Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 46-47 (25.11.1931)
- Date
- 1931-11-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I Königsberg Pr. (Religiös Weihestundc.) Eine wert voll« Neuerung hat die hiesige Synagogen-Gemeinde auf Vorsch.ag von Geinei-nderabbiner Dr. Lewin in Form religiöser Weihestunden «ingeführt, nachdem bereits früher die sogenannten Gemeindeabcnde, fei denen religiöse Lehrvorträge in musikalischer Umrahmung gehalten wurden, großen Anklang gefunden hatten. Gemeinderabbiner Dr. Lewiu, der die Feierstunde mit einer feierlichen Ansprache bestritt, der deutsche Gesänge des 1. Kantors, Dr. Pik folgten, hob hervor, daß die Wohlfahrtspflege von jeher Aufgabe und Forderung des Judentums geinesen ist. Schon im II. Jahrhundert habe die jüdische Gemeinde in Köln ein eigenes Krankenhaus unterhalten, auch die Gemeinde Königsberg habe in früheren Zeiten ein solches gehabt. Stets habe sich das Judentum für die Armen und Bedrängten eingesetzt, und zwar nicht nur der jüdischen. Der Redner gab weiter-- hin ein umfasseildes Bild von den Organisationen t>es jüdischen Woht^ sahrtswesens in Deutschland. Die Weihestunde stand!m Zeichen der Winterhilfe. Lorsch. (Weihe einer Gedenktafel.) In der hiesigen Synagoge wurde eine Gedenktafel für drei im Weltkrieg gefallen«: Brüder Siegmund, Adolf und Albert Guthos enthüllt. Vertreter der Behörden und Rcligionsgesellschasten nahmen mit den Deputationen hiesiger Vereine an der' Gedenkfeier teil. Meißen. (Ehrentag eines bedeutenden Phi losem itcn.) Der in Meißen lebende Studienrat Prof. Alfred Leicht beging soeben seinen 70. Geburtstag. Nichtjude, hat er doch begeistert zu den Füßen seines Lehrers Moritz Lazarus, des Begründers der Völkerpsychologie, gesessen, dessen er bei jeder Gelegenheit in Verehrung gedenkt. Er wurde denn auch vom Meister auserwählt, seine Biographie zu schreiben und seinen literarischen Nachlaß zu verwalten. Hieraus, nicht bloß aus seinen Werken, geht hervor, daß ein Mann vom Grade Alfred Leichts den Judenhaß aus tiefster Seele verabscheut. Ehre darum einem Manne, wie er in der heutigen Zeit selten ist, wie ihn aber gerade diese Zeit dringend braucht! Prof. Leiche hat u. a. Werke Euckens übersetzt und in einem eigenen philosophischen Werke, betitelt „Wir", sich und reiner .humanitären Lebensauffassung selbst das beste Denkmal errichtet. Auch an der Jüdisch-liberalen. Zeitung hat Professor Leicht oft mitgearbeitet. Momberg. (W e i h e e i n e s Ehrenmals.) In Momberg wurde ein Ehrenkriegermal unter Anwesenheit von Vertretern aller Konfessionen geweiht. Derartige Feiern, der Ausdruck des (Friedens zwischen den Konfessionen, mögen dazu beitragen, die völkische Verhetzung in der gegenwärtigen Zeit abzuschwächen. Plauen. (Todesfall.) Kürzlich verstarb plötzlich und unerwartet an Herzschlag der Prediger und Lehrer der Ptauener Israelitischen Religionsgemeinde, Herr Emanuel Heimonn. Uebcr 26 Jahre hat er in dieser Eigenschaft der Plauener Gemeinde sein«: ganze Kraft zur Verfügung gestellt, den grüßten Teil dieser Zeit betätigte er sich auch als Gemeindesekretär. Die Beisetzung am Montag, dem 16. November 1931. gab Zeugnis von der ungemein großen Wertschätzung und Verehrung, die er sich durch seine Amtsführung und seinen Wohltätigkeitssinn tvcit über den Kreis der Gemeinde hinaus erworben hat. Die Stadt Plauen, die evangelische Geistlichkeit und die katholische Kirche hatten Vertreter entsandt, die zahlreichen jüdischen Organisationen, denen der Verstorbene angehört und in denen er mitge- Geschichten aus dem Talmud 4. Die Frau ohne Arme. Ein Mann nahm eine Frau, die hatte keine Arme. Er aber wurde es nicht gewahr bis zu dem Tage, da sie