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Jüdische Volksstimme · 1912-03-28 · Heft 1 (28.3.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 1 (28.3.1912)
Date
1912-03-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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UUIUE '״övpZlyjllNU VM -tpNE ׳mlpjiE" \m Mil U3h3fi3q nb MljjöflftT Jüdische B-Ürstimme. Nr. 1. ״Am vorletzten Februar saß die Hofrichter in ihrem Schlafzimmer und schrieb einen Brief. Plötzlich bemerkte sie vom Ofen her einen aufflammenden und gleich darauf wieder verlöschenden Lichtschein. Nach wenigen Augenblicken verspürte die Hofrichter einen betäubenden Geruch wie von Kampher. Sie vermochte sich noch gerade bis zu ihrem Bette schleppen. Dort brach sie ohnmächtig auf den Fußboden nieder. Am Morgen erwachte sie in ihren Kleidern, quer über dem Bette liegend. An beiden Händen hatte sie hinter der Handfläche eine kleine runde Stichwunde und im ganzen Körper verspürte sie eine un gewöhnliche Schwäche". Ihren Bericht schloß die Hofrichter mit der Bemerkung, daß sie den Dienst kündigen werde. Auch der Taglöhnersgattin Franziska Luka erzählte das Mädchen das gleiche Märchen und fügte hinzu, daß es sich ״fürchte, bei Juden zu dienen". Ihre Mutter Anna Hofrichter erfuhr gleichfalls von diesem ״Vorfälle". Mutter und Tochter hüteten sich weislich eine Anzeige zu erstatten, doch sorgten sie dafür, daß möglichst viele Leute davon erfuhren. Bald sprach die ganze Stadt davon, daß der Versuch gemacht worden sei, der Franziska Hofrichter ״für jüdische rituale Zwecke Blut abzuzapfen". Als dann am 14. d. M. die Hofrichter den Arzt MUDr. Sedmidubsky und den nächsten Tag den Primararzt des Jitschiner Bezirkskranken- Hauses Dr. Pelikan aufsuchte, diente dies nur zur Bestärkung der öffentlichen Meinung und die Folge war, daß die Familie Gans und ihr Kaufladen boykottiert wurden. Inzwischen waren aber die Gerüchte auch der Gendarmerie zu Ohren gedrungen und diese nahm sich der Sache gleich in der entsprechenden Weise an. Eine Anfrage bei dem ersterwähnten Arzte ergab, daß es sich bei den Verletzungen der Hofrichter nur um unbedeutende Stichwunden handle und daß von einem Abzapfen von Blut überhaupt nicht die Rede sein könne. Durch die weiteren Erhebungen wurde sichergestellt, daß die Tochter Bertha des Kaufmannes Gans in jener Stacht wie immer das Schlafzimmer des Dienst- Mädchens geteil4־ und von dem geschilderten Vorfalle nicht das Geringste bemerkt habe. Daraufhin wurde Franziska Hofrichter einem Verhör unterzogen, in dessen Verlause sie sich in unzählige Widersprüche verwickelte. Schließlich legte das Dienstmädchen ein Geständnis ab und gab zu, daß es die ganze Geschichte erdichtet habe, um den Dienst verlassen zu können. Die Stichwunden an den Händen habe es sich mit einer Nadel selbst beigebracht, um bei den Leute» mehr Glauben zu finden. Daraufhin wurde gegen Franziska Hofrichter und deren Mutter Anna Hofrichter, welche an der Verbreitung der beunruhigenden falschen Gerüchte lebhaften Anteil genommen hatte, die Strafanzeige beim Gerichte erstattet. Das Strafverfahren ist bereits im Zuge. Nach der Aufklärung der Nichtigkeit dieser Gerüchte ist unter der hiesigen Bevölkerung wieder Beruhigung eingetreten. Ein zweites Ritualmärchen hat der ״XX. Vek", das Organ des ehemaligen tschechisch-klerikalen Abgeordneten Wenzel Myslivec und des aus der tschechisch-christlichsozialen Partei ausgeschlossenen Parteisekretärs Emanuel Junger erdichtet. Darüber wird uns aus Pilsen berichtet: Am 10. d. wurde die beim Grundbesitzer I. Gruber in Elhotten bedienstete 16jährige Anna Egermaier nach Pilsen geschickt. Das Mädchen führte den Auftrag aus, war ab r seither verschwanden und seitens des Vaters wurde die Abgängigkeitsanzeige erstattet. Das tschechische christlichsoziale Blatt ״XX. Vek" benützte das Verschwinden des Mädchens, um daraus, wenn auch nicht direkt, einen Ritualmord zu konstruieren. Die amtlichen Erhebungen ergaben nun, daß Anna Egermaier sich von Pilsen nach Radobschitz begab und bei dem dortigen Bäcker Seffer in