Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 48-49 (9.12.1931)
- Date
- 1931-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMHÄmckZütmz Owm 6er Vereint-««- für das liberale Judentum e. D. fttc V««wtg»«g für da» Nderale Zadeatu« üderuiwml am De dtejeutge» Aufsätze. die «madrüeMch al» luihre« Name» »der i» ryrem Aufträge »erfatzt gereuuzelchuet find, die Vermtoortaitg. Alle avdereu Arükel. Aeutzeruvgeu uad Vorfchtäge erfcheive» uutrr der Veravkmarlaug der Ledakksa. Die ^Jüdisch-liberale Ich«««,- «schein» sede« Mttlwoch. RedatKo« »ab Geschlislsstelle: SerUa SW 11. hoNesche Slr. 1 Icnwttf: Birgwonn 3358, 3359 ■ "'fadtmt*: icrtttt 71W 7. 137089 iaiflttog für da» liberale Judentum» Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge mit vorheriger Genehmigung der Revaktto« gestattet. Vezugaprei» durch dt« GeichästasteUe '/.jäyrüch HL Ir- LiuzÄlunmmer OJ25. Bei freier Zusendung i. Ink«d>.W Für die MUglleder der Vereinigung ist der BezugOWeet» im Mtglledsbeitrage «uthatteu. Anzeigenpreise: Di, 12gespult.RonpareillezeNeMl Anzeig eutaris durch die Geschästastelle. A»zeige»»»' nahm« bei der Geschäftsstelle n.sämtl. Auaouceu-^zpedtt. Nr. 48/49 Berlin. 9. Dezember 1931 11. Jahrgang Weu-Emanzipation oder Zuden-Autarkie? Aussprache im Wirtschaftsausschuß des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden In der vorigen Nummer berichteten mir, daß die Beratungen im Wirtschaftsausschuß vertagt wurden, um zunächst eine Sondersitzung mit einem Referat des Herrn Staatssekre tär a. D. Professor Dr. Julius H i r} ch zu veranstalten, deren Ergebnis zeigen müsse, „ob die Schaffung eines jü dischen Wirtschaftsinstituts überhaupt notwendig und zweck voll ist". Diese Sondersitzung hat, unter Beteiligung namhafter jüdischer Wirtschastsführer, am 6. Dezember stattge. funden. Wir behalten uns vor, das außerordentlich, gehaltvolle, mit reichein Material belegte Referat des Herrn Pro sessor Tr. Hirsch unseren Lesern noch zugänglich zu machen. Für heute sei als Ergebnis folgendes sestgestellt: Ter Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, .Herr Bruno Woyda, hat wiederholt, sowohl seinerzeit als Redakteur dieser Zeitung als auch an anderen Stellen in Wort und Christ, den Standpunkt vertreten, daß die Wirtfchaßtsnot der deutschen Juden ausschließlich im Zusammenhänge mit der gesamtdeutschen Wirtschaftsnot betrachtet und nur zugleich mit dieser behoben werden könne. Wohl lastet auf uns Juden der besondere Truck des Antisemitisinus, der aber, in Zeiten wirtschaftlicher Not ungeheuerlich verstärkt, bei Besserung der allgemeinen Verhältnisse wieder nachlaßt. Als nun in der jüdischen Öffentlichkeit der Plan eines besonderen jüdischen Wirtschaftsinstitutes und anderer Maßnahmen zur Beseitigung der Wirtschaftsnot der deutschen Juden erörtert wurden, da war es eine Selbstverständlichkeit, daß der Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdisch-er Gemeinden sich dieser Dinge anuahm. Wir wissen uns aber mit dem Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses einig, wenn wir erklären, daß seine persönliche Ausfassung von den Beratungen im Wirtschaftsausschuß bestätigt wordetl ist. Es soll keineswegs übersehen werden, daß einzelne wertvolle Anregungen gegebm wurden, daß in Einzelheiten gebessert werden kann. Ansiedlung jüdischer Aerzte und Anwälte in Kleinstädten, wie von Herrn Dr. S eg all angeregt, kann manche Existenz vor dem Untergänge retten. Das von verschiedenen jüdischen Stellen angebahnte Siedlungswerk kann sich bedeutsam auslvirken. Ter Ausbau jüdischer Darlehnskassen kann für viele Existenzgrmldungcn die materielle Grundlage abgeben. Vielleicht kann man auch die bedingte und vorübergehende Notwendigkeit jüdischer Arbeitsnachweise in einer Zeit anerkennen, in der das Ueberwiegen nationalsozialistischer Personalchefs derartige jüdische