starb. Da sprach ein Weiser: Was muß das für ein keusches Weib gewesen sein, daß ihrem Manne nichts auffiel an ihr. Darauf sagte ein anderer Weiser: Der Wandel der Frau konnte doch nicht anders sein, denn sie hatte ein Gebrechen zu verbergen; aber was war das für ein keuscher Mann, der sein Weib nie mit Lüsternheit beobachtet hat! 5. Herodes und Mariamne. Herodes, der Knecht des Hauses der Hasmonäer, erhob seine Augen zu Mariamne, der Königstochter. Eines Tages hörte er eine Stimme, die rief: Welcher Knecht die Stunde nützt und jetzt aufsteht wider seinen Herrn, dem wird es glücken. Da machte Herodes sich auf, tötete das ganze Geschlecht der Hasmonäer und ließ nur dieses eine Mädchen am Leben. Wie die Jungfrau aber sah, daß Herodes sie zu seiner Gattin machen wollte, stieg sie auf das Dach des Palastes und rief mit lauter Stimme: Wenn jetzt einer kommt und sagt, er sei ein Abkömmling des Hauses der Hasmonäer, so wißt, daß er lügt; er ist ein Sklave. Von allen Hasmonäern ist nur eine Tochter übriggeblieben, und die stürzt sich jetzt vom Dach auf die Erde. Herodes legte die Leiche des Mädchens in Honig für sieben Jahre. Manche sagen, er sei zu ihr eingegangen, um seine Lust zu stillen. Andre meinen, er hätte mit ihr nicht gebuhlt und ihren Leib nur darum aufbevvahrt, damit es von ihm heiße, er habe die Königstochter zum Weibe. arbeitet hatte, waren vertreten. Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig hielt die Trauerrede. Besonders betonte der Gemeindfrvorsitzende Dr. Goldberg die Menschenliebe des Heimgegangenen. Er tvar ein tvirk-» licher Vater aller Armen .pnd Bedürftigen. Herr Prediger Heimann gehörte der konservativen Richtung an und stand auf dem Boden des Centralvereins. Stuttgart. (P l e n a r s i tz ri n g des Israelitischen Borst c he r a m t e s.) Zur Tagesordnung standen: Nothilfe, Stiftung für den Oberrat und Aussteltung des Haushaltplanes. Die verschiedenen Aufrufe für eine großanzule>gende Nothilse brachten im ganzen zirkai Mk. 24 006 ein, der größere Teil der Spender hat sich zu einer ein" inaligeu Hilfeleistung bereit erklärt, etwa 100 Geber wollen monatlich« Raten dem Fonds zukommen lassen. In Anbetracht der Anforderungen, die die Not einzelner Gemcindemitglieder an die Nothilse stellen, will das Vorsteheramt erneut einen Aufruf erlassen. Im nächster Monat werden es hundert Jahre, daß die jüdischen Gemeinden Württembergs eine Verfassung haben. Diese Begebenheit soll in würdiger Form gefeiert werden. Die einzelnen Gemeinden beabsichtigen dem Israelitischen Oberrat eine Stiftung zukommen zu lassen. Stuttgart will, dafür Mk. 2500 zeichnen. Wie diese Summen vertvendet werden sollen, bleibt einer gemeinsamen Beratung zwischen Oberrat und Gemeinden überlassen. Die Firma Schocken bat die Absicht, eine jüdische Darlchnskasse zu errichten und wandte sie sich an die Gemeinde, wegen Beteiligung a-n Errichtung und Verwaltung, was ihr grundsätzlich zugebilligt wurde. \ Dann gelangte die Elatberatung zur Erörterung. Durch Restmittel aus dem letzten Rechnungsjahr war es möglich, den durch Umlagen zu deckenden Abmangel von 99 434 im Vorjahr aus 62 796 Mark für 1931 zu ermäßigen und darüber hinaus das Betriebskapital von 40 000 Mark aus 55 000 Mark zu erhöhen. Die Gesamtsumme der Einnahmen beträgt 96 580 Mark, die Gesamtausgaben 159 376 Mark für die eignen Gemeindeausgaben, dazu kommt dann noch di« Ausgabe für die Landesumlagc. Der Haushaltsplan tvurde genehmigt, von einem Steuerbeschluß wurde dagegen abgesehen, da man sich noch nicht über die Form klar war. Im vergangenen Jahre betrug der Steuersatz zuzüglich Landessteuer 7 <>./,> und man glaubt, daß er auch! jetzt nicht höher sein wird. Weiter g-ing aus dem Bericht der Finanz- > kommission hervor, daß neben kleineren Zrveckverm ögcn der Friedhoffond Mk. 82 000 beträgt und ein Stiftnngsfond vorhanden fei, der 33 000 Mark aufweist. Von Seiten der Gemeinde werden auch diesmal wieder die gesetzlichen Gehaltskürzungen bei der: Beamten vorg^- nommen, die 5 bis 7 % betragen. " ■ ★ BUCHERSCHAU Heinrich Kurtzig: An der Grenze. Gustav Engel Verlag- Leipzig. Preis drosch. 