Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 46-47 (25.11.1931)
- Date
- 1931-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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anlassen, aus ihrer Verborgenheit hervorzutreten. Wir Kantoren werden die ersten sein, die ihre Werke, wenn sie eine Bereicherung der Synagogcnmusik sein sollten, »nit Begeisterung begrüßen und propagieren werden. Wo find sie'? Hoffen wir, daß sie recht bald kommen und nnS wirklich Neues und Imposantes bringen! Bis dahin »virken wir Kantoren in Gemeinschaft mit Allen, die, wie »vir, in Demut der künstlerischen Ausgestaltung und der re ligiösen Erneuerung des Gottesdienstes dienen wollen.als die inusikalischen Träger dieser Gottesdienste. Wir verschließen Aus nicht dem Neuen, wenn es gut und edel ist — aber wir fühlen uns als die Verwalter und Fortführer einer musikalischen Tradition, die, auch wenn Guttmaun sie noch so verächtlich als „Schlamperei" bezcich.net, dennoch zum lebendigen religiösen Gut der religiösen Judenheil geworden ist. Wie schmerzlich hochverdiente Männer dieser Einstellung, Kantoren Komponisten, die ihr ganzes Leben dem Dienste der Synagoge geweiht haben, sich von den unberechtigten und unpassenden Angriffen Guttmanns berührt gefühlt haben, mögen die ergreifenden Worte eines unserer hochverehrter Altmeister, des ehrwürdigen, greisen Kollegen, Professor Emanuel Kürschner (München), die er in einem Briefe an mich schreibt, dokumentieren. Nachdem er das Streben der Neuzeit nach Weiterentwicklung der synagogalen Musik als durchaus berechtigt anerkennt, ruft er schmerzlich aus: „ ... Allein, noch harren mir der Schöpfungen unserer Neuzeit, die Berechtigung gäben, über die Arbeiten einer hinter uns liegenden Epoche verächtlich die Achsel zu zucken, wie das hie und da bedauerlicherweise geschieht." Abschließend möchte ich noch einmal ganz besonders betonen, daß diese Zeilen lediglich der Abwehr und der Verteidigung zu Unrecht Angegriffener dienen, solcher, die sich nicht mehr wehren können (Toter), und solcher, die sich nicht wehren wollen (Lebender). Es liegt uns am Herzen (ich glaube, dieses im Namen aller Kollegen sagen zu dürfen), mit allen aiu Gottesdienst beteiligten Funktionären harmonisch zusammenzuarbeiten, aber es kann und darf nicht unwidersprochen bingenommen werden, wenn ein Chordirigent versucht, den Kantorenstand in der Oeffentlichkeit herabzuwürdigen und ihm die Stellung streitig zu machen, die ihm zukommt. Dem Kantor muß die Stellung gewahrt bleiben, die er seit je gehabt hat, sollen nicht die Synagoge und der jüdische Gottesdienst ihr geschichtlich-charakteristisches Gepräge verlieren. | Benag Levy | An den Folgen eines vor zwei Monaten erlittenen Schlaganfalls ist eines der treuesten und bewährtesten Mitglieder des liberalen Judentums, Herr Beiras Levy, am vergangenen Freitag gestorben. Der Verstorbene, der im 76. Lebensjahre stand, hat lange Jahre der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde angehört; in den Borkriegsjahren war er der beste Kenner des Gemeindeetats und hat alljährlich das Etatreferat gehalten. Dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehörte er ebenfalls an und stand bis zu seinem Lebensende an der Spitze dieses Vereins. Am bekanntesten aber ist Herr Levy der jüdischen Oeffentlichkeit durch sein Vorsteheramt in der Synagoge Fasanenstraße geworden, das er nicht nur seit Erbauung dieser Synagoge, sondern schon vorher ausgeübt hat, denn die Gründung und