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Jüdisch-liberale Zeitung · 1931-12-09 · 48-49 (9.12.1931) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
11 (1931)
Issue
48-49 (9.12.1931)
Date
1931-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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werden konnte, führte in dieser Predigt aus, -er Unterschied, zwischen Judentum und Christentunr bestehe im Wesentlichen in der Beobachtung des Sabbats und der Ablehnung der Bilderanbetung, und daß es in den Zeilen von Verfolgungen genüge, wenn ein Jude im Geist die Absicht aufrechterhält, dem jüdischen Gesetz treu zu bleiben. Für den einfachen. Marranen bestand, wie zahlreiche Jnquisitionsprozesse beweisen, der Hauptglaubenssatz darin, die Rettung sei nur durch die Lehre Mose, nicht aber durch die Lehre Jesu möglich. Schon in dieser Formulierung äußert sich der Einfluß der katholischen Theologie, da dem Judentum der Gedanke einer Errettung durch den Glauben fremd ist. Ein weiterer katholischer Einfluß ist darin zu sehen, daß die Marranen die Opfer der Inquisition vielfach als Heilige verehrten. So ist in ihrer Liturgie die Rede von „St. Raphael", „St. Esther" usw. Der eben erwähnte Antonio Home«, wurde -ei ihnen zum Heiligen Antonius. Sehr kompliziert war die Frage der Einweihung der Heranwachsenden Jugend in das Geheimnis des Marranentums. Viel zu früh durfte das nicht geschehen, weil die Kinder dann das Geheimnis unvorsichtigerweise ausplaudern könnten, was für die Eltern den Tod auf dem Scheiterhaufen bedeutet haben würde. Zu spät durfte es auch nicht geschehen, da sonst der Einfluß des Katholizismus so stark werden könnte, daß die Jugend nichts mehr vom Judentum würde wissen wollen. Es sind in der Tat Jnquisitionsprozesse bekannt, bei denen dem Katholizismus treue Söhne ihre Mütter, Schwestern ihre Brüder als Marranen anzeigten. Gewöhnlich fand die Mitteilung dieses Geheimnisses an die Jugend im dreizehnten Jahrgang statt, offenbar in Anlehnung an den Bar-Mizwah°- Ritus. So erzählte Gabriel de Granada bei seinem Prozeß in Mexiko 1642—45, daß, als er 13 Jahre alt wurde, seine Mutter, Donna Maria de Rivera, ihn zu sich rief und ihm erzählte, „die Lehre unseres Herrn Jesu Christi sei weder gut, noch wahr, dagegen sei die Lehre Moses gut, wahr und für feine Rettung notwendig". Die scharfe Aufsicht der Inquisition machte das June halten der meisten jüdischen Gesetze im Allgemeinen unmöglich. So wurde z. B. die Beschneidung nur äußerst selten vollzogen. Es wurde das übrigens mit einem Hinweis auf die Bibel zu entschuldigen gesucht, in der es heißt, daß die in der Wüste geborenen Kinder Israels nicht beschnitten worden sind, bis sie ins Gelobte Land gekommen waren. Rur vereinzelt kamen noch bis ins 17. Jahrhundert Fälle von Beschneidung vor, namentlich in Mexiko. Die Kenntnis des Hebräischen verschwand fast vollständig, da diese Kenntnis für die Inquisition schon ein Zeichen der Ketzerei war und ein Fall bekannt ist, in dem die einzige Beschuldigung darin bestand, daß der Verdächtigte seinen Namen in hebräischen Lettern schreiben konnte. Sogar der Besitz von Uebersetzungen hebräischer Bücher war schon ein Anklagegrund. Die oft geäußerte Ansicht, daß die kleinen, in Amsterdam gedruckten Gebetbücher oder die in verschiedenen Teilen Europas geschriebenen Miniaturthorarollen für den Gebrauch der Marranen bestimmt waren, ist daher als eine Legende abzulehnen, denn ihre Auffindung wäre für den Besitzer mit dem Ver breunungstod gleichbedeutend gewesen. Die Marranen kannte nur die Bibel, die jüdische Tradition war schon soweit vergessen, daß sie die Apokryphen ebenso verehrten wie das Alte Testament. Die Zahl ihrer Gebete war sehr gering, die ganze Liturgie der heute lebenden Marranen