Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 48-49 (9.12.1931)
- Date
- 1931-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW <* lUZohrgong Nummer 48/49 ZSdisch'liberale Zeitung Beilage 9. Dezember 1931 MVM^WWWWWWWWWWWWWWWIWIWWWWWWWWWWWMWMH Ms dem Wege;um Irleden in der berliner Gemeinde Zn der letzten Nummer dieser Zeitung wurde die Frage aufgeworfen: wie lange noch Karestt? Als die Zeitung zum Versand gelangte, war die Frage bereits überholt. Denn inzwischen hatte Herr Direktor Rares« dem Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde mitgeteilt, daß er sich! in den nächsten Monaten anderweitigen Ausgaben widmen müsse und desyakb bitte, ihn mit dem 1. Dezember von seinen Dezernaten zu mtbinden. Damit ist dem'Beschluß/der Repräsentanten Versammlung Genüge geschehen. Als besonders erfreulich kann es aber genmiet werden, daß dieser Beschluß nicht durch Mehrheitsknischcidung der liberalen Vorstandsmitglieder durchgeführt werden mußte, daß vielmehr die Vertreter der Vvlkspartei und Herr KareSki selbst freiwillig dem Mehrheitswillen der Vertreter der Gemeinde gefolgt sind. Offenbar hat sich in den Kreisen der Jüdischen Volks Lparrei doch mehr und inehr der Gedanke Bahn gebrochen, daß es in Zeiten wie den heutigen nicht möglich ist, den Kamps für den eigenen, dem der jenigen VmvAtnngssnehrbeit enlgegongesetzten Standpunkt in unsachlicher Weise mit .Kränkungen und Beleidigungen zu führen. Als weiteres erfreuliches Anzeichen hierfür kann es angesehen werden, das; in einer in der lebten W»che abgehaL Berliner Repräsentanlenversammluvg Sitzung vom 3. Dezember 1931. Herr Rechtsanwalt Stern eröffneie die Sinung mit einem warmempinndenen Nachruf auf das frühere Milcstied der Verlanrmlung, Herrn Vestas Lcvy, über dessen .tzirischeiden in der vorigen Nummer dieses Blattes bereits berichtet worden ist. Verwaltungsdirektor Tr. Breslauer begründete die Notwendigkeit eines Beamtenabbaues vor altem damit, das; die Gemeinde, deren Einkünfte vorwiegend auf Freiwilligkeit gegründet sind, mehr als jede andere Verwaltungsbehörde dal.ruf bedacht sein uuist, ihren Etat in Ordnung zu halten. Man baue ansängl'ch 120 Kündigungen ausgesprochen, weil man noch sucht übersehen kannte, welche Kräfte inan entmären und welche man w-'rd behaltest können. Nach ringe den der gew'ssnlhaster Prüfung blieb es bei der Aufrechterhaiti'.ng von etwa 40 Msrd'gungen. Dabei herrschte das Prinzip vor, jede Härte zu vermeiden. Man entläßt die Angefiel neu mit der kürzeren Dienstzeit und jüngeren Alters. Denjenigen, die für die Zurücknahme aller Kündigungen, da für aber für vorzeitige Pensionierung der älteren Beamten ein treten, niüsse entgcgengehalten sverden, das; man bet der Pensionierung nur 2b Prozent der Gehaltszahlungen erspart, daß man also drei ältere Beamte pensionieren muß. um einem jüngeren Beamten Platz zu machen, ganz abgesehen davon, das; man Beamte nur im Fasle ihres Einverständ nisies vorzeitig pensionieren kann. Den sozialen Gesichtspunkten tvurde in erheblichem Maße Rechnung getragen. Man tritft Vorkehrungen für ein anderweitiges Unterkommen der Gekündigten. Beim ArbeitSaint der Gemeinde könne ein Sonderdezernat zur bevorzugten Unterbringung der tson der Gemeinde Abgebauten geschaffess werden. Dr. Breslauer appellierte an die Mitglieder der Repräfentantenversammlnng, sich bei ihnen bekannten WirtsehastSpersönlichkeiten für die Anstel luug Oer von der Gemeinde Abgcbauteu einzusetzen. Berge r (BvllSp.) äußert feine Genugtuung darüber, daß von 120 Familien schwerste