Sonderinstitutionen erfordert. Das alles sind Einzelheiten, deren Bedeutung nicht unterschätzt wird, deren Nutzen im Einzelnen aber nichts daran ändern wird, daß unter den fünf bis sechs Millionen arbeitslosen Deutschen sich auch ein entsprechender Prozentsatz jüdischer Teutscher befindet, und selbst die Strukturwandlung, die Berufsumschichtung der Juden wird nur möglich sein tut Rahmen normaler wirtschaftlicher Zustände der Allgemeinheit. Wie diese normalen Zustände herbeizuführen sind, das bleibt Sache der politischen Ueberzeugung und der wirtschaftlichen Anschauung des Einzelnen, und es handelt sich also hierbei um Fragen, deren Lösung nicht im Rahmen eines konfessionellen Zusammenschlusses, sondern ausschließlich innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Organisationen angestrebt werden kann. Tie Beratung im Wirtschaftsausschuß dürfte, nach ihrem Verlauf zu urteilen, endlich eine Erörterung zum Abschluß gebracht haben, mit der jahrelang viel Zeit unnütz vergeudet worden ist und die die deutschen Juden sowohl von ihren jüdisch-idealen, als auch von ihren politisch- und wirtschftstlichrealcn Aufgabe»: abgelenkt hat, von.der aber Einsichtige seit je gewußt haben, daß Ergebnisse nicht erzielt werden könnten. Wenn nichtsdestoweniger durch Einsetzung von Fachausschüssen als Unterkommissionen des Wirtschaftsausschusses angestrebt wird, auf den vorerwähntm Einzelgebieten zu praktischen Maßnahmen zu gelangen, so bringt dies zwar erfreulicherweise keineswegs die von Einzelnen erträumte Juden- Autarkie und ist dennoch insofern auf das äußerste zu begrüßen, als das Wenige, das immerhin geschehen kann, in die Hand von Sachkundigen gelegt wird. kullnrlag des Cenlralvereins Tie Machtentfaltnng der antirepublikanischeu, damit auch der antifemitifchen Gewalten in Deutschland hat in der letzten Zeit einen bedrohlichen Umfang angenommen. Alle verfassungstreuen Gruppen wissen es, daß gelingt es den Nationalsozialisten, in oder an die Regierung zu gelangen die Weimarer Verfassung selber auf das ernsteste bedroht ist. Wie aber Nationalsozialismus und Antisemitismus Hand in Hand gehen, so gehören auch Verfassungstreue und Gleich berechtigmlg aller konfessionellen Gruppen zueinander. Diese Zusammen hänge waren es, die, zugleich mit dem Reichsbanner, der Deutschen Liga für Menschenrechte und anderen rcpublika nischcn Organisationen, auch den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranlaßten, eine öffentliche Kundgebung größten Stiles zu veranstalten. Ta überdies die Reaktion 'sich keineswegs auf politische Wirksamkeit bc schränkt, sondern gerade durch Usurpation aller Gebiete des Kultur- und Geisteslebens die psychologischen Grundlagen für ihre politische Machtstellung zu schassen und am Werke ist, so war es berechtigt, daß der Centralverein die politischest und wirtschaftlichen Fragen, die ohnehin von den zuständigen politischen und wirtschaftlichen Organisationen zum Gegenstände ihrer Kundgebungen gemacht werden, dieses Mal htntanstellte und seine Veranstaltung als einen „K u l 1 u r t a g" auszog, der, in eine Vormittags-, Nachmittags- und Abend- Veranstaltung aufgeteilt, den ganzen Tag in Anspruch uahtn und in der Berliner jüdischen Gesellschaft den größten Anklang fand, wie die starke Ueberfüllung aller drei Veranstaltungen zeigte. Die Vormittags-Kundgebung hatte zum Gegenstand den Juden als Typ im Fitnt, auf der Bühne und im Kabarett. Sie trug das Thema: „Selbstachtung oder Selbp- Verhöhnung?" Redner waren Künstler aller Kategorten, von denen besonders die Reden unseres Gesinnungsfreundes Julius B a b, des Filmkritikers der Weltbühne Dr. Rudolf Arnheim und diejenige von Fritz Engel den tiefsten Eindruck hinterließen. Eine Aeußeruug des Chefredakteurs der „Lichtbühne", Tr. Wollenberg, der erklärte, daß aus osteuropäischen Ländern eingewanderte jüdische Künstler