nimmt nicht mehr als 40 -gedruckte Seilerl ein. In den Gebeten hat sich die hebräische Sprache kaum erhalten. Abgesehen von „Adonai", einem Satz „Adonai sebaot male cot ares kebodo" und noch eineigeu wenigen jüdischen Vokabeln, wurde in der Umgangssprache gebetet. Im Gottesdienst fand eine gewisse Vermischung jüdischer und katholischer Gebräuche statt. Während in der ersten Zeit der Kopf beim Beten bedeckt blieb, wurde die Kopfbedeckung später abgeschafft. Das Gesicht wurde beim Beten nach dem Osten gewandt, vor dem Beten die Hände gewaschen, bis ins 17. Jahrhundert und sogar später lassen sich noch Spuren der Verwendung des Tallith feststellen, jedoch wurde nach christlichem Muster das Knien allgemein üblich. Auch das Vaterunser wurde in die Liturgie ausgenommen und behält noch jetzt in ihr seinen Platz. Auch erwies sich mit der Zeit die Beobachtung der Speisegesetze als unmöglich. Die Inquisition hatte ein scharfes Auge für die, welche das Fleisch von Schweinen und anderer den Juden verbotenen Tieren vermieden. Während die ersten Marranen noch sorgfältig vermieden, Schweinefleisch zu essen und die Speisegesetze genau befolgten, war das bei den späteren Generationen nicht mehr der Fall. Wie weit bei den ersten Marranen die Abneigung gegen die verbotenen Speisen Tempelweiheruf Notzeit! — Notzeit! — Not außen, Not innen. Wo alles nach Brot schreit Gibt's selten Besinnen, Gibt's selten Beginnen befreiender Tat. Jugend! — Jugend!! - Wohin flieht Tein Sehnen, Was gilt Dir als Tugend, Tein hoffendes Wähnen Sieht's Abgrund nur gähnen. Wes Geistes bist Du, was ist Deine Tat?! Nach Vorwärts der Blick nur? Nach Vorwärts der Blick ist verhüllt ohne Trost. Ihr Hebräer, So schauet zurück! Daß aus dem Kampfgeist der Makkabäer Euch ströme das Herzblut gottwollender Seher, Euch wachse die Kraft zu goltieser Tat! Notzeit ist nur Zeitnot! Zeitnot wird entschwinden Im ewigen Zeittod! Ihr aber sollt binden Das suchende Finden An Tat, die des Ewigen Tempel weiht! Tadin Schönberger, Aachen. Ein Genie der Wohltätigkeit Der größte Philanthrop, den es vielleicht je gegeben hat, Baron Moritz .von Hirsch-Gerenth, erblickte heute vor 100 Jahren zu Königshofen bei Würzburg das Licht der Welt. Schon sein Großvater, Hofbankier des Königs Maxiging, ist daraus zu ersehen, daß noch 1627 ein zwölfjähriger Knabe, der in Goa (Indien) seine Mutter und andere Verwandte wegen Ketzerei bei der Inquisition anzeigte, erzählte, es wurde ihm gesagt, daß diejenigen, die Schweinefleisch essen, selber zu Schweinen werden würden. Wohl aber beobachteten die Marranen das Verbot, die Sehne des Schenkels zu essen, da das immer leicht gemacht werden konnte, ohne Verdacht zu erregen. Außerdem war es gebräuchlich, wenigstens am Sabbath in der Zeit von Pessach und des Versöhnungstages, kein Schweinefleisch zu essen. Obwohl die Marranen in der Beobachtung des Sabbaths einen der wichtigsten Grundsätze der jüdischen Lehre sahen, wurde es ihnen außerordentlich schwer, ihn heilig zu halten, da die Inquisition darin drn sichersten Beweis der Ketzerei sah. So bekannte eine Marranin im 17. Jahrhundert, daß sie im Lause von 20 Jahren nur 15 mal den Sabbath hatte feiern können. Das Kerzenanzünden am Freitagabend, das die Marranen für sehr wichtig hielten, fand in ganz verborgenen Räumen statt. Noch jetzt ist es oft bei den portugiesischen Marranen üblich, am Freitagabend über die brennende Kerze einen Krug zu stülpen. Der Verfasser des Artikels erzählt von einem spanischen Landedelmann, der im Keller seines Hauses noch jetzt jeden Freitagabend eine Lampe anzündel, ohne den geringsten Begriff zu haben, weshalb er das eigentlich tut. Offenbar ist das ein Nachkomme von Marranen, der von seiner Abstammung nichts mehr weiß. Abgesehen vom Sabbath pflegten