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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-12-23 · 50-51 (23.12.1931) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
50-51 (23.12.1931)
Date
1931-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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11. Jahrgang Nummer 50/51 Beilage 23. Dezember 1931 Wisch-liberale Aeiiung Ls war einmal Eine wehmüttge Ertnnerimß. Von Professor Tr. Eugen Wölbe. Wißt ihr noch, daß es in Teutschland eine Zeit sriediühen NebeneinanLerlebenS der Stände und Bekenntnisse gab? Eine Zeit, in welcher Meinungsverschiedenheiten nicht mit roher Gewalt, sondern aus dem Wege gemütlicher Verständigung ausgetragen wurden? Eine Zeit, die auch dem Inden das Recht au> Tasein und wirtschaftlichen Ausstieg gönnte? T>as war die Zeit uni 1912, als die „Kreuzzeitung" die Ausnahme des Judenparagrapherl „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitisnrus" in das konservative Progranrm mit der FeMellnng forderte, daß, den deutschen Juden Rechtschaffenheit im Handel und Wandel, Frömrrügkcit und Staatsgesinnung innewohne. Oh, die Juden «oaren de jure gleichberechtigt, leider nicht de facto, denn kein Jude wurde höherer Verwaltungsbeamter, Reservegeschweige denn aktiver Offizier. Sonderbar, als der Krieg ausbrach, waren die jüdischen Ofsiziersaspiranien, die von den Regimentern, bei'denen sie sich zur Wahl stellten, glatt abgelehnt wurden, auf einmal für den Offiziersrang geeignet, z. B. der Chemnitzer Rechtsanwalt Mühlfelder (ein Beispiel für tnele). In den neunziger Jahren war der Antisemitismus der Stöckerzeit bereits abgeslaut; er hatte sich übrigens niemals in Friedhossschändungen, Uehersällen und Straßenexzessen Lusgewirk't. Ahlwardt, „der Rektor aller Teutschen", den der Berliner „Verein deutscher Studenten" feierlich durchs Brandenburger Tor geleitete, hatte sich durch seine Aufschneidereien zu einer lächerlichen Figur ausgewachsen; sich als Gesinnungsgenossen von ihm zu bekennen, gereichte nicht zur Ehre. Zehn Jahre später lief die Berliner Bevölkerung zu den judenseindlichen Vorträgen des Grasen Pückler (Klein-T schiene) wie zu Zirkusveranstaltungen. Als -hm die Polizei das öffentliche Reden untersagte, ließ, er seine Ergüsse drucken: man riß sich um die Blätter und Mächte sie; von irgendwelcher Wirkung oder Aufreizung —keine Spur! Nirgends wurde der gesellschaftliche, freundschaftliche Verkehr zwischen Christen und Juden irgendwie gestört. Wie in der Reichshauptstadt, so in der Provinz. Juden waren Mitglieder der städtischen Kollegien. Gern bezeugten ihnen ihre Mitbürger, daß, sie durch ihren Fleiß und ihren praktischen Sinn zum Aufblühen der Städte des prenßjischen Ostens viel beitrugen. In Liegnitz beehrte die Stadt zwei Juden, den Stadlrat Prager (r 1899) und den Stadtoerordnetenvorsteher Heinrich Cohn (t 1911) mit dem Ehren- Lürgerrecht, eine hohe Würde, die diese beiden .Herren nur mit einem Nichtjuden (Wilhelm Kittler) teilten. Liegnitz war ein wahres Torävo der Toleranz. Es gab nur einen geselligen Verein, der keine Juden aufnahm: die „Ressource", welche die höheren Staatsbeamten und scnstigen Reserveoffizisre mit ihren Familien vereinigte. Eine judenseindliche Absicht lag diesem Unter-sich-sein-Wollen der Mitglieder durchaus kern. Sie kauften ihre Herrenartikel und Modewaren bei Juden: keine Braut der Aristokratie oder des PatrizserstanÄes, die nicht ihren Bedarf an Wäscheausstattung bei Wolfs Krimmer deckte. Täe Trauungen in der Synagoge waren trotz ihrer damaligen Häufigkeit ein Ereignis. Unter den Hochzeitsgästen waren junge Damen der alteingesessenen Patriziersam-lien keine Seltenheit. Ter weihevolle Gottesdienst machte immer einen tiefen Eindruck. Ter