die für künstlerisches Wirken hier in Deutschland gegebenen Bedingungen und Notwendigkeiten nicht kennen und daher nicht 'berücksichtigen, wurde von einzelnen Versammlungstetlnehmeru leider als ostjudengegnerisch mißdeutet, wie ]te aber bestimmt nicht gemeint gewesen war. - Die Nachmittags Kundgebung brachte unter der Ueberschrift „M o d e u ,t b An t isemi 1 ismus" eine kontradiktorische Auseinandersetzung von Tr. Margarete E d e l h e i m und Dr. Ilse R e i ck e. --- Tic Abend-Veranstaltung, durch Gesänge von Oberkantor Hanns John und andere musikalische Darbietungen, darunter Prostssor Alfred Wittenberg, verschönt, war besonders imposant. Zum Thema „Wir jüdischen Deutschen - e i n Bekenntnis und eine Anklage" sprach zunächst der Vorsitzende des Centralvereins Tr. Julius Brodnitz in seiner bekannten zu Herzen gehenden Art. Leider war es ein schwerer Mißgriff des Centralvereins, als zweiten Redner Herrn Professor Georg Bernhard heranszustellen, vor dessen wirtschaftspolitischer Sachkunde man die größte Achtung haben muß. der aber in indischen Dingen ein übler Dilettant ist. Ohne daß die C.B.-Leitung vorher eine Ahnung davon batte, benutzte er eine der vorängegangenen künstlerischen Darbietungen als Anlaß, namens'des Centralvereins für die jüdische Schule einzutretcn. was, als derartig einseitige Festlequug, bestinnnt weder im Sinne noch ,utm Nutzen des Centralvereins ist. Auf demselben Niveau stand seine Bemerkung, daß ein Anderssein der Juden zugegeben werden müsse, eine Behauptung, die er im selben Atemzuge, freilich ohne es selbst zu bemerken, denn er sprach ins Unreine, durch die andere Behauptung paralysierte: „Es gibt keine jüdischen Eigenschaften." Herr Bernhard leistet auf seinem engeren Fachgebiete Hervorragendes, aber auf jüdischem Gebiete wünschen wir ihn nicht wieder zu sehen. Begreiflicherweise sucht die C.V.-Zeituitg den schlechtst Eindruck der Rede von Georg Bernhard zu verwischen. Aber selbst das Wenige, was blieb, ist genug: so z. B. wenn Bernhards Ausführungen vom „Anderssein" der Juden wiedergegeben wird: „Was wir fü r Deutschla nd leisten, leisten wir als Juden." Wir hätten niemals erwartet, Solches noch dazu mit solchen Sperrungen in der C.B.-Zeitung zu lesen. Was wir für Deutschland leisten, leist en wi r - - selbstverständlich auch getrieben von jüdischreligiösem Ethos — als Deutsche. Von diesem einen Mißgriff abgesehen, muß tnan die Tagung als bedeutsame Kundgebung im Sinne aller deutschgesinnten Juden und echten, verfassungstreuen, fortschrittlichen Deutschtums werten. Die nächste DoMluummer erscheint am Mittwoch, dem 23. Dezember. (Redaktionsschlnß: Freitag, den 18. Dezember, vormittags.) Das religiöse Leben der Marranen Die Marranen in Spanien und Portugal zwangsweise bekehrte Judett , haben auffallend lange dein Aufsaugungsprozeß durch ihre katholische Umgebung Widerstand geleistet. In Portugal haben sich noch bis jetzt, mehr als 400 Jahre nach der 1467 stattgesundencn Zwangstause, Marranengemeinden erhalten, innerhalb welcher sich in den letzten Jahre,: eine Bewegung zur Rückkehr zum Judentum bemerk bar machte. In Spanietr ist der Verschmelzungsprozeß viel weiter fortgeschritten, jedoch wird noch in der iteueften spanischett Erzählungsliteratur von den Marranen als einer Gruppe gesprochett, die noch nicht restlos in ihrer katholischetr Umwelt aufgegangcn ist. Worin bestand nutt das religiöse Leben der Marranen, seitdem sie gezwuttgen wurden, nach außen hin als Katholiken zu erscheinen, während sie im Geheimen mit allen Kräften bemüht waren, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben? Die übliche Vorstellung, daß die Marranen alle Lehren des Judentums und seine religiösen Gebräuche im Geheimen unverättdert befolgten, kann gewiß nicht zutreffen. Die Marranen standen unter einer äußerst scharfen Beobachtung nicht nur der