Erbauung der Synagoge Fasanenstraße berrachtete er so recht als sein Lebenswerk. Auch im nichtjüdischen allgemeinen Lckien genoß er großes Ansehen, er war viele Jahrzehnte hindurch einer der bekanntesten Männer der deutschen Baumwollenbranche und einer der gründlichsten Kenner des in- und ausländischen Baumwollmarktes. Im Handelsteil pes Berliner Tageblatts veröffentlichte er eine große Anzahl von Tertilaufsätzen, die sich durch Gründlichkeit und Sachkundigkett auszeichnen. Die große Beliebtheit des Verstorbenen zeigte sich deutlich durch die außergewöhnlich rege Beteiligung an seiner Beerdigung am vergangenen Montag. Rabbiner Dr. Bergmann hielt die Trauerräw, Dr. S. London sprach für die Gemeindekörperschasten, R.-A. Dr. Julius L. Seligsohn für die Synagoge und den Synagogenverein Fasanenstraße, Professor Elbogen für den Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Musikalische Vorträge von Oberkantor Magnus Davidsohu gaben der Feier einen würdigen Rahmen. — Mit Benas Levy verschwindet eine der markantesten Erscheinungen und ein großer Wohltäter aus dem Berliner Gemeindeleben und auch ans der Bewegung des liberalen Judentums: sein Tod hinterläßt eine Lücke, die sich sobald nicht schließen wird. Gotteslästerung oder nicht? Von Doris Miltner. Die Theaterzensur ist zwar in der deutschen Republik offiziell abgeschasst. Erhalten geblieben aber ist jener ebenso unbestreitbare wie streitbare Obskurantismus des Geistes, aus dessen dämmrigen Schlupfwinkeln bei jeder Gelegenheit jene biederen Philisterseelen hervorkriechen, die d-as vorgeschriebene „Aergernis nehmen". Es gibt eine unübersehbare Gilbe solcher nahezu berufsmäßigen Aergernisnehmer, Mucker und Ducker, gegen die seinerzeit selbst der unvergessene Furor des Kampfes gegen die Lex Heintze vergÄlich anrannte, und der gegenüber auch die erleuchtetsten und vorurteilslosesten Geister oft unterliegen werben. Die Theatergeschichte der deutschen Bühnen ebenso wie der sogenannte Feldzug „Gegen Schmutz und Schund" ist reich genug an erstaunlichen Beispielen für diese Materie. Trotzdem erregt jeder neue Fall neue Verwunderung oder gibt zum mindesten den Anlaß, die ewig gestrige Verdunklung heutiger Gehirne aus der Nähe kennen und erkennen lernen zu wollen. Es war darum ein dankenswertes Unternehmen von. der Leitung der Reinhardt-Bühnen, daß sie am Freitag, dem 20. d. Mts., im „Theater am Oursürstend a m m" einen freien Diskussionsabend über die Problematik des seit dem 6. November auf dem Spielplan dieses Theaters stehenden Stückes von Ilse Langner „Die Heilige aus U.S.A." eröfsnete. Angeblich ist an diesem historischen Drama wicker das oben gekennzeichnete Aergernis genommen worden; ZeitungsanHriffe von beliebter Anonymität sollen erhoben worden sein; eine etwaige Strafanzeige wegen Gotteslästerung soll das Werk, die ausgezeichnete Regie sowie die meisterhafte Darstellung der Titelrolle durch die Schauspielerin Agnes Straub bedrohen. Wir vermögen nicht zu beurteilen, ob und was von all diesen kleine Nachrichten Am 26. und 27. November findet in Paris eine i«ternati»«ale Konferenz für die AvrüftllNg statt. Vertreter von zahlreichen Organisationen aller Böller sollen in einer gemeinsamen Resolution den- Be > ratlingen der im Februar 1932 in Gens beim Völkerbund zusummentrelenden Abrüstungskonferenz die Grundlage geben. Zu der Versammlung in Paris sind unter den deutschen Organisationen auch die Vertretungen der Religionsgemeinschaften cingeladen morden. Für die jüdische Religionsgemeinschaft wird der Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des deutschen Reiches, Kammergerichlsrat Leo Wolfs, an der Veranstaltung teilnehmen. Zu der am 26. und 2!