die Marranen das Passahsest und den Versöhnungstag zu feiern, nicht aber das jüdische Neujahr, das sie offenbar ganz vergessen haben. Da sie ben jüdischen Kalender eingebüßt haben, so feierten sie, wie aus den Jnquisitionsprozessen hervorgeht, das Versöh nungsfest am zehnten Tage nach dem Neumond im September, das Passahfest am Vollmond im März. Da aber die Spione der Inquisition gerade an diesen Tagen die verdächtigen Marranen sehr aufmerksmn beobachteten, wurde es üblich, die Feiern uin ein oder zwei Tage zu verschieben, um der Gefahr der Entdeckung zu entgehen. Noch jetzt verfahren die portugiesischen Marranen auf diese Weise, obwohl sie keinen Grund zur Furcht mehr haben. Besonders waren sie bemüht, das Versöhnungssest feierlich zu begehen, das bei den modernen Marranen „Dia Pura" offenbar eine Entstellung des Wortes Jom Ki-pur genannt wird und welchen sie eigentlich als einen Tag auffassen, an dein die Menschen einander verzeihen sollen,' nicht aber, wie es sonst bei den Juden der Fall ist, als einen Tag, au dem, Gott d>ew Menschen verzeihen soll. Vor dem Fest pflegten sie zu baden, zündeten am Vorabend zahlreiche Kerzen „für die Lebenden und Toten" all, fasteten den ganzen Tag und wiederholten alle Gebete, die sie kannten. Sehr festlich wurde auch Passah begangen. Beim Fest mahl wurde ein ganzes Lamm verzehrt, die Teilnehmer verzehrten das Esseri stehend, in Stiefeln und mit dem Stock in der Hand, wörtlich der biblischen Tradition entspre Geschichten ans dem Talmud Uebersetzt von Rahcl bin Gorion. ö. Die Trübsal der Lehrer. Rabbi Elieser lag krank im Bett; da kam Rabbi Jochanan, ihn m besuchen. Es war ein dunkler Raum, in dem der Sieche lag; da entblößte' der wegen seiner Schönheit berühmte Rabbi Jochanan seinen weißen Arm, und die Kammer ward hell davon. Nun sah er, daß des Leidenden Augen naß von Tränen waren. Er fragte den Freund: Worum grämst du dich? Ist es, weil du nicht stets der Thora dich widmen konntest? Schon die Weisen sagen: der eine forscht viel, der andre forscht wenig - doch nur darauf kommt es an, daß der Sinn auf Gott gerichtet sei. Oder äst es die Sorge um die Notdurft des Lebens, die dich bedrückt? Sieh, es ist keinem gegeben, daß er an zw^ei Tischen zugleich speise: daß er Brot die Fülle habe und von dem Geist der Thora erleuchtet sei. Oder bist du betrübt wegen deiner Kinder? Schau her, hier ist der Knochen des zehnten Sohnes, den ich zu Grabe getragen habe. v Rabbi Elieser gab zur Antwort: Ich sehe deinen Arm und weine um die Schönheit deines Leibes, daß auch sie zu Staub werden wird. Da sprach Rabbi Jochanan: Wenn das dein Schmerz ist - wer sollte nicht mit dir weinen! Und er brach gleichfalls in Tränen aus. milian von Bayern, wurde 1816 in den Adelsstand versetzt. Baron Hirsch lebte lange in der Türkei, die er durch ein großes Netz von Eisenbahnen dem allgemeinen Verkehr er schlossen hat. Seit vielen Jahren wohnte er in Paris, wo er den Schmerz hatte, seinen Sohn, zugleich sein einziges Kind, zu verlieren. Ter Schmerz hierüber zehrte an seinem Lebensmark. Er starb plötzlich an einem Herzschlag im Schlosse Gyalla in Ungarn am 21. April 1896. Mochte er auch hinsichtlich der viel unlstrittenen geschäftlichen Seite seiner Unternehnuurgen so manchen Gegner haben, bezüglich seiner Wohltätigkeit, der glänzendsten Seite seines Wesens, gab es nur eine Stimme der Anerkennung, ja Bewunderung. Im Jahre 1891 schuf er für sich ein W o h l t ä t i g k e i t s p r o g r a m m, das kennen zu lernen in unserer heutigen verarmten Zeit von doppeltem Interesse sein dürste: „Meines Erachtens kann darüber kein Zweifel sein, daß der Besitz eines großen Vermögens den: Eigentümer Verpflichtungen auferlegt, und meiner innersten Ueberzeugung entspricht es, daß ich mich nur als