische Handwerkerverein je 6000 K, die Budapester Freiwillige.Rettungsgefellschaft, der Israelitische Landes-Lehrerverein und der Budapester Landes-Stipendiumverein je 4000 K. Ferner sind das Hauspersonal des Verblichenen in Wien sowie in der Villa in Grundlsee, dann die Ortsarmen, die Volksschule und die freiwillige Feuerwehr in Grundlsee mit Beträgen bedacht worden. — Der Verblichene lebte in Wien seit vielen Jahren in größter Zurückgezogenheit. Wo er helfen konnte, wo er von Not hörte, griff er ein,'suchte er das Elend zu lindern. Nur war er stets wahr- Haft ängstlich bemüht, nicht öffentlich genannt zu werden. Herr Baumgarten war in Stuhlweißenbürg geboren und erreichte ein Alter von 70 Jahren. Ehrung Lucian Brunners. Der bekannte Bankier Lucian Brunner, Kandidat der zionistischen Partei, wurde von der mährischen Stadtgemeinde Schaff« zum Ehrenbürger ernannt. Das Diplom wurde von einer Deputation unter Führung des Bürgermeisters dem Geehrten überreicht. Promotton. Am 23. d. M. fand die Promot ion des Herrn Mayer Winkler zum Doktor der Philosophie im Festsaal der k. k. Universität statt. Dr. Winkler ist Mitglied der akademischen Vereinigung ״Theologia." Todesfall. Mittwoch, den 20d. M. fand das Leichenbegängnis der Frau Johanna Moses, der Schwester des beliebten Zivil- und Uniformschneiders Rudolf Goldstein statt. Rabbiner Dr. Bach pries in tief ergreifenden Worten die Tugenden der Verstorbenen, die eine echt jüdische Frau und Mutter gewesen war und spendete dem schmerzerfüllten Gatten und dem Sohne priesterlichen Trost. Ein schönes Jubiläum. Im Bethause ״Hammer Purgstallgasse" wurde Samstag ein Festgottesdienst zu Ehren des 70. Geburtstages des Vorstehers Ignatz Lichtmeß begangen. Der greise Jubilar dankte gerührt auf die erhebende Ansprache des Herrn Rabbiners Goldstein, der in schwungvoller Weise die verdienstvolle 30 jährige Tätigkeit um das Bethaus des Herrn Lichtmeß würdigte. Herr Lichtmeß spendete sodann ein kostn. im b°«s7s°wgchi«-s Sp'äm Waab S Mendelsohn. eine Deputation IN die Wohnung des Jubilars und überreichte demselben feierlich eine von Künstlerl hand ausgeführte Adresse. Bereinigung jüdischer Cxportakademiker, Wien- Die Statuten wurden von der Statt- Halterei genehmigt. Die konstiiuierende General- Versammlung fand am 13. d. statt. Akademischer Berein ״Jüdische Kultur", Wien. Die Ausschußwahlen für das Sommersemester ergaben nachstehende Resultate: Präses: cand. arch. David Birnbaum, Vizepräses: cand. jur. Heinrich Fleiß, Schriftführer: cand. phil. Erna Dornhelm. Theologischer Berein der Hörer an der Jsr. theol. Lehranstalt. Die Wahlen für das Sommersemester ergaben folgendes Resultar: Präses: Isidor Kohn, Bizepräses Hersch Andermann, Kassier: Julius Augapfel. I. Schriftführer: Heinrich Schulsinger. II. Schriftführer: Di. L. Czaczkes. Jüdische Toynbeehalle, (XX. Otamargassc Nr. 46.) Beginn der Vorträge an Wochentagen halb 8 Uhr; Samstag, sowie Sonn- und Feiertage 7 Uhr Abends. Eintritt frei für Erwachsene. Programm: Donnerstag. 28. März. ״Die Heil- Wirkung der Sonnenstrahlen." (Mit Lichibildein). Dr. Max Jerusalem. Freitag. 