>. November in Paris stattsindriidcn internationalen Konferenz für die Abrüstung ist auch der Emirat' verein deutschrr Staatsbürger jüdischen Glaubens offiziell cingeladen worden. Er hat seinen stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Rechts anlvalt Dr. Bruno Weil, Berlin, mit seiner Vertretung betraut. In der Lesser-Ury-Gedächtnisfrier der Freien Jüdischen Bolkshoch schule entwarf Tr- Rudolf Kayser in einer feinsinnigen Darstellung das Charakter und Weltbild Lesser Urys. Im Anschluß daran gab Dr. Karl Schwarz in einem Lichtbildcrvortrag einen um Essenden Ueberblick über das Schaffen des Künstlers, dessen Werdegang er in warmen Worten schilderte. Tie Feier tvurde von Darbietungen des Dr. Kurt Singerschen Chors umrahmt, und eine überaus zahlreich erschienene .Hörerschaft ehrte durch seine ergriffene Anteilnahme das An denken des Künstlers. Tie Zinsen aus der im Jahre 1919 dem Andenken der jüdischen Malerin Helene Fischbein errichtete« Stiftung sollen in diesem Jahre wieder zur Verteilung gelangen. Als Betverberinnen sind zmzcleissen: junge Künstlerinnen (Malerinnen und Bildhauerinncn) in Ber lin beheimatet, jüdischer und christlicher Konfession. Bemerkungen haben bis zum 5. Dezember ds. Js. an die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde, Berlin N. 21, Oranienburger Straße 29, zu erfolgen. Wie lange noch kareski? Eine bescheidene Anfrage. Am 22. Oktober faßte die Repräsentantenversammluug, wie hier aussührlich berichtet wurde, folgenden Beschluß: „Herr Kareski besitzt nicht das Vertrauen der Reprä sentantenversammlung, weil sein öffentliches Auftreten mit dent Ehrenarnt eines Gemeindevorstehers nicht vereinbar ist. Tie Repräsentantenversanunlung erwartet vom Gemeindevorftand, daß Herr Kareski vom Gemeindeoor stand mit keinem Dezernat betraut, in keinen Ausschuß abgeordnet und mit der Vertretung des Gemeindevorstandes nicht beauftragt wird." Das war, wie gesagt, am 22. Oktober. Wir wissen uns als Sprecher weitester Kreise der jüdischen Oeffentlichkeit, wenn wir hier die Frage erheben, was in Ausführung dieses Beschlusses von den maßgebenden Stellen bisher unternommen worden ist. Dr. Cirl Melchior, Mitglied des Bankhauses M. M. Marburg in Hamburg, ist durch den Reichsbankpräsidenten Dr. Luther zum deutschen Mitglied des beratenden Sonderausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, der gemäß dem Memorandum der Reichsregierung die deutsche Zahlungsfähigkeit erneut prüfen soll, ernannt worden. Dr. Carl Melchior hat Deutschland bereits bei der Stillhaltekommission der B.J.Z. vertreten, der er als Vize-Präsident des Berwaltungsrats angehört. Seit Kriegsende hat er an keiner wichtigen internationalen Finanzkonferenz gefehlt, von der Waffenstillstands-- konxmission bis zu den 'Aoung-Verhandlungen und der zweiten Haager Konferenz. Melchior, der aus der Richterlaufbahn kam, Banksyndikus, dann Bankier wurde, ist einer der hervorragendsten Kenner der Reparation?