zeitweiligen Verwalter des von mir erworbenen Vermögens zu betrachten habe und daß ich es als meine Pflicht halte, durch Linderung des Elends der vom Schicksal hart Betroffenen in meiner Weise beizutragen. Jndein ich in solcher Weise wirksam bin, bekämpfe ich die althergebrachte Methode der Almosenverteilung, die nur Bettler schafft, auf das entschiedenste. Und ich betrachte es als die Hauptaufgabe der Wohltätigkeit, aus Individuen, die sonst der Bettelei verfallen müßten, erwerbsfähige Menschen und damit nützliche Mitglieder der Gesellschaft heranzubilden. Für mich hat das Geschick ein besonderes Feld philanthropischer Wirksamkeit ausersehen, wenngleich ich bei Linderung menschlicher Leiden niemals frage, ob der Notschrei von Anhängern meines Glaubens kommt oder nicht. Was ist dennoch natürlicher, als daß ich meine höchste Aufgabe darin erblicke, dm durch tausendjährigen Druck verkommenen, in Elend darbenden Anhänchend. In Mexiko pflegte man sogar die Türpfosten mit dem Blut der Opfer zu beschmieren. Für die Vorbereitung des ungesäuerten Brotes, das bei ihnen „Pao Santo" (heiliges Brot) heißt, wurde ein besonderes Ritual ausgebildet. Die übrigen jüdischen Feste waren fast ganz vergessen. Nur Eha nukkah wurde, wie es scheint, als das „Paschoa das Candelilhas" gefeiert, jetzt wird es bei den portugiesischen Marranen Natalhino („kleine Weihnachten") genannt. Während Purim bei ihnen ganz vergessen ist, hielten sie das Estherfasten ebenso hoch wie den Bersöhnungstag. Es dürste das aller Wahrscheinlichkeit nach darauf znrückzusühren sein, daß sie in der Erzählung von Esther, welche „ihr Volk und ihren Ursprung verbarg", dabei aber der Religion ihrer Väter treu blieb, ein deut ihrigen ähnliches Schicksal erblickten. Dieser Tag kam bei ihnen, wie noch jetzt bei den portugiesischen Marranen, aus den Vollmond m Februar. Viele, die besonders religiös waren, fasteten übrigens, wie aus den Jnquisitionsprozessen hervorgeht, auch an jedem Montag und Donnerstag. Obwohl die Marranen nach katholischem Ritus beerdigt wurden, erhielten sich bei ihnen verschiedene jüdische Gebräuche. So wurde beim Eintreten des Todes alles stehmde Wasser im Hause ausgeschüttet. Nach einer Sitte, die griechischen Ursprungs ist und von den Juden jetzt gar nicht befolgt wird, wurde dem Toten eine Goldmünze oder ein Edelstein in den Mund gesteckt. Wieso die Marranen zu dieser Sitte kamen, bleibt unaufgeklärt. Ueblich war, wie noch jetzt bei ihnen, die rituelle Leichenwäsche (Taharah). Es erhielten sich ferner verschiedene jüdische Gebräuche in der Trauerwoche. So wird bei der Rückkehr von der Beerdigung den Hauptleidtragenden die Seudat Habraa, aus hart gekochten Eiern bestehend, von einem Fremdelt dargereicht. Während der ganzen Woche blieb die Familie zu Hanse, es wurde viel Almosen verteilt, am letzten der sieben Trauertage wurde gefastet (gegenwärtig auch am 80. Todestag und nach Ablauf von je drei Monaten). Irr Mexiko wurde der Trauerzug zum Friedhof mit eine»» hebräischen Wort „Aveluz" bezeichnet. Die Trauungen fanden selbstverständlich nach katholischem Ritus statt, jedoch pflegten die Marranen, wenn sie nach Ländern nbersiedelten, wo sie sich frei zum Judeutum bekennen durften, sich nochmals nach jüdischem Ritus trauen zu lassen. In der ersten Periode des Marranentums kamen bei den Marranen manchurat Fülle von Polygamie vor, die damals bei den Juden noch erlaubt, wenn im allgemeinen auch nicht mehr üblich war. Die Inquisition sah in solchen Fälleit stets einen Beweis von jüdischer Ketzerei. Soweit es ging, heirateten die Marranen untereinander. So waren von 625 Personen, die in den Jahren 1683 1746 in Lissa bon als Marranen verurteilt wurden, nicht weniger als 364 rein jüdischer Abkunft. In der ersten Zeit behielten die