Dienst trat. Sie gab an, ihre Eltern aus dem Grunde nicht verständigt zu haben, weil sie Vorwürfe wegen des eigenmächtiaeu Verlassens ihres Postens bei Gruber befürchtete. Diesen Dienstplatz habe sie wegen einer Behelligung seitens eines Knechtes aufgegeben. Es ist traurig genug, daß ernste Männer die Notwendigkeit einsehen, mit der Kraft ihrer Namen dem Unsinn des Ritualmärchens entgegenzutreten. So veröffentlicht eine Reihe der hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft, Kunst, Politik und Literatur eine Erklärung, worin es heißt: ״Wir halten es für die Pflichteines jeden, dem der sittliche Fortschritt der Menschheit am Herzen liegt, gegen einen solchen törichten Aber- Witz die Stimme zu erheben. Zu den Unterzeichnern gehören: Prinz Heinrich von Preußen, Graf Posadowski, der Präsident und die beiden Vizepräsidenten des deutschen Reichstages Kaempf, Paasche und Dove, die Abgeordneten Bassermann, Fischbeck und Payer, ferner zahlreiche Theologen, sowohl Professoren als auch Geistliche- Professor Lujo Brentano. Friedrich Delitzsch, Aerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, der Bürgermeister von Berlin, aus Wien u. a. Hofrat Ritter von Ebner, Professor Jodl. Michel auf dem Kriegspfade. Prag, im März 1912. Der deutsche Wehrwolf regt sich wieder. Frühling wird's, die Bäume schlagen aus, auch er, der den langen Winter über in rauchgeschwärzten Bierstuben inmitten von stinkendem Tabaksqualm sein armseliges Dasein gefristet hat, wird wieder lebendig. Die träge Müsse beginnt sich zu erholen und sucht Gedankenarbeit. Das am nächsten Liegende ist das Bequemste. Man beginnt mit einem Raubzug gegen die Jüdischnationalen. Sie, die an der Prager deutschen Universität dank der Praxis des echtrussischen Rektors Rauchberg ohnedies um ihre primitivsten Rechte gebracht werden, sie über denen als neueste Errungenschaft stets das Damoklesschwert der Disziplinierung schwebt, sie sind Ziel und Preis des Vorstoßes der antisemitischen Radauwut, wird ein eigenes Mäntelchen umgehängt, der Protest gegen die Person Mahlers wird in den Vordergrund gestellt. Aber unten und zwischen durch tritt der brutale, erbärmliche Judenhaß zutage, der bei der deutschen Studentenschaft in der Angst vor der geistigen Superiorität der jüdischen Kollegen seinen Urgrund besitzt. Die deutschradikale Studentenschaft hat uachstehende Kundgebung erflicßen lassen: Im Vorlesungsverzeichnis der Prager deutschen Universität für das Sommersemester 1912 befindet sich abermals der Name des ehemaligen zionistischen Abgeordneten eines galizisches Wahlkreises Privatdozenten Dr. Mahler. Unsere deutsche Universität ist nicht nur ehrwürdig und berühmt als älteste deutsche Hochschule, sie ist auch überall gekannt als eine Pflegestätte deutschen Geistes. Und an einer solchen Stätte ist kein Platz für Herrn Dr. Mahler, der als Abgeordneter nur Spott und Hohn für deutsches Wesen hatte, der unser Volk beschimpft und in den Kot gezerrt hat. Die Prager Burschenschaft und mit ihr die deutsche Studentenschaft steht noch auf demselben Standpunkt und ist jeden Augenblick bereit, ihre wohlvorbereiteten Abwehrmaßregeln zu ergreisen, zur Wahrung des deutschen Rufes unserer altehrwürdigen alma mater Pragensis. Die Prager Burschenschaft wird auch auf die schärfsten Mittel in diesem Kampfe nicht verzichten, wenn es not tut, und wird ihrer Ausgäbe, jeden volkschädigenden Einfluß von ihren höchsten Bildungsstätten fernzuhalten, voll und ganz gerecht zu werden wiffen. Herrn Dr. Mahler aber raten wir, sein erzieherisches Talent wieder dott zu entfalten, wo er es als Abgeordneter tat. Die Prager Universität wird gerne auf ihn verzichten, ohne ihm auch nur eine Träne nachzuweinen. Dieser Enunziation ein Wort beizufügen ist überflüssig. Sie ist plump, gemein, echt deutschradikal. Ihre Drohungen sollten aber die Herren bleiben lassen. Aus Erfahrung müßten sie wissen, daß die Prager Jüdischnationalen vor den Mitteln dieser Herren nicht zurückschrecken. Zu einem Kampfe mit Worten kann es mit dieser Sorte von Menschen nicht kommen, aber auch vor roher