-- und Schuldensragen. ': * | Aus den Gemeinden |»j Bartenstein. (S ch ä ch t v c r b o t.) Der Magistrat der Stadt Bartenstein hat Plötzlich mit der Motivierung des Tiefschutzes ein Schrchtverbot auf dem dortigen Schlachthof ergehen lassen. Ter Magi strat stützt sich hierbei aus zwei Entscheidungen des Oberderwaltungs gerichts aus den Jahren 1901/1904. Die Gemeinde hat mit Unter stützung des Centralveveins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Synagogenverbandes Ostpreußen gegen dieses Verbot bereits Beschwerde' beim Regierungs-Präsidenten in Königsberg eingelegt, d?r jedoch den Magistratsbcschluß infolge der Rechtsprechung des Ober verwaltungsgerichks als zu Recht bestehend erklärte. törichten 'Gerüchten auf Wahrheit beruht. Aber, wir wollen die Prämisse als gegeben erachten und haben uns darum bemüht, sowohl das Werk selbst als auch die von den Dis kussionsrednern für und wider vorgebrachten Argumente unter den Voraussetzungen des inkreminierten Tatbestandes so objektiv wie möglich zu würdigen. „Die Heilige aus USA." liefert eine stark parodistifch gefärbte Reportage des Lebens und der phantastischen Laufbahn der Mary Baker Eddy, der Begründerin der...Christian Science". Daß der berüchtigte Paragraph 166, der sogenannte Gotteslästerungsparagraph, hier ernstlich nicht in Frage kommen kann, ergibt sich wohl schon allein aus der Tatsache, daß die „Christliche Wissenschaft" ja nicht den Charakter einer anerkannten Religionsgemeinschaft besitzt, sondern gleich hundert und aber hundert anderen Sekten zwischen Wohlwollen, Anhängertum und Kritik frei im Raume schwebt. Wenn irgendwer sich veranlaßt fühlen könnte, Beschwerde gegen die vielleicht etwas sehr drastische Darstellung durch die Dramatikerin Ilse Langner einzulegen, so wäre es höchstens die Verwaltung der „Christian Science" selbst, keinesfalls aber eine der anerkannten Kirchen, deren Dogmen und Formen durch das Gesetz geschützt werden. Wir glauben, daß es sich im vorliegenden Falle lediglich um eine ästhetische Angelegenheit, d. h. um eine Geschmacksfrage handelt, und die hat das Theaterpublikum selbst, nie und nimmer aber die Staatsanwaltschaft zu entscheiden. Wir persönlich hätten uns gut nnd gern eine taktvollere Veranschaulichung einer Bewegung wie der „Christian Science" und ihrer abenteuerlichen Begründerin Mary Baker vorzustellen vermocht. Wir wissen aus der Literaturgeschichte zur Genüge, daß ähnliche Strömungen — wir wollen nur an den Mormonenkultus, an Paracelsus, an ostasiatische Kulte, an den Flagellantismus, den Veitstanz, die Kinderkreuzzüge, die Wahlfahrtszüge nach Lourdes und zum heiligen Rock von Trier und ähnliche Erscheinungen erinnern —, die episch und dramatisch oft genug behandelt worden sind, ohne daß sich jemand bemüßigt Berlin. (K o m NI tt j i c »t t a t Alfred Zie 1 enzigec 7 9 Jahre alt.) Am 1. November feierte der Vizepräsident der Berliner Börse, erster Vorsitzender der Berliner Produktenbörse, Kommerzienrat Alfred Zielenziger, seinen 70. Geburtstag. Deutschlands erster Getteidekaufmann war an diesem Tage Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Sie galten dem Mann, der in schwierigen Situationen als tveltbckannter Fachinann oft voin Reich, von der preußischen Regierung, von der Stadt Berlin, von der Landwirtschaft, dem Gewerbe und dem Handel zu Rate gezogen tvurde. .Herr Kommerzienrat Zielenziger ist auch an jüdischem Dingen sehr interessiert. Der ^Bewegung des liberalen Judentums hat er sich vor Jahren an geschlossen' und ihre Arbeit stets unterstützt. Dem Jubilar spreche» auch wir unsere herzlichsten Wünsche aus. Berlin. ((I u b i l ä u in.) Wie viele Alters-, Waisen- und andere Heime, so feiert.auch das jüdische Lehrlingsheim Pankow am 6. De zember sein Ehannkkahsest. Wir würden aber diese Tatsache hier nicht vermerken, wenn nicht ein bestimmter Anlaß