Marranen im Geheimen die Namen hebräischen oder arabischen Ursprungs, die sie vor der Taufe trugen. Kamen sie in Länder, wo sie offen als Juden leben durften, so streiften sie die bei der Taufe angenonunenen christlichen Namen ab und nahmen ihre früheren an. Später trugen sie schon auch in Ländern, wo sie vor der Inquisition sicher waren, beide Namen, sowohl den früheren jüdischen, als auch den christlichen, daher solche Fainiliennamen wie Aboab da Fonseca.' Noch spater blieben nur die spanischen oder portugiesischen Nanren allein, bis dahin hat es aber viele ziemlich unnatürliche Zusammensetzungen gegeben, wie z. B. Levi Ximenes oder Cohen Herrcra. Wie es scheint, trugen sie im Geheimen während langer Zeit rein jüdische Namen, denn im Ausland lebende Verwandte von Opfern der Inquisition nannten bei der Trauer um ihre zu Märtyrern gewordenen Angehörigen ganz andere Namen als diejenigen, von denen die Prozeßakten der Inquisition sprachen. I. L. Verantwortlichkeit Teil deutschen Juden ist Heil widerfahren. Sie befinden sich, von außen aufs Schwerste bedroht, innerlich zerspalten und materiell verarmt in schwerster Lage. Um ihr abzuhelsen, ist ein neues Presseorgan gegründet worden, das sich „Orgall für die Gesamtinteres'sen des Judentums" nennt. Der Zufall hat ults eine der ersten Nummern des Blattes auf den Tisch geweht. Als Leitartikel enthält sie lange politische Ausführungen des bekannten jüdischen Zentrumsfüh rers Herrn Georg Kareski über die Bildung des zweiten Kabinetts Brüning. Tann wird in einer Reihe von Artikeln mit den bekannten Argumenten die zionistische Schulpolitik getrieben und auch int übrigen gibt das Blatt in allen wesentlichen gern die Möglichkeit einer physischen und moralischen Wiedergeburt zu bieten, daß ich mich bemühe, sie zu befreien, sie zu arbeitsamen Bürgern heranzubilden und dadurch der Menschheit viele neue und schätzenswerte Kräfte zuzuführen? Jedes Blatt in der Geschichte des Judentums belehrt mich, daß ich mit diesen Gedanken keine Utopie verfolge, und ich hoffe zu vollführen wünsche, was nach manchen schweren Unglückszuversichllich, daß dieses Ziel erreicht werden kann. Was ich fällen das Ziel meines Lebens geworden ist, und wofür ich bereit bin, mit meinem Vermögen und mit meinen intellektuellen. Kräften einzustehen, ist einem Teile meiner verfolgten und aus ihren Heimatstätten vertriebenen Glaubensgenossen die Möglichkeit zu geben, eine Existenz, in erster Reihe als Ackerbauer, ferner auch als Handwerker in solchen Ländern zu finden, in denen das Gesetz und die religiöse Toleranz ihnen gestatten, den Kamps ums Dasein als edle und verantwortungsvolle Untertanen einer humanen Staatsregierung zu führen." Fürwahr goldene Worte! Nach diesem Programm lebte und handelte Baron Hirsch. So entstand die Hirsch-Stiftung in Oesterreich mit einem Kapital von 12 Millionen Francs/ dazu bestinunt, Volksschulen für die Kinder der galizischen Juden zu errichten und für deren Fortbildung als Handwerker zu sorgen. Fast das gleiche Kapital hat er den rumänischen Juden gestiftet. Vom tiefsten Mitgefühl für die vertriebenen russischen Juden ergriffen, erhoffte er einen Teil derselben mit seinen Mitteln über Hamburg und Bremen nach den Ver. Staaten von Nordamerika zu bringen, mit einem andern Teil begann er die großartig und großzügig angelegte Kolonisation von Argentinien. Sein Name ist für ewige Zeiten mit dem argentinischen Hilfswerk verknüpft. Für welche ideale Zwecke er noch mit vollen Händen gab, darin unterstützt von seinem Freunde und Sekretär Veneziani, läßt sich hier gar nicht im' Einzelnen anführen. So gab er für die Stadt Strij in Galizien allein anläßlich eines Brandes 100009 Gulden. Auch zahlreiche herunterge-

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