Gewalt wissen sich die Prager Jüdischnationalen zu schützen. Die jüdischnationale Studentenschaft hat eine Gegenkundgebung erlassen. Sie ist ungemein taktvoll gehalten und lautet: Die organisierte Prager jüdischnattonale Studentenschaft sieht sich veranlaßt, zur Kundgebung der ״Prager Burschenschaft" Stellung zu nehmen. Sie steht auf dem Standpunkte der absoluten Lehr- und Lernfreiheit; deshalb muß sie dagegen protestieren, daß auS irgendwelchen politischen, nationalen oder konfessionellen Gründen eine Einflußnahme auf den Vorlesungskatalog versucht wird. Was die Behauptung anbelangt, Dozent Dr. Mahler habe als Abgeordneter ״das deutsche Volk beschimpft und in den Kot gezerrt", so sind diese Behauptungen reine Erfindungen. So oft sich Dr. Mahler im Parlament mit dem deutschen Volke befaßt hat, hat er — unter voller Anerkennung der deutschen Kulturhöhe — nur den Antisemitismus bekämpft. Wenn es der Burschenschaft beliebt, eine radikale Bekämpfung des Anüsemitismus eine Verhöhnung des deutschen Wesens zu nennen, so ist das eine Ansicht, mit der die jüdischnationalen Studenten nicht polemisieren. Die jüdischnationalen Studenten geben gleich-- zeitig ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß der Kampf gegen Mahler in Wahrheit gegen die jüdische Bewegung und gegen die Juden, sowohl Professoren als auch Studenten, gerichtet ist. Den Dozenten Dr. Mahler in Schutz zu nehmen, fühlt sich die jüdischnationale Studentenschaft nicht kompetent. Die Abwehr gehässiger Angriffe auf ein Mitglied des Lehrkörpers der ehrwürdigen und berühmten deutschen Universität ist eine Sache der Universitätsbehörden. Wenn die ״Prager Burschenschaft" Abwehrmaßregeln ״wohl vorbereitet", um die Vorlesung des Dozevten Dr. Mahler zu verhindern, ist das der jüdischnationalen Studentenschaft ganz gleichgültig. Wenn Dozent Dr- Mahler im Hörsaale erscheincii wird, um den Hörern, die seine Vorlesung iuskribiert haben, die angekündigte Vorlesung abzuhalten, wird das Rektorat und das hohe Professorenkollegium die Lehrfteiheit wohl zu schützen wissen. Darin wird ihr die wahrhaft freiheitliche Studentenschaft beistehen, mit dieser auch die jüdischnationale. Ob sich die Hoffnungen auf den Beistand des Professorenkollegiums erfüllen werden, wollen wir dahingestellt sein lassen. Es ist immerhin anerkennenswert, daß die jüdischnationalen Studenten ihrer Vorgesetzten Behörde nach allen Rechtsbeugungen noch immer Berttauen entgegenbringen. Darüber darf aber doch das kräftige Rüsten zu mannhafter Selbsthilfe nicht vergessen werden. Die Brunner Handelskammer- Wahlen und die Juden. Die bevorstehenden Wahlen in die Brünner Handelskammdr, auf die wir bereits in der letzten Nummer dieses Blattes hingewiesen haben den Tschechen Veranlassung gegeben, der Juden zu gedenken und in ihrem Wahlaufruf auch einen Appell an die jüdischen Wähler zu richten, um sie für ihre Kandidatenliste zu gewinnen. Zu diesem Behufe wurden vier jüdische Männer aus dem Brünner Wahlbezirke in die Kandidatenliste ausgenommen. Es sind dies vier Herren; Julius HojtaZ, Kaufmann in Göding, Aron Perez Körner, Kaufmann in Zerawitz, Moritz Haas, Spiritusbrenner in Velka und Alfred Winternitz, Fabrikant in L^enkau bei Jglau. Dieser Wahlaufruf ist für die leidigen politischen Verhältnisse, in denen jetzt die Juden in Böhmen und Mähren leben, echt charakteristisch, denn er zeigt, wie schwierig die Stellung der jüdischen Wähler in diesen beiden Kronländern, namentlich auf dem flachen Lande geworden ist. Der Wahlaufruf zeigt ferner, wie die beiden nationalen Parteien in diesen Kronländern um die jüdischen Stimmen buhlen, mit welchem Stolze, wir wollen nicht sagen mit Ueberhebung die Tschechen auf den deutschen Antisemittsmus, Mährisch-schlesische Bank Brünn Talephon Nr. 380, Olrdrtka. Ferdinandsgasse Nr. 29 Tataphon Nr. 1018, Wacbarirtot». verzinst EINLAGEN gegen / i| 01 gebundene Einlagen laut Übereinkommen. Bank- Büchel יי und in laufender Rechnung aüi T* p2 |0 Geschäfte aller Art. Böruen-u. Wechslergeschäfte.

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