katholische Stadtpsarrer Blaeschke (später Domherr in Breslau) faßte seinen Eindruck von dem Festgottesdiemt änläMich der Jahrhundertfeier der Liegnitzer Gemeinde (26. Nov .1912) in die Worte zusammen: „Bor den Juden muß, man den Hut abnehmen!" So war es in Liegnitz von jeher. Bei der Einweihung der neuen Synagoge (16. Juni 1847) beteiligten sich am Festzuge mit den Thorarollen vom bisherigen Betsaal zum Tempel nicht nur die Spitzen der Behörden, sondern auch das Offszierkorps. Sie alte lauschten ergriffen der Weihepredigt Von Tr. Michael Sachs aus Berlin, welche Psalmengesänge sowie 'Hymnen der Kapelle des Meisters Benjain 1 n Bilse „umrahmten". Als sich ein Menschenalter später der Tempel als zu klein erwies und umgebäut werden mußte, nahin die ganze Stadt freudigen Anteil an der Einweihung (23. Mai 1879). Dem Kantor Eduard Hamburger, der einen „Adon olam" komponiert und mit einem Männerchor unter Begleitung der Kapelle des Königsgrenadierregiments eingeübt hate, sprach nach der Feier 'der Regierungsprä-i sident von Seydewitz seine höchste Befragung Über den ergreifenden Gesang wie über die ganze Ein.veihungsseier aus.. Nicht nur die Freuden der Juden und ihrer Gemeinde, sondern auch ihre Trauer trug die — politisch immer liberale — Bevölkerung mit. Am 2. Weihnachkstage 1882 starb der Rabbiner Tr. Moritz Landsberg nach 27jährjger Amtstätigkeit in Liegnitz. Er war so beliebt, daß' 'die nichtjüdischen Einwohner ihn gern aussuchten und seinen Rat erbäten. Bei der Trauerfeier im Tempel war die evangelische Geistlichkeit vollzählig vertreten. Im Jahre 1894 hatte sich die Gegnerschaft gegen die Juden schon tastend hervorgewagt, denn als die St. Peter-Paül-Kirche eingeweiht wurde (24. Juni '1894), lud die Geistlichkeit den Rabbiner nicht ein, allerdings auch nicht den katholischen Erzpriester und seinen Kaplan. Ms die Kirche zu Unserer Lieben Frauen 1906 neu geweiht würde, erhielten Rabbiner und katholische Geistlichkeit wieder eine Einladung. Während die katholische Gemeinde und Geistlichkeit immer herzliche Beziehungen zur Synagogengemeinde unterhielt, ist das Verhältnis der evangelischen Geistlichtdit gegenwärtig so kühl, daß bei der Trauersei er für den im vorigen Jahre verstorbenen Rabbiner Dr. Moritz P e r'itz, der 47 Jahre lang segensreich in Aegnitz gewirkt hatte, wohl die katholische, die evangel.sche aber nur durch einen einigen Herrn (PHor Grunwald) vertreten war. Tie katholischen Priester hatten außerdem herzliche Be>- leidsschreiben an die Gemeinde und an de Witwe gerichtet. Tie Geistlichkeit in den achtziger und noch m. Anfang der neunziger Jahre war wohlwollend, gerecht und freundlich. Ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Liegnitzer Beyöllerung, unter dem Gesichtswinkel religiöser Toleranz, bildet ein Aufruf einer großen Anzahl konservativer Männer, ihre Gesinnungsgenossen möchten sich bei der Stichwahl zwischen dem Antisemiten, Rechtsanwalt Hertwig, und dem Freifinnigen, Stadtrel Jungfer, der Stimme enthalten! Ten Ausruf unterschrieben Geistliche (Pastor Romann), der Semwardireitor Banse, Professor Gent, Sanitätsrat Tr. Jonas and riete andere angesehene Mitbürger. Antisemitismus in den Liegnitzer höheren Schulen war was Unbekanntes. Taö Königliche Gymnasium Johanneum (Ritterakädemie) nahm a lerdings, als Stiftungsschule jür den schlesischen Adel, feine Juden aus; Kaiser Joseph I. hatte die Anstalt 1709 für diesen gegründet. Tie jüdische Bevölkerung fand sich mit diesem Ausschluß, ebenso ab wie die katholische, die zwar ihre Kinder in das Städtische Evangelische Gymnasium schicken durste, während Studienräte katholischen Glaubens an ihm nicht angestellt wurden. Tie Schüler der verschiedensten Bekenntnisse vertrugen sich ausgezeichnet. Bon