dazu Vorlage. Die Veranstaltung wird nämlich verbunden mit einer Festlichkeit zu Ehren des Herrn Direktor Oskar Israel und seiner Gattin, die beide an diesem Sonntag in der Ehanukkahlvvchc ihr 25 jähriges Amtsjubiläum als Leiter des Lehrlingsheims begehen. .Herr Direktor Israel ist weit über den Rahmen seiner Tätigkeit im Lehrlingsheim hinaus aus seiner vielfachen ehrenamtlichen Tätigkeit im jüdischen Leben, hauptsächlich auf religiös-liberalem und philanthropischem Gebiete bekannt, und man weiß auch, daß seine Gattin ihm uner->nüdlich zur Seite steht. Dem verdienten Paar sei deshalb an dieser Slelüe ein herzlicher Glückwunsch ausgesprochen. Dresden. (Aus dem G e m e i u d e r a t.) Auf die Nachricht vom Ableben seines Mitgliedes Direktor G l a u b e r vernimmt das Kollegium stehend die herzlichen Gedenkworte, die der Vorsitzende Sanitätsrat Zimmer,nann dem Entschlafenen widmet. Herr Max Lasser, welcher in den Vorstand nachrückt, und Herr Dr. mcd. Barasch, welcher neu in den Genieinderat cintritt, werden crage sührt; Herr Lesser dankt für die Begrüßung und verspricht, um Aus gleich bestehender Gegensätze besonders bemüht zu sehr. Er bedauert die neuerdings nach Parteibinvungeu erfolgende Wahl der Gemeinde- Vertreter und bezeichnet es als erstrebenswert, dcch sich jedres Mitglied nicht so sehr seiner Partei als vielmehr der Gesamtgomernde verant wörtlich fühlt und deren Interessen ivahrnimmt. Hierauf erläßt der Vorstand aus einem besonderen Anlaß die Erklärung, daß die Leitung der Gemeinde keinen Unterschied zwischen West- und Ostjudcn kenne und sich gegen alle Versuche, den inneren Frieden der Gemeind» zu stören, wenden werde. .Herr Schapira berichtet über die Stellung des Friedhofsausschuss cs zu den von der Volkspartci eingebrachten Anträgen. Daraus ist erwähnenswert, daß günstige Verhandlungen mit der Stadt wegen Erwerb von Land zum Zwecke der in etwa 2 Jahren fällig werdenden Vergrößerung des Friedhofs angebahnt sind und ferner, daß ein neuer Gebührentarif an Stelle des seit 1874 in Kraft befindlichen ausgcarbeitet werde. An dem Beschluß, Denkmäler erst nach voller Bezahlung der Bestattungskosten zuzulasse-n, wird festgehalten: es soll aber, da Bedenken laut wurden, die juristische Seite dieser Maßnahme eine besondere Prüfung erfahren. Einl: längere und erregte Aussprache entwickelt sich im Anschluß an das von Herrn Dr. S ch o r n st e i u erstattete Referat der T a u ch b a d k o m m i s i i o n belr. der um die Subvention des Vereins Schomre Hadaß in der letzten Sitzung aufgeworfenen Fragen. Das Rabbinat, welches religiös keine Beanstandungen gegen den Betrieb der Mikwah zu erheben hatte, wird auf Mehrheitsbeschluß als diejenige Stelle eingesetzt, welcher die Aufsicht über das Bad obliegt unter gleichzeitiger Aufhebung der gewählten Kommission. Die Subvention, wird beschlossen, wieder in bisheriger Höhe (1500 Mk.) zu gewähren mit der Auflage, datz der Verein die vom Ausschuß gewünschten Acnderungen in hygienischer Beziehung gewährleistet. Auf die grundsätzlich wichtigen Aeuße° rungen des Herrn Loewenthal (orth.), daß es sich nicht um eine Subvention, sondern um ein Entgelt handle, welches keinerlei Kontrolle der Gemeinde über den Verein rechtfertige, erinnert Herr Rabbiner Prof. Winter an die Vorgänge, wonach der Verein verpflichtet sei, das der Gemeinde zukommende Bad, welches er s. Zt. durch Errichtung eines eigenen illusorisch gemacht habe, abfindungsweise zurückzugebcn. Der Wunsch, so erklärt hierauf Herr