Beunruhigung genonunen wurde, erklärte aber, das; jede Lösung versucht werden müsse, nm auch die 40 jetzt ausreehterhaltenen Kündigungen zurück znnebmen. Es gibt ältere Beamte, die ans Zuieckmäßigkeits gründen freiwillig in Pension gehen würden, um Jüngeren Play zu machen. Die evangelische Gemeinde in Berlin habe keine einzige Kündigung ausgesprochen, um nicht in diesem Winter das Heer der Arbeitslosen zu erhöhet,. Ter Plan des Abbaues des BerusSberatungsamteS darf nicht durchgefübrl werden. Tr. Fle'scher (Iit>.) hält Berger entgegen, daß ein Vergleich mir der Evangelischen Gemeinde sticht angängig sei, weil in der Jüdischen Gemeinde früher eine Art Anstel iuugsinflalion geherrscht hat mrd in vielen Aemtern lieberzählige sitzen. Gewiß empfinden wir alle die Kündigungen als eine Härte, aber cs ist dies eine Härte der Zeit, die auf der Gemeinde lastet. Selbstverständlich aber sei es Pflicht der Gemeindeverwaltung, alle sozialen Mittel zum Besten der Gekündigten auzuwendeu und keine Anstrengungen zu scheuen, um die Gekündigten anderswo unterzubringen. Wvyoa verliest einen Brief, aus dem hervorgeht, daß zahlreiche jüdische Erwerbslose bereits jahrelang vergeblich aus einen Stellennachweis durch das jüdische Arbeitsamt warten. tencn Versammlung der Jüdischen Botkspartei gerade Herr Kares« seine Auffassung in sachlicher und gemäßigter Weise vertreten hat. Wir hoffen, das; nun ein großer Deik der Hindernisse, die beit Weg zur Befriedung in dec Berliner Jüdischen Ge memde versperrten, aus dem Wege geräumt ist. Wohl liegt noch nrancher Stein aus diesem Wege. Noch erscheint in Berlin ein jüdisches Blatt, das ist der Art der Boulevard-Presse die liberale Verwaltung .an greift und verdächtigt. Noch ist es möglich, daß der einzige gewühlu- Vertreter der Ueberpartei, daß Gemeinderabbincr und solche, die es sverden wollen, einem solchen Blatt ihre Feder leihest. Noch sind die Geincindeinstanzen genötigt, die Fehler des volksparteilichen Regimes klarzustellen und bereu Folgest nach Möglichkeit zu beseitigen. Und doch scheint jetzt die Erfüllung der Hossnung auf I ein friedliches Arbeiten der verschiedenen Richtungen in der Berliner Geiiseindeversvaltussg unter der liberalen Leitung sticht mehr fern. Die liberale Führung svird asn befteu hierzu beitragest, sverin sie unbeirrt auf ihrem. Wege sorlschreitel, streng sachlich und unter Vermeidung jeder Gehässigkeit gegen Andersdenkende, aber fest sind entschlossen in ihren Anschuss trugen ustd Zielen. Deshalb ic»d auch ans grundsätzlichen Erwägungen würde cs ein schsvereS Unrecht fein, wenn die Gemeinde deisi Arbeitsamt eisspsehicn oder gar Ansveisung geben würde, denjenigen Beamtest bevorzugt Stellssngen zu vermittelst, die erst zum Janssar oder April aus den Genteindedieisstcn astsscheides:. Direktor Stahl (G.B.) erklär!, das; der Gemeindevor stand über die Auflösung der Berufsberatung noch reinen Beschluß gefaßt hat, unb das; ec persönlich sich für die Ans rechterhattung der Bernssberatnssg eistfetzess wird. Ter Bersasnmlnng lag sodann ein Asstrag vor, die live vielen Synagogen für Lehrvorträge freizugebest. Diesen Antrag begründete sehr svirkungsvoli Tr. Sachs (lib.), svelcher atssführre, daß in best Lehrvorträgen Theologen unb bricht iheologess zu Worte kommen sollen. Ter Antrag sourde ein stimmig angenomsness. Ferner gelangte ein Antrag zur Annahme, demzufolge die Synagoge Lützowstraße ihre Freitagabend Gottesdienste während der Wintersnvnate um 6 Uhr, während des Sommers um 7 Uhr, die Synagoge Prinzregentenstraße