Politik war keine Rede. Lehrer und Schüler huldigten wohl einer gemäßigtkonservativen Gesinnung; Bekenntnis zur Sozialdemokratie hätte bestimmt Verweisung von der Anstalt nach sich gezogen. An der Realschule machte es der Religionslehrer (Prorektor Reiche) den Schülern zur Pflicht, auch den jüdischen Religionslehrer (Kantor Hamburger) zu grüßen. Unsere Mitschüler wohnten — gleich den Erwachsenen — gern unseren Gottesdiensten bei. Mir unsererseits erfreuten unsere christlichen Freunde durch unsere Anwesenheit bei ihrer Einsegnung. Erst auf der Universität sogen die jungen Studenten das Gift der Intoleranz ein: kamen sie zu den Fersen nach Liegnitz, so setzten sie ihr fröhliches Studentenleben in der Ferialverbindung „Eolcorpizzia" fort — Juden wurden nicht ausgenommen. Aber trotzdem war das Verhältnis der einzelnen Inkorporierten zu ihren jüdischen Kommilitonen erfreulich. Sport- und wissenschaftliche Vereine gab es' damals an den höheren Schulen noch nicht. Tenn och leisteten jüdische Turner bei allgemeinen sportlichen Veranstaltungen Hervorragendes (Sochaczewski). Auch der Familienverkehr zwischen Christen und Juden war — wie schon die Teilnahme an jüdischen .Hochzeiten beweist — freundschaftlich. Brüderlich nahm ein jeder am Ergehen seines Nächsten Anteil. Ebenso bewiesen die Behörden den Juden Wohlwollen. Als die Stadt im September 1890 zur Begrüßung des Kaisecpaares Ehrenjungfrauen auswählte, erklärte ein Geschwisterpaar: „Wenn jüdische Damen dabei sind, machen wir nicht mit!" Antwort des Oberbürgermeisters Oertel: „Tann danken wir für Ihre Beteiligung!" Gewiß, die Juden konnten nieder Offiziere noch Ministerialräte werden. Statt dessen bewährten sie sich in den freien Berufen. Kein Zufall, daß; Ende der achtziger Jahre die drei einzigen Sanitätsräte der Stadt Liegnitz jüdische Aerzte waren (Eohnheim, Süßbach, Neisser). Ebenso in der Rechtsanwaltschaft, im Bantfach und im Geschäftsleben. Tie Präsidenten der Handelskammer waren jahrzehntelang Juden (Kommerzienrat Fedor Beer, nach ihm Stadtrat Sochaczew'ski). Auch dem Vorstande des vornehmen — Kaufmännischen Vereins gehörten Juden an (Elkusch und Epstein). Diese Zeit wirklicher Toleranz, die auch in dem Juden den Freund und den Bruder sah, ist dahin. Wie die nationalistische Strömung im Kreist riegerverbande die Mitwirkung des StadtraKnners bei der Gefallenenehrung in der öffentlichen Totenfeier, obwohl seine Predigt den besten Eindruck machte, ausges'chaltet hat, so sorgte auch der „Bürgerblock" für die Entfernung der 5 Juden aus den städtischen Körperschaften; ein sozialdemokratischer Arzt jüdischen Glaubens gehört noch der Stadtverordnetenversammlung an. Planmäßig schreitet die Boykottbewegung vorwärts wahrlich nicht zum Segen der Stadt, denn sie ist durch die Ausschaltung des jüdischen Einflusses weder wohlhabender noch glücklicher DIEHILFE BIETET: Versicherungsvereln o. G. für Mitglieder der jödiicfien Gemeinden desDeufschenReichee Berlin H24, OranienburgerStr.l Versicherungsschutz bei niedrigsten Monatsprämien Doppelte Versicherungssumme bei Tod durch Unfall Vereinfachte Aufnahme ohne ärztliche Untersuchung Hohe Gewinnbeteiligung die voll zur Erhöhung der Versicherungssumme benutzt wird Mitbestimmungsrecht an der Verwaltung der „Hilfe" Grösste Sicherheit durch Anlehnung an die VICTORIA zu Berlin, Allgemeine Versicherungs-Acfien- Gesellschaft Sondervereinbarungen für Gemeinden, Logen, Verein« und Verbände / Führende jüdische Persönlichkeiten fördern unsere Bestrebungen durch ehrenamtliche Mitarbeit km Aufsichtsrat aer „Hilfe". / Erster jOdischer Versicherungsverein a. G. unter Aufsicht des KeichsAufsichtsamtsfürPrivatversIcherung. Mitarbeiter zu günstigen Bedingungen gesucht. grwordcn; siel^ die