2,85; in Ganzleinen geb. 3,50. Es gibt Bücher, die jetzt geschrieben werden müssen, weil sie in einigen Jahrzehnten nicht mehr geschrieben werden könnem. Bücher über das Leben Sn den Kleinstädten der ehemaligen Provinz Posen müssen jetzt geschrieben werden, denn in 50 Jahren wird sie niemand mehr aus eigenem Erleben schreiben gönnen. Seit 1919 gehört die Provinz Posen der Vergangenheit an. Schon in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg begannen diese jüdischen Gemeinden auszusterben. Wer die Juden der Provinz und ihre Nachkommen kennen lernen wollte, der mußte nach Berlin und Breslau und weiter westwärts gehen. — In Form einer Novelle — wirksamer als jede geschichtliche Darstellung — bringt Kurtzig eine Schilderung ostdeutschen Judentums, das. Leben und Treiben einer an der russischen Grenze gelegenen Kleinstadt. Jeder, der vor einigen Jahrzehnten in einer Kleinstadt der Ostpro>vinzen gelebt hat, erkennt seine Gemeinde wieder. Schlicht, aber warmherzig und liebenswürdig geschrieben, zeigt das Buch das festumgrenzbe jüdisch-religiöse Leben der Gemeinde, aber gleich zeitig den starken Drang der Juden, dem deutschen Kulturleben anzugehören. Wie treffsicher ist mit liebenswürdigem Humor die Sitzung des Gemein de Vorstandes, eine Wahl zur Repräsentantenve-fsammlung geschildert, aber ebenso lebendig der Jahrmarkt und der Ausflug des Gymnasiums. Alle Feiertage ziehen an uns in wahrheitsgetreuer Darstellung vorüber. Ich empfehle das Buch jedem, der selbst im Osten gelebt hat und jedem, den eine kulturgeschichtliche Darstellung ostdeutschen Judentums interessiert. Besonders geeignet ist das Buch als einwandfreier und anregender Lesestoff für die Jugend. Rabb. Dr. Georg Wilde, Magdeburg. , L. Thieben, Das Rätsel des Judentums. Pflugschar Verlag, Düsseldorf 1931. 143 8. Das vorliegende Buch ist das Erstlingswerk eines neuen Verlages, der, wie er in seiner Ankündigung sagt, durch wertvolle Bücher dem deutschen Geistesleben neues Licht aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis oder aus dichterischem Künstlertum zuführen will. Ob die Schrift von Th. diesem Vorhaben entspricht, muß füglich bezweifelt werden. Was ist nach ihm das Judentum? Alle bisher bekannten Theorien lehnt der Vf. ab. Eine Religion oder Konfession unter anderen Konfessionen ist es nicht; es ist nicht oder wenigstens nicht nur eine völkische Minorität; auch die rassentheoretische Auffassung des Judentums reicht keineswegs hin, um sein Wesen, seine Geschichte und seine Geheimnisse zu ergründen; von der soziologischen Seite ist Wer so, wie Herr Fisches, noch imstande ist, in körperlicher und geistiger Irische das Leben zu meistern, und wer. wie er, regen Ant-eil nimmt au den Ereignissen und Fragen des Tages, der darf die BeweH lichkeit des Körpers und die Schärfe des Geistes als ein ganz besonderes Gnadengeschenk des Alters betrachten. Es erschienen am Vormittag die Gratulanten im Hause bcs Jubilars, von denen Herr Rabbiner Dr. Norden die großen Verdienste des Herrn Fische! um das Wohl der Gemeinde, um die Verbreitung und Vertiefung jüdischen Wissens, und nicht zuletzt sein verständnisvolles Eintreten für den religiös liberalen Gedanken in längerer Rede auseinandersetzbe. Herr Fische! dankte für die ihm erwiesenen