Inquisition, sondern auch ihrer streng-gläubigen katholischen Nachbarn, in deren Mitte sie lebten; die jüdischen religiösen Riten sind sehr kontpliziert und umfassen alle Zweige des Lebens, ihre vollständige Ausrechterhaltung hätte unmöglich verborgen bleiben können und die Marranen unvermeidlich an den Scheiterhaufen ausliefern müssen. Schon aus diesem Grunde muß also angenommen, werden, daß die Marranen nur einen Teil der jüdischen religiösen Gesetze utrd Gebräuche haben behaltet: können und daß eme Verschmelzung jüdischer und katholischer religiöser (&h bräuche und Vorstellungen unvermeidlich war. Was haben nun die Marranen vom Judentum behalten? Auf diese Frage gibt Cecil Roth in einem sehr interessanten und mit ausführlicher Quellenangabe versehenen Aussatz im Juliheft der „Jewish Quarterly Review" („The Reltgton of the Marranos") Antwort. Er unterscheidet in dieser Beziehung zwei Perioden in der Geschichte der Marranen. Die erste reicht bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts, d:e zweite ist die darauffolgende. In Spanien gab es bekanntlich schott lange vor der Judenausweisung 1492 zahlretche Juden, die durch Verfolgungen gezwungen wurden, Katholiken zu werden. In Portugal war das erst seit der Zwangsbekehrung l497 der Fall. Es hatten also die ersten Generationen der Marranen die Möglichkeit, entweder, wie in Spanien vor der allgemeinen Ausweisung der Juden, das religiöse Leben der Juden in nächster Nähe zu beobachten, oder, nach der Ausweisung bzw. der Zwangsbekehrung in Portugal, war die Erinnerung au das jüdische Leben noch so stark und so frisch, daß der Zusammenhang mit der lüdischcn Tradition noch nicht verlorengegangcn war. Es wurden daher in dieser ersten Periode die jüdischen Religions ge)etze, soweit es ging, in der Tat befolgt, natürlich mit der notwendigen Vorsicht, um nicht der Strafe der Inquisition zu verfallen. Wie aus einer Reihe von Jnquisitionspro zessen hervorgeht, verstanden die Marranen in dieser ersten Periode vielfach noch Hebräisch, besaßen hebräische Bücher, beobachteten noch die Speisegesetzc, hatten geheime Synagogen, beobachteten den Sabbat!) tmb die jüdischen Feiertage, sic waren mit allen Mitteln bestrebt, neben ihren ungetausten Vätern aus jüdischen Friedhöfen beerdigt zu werden usw. Noch _t5o<S konnte die Inquisition feststellen, daß ein Marrane sich weigerte, am Sonnabend Münzen in Empfang zu nehmen. Anders aber tvurde es etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Generationen der Marranen in dieser zweiten Periode hatten schon keine lebendige Verbindung mit dein Judentum, da cs in Spanien und Portugal Juden nicht mehr gab, durch das Hinscheiden der ältesten Generationen wurden die Erinnerungen an das frühere Judentum immer blasser. Erst dann entwickelte sich das, was man als die eigentliche Religion der Marranen bezeichnen könnte, die zwar die christliche Lehre in der Form des Katholizismus ablehnte, die aber auch gleichzeitig lange nicht mehr ganz das frühere Judentum war. Ter Marrane Jinmanuel Aboab (1555 bis 1628), der später zum Judentum zurückgekehrt war, berichtet, die Marranen hätten auf sich einen Satz aus dem Apokry phenbuch Baruch bezogen, in welchem der Prophet Jeremias den Juden im babylonischen Exil zuruft: „Wenn du eine Menge vor und hinter dir siehst, die niederkniet, sollst du iu deinem Herzen sagen: Du allein, oh Herr, bist gelobt!" Diese Worte deuteten die Marranen so, daß es gestattet sei, frctnde Götter anzubetcu, solange im Herzen der Glaube an den wahren Gott aufrecht erhalten bleibt. Noch klarer formulierte der Marrane Antonio Homem in einem geheimen Gottesdienst am Bersöhnungstag 1615 den Grundgedanken der religiösen Ueberzeugungeu seiner Schicksalsgenossen. Homem, der nacb außen hin soweit Katholik wurde, daß. er! Professor des Kirchenrechts an der Universität zu Coimbra