gewaltige Schuldenlast der Stadt und die Stagnatron des wirtschaftlichen Lebens. In dieser „Hochburg des Liberalismus" feiert jetzt das Hakemreuz seine fragwürdigen Triumphe. Tie schöne Harmonie zwischen Ehesten und Juden gehört der Vergangenheit an. Spricht man von dieser eine ganze Jugend beglückenden Zeit, so ftingt'S wie eine Sage aus ferner, ferner Zeit. Es war einmal... ★ BÜCHERSCHAU Jüdischer Kalender für 1932 (5692 93), herausgegeben vom Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide llmim*’. Der Kalender wirbt für den Verein, der die seit SS Jahren, bestehende Israelitische Taubstummenanstalt für Deutschland in Berlin-Weißensee unterhält. Dem Kalender ist aber keineswegs nur wegen seines löblichen Zweckes w eiteste Verbreitung zu wünschen; vielmehr sind Bilder und Text sowohl nach seiten des ausge wählten Stoffes und Inhalts als auch nach seiten der technischen Ausführung so ausgezeichnet, daß allen denen, die zu Rosch Haschanah versäumt haben, sich mit einem Kunstkalender „einzudecken", empfohlen werden soll, sich diesen, am 1. Januar 1932 beginnenden, jüdischen Kunstkalender armtschaffen, der ein guter Führer sowohl durch das bürgerliche als auch durch das religiöse Jahr sein wird, durch wertvolle Bilder und Texte erfreut und überdies., wie gesagt, einem sehr förderlichen Zwecke dient. tz. Winston 8. Churchill: Weltabenteuer im Dienst. Leipzig. Paul List Verlag. 317 S. (Deutsch von Dagobert v. Mikuscli.) Ein spannendes Buch, in dem der bekannte englische Staatsmann, ein Mitglied der Familie Malborotigh, seine Erlebnisse bis zum Eintritt in das Unterhaus schildert. Was auch immer er aus seinen Leutnantsjahren, aus militärischen Expeditionen in Indien, aus den Kämpfen im Sudan und in Südafrika berichtet und wie er die Wcltgeschehnisse betrachtet -- immer geschieht es von einem Standpunkt aus, für den weiter nichts als englische Interessen und englische Anschauungen in Frage kommen. Es erscheint nicht unwichtig, darauf in einem Augenblick zu verweisen, in dem Churchill wieder zu einer wichtigen Stellung innerhalb der englischen Regierung gelangt ist. Erwerbslose Zugend Olcidj-itaujlcr Brüning lycit kürzlich in einer 'Ku-Mnijung über bcu kommoden Winter erklärt, daß er in Tcutschland mit einer Arbeit? losenjiffcr von 6C> bis 7 Millionen rechne, d. iv, daß von 21 Millionen Beschäftigten aller Berufe gut (o ohne Arbeit sein wia>. War bereits daS vorige Jahr mit seinen 4 Millionen Arbeitslosen ein Jahr tiefster wirtschaftlicher Tepression infolge der Weltwirtschafts krise, so wird insbesondere der kommende Winter in Bezug auf die, Arbeitslosigkeit besonders traurig und ernst werden. Tie Auswirkung der Krise und die naturgemäße Verschärfung der Situation im Winter, lassen die Voraussagen des Kanzlers als durchaus richtig erscheinen, ja, vielleicht find sie noch zu optimistisch. Als der Weltkrieg 1914/18 einen Geburtenrückgang von über i0 o/o brachte, der einer Bevölkerungszahl von eUuci 8 Millionen entspricht, glaubte man, daß gerade die Jahre 1929—1932/33 eine Steigermrg der Nachfragen auf dem Arbeitsinartt nach Lehrlingen und jungen ausgelernten Arbeitskräften bringen würden, jeder Jugendliche in den Produktionsprozeß eingeordnet tväre und ein Mangel an jugendlichen Arbeitskräften zu dieser Zeit vorhanden fein müßte, weil ein Weniger von 3 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 19 Jahren den Arbeitsmartt der Jugendlichen entscheidend zugunsten des Angebotes freier Arbeitsstellen für junge Menschen beeinflussen mußte. Tie Theorie, die aus der Tatsache des Geburtenrückganges für die Jahre 1929 1932/33 gefolgert wurde, trog. Die Wirtschaftskrise hat das Gegenteil dessen gebracht, was wir erwarteten: ein Uebe» angebot von jugendlichen