Aufmerlsamkeiten mit der bei ihm gkivohulen Beredsamkeit, und bewegten Herzens nahm er den Wunsch entgegen, daß es ihm vergönnt sein möge, sich noch recht lange feines ungetrübten Gesundheitszustandes zu erfreuen. Frankfurt a. M. (Sitzung der Gemeinde P e r t r c - t u n g.) In der Sitzung der Gemeinde Vertretung vom 4. November begrüßt der Vorsitzende Rechtsanwalt Mcrzbach die nach langer Krankheit wieder erschienenen Herren Naphtali Fromm und Tr. Rudolf Geiger. Alsdann wird Herr Hugo Hecht (Vp.) in den Gemeindevorstand gewählt, in die Religionsunterrichtskommission hat der Vorstand Oberstudiendirektor Triefen und Prof. Fritz Heineinann kooptiert, in die Ignatz und Anna Sichel-Stiftung tvird Herr Jakob Trum wiedcrgeN'ählt. Tie Rechnung des jüdischen Krankenhauses für 1929/30 ist geprüft und für richtig befunden. Es liegen Berichte des Vorstandes über sozine Maßnahmen vor; sie betreffen ..Leitsätze zu einem Versuch der Behebung von wirtschaftlichen »nd soziale», Nöte» innerhalb der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M", Vorlage» zur Durchführung von Notstandsmaßnahmen auf dein Gebiete der sozialen Fürsorge, Hergabe von Räumen für die Leihkasse, den Verein für Berufsberatung und Arbeitsnachweis sowie für die Jngendvercine, die Zu sanimensepnng und das Arbeitsgebiet der Kommission für soziale Fürsorge, die Entwicklung der Notstandsküche und die Errichtung einer Toynbeehalte, die Auszahlung von Subventionen an die Anstalten oer offenen und geschlossenen Wohlfahrtspflege und an die Jugendorgani sationcn für das ziveite Halbjahr. .Herr Julius Bloch (lib.) als Vertreter das Vorstandes gibt hierzu ausführliche Erläuterungen. Er berichte! u. n., daß die Notstandsküchc täglich 400 Portionen Essen ä 10 Pfennig verteile, daß eine Kleidersammlnng nur iin Rahmen der allgemeinen „Frankfurter Volkshilfc" statthaben könne, daß die Leihkasse iin Vorjahr in 209 Fällen Darlehen von insgesamt 56 350 Mark gegeben habe und weiter ihre Tätigkeit zur Gründung mrd Ausrechterhaltung von Mittelstandscxistcnzcn ausüben und ertveitern wolle, daß ferner iin allen Jüdischen Krankenhaus (Königswarterstraße) eine Wärme- und Lesehalle und mit Unterstützung der Wohlfahrtspflege des Jüdischen Frauenbundes und der weiblichen Fürsorge ein Toynbee Halle errichtet werden solle. Damit ist zugleich die Anfrage von Julius Simon (Dp.), „was geschehen sei, um der große» Not innerhalb der Frankfurter Juden zu steuern", beantwortet. Nach längerer Beratung werden die Vorschläge des Vorstandes angenommen »nd durch einige Anregungen von Rechtsamoalt Arnsberg (Bp.) ergänzt. Sie beweffen: engere Zusammenarbeit der Arbeitsnachweis!?, sowie die Ergänzung der Wirtschaftskommission durch namhafte Persönlichkeiten der Wirtschaft (Wirtschaftsbeirat), um die Eingliederung der Erwerbslosen ins Wirtschaftsleben zu erleichtern. Anträge, bei der Leihkassö mit den charitativen auch kaufmännische Funktionen zu verbinden, werden abgelehnt, ebenso Ländereien pachtweise an Erwerbslose zu geben. Der Jugend werden, wie auch der Leihkasse, dem Arbeitsnachweis und der mensa akademica in dem Hause Escherslteimerlandstraße Räume überlassen. Die 33 Jugendvereine sind durch eine Jugendkommisswn vertreten. In einer nichtöffentlichen Sitzung werden vornemlich Steuer-, Finanz- und Personalangelegenheiten besprochen. Freystadt. (Syna g ogen sch an düng.) In der Nacht zum 6. November d. I. wurden in der Synagoge in Frcystadt (Ostpreußen) - - wie dem Centralverein mitgeteilt wird — neun Fensterscheiben eingeworsen. Die Polizei ist um die Ermittlung der Täter bemüht. Htrleshausen. (Todesfall.) Nach kurzer und schwerer Krankheit ist im Krankenhaus zu Eisenach der frühere