29. März. ״Bibelvortrag". Lehrer H. Löw-Vogel. Samstag, den 30. März. ״Schlußkonzert". Arrangement: Fcl. Freistädt. Israelitischer Krankenuuterstüyungsvercin Livies Chen, Wien. Sonntag, den l. März d. I.. fand im Vereinslokale die 25. Generalversammlung des Vereines statt. Dem Rechenschaftsberichte ist zu entnehmen, daß der Verein in besonders wohltätiger Weise seinen Wirkungskreis ausübt. Die Einnahmen beliefen sich auf X 9768-76. die Ausgaben auf X 8948 63. Der Verein verfügt über ein Vermögen von X 13.067 5l. Dem Vereinsvorstande gehörten folgende Herren an - David Kolieb, Obmann; Josiäs Goldschmidt, Obmannstellvertreter; Anton Löw, Kassasührer: Isidor Körner, Schriftführer; Paul Herches, Schriftführerstellvertreter: M. Kindtisch, Kontrollor. Ausschußmitglieder: Moses März. Josef Spieler, M. Mingelgrün, Jakob März, Leopold Gold. E. Torczyner. Der Verein erhält ein eigenes Bet- Haus, gewährt Mit, ledern Darlehen ,seit Bestand des Verei! X 720 ׳—), unterstützt im Krankheitsfalle ,1 im Sterbefalle die Familie der Hinterbliebe -. Wir wünschen dem Vereine auch fernerhin im utteresse unserer Glaubensgenossen die beste Entwicklung. Verein jüdischer .Hochschüler ״Mensa Akademica JuVaica". Unserem Vereine sind von folgenden verehrlichen Israelitischen Kultusgemeinden Subventionen zugekommen-. Mährisch- Osirau 40 Kronen, Bisenz, Bielitz, Olmütz je 30 K. Mistek 25 K. Nachod, Neunkirchen, Reichenberg je 20 K. M׳ ttsch l ׳ K, Bisenz, Tombrau, Franzesbad, Fre t (Schlesien). Göding. Kölin. Diarienbad, Mistewach, Prerau, Ung.-Brod, Znaim je 10 K, Jägerndors 5 K. — Ferner folgende Geldbeträge: Äuspitz H. Wessely 5 K, Bvskowitz, M. Knöpfelmacher 6 Kronen, Brünn, Vnai Vrith Moravia 20 K, Dr. Feldmann 5 K, Tr. L. Ehrenstein 3 K, Bielitz, Dr. O. Schanzer 3 K, Gaya, K- Herschan 6 K. Göding, Brüder Seelenfried 5 K, H. Soffer 3 K, Ä. Stern 2 K. Holleschau, Löw-Beer Söhne 10 K, Jägerndors, S. Bock 10 K, Dr. L. Mondschein 5 K, Jamnitz, Dr. H. Wertheimer 20 K, Lundenburg, N. N. 5 K, Di. Frankl, E. Hoffmann, I. Weißkops, H. Malzner je 2 K. Mistek, Dr. A. Löw 3 K, Mähr. Ostran : Dr. Hilf, Dr. Ziegler, Dr. Brenner. R. Reiß, Dr. Klein, Dr. M. Böhm. Dr. Haas sen. je 10 K, Dr. Neumann, Dr. G. Spitzer, Dr. Katzer, Dr. I. Spira, A. Wechsberg & Co. je 5 K. Prager Brief. In Prag gibt es ein Repräsentatwnshaus, das den Ruf der schlechten Gemeindewirtschaft in Prag weit über die schwarzgelben Grenzpfähle hinauslrägt, ein Denkmal das würdig seiner Erbauer für lange Zeit die Stadtvüter repräsentieren wird; denn mindestens ein Jahrhundert lang werden die Prager Steuerträger tief in den Beutel greifen müssen um das Denzit zu decken. Das Prager Repräsentationshaus geht die Prager Juden ans mehrfachen Gründen an, erstens weil es sie massig viel Geld kostet, zweitens weil man darin an Juden keine Geschästslokalitäten vermietet, drittens weil der geistreichsten einer unter den vielen Köchen, die diese Suppe versalzen haben, ein 'Architekt der Mangel an Ersindungsgabe durch antisemitische Scherze zu ersetzen suchte, auch den Juden ein eigentümliches Denkmal an dem konfusen Bau gesetzt hat. Es sind am Repräsentations- Gebetbücher zu beziehen durch den ״Jüdischen Buch- und Kunstverlag"

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