Arbeitskräften, ein Minimum von Stellen angeboteu für diese Menschen und damit eine Folge, die wir bestimmt nicht vorausgesehen hatten: eine erwerbslose Jugend, die heute den Arbeitsmarkt stärker denn je belastet. Eine Jngeird, die günstigen falls eine Lehrzeit von 3 1 Jahren durchge,nacht hat, die aber daun, aus tariflichen Gründen, ihre Arbeitsstätten verlassen muß und nun aus der Straße liegt, weil eine Berusseingliederung heute nur in den seltenste» Fällen gelingt. Eine Jugend, die heute Schwierigkeiten hat, sogar Lehriingsstrllen zu finden, die bereit ist, selbst untertariflich zu arbeiten, nur um daö Bewußtsein zu haben, nicht sich selbst über flüssig Vorkommen zu müssen, arbeiten zu tonnen. (300 000 jugendliche Erwerbslose hat es im letzten Winter zur Zeit größter Arbeitslosigkeit in Deutschland gegeben, das tvarcn 15 Hs aller Arbeitslosen. Schenken >vic den Voraussagen des Kanzlers mit 7 Millionen stauben, so müssen ivir für diesen Winter mit über l Million jugendlichen Erwerbslosen rechnen. Unabsehbar sind die Folgen dieser Airtschastsnot der Jugendlichen: gerade die, die schon in normalen Zeiten in erhöhtem Maße den Gefahren ddö Lebens in körperlicher und geistiger Beziehung auSgesetzt sind, die durch die Arbeit vor der Venvahrlosnng geschützt werden, sind gegen ihr eigenes Verschulden gezwungen, müßig zu gehen. Sie resignierten oder ergeben sich politischem Radikalismus und oft sind Konflikte mit den Gesetzen der Gesellschaft die Folge jener Arbeitslosigkeit, Seren Steigeir >vir gerade vor diesem Winter mit besonderer Besorgnis betrachten. Was könne» wir tun, um den Ausivirkungen dieser Wirtschaftsnot der Jugend entgegenzutretcn, was insbesondere für unsere jüdischen jugendliche» Erwerbslosen, deren wir weil über 1009 allein; in Berlin zählen'? Sic in den Produktionsprozeß wieder cinordnen, ihnen Arbeit verschaffen, das hieße die Wurzeln dieser Wirtschaftskrise beseitigen können: aber das zu tun, sind wir außerstande. Arbeitsbeschaffung gelingt nur selten, und für das Gros bleibt die Situation unverändert. Was wir tun können, das ist, diesen Jugendlichen daS Los zu erleichtern, indem wir ihnen über die trüben Stunden ihres Schicksals Hinweghelsen. Helsen können wir, die in langer Ausbil dungszeft mühsam ertvorbenen Kenntnisse und Fahrigkeiten nicht druck, die HeschiiftigungSlosigkeit verkümmern zu lasse», helfen können wir, indem wir in warmen fteundlichen Stuben diese Jugend beschäftigen bezw. sich beschäftigen Urssen, und ihnen so die Gewißheit geben, daß kür sie gesorgt wird, sie nicht hilflos sind. Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände in Verbindung mit dem Jugcndpslegedezernat der jüdischen Geineinde zu Berlin und dem Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde hat Mitte Oktober in der Auguststraße ein Ertverb-slosenheim für die jüdische Jugend geschaffen, und so die ersten Hilfsmaßnahmen getroffen, wie sie int Sinne der der ertverbsloscn Jugend geltenden Arbeit gelegen haben. Mit ivenig Ausivcndilngcn, durch einfache Miitcl haben die beteiligten Organisationen den Anfang gemacht, für diesen Winter Geplantes in kürzester Zeit in die Tat umzusetzen. In warmen, freundlichen Raunten habeir nun die von der Erwerbslosigkeit betroffenen Jugendlichen Gelegenheit, sonst unnütz verbrachte Zeit des Tages mit Lektüre, mit Unterhaltung, mit belehrenden Borträgen und Kursen auszufüllen. Schreibmaschinen- und Stenographicrkurse, Sprachunterricht uttd aktuelle Borträge, Fahrten und Sportttainittg füllen das abwechslungsreiche Programm der Jugendlichen. Tägliche warme kräftige Beköstigung, ergänzt durch Kaffee und Brötchen während des Tages, sorge» für ihr körperliches Wolft.

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