Relilionslehrer und Kantor E. Alexandrowitz, fast 76 Jahre alt, verschieden. Bemerkenswert ist der Leidens- und Schicksalsweg des Entschlafenen. Der Weltkrieg hat ihm vier hoffnungsvolle Söhne geraubt, nach Abtretung der Ostprovinzen mußte er hier eine neue Existenz suchen. Nach Auflösung der öffentlichen Volksschule übernahm er das Amt des Religionslehrers, Kantors und Schächters, wobei der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in Berlin ihm hilfreiche Hand bot, um den fast Heimatlosen vor schwerster Not zu bewahren. In der Synagoge fand eine Trauerfeier statt. Kreisrabbiner Dr. Baßfreund, Eschwegc, schilderte in beredten Worten das Leben und Wirken des 'Verblichenen. Für die Lehrerschaft sprach Lehrer i. 9t Rosen stein herzliche Abschiedsworte. Kantor Bachrach, Eschwege, und der Bruder oes Entschlafenen sangen ergreifende hebräische Weisen. Ein groß.'»- Trauergefolge geleitete den Sarg zur letzten Ruhe. Kassel. (Aus der Gemeindc.) Die neue Fricdhofsordnrmg, nie in mehreren Sitzungen der Gemeinde-Aeltesten zur Debatte stand, wurde vom Kollegium endgültig beschlossen nnd verabschiedet. Auch die „Geschichte der jüdischen Gemeinde Kajsels", die wiederholt B,' ratungsgegenstand bildete, konnte zur Drucklegung gegeben werden. Das interessante und durch zahlreiche Illustrationen jünstlerisch ansge staltete Werk, das auch außerhalb Kassels Interessenten finden tvird, soll zu Chanukkah erscheinen. Nach einem früheren Beschlüsse der Gemeinde-Aeltesten wurden anläßlich des Todestages von Franz Rosen zweig die dafür bestimmten Werke an würdige Schüler, die als Ver treten höherer Lehranstalten, der Religions- und israelitischen Volksschule bestimmt worden waren, verteilt. lerischet Erörterung werden, ohne daß die Seelen Gläubiger verletzt werden müssen. Tie Behandlung eines, großen Menschenmassen heilig erscheinenden, Themas an sich braucht noch durchaus nicht die Tatsache des Sakrilegs zu involvieren. Die Form allein entscheidet. Und von diesem Gesichtspunkt aus müssen wir uns allerdings dem Votum des letzten Diskussionsredners, Tr. Schweitzer, anschließen, daß die durch Ilse Langner dramatisierte Historie Mary Bakers und ihrer Sekte geeignet scheint, lediglich dem Sensationsbedürfnis des gegenwärtigen Theaterpublikums zu dienen: vulgo: einen billigen Nervenkitzel zu erzeugen. Ta wir selbst die Möglichkeit einer Inkrimination wegen Gotteslästerung auf das Entschiedenste ablehnen, vermögen wir aber auch die ungemein Maßvollen und toleranten Argumente des deutschnationalen Pfarrers Koch zu würdigen, der erstens vermeinte, daß vielleicht mancherorts im deutschen Reich, wo die suggestiven Mittel der Inszenierung und Darstellung nicht die gleichen wären wie gerade an den Berliner Reinhardt-Bühnen, leicht ein anderer, mißverständlicherer Eindruck des Werkes erzeugt werden könne, und der zweitens zum Ausdruck brachte, daß gewisse kultische und rituelle Symbole und Embleme, — wie sie von der Baker gerichtsnotorisch durch ihre Vergliche mit Moses und Christus, ihre Bibelentstellungen und ihrem Mißbrauch des Gottesnamens (zu geschäftlichen Zwecken; „God and the Dollar") vorgenommen wurden — grundsätzlich nicht auf die Schaubühne gehörten. Der protestantische Pfarrer, der auch das Vergehen einer etwaigen Gotteslästerung heftig verneinte, machte sich nur zum Interpreten des gleichen seelischen Unbehagens, das wir kürzlich anläßlich ähnlicher Vorzüge in dem Kunstwerk des David Golder-Filnts zur Geltung brachten. Aus literarischen, nicht aus religiösen Gründen glauben wir, daß die „Moritat" von der „Heiligen aus USA." getrost hätte unterbleiben können. Die Abrechnung mit der großstiligen Hochstaplerin, die Frömmigkeit