Apt, das von etwa 40 Frauen im Monat benutzte Bad wieder in Gemeinderegie zu übernehmen, sei zwar ideell verständlich, finanziell aber bis auf weiteres undurchführbar, worauf denn die von Dr. Levy gestellten Anträge ^Annahme finden. Die letzten Punkte vor der Geheimen Sitzung betreffen Annahme eines B-ermächtnisses Faust im Betrage von Mk. 8000,— und Einverständnis mit der vom Fürsorgeausschuß (Herr Schocken) beantragten und inzwischen durchgeführten Haussammlung der Gemeinde zugunsten dar Winterhilfe. Dresden. (Aus der Gemeindeverwaltung.) Die Vorbereitungen einer auf Beschluß des Gesamtvorstandes Hi die Weg-e geleiteten Geueralrevision haben, unmittelbar vor deren Beginn, tvseit zurückreichende Verfehlungen langjähriger Beamter zutage gefördert. Die Betreffenden wurden sofort vom Dienste suspendiert; die Staatsanwaltschaft hat die Angelegenheit, über die zu gegebener Zeit wditcres berichtet werden wird, in Händen. Begreiflicherweise hat diese ganze Kette überr-aschender Vorfälle in den letzten Wochen angefangen mit der kürzlichen Amtsniederlegung des bisherigen geschäftssührenden Vorstehers, ungeheure Erregung in der Gemeinde ausgelüst; sie sind, von »velchem Standpunkt man sie auch betrachten möge, auss tiefste zu beklagen. Wuppertal-Elberfeld. (7 5. Geburtstag von Victor Fis che l.) Das verdienstvolle und angesehene Mitglied der hiesigen Syiiagogen-Gemein-e, Herr Victor Fischet, feierte am 16. November, umgeben von Gattin, Kindern und Kind^eskindern, den 75. Geburtstag,. fühlte, Anstoß zu nehmen. Wir wissen, daß in der gleichen Woche wie die Uraufführung der „Heiligen aus U.S.Ä.", F. Neumeyers „Die Herde sucht", in deren Mittelpunkt der noch unter uns wandelnde „Prophet" Weißenberg steht, üder die Bühne des Schillertheaters gegangen 'ist, ohne einen Jo geräuschvollen Widerhall zu finden, obwohl oder vielleicht weil Neumeyers dramatische Verkörperursg des ^.Wutldermannes" und seiner Lehre dem Kunstwerk Ilse Langner? nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen ist. Und Standardbeispiel ans dem Bereich der gleichen Problematik? Dostojervskijs unvergleichliches Gespräch zwischen Christus uttd dein Großinquisitor, worin gewiß die letzten Dinge religiösen Empfindens berührt, aber eben durch die Genialität eines überlebensgroßen Dichters geadelt werden. Wir resümieren demnach, daß wir da» Kunstwerk „Die Heilige aus U.S.A." selbst in Ansehung seines fragwürdigen Gegenstandes und als reine Travestie betrachtet als ziemlich minderwertig und — für europäischen Geschmack »venigstens — als etwas kulturwidrig empfinden, daß wir aber den Gotteslästerungsparagraphen in keinem Falle für zulässig erachten können. Die Diskussionsredner, Juristen, Künstler, Theologen — die Mediziner waren leider ausgeblieben — haben sich denn auch einstimmig zu dem gleichen Standpunkt bekannt. Selbstverständlich, daß der Präsident des Strafvollzugs, Geheimcat Finkenburg, aus rein sachlichen Erwägungen die materickle Grundlage für eine etwaige Klageerhebung bestritt. Ebenso natürlich, daß Justizrat Rosenberger, bekannt als Verteidiger aus dein ersten literarischen Gotteslästerungsprozeß, wie als Kämpfer in dem noch mcht ganz vergessenen hochnotpeinlichen Verfahren gegen Schnitzlers „Reigen", sein geistvolles Plädoyer gegen jene dunklm Gewalten richtete, die immer zum Lichte drängen, wenn es gilt, der Freiheit der Kunst ^ne Falle zu stellen. — Ceterum censeo: jede Heilslehre, selbst die eines Christus oder Buddha, können Gegenstand Must»