einheitlich um 7.15 Uhr beginnt. Mit der Annahme einer Anzahl von Besvilligungen schloß die Versammlung. * Erste religiöse Feier der Berliner Jüdischen Gemeinde Professor Jeßner spricht in der Sijnagoge. Bei der Errichtung der Synagoge Prsnzregeutenstraße war vorgesehen., das; der große Kuppelbau mit dem Amphitheater-Halbrund der Empore als BvrtragSraum benutzt werden sollte. Der Verein der Freunde der Synagoge Prinzrcgeiuenstraße wollte die Vorträge veranstalten. Am Sonntag, dem 29. November, hib nun die Jüdische Gemeinde selbst zu ihrer ersten religiösen Feier in diesem Winterhalb sahr nach der Synagoge ein. Direktor Tr. h. c. Wilhelm Kleemann, der Vorsitzende der Gemeinde, begrüßte die sehr zahlreiehe Zuhörerschast, die die Synagoge bis zum letzten Platz füllte. Professor Leopold Jeßner, der ehemalige Intendant und jetzige Oberregisseur der Staatstheater, sprach über „Religion und Ehararter". Er belegte seine Anssührungen mit Beispielen aus der eigenen, an Kämpfen uitd auch indischen - Erfahrungen so reichen Lausbahu. Er sprach votn Standpunkt des Künstlers. Das Urgefühl aller Kunst sei im Kultischen heimisch, und wenn die Wurzeln dieser Urheimat eiismat absterben würden, dann horte aile Kunst aus, denn auch der Persönlichkeitstvert der Menschen wäre dahin. Nur der ethische Mensch sei ein ganzer Künstler, und keilte Leistuitg wächst, ohne daß ein Charakter dahinter steht. Und ganz besonders für den Juden der heutigeit Kampfzeit handele eS sich vor allem darum, ein Charakter zu sein. TaS heißt: innerlich gefestigt itttb vor der Welt ein Bekenner. Mehr als je sei heute der deutsche Jude ist der Prüfung, ob er stark genug sei, der Eckstein, wie es im Gebete heißt. Dann könne man ihn wohl stoßen, aber sticht wegstoßen. Mehr als je ist bamsu heute der Bekennermut nötig. Nichts ist asterkannt von den großest jüdischest Leistmi gen, obwohl die deutschen Inden seit Gesterationen ihr Bestes gegeben haben bis ans den heutigen Dag! Ihre großen wissen schastlicheii Begabungen hält man vom Universitätsbetrieb fern, ihre organisatorischest Begabungen werden von Stadt »lud Staat ustd Großindustrie nicht beitutzt, in Teurschlanb svird kein Jude oberster Richter wie in außereuropäischen Läsrdern. Er, der Vortragende, selbst mußte Zurückhaltung üben gegenüber jüdischen Schauspielern. Dennoch aber, so führte Professor Jeßner iveiter aus, müssen tvir deutschen Judest weiter streben und weiter kämpfen gegen übelwollende judenseindliche Kritik, wie gegen Kritik im eigenen Lager. Aber nur, wer ein Charakter sei, der bestäube in diesem doppelten Kampf. Die Not ruft. Gerade jetzt, wo der innerste Kern des Judentums angegrifsen svird, ist es Pflicht jedes Juden, sich zum Judentum zu bekennen.. Professor Jeßner schloß mit dem Appell, daß es sich lohnt, für ow Volk zu kämpfen, das Ahnen hat, die sür ihr „Höre Israel" auf den Scheiterhaufen gestiegen sistd. Für ihn ist Judentum Gemeinschaft int religiösen Sinne, und mehr als je sei es notwendig, daß das Band der Ueberlieferung nicht durch Verantwortungslosigkeit abgerissen werde. Das Kammerorchcsi'er unter Dirigent Kopf und der Chor der Synagoge gaben den Rahmen zu dieser eindrucksvolle» Veranstaltung. Schaffung der jüdischen Rundfunkzentrale Amtlich. Am Donnerstag, bau 26. November, fand eine Besprechung über die '-Schaffung einer jüdischen Rund sunkzeniraie statt, zu der der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden cingcladeu hatte. An ihr nahmen neben Vertretern des Landesvecbassdes Delegieste der Bereinigung für