und Busineß so erfolgreich zu vereinen wußte, hat ihr großer Landsmann Mark Twain wesentlich witziger und schlagkräftiger durchgeführt. Dazu bedurfte man des bühnenwirksam aufgezogenen Bilderbogens Ilse Langners wirklich nicht. Gotteslästerung — nie und nimmer! Eher eine Sünde wider den heiligen Geist der Kunst, dem doch wohl geopfert werden sollte. In unseren Augen ebenfalls ein unverzeihliches Tel,kt. Daß sich in Deutschland aber ein Staatsanwalt zu finden vermöchte, der diesem Opus die Ehre einer Anklage auf Grund des § 166 des Strafgesetzbuches angedeihen ließe, wollen wir bis auf weiteres bezweifeln. Selbst angesichts des Umstands, daß das Programmheft der Reinhardt-Bühnen seinen Ausführungen über das Sujet der „Heiligen" als Motto den Aphorismus Lichtenbergs voransetzt: „Wenn Religion der Menge schmecken soll, so muß sie notwendig etwas vom Hautgout des Aberglaubens haben." — „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Sicherlich! Und trotzdem behaust die Erde Millionen Gläubiger, die nie ein anderes Wunder erlebt und erfühlt haben als die echte Inbrunst ihres eigenen Herzens, gleichviel, welcher Konfusion sie angehören mochten. Rein, Gott „macht niemals Konkurs". Häufig aber die Hybris der menschlichen ratio. Zwei Dohlfahrls-Aonzerte Zu einem Konzert zum Besten ber Berliner Winterhilfe lnd die Jüdische Reform-Gemeinde am Sonnabend, dem 21. November, in ihrem Gotteshause ein. Eine Anzahl unserer besten Künstler hatte sich in den Dienst der guten Sache gestellt; im Verein mit dem prachtvollen Chor der Reform-Gemeinde boten sie eine Auswahl erlesenster musikalischer Genüsse. Besonders eindrucksvoll wirkten von Fritz Lechner gesungen „SD Tod" von Brahms, die Beethovenlieder von Hermann Sche y und Bachs „Schlummert ein, ihr matten Augen" von Paula Lindberg und dem Cellisten Ewel St eg mann meisterhaft zu Gchör gebracht. Joses Schmidt sang mit dem Chor aus der Liturgie des Freitag-Abend-Gottesdienstes von Zelter-Lewandowski „Einst in fernen Tagen". Hermann Schildberger erzielte mit seinem Chor erstaunliche Leistungen — prachtvoll klangen: „Die Allmacht" (Solistin Gertrud Baumann), „Güb Frieden" mit Fritz Lqchner und die Psalmen von Fmnk und Brahms. Eingeleitet wurde der Abend mit dem schönen Orgelspiel des Herrn Stabernack, der auf der herrlichen Orgel des Gotteshauses zwei Kompositionen von 'Mustal und Frank spielte. Eva Ort mann sang mit schöner Sttmme Mozarts „Stark nnd mächtig" aus der Liturgie der Reform- Gemeinde. Sehr stimmungsvoll waren die Cello-Vorträge, von Evel Stegmann mit bekannter Meisterschaft dargeboten. Außer dem musikalischen Teil gab es noch Rezitationen der bewährten Vortragskünstlerin Edith Herrn ft adt-Oett i n g e n und des Herrn Gad S h e l a s o. Am 22. ds. Mts. fand im Brüdervereinshaus ein Wohltätigkeitsabend zum Besten des Israelitischen Krankenhauses Elsässer Straße statt. Als Einführung richtete Frau von Kardorff einige zu Herzen gehende Worte an die zahlreich erschienenen Gßste. Darauf folgte ein Bortrag von Frau Ada Schmidt-Beil. Den müsikalischen Teil eröjfnete Heinz Fischer, der mi>t großer Bravour Werke von Brahms und Liszt zu Gehör brachte. Lore Kornell sang Lieder von Schubert nnd Wolfs. Rvse Walter entzückte die Zuhörer mit ihrem temperamentvollen Borttag von Schubert und Strauß. Alfred Wittenberg spendete feinsinnig Gaben von Beethoven, Mendelssohn, Brahms. Felix Günther machte aus seinen Begleitungen eigene Kunstwerke. Zum Schluß las Erich Kästner einige eindrucksvolle Verse aus seinen Werken. Herr Dr. Hirsch dankte den Künstlern nnd Erschienenen^ zum Gelingen des Abends. Es waren zwei wohlgelungene Abende, die hoffentlich^ beide ihren Zweck erfüllen. L. G.