Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 1 (28.3.1912)
- Date
- 1912-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1IXIII. Jahrg. Nummer 1 Erscheint jeden Donnerstag. ♦ Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen 520 ganzjährig.Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 650־ Balkan, Frankreich.Franks 12•— Einzelne Nummer 20 h. Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 h. Geschäftsstelle: Wien, l., Rotenturmstraße Nr. LI. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm» Leipzig. Telephon 3009/VIII. Sprechstunden von 10-12 Uhr. Unverlangteredaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. Manuskripten ist Rückporto beizusügen. Brünn—Budapest. Wien, N V/zU;. Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Dr. A. Altmann. Ein Willkommengrutz dem Pessachseste. — Das Ritualmordmärchen. — Michel auf dem Kriegspfade. — Die Brünner Handelskammerwahlen und die Juden. — Wiener jüdisches Leben. -- Prager Brief. — Dr.H-Fialla. — Prager, Brünner, Budapester Nachrichten. — Malwine Grünwald, Haggada. — Anna Mandl, Mani-stano. — Fr. Porges, Beer Hofman. Abend. — Leo Jung, Jubentaufen. — M. Ehrlich, Erev-Pessach. — Korre» spondenzen. — Buntes Allerlei. — Vermischtes. Ein Willkommengruß dem Pessachseste. Ein lieber, trauter Gast wird alsobald in unsere Mitte einziehen. Mit schlichter, aber inniger Herzlichkeit wird er sich, speziell in unseren Familien» kreisen einführen und wir werden uns wohl bemühen, ihn in derselben herzinnigen Weise zu empfangen. Ein wohl bekannter und gern gesehener Freund, besonders unserer Häuser ist's, um dessen Erscheinen es sich handelt; der alljährlich einmal, in liebevoller Treue, bei uns vorspricht und uns und unseren Kindern recht viel Segen bringt. Bald bricht durch die Dämmerung sein Lichtstrahl sich. Seine beiden Hände hoch erhoben, bringt er uns in denselben die schönste und froheste Festtagsstimmung. Es ist der Pessach und seine beiden, hocherhobenen, segenbringenden Hände sind die beiden herrlichen Sederabende. Diese sind es auch, die eine, unter den Religionszeremoniellen aller Völker und Nationen einzigartige und unvergleichlich dastehende, erhabene und erhebende Feststimmung in uns auslösen. O, sei uns willkommen trauter Freund, treuer Gönner und Segenspender! Du בחך ה׳, du gesegneter Gottes, sei uns gegrüßt, ברון־1* הבא gesegnet sei dein Kommen! Wieviel Pforten, heiliger Festtag, werden sich wohl an deinen erhebenden Abenden auftun, durch die du, majestätisch und doch so liebevoll herab» lassend, in die innersten Heiligtümer jüdischer Häuser einziehen wirst! Und kommst du, geliebter Pessachfreund, auch meistens nicht allein. Bringst du auch in der Regel deine Schutzbefohlenen dir mit, die dürftigen und darbenden Brüder und Schwestern unseres Stammes, jene alle, die sich an deine, das Elend und die Not niedertretenden Fersen schließen, so bist du trotzdem Israels züchtig waltenden Hausfrauen und Wohltätigkeit übenden Haushäuptern; bist du dennoch jüdischen Vätern und jüdischen Müttern, Kindern und Hausgenoffen nicht minder, ja erst recht hoch und lieb willkomkommen. Erhebt doch nicht aus leerer Phrase der Vater und die Mutter die Festschüssel mit den Erinnerungsbraten in. die Höhe und lädt sie ein mitzufeiern, mitzugenießen jene Dürftigen und Darbenden. O. großes und schönes Fest! Mögest du auch bei uns in deiner alten, unverfälschten Weise Einzug halten und mögest du bei deinem Einzuge aufmunternd sprechen zu unseren Männern und Frauen, zu unseren Söhnen und Töchtern: "אשרי האס שבהה לו" Heil dir. immer noch mein Volk, solange du solche Sitte noch dein eigen Siehe, mein Volk. Heute gelangt mehr denn je, der Schimmer deines Seelenadels zur Eutfaltung. Schmachtet der Juwel deiner edlen Veranlagung ein ganzes, langes Jahr hindurch, auch noch so tief unter viel Schutt und Moder der Entfremdung, heute am Sederabend. gelangt sein Glanz denn doch zum siegreichen Durchbruch. Heute zeigst du dich denn doch im Schmucke deines ureigensten Wesens, nämlich in der trauten, weihedurchwehten religiösen Stimmung im geliebten Familienkreise. Sprich ferner dann, o Fest!: Noch bist du, mein Volk, das ewige und unvernichtbare, solange du mit zäher Ausdauer festhältst, solange du mit eiserner Faust dich klammerst an deiner alten Sitte, deinem alten Brauche, solange du pflegest den Geist echten Judentums im geheiligten Innern deines Hauses. Vernichtet, verbrannt, zertrümmert sind wohl die Altäre deiner Heiligtümer, Israel. Doch ein Heiligtum, ein Altar ist dir geblieben; auf diesem bringe dar, mit Herz und Hand die Regungen deines Gemüts, auf dem Altäre der Häuslichkeit. So