das liberale Judenlum, der Zionistischen Bereinigung für Deutschland, des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums, des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Ber lin und des Vorstandes der indischest Reformgesneinde, Berlin, teil. Den Vorsitz führte Rabbiner Dr. Ga'lliner. Tie Vcr fa,um hu,n tvar einmütig öev Anssassnng, daß eine Stelle geschassen sverden müsse, die die Veranstaltung von Rundfunksendussgeii jüdisch religiösen Inhalts organisiert. Damit würden, mehr als es bisher geschehen ist, die Rechte svabrgeitvin men sverden, die der jüdischen Rclsgit'Usgesneins'hast aus Grund der sür den Sendebetrieb der Rundsiiistgeieüsclmsten geltenden Reichsratsbestimmungen zustehen. ileber den. Inhalt der zu verbreitenden Oeisdungen fand nur eine grundsätzliche Aussprache statt, svobei man die Frage dcr Ucbertraglsng von Gottesdiensten zsvar behandelte, eine endgültige Strtlnngnabme aber aus den verschiedensten Grün den vorerst zurückstellte. ES wurde vielmehr daraus Wert gelegt, das; neben den rein religiösen Dingen weltanschauliche und aktuelle Probleme zum Gegenstand von Vorträgen ge macht Sverden.!5'S ist damit zn rechness, daß die Bildung der Zentralstelle binnen kurzem znstandekommen und die Arbeit ausgenommen Sverden svird. Pauline Baerwald Z»m 99. Veburlslage. Am k3. Dezember vollendet Frau Pasuinr Vaersvaid ans Rakel in geistiger Frische das 99. Lebcitsjahr. Sie ist eine Tochter des Kaufnsanns Pinkus Seligfvhn in Samotfchin ustd- Fra» Henriette geb. Landsberger. Das große Holzgeschäft, das der angesehene Kaufmann betrieb, svar weit über die Provinz Posen bekannt, aber ustbekartnt dürste die Tatsache geblieben sein, daß er gleicherweise ein Gelehrter und Kenner jüdischer Wissenschaft war. Eine Probe hiervon ist eine trefft liche Erklärung zu einer Stelle im Pentateuch, die in der hebräischen Zeitsehrist „Hamagid" Lyck l872, Beilage 49, ab gedruckt ist. Seine Tochter Pauline hatte sich am 17. März. 1809 mit Lesser Baersvald in stlükel verheiratet. An der Seite ihres Gatten ivar die Jubilarin ein .mehr als ein halbes Jahrhundert sv ährendes Eheglück befchieden. Aus Anlaß des gvldeuen Ehejrtbiläums verfaßte Lesser Baersvald eine „Geschichte des Hauses Baersvald"*) in nur svessigen Exemplaren für die Familie beftisnmt und 4919 in Rakel erschienen - ans der hier zum Ehrentage der Jubilarin Einiges sviedergegeben sei. Ter Vater Lesviu Baerwald hatte sich nach Aneignung zeitgemäßer deutscher Bildung schon als 24 jähriger die Befähigung zur Ausübung des Radbiner-- amtcs erworben. Rach seiner Verheiratung mit Frommet, der *) Tie Einsichtnahme in die Familienchroiltk verdanke ich der Freusrdlichkeit des .Herrn HaudelSgerichtsrars Alfred Hamburger, Breslau, dessen Mutter eine Schsvester von Lesser Baerwald svar. Briefkasten „Die Stellung des Kantors in der jüdischen OrfsentSichleit". In dieser Angelegenheit erhalten »vir von bestimmter Leite dau,ernt» anonyme Zuschriften. Wir sind nicht gewillt, diese Zuschriften zu lesen, geschsveige denn, sie zum Abdruck zu bringen. Wer etwas von. uns Ivill, soll zunächst der Redaktion gegenüber seinen Namen nennen. Falls ein berechtigtes Interesse vorlicgt, dcr Oesfcntlichkeit ft.'geuiibcv anonym zu bleiben, so gibt es bekanntlich ein Redaktiönsgeheimnis. APARTO HERVORRAGENDE NEUSCHÖPFUNG. IN «-LE6ANTEM FORMAT MILO -BL* >MIG FEIN OTTO BOENICKE Franmcicfha ^tr 91 l*aü8 am 200 / Könlastr. 49 / Bayerischer Platz 9 i rraniUMMHC W. JLI lnv,alldensir.H7/ Kochstr.99 X Schlo ABBILD .99 - SchloBstr 99« Steglitz