sprich, o Fest, indem du einziehest bei den Deinen in unserer Mitte! Mögen sie doch deine beredte Stimme vernehmen und begeistert ihr Beachtung schenken! Salzburg. Dr. Adolf Lltmann. Das Ritualmordmärchen. Alljährlich zu Ostern, mit pünktlicher Genauigkeit taucht das alberne Märchen vom jüdischen Ritualmord ans. Nicht 1׳ ,ז,1> זfinsteren Rußland, nein, auch das fortgeschrittene Böhmen bekommt es alljährlich aufgetischt. Form und Inhalt sind ja immer gleich. Dem Dienstmädchen wird Blut abgezapft, der Jnd wird boykottiert, wenn man ihm nicht gleich die Fenster einschlägt, und die klerikale Liigenpresse kolportiert die Nachrichten und bringt sie unters Volk. Oder aber, eine Magd verschwendet aus irgend einem gleichgültigem Grunde, natürlich können sie bloß die Juden beiseite geschafft haben, um sie zu rituellem Zwecke zu mißbrauchen. Auch die beiden jükgsten Ritualmordbeschuldigungen in Böhmen erwiesen sich natürlich als Lüge, Humbug und Verläumdung. In Sobotka waren seit einiger Zeit schier verschiedene beunruhigende Gerüchte in Umlauf geraten, welche einen stillen Boykott des Kaufmannes Josef Gans und seiner Familie durch die Oeffentlichkeit zur Folge hatten. Nunmehr ist eS geglückt, die Urheber dieser falschen Gerüchte auszuforschen und zur Verantwortung zu ziehen. Die bei dem Kaufmanne bedienstete Franziska Hofrichter erzählte am 1 d. M. der Gärtnersgattin Anna Kokatko nachstehenden Vorfall, der sich angeblich wirklich ereignet haben sollte: Feuilleton. Erew - Passah. Ein BUL aus dem galizischen Leben von M. Ehrlich. (Aus dem Jüdischen.) Erew Paffah in der Früh! Zwar scheint die Frühlingssonne, es ist aber doch ein kalter, fröstelnder Frükmorgen. Auf dem freien Schulhvfplatz macht sich jetzt eine starke Bewegung bemerkbar: man schickt sich an, den ״Chomez" zu verbrennen. Eine Menge Knaben, mit Holz- und Eisenstückchen bewaffnet, beginnt in der harten, versteinerten Erde eine Grube zu graben. Das Fenster eines nahen Hauses wird geöffnet und der Kopf eines Chassid zeigt sich. ״Chaskel, nun, schon fertig? ״Bald!", antwortet eine kindliche Stimme aus dem Haufen der Knaben. Bald darauf erheben sich die Knaben von der aufgewühlten Erde und bald sind sie, wie ein Bienenschwarm, in alle Windrichtungen zerstoben. Sie kommen aber bald zurück, beladey>mit Stückchen Holz, Spänen, zerbrochenen Gegenständen, Fetzen und Zeitungen. Und es entsteht ein kleiner Streit: Das Holz von unten! Nein, das Stteu von unten! Nein, das Papier! Dann einigen sie sich, zuerst kommt Streu, darüber Papier und das Holz obenan. Von allen Seiten wird dann Feuer gelegt und ein dichter Rauch füllt im Nu den Schulplatz. Vom Winde getragen steigt er in die Höhe und dringt durch Spalten in die ärmlichen Häuschen. Viele Fenster öffnen und verschiedene Köpfe zeigen sich. Bald beginnt man von allen Türen den Chomez zu tragen — auf hölzernen, großen Löffeln, die mit Leinwand umhüllt sind. Mehrere Chassidim. die Gebetbücher in den Händen, sammeln sich um das Feuer an. Sie beten, indem sie den Oberkörper andächtig auf und nieder beugen, manchmal zum Himmel aufblickend. Ein koscherer Paffah! Ein koscherer Paffah!, wünschen sie sich gegenseitig und eilen davon, zu!den Geschäften. I Zwei mitteljährige Chassidim sind ganz hinten! stehen geblieben. Sie warten, bis der Chomez ganz verbrannt sein wird. Der Wind bläst ihnen den , Rauch ins Gesicht, der Qualm von verbranntem ' Brot und schwellenden Fetzen sticht in ihre Augen, die sie reiben. Zeitweise wischen sie mit dem Aermel die angelaufenen Tränen ab. Die Knaben bringen immerzu neuen Brennstoff- Und die zwei Ehadisiim hüten das heiligel Feuer.... > Da sagt plötzlich eine ruhige Stimme: ״Ein kalter Frühmorgen ..." Die Chassidim blicken sich um und erkennen einen alten Bekannten, Reb Schmer! mit dem großen und breiten Bart, den langen Pejis, der sich mit zitternder Hand aus einen dicken Stock stützt. ״Schon den Chomez verbrannt, Reb Schmerl?" Verbrannt, verbranr t — gelobt iei der Ewige. Man soll erleben übers Jahr!» Ecez Israel.. Ein kalter Frühmorge»! Man friert. . . Laßt mich, Kinderchen, ein bischen am Feuer wärmen." Und schon nimmt er die Schöße seines Ueberrockes auseinander und will sich anwärmen. Die Chassidim tun erschrocken. ״Was treibt Ihr da, Reb Schmerl? Wißt Ihr denn nicht, daß ist .Oßer benutz"?" ״.Oßer benutz!', schreit der Alte und springt vom Feuer weg. ,Oßer benutz' — ganz vergaß ich es ... gar nicht Hab' ich daran gedacht..." Und er drückt sich in ein Seitengäßchen, bleibt bald stehen und reibt sich die vertränteu ״Ein bitterer Rauch — nicht auszuhalte»!.." brummt er unzufrieden in sich hinein. Der Platz ist verlassen....