Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 46-47 (25.11.1931)
- Date
- 1931-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Tie „religiösen Sozialisten" mühen sich seit Jahrzehnten, diese allerdings nicht ganz einfachen Probleme ideologisch zu klären. Wenn Erwin Barr sich aber etwa auf den orthodoxen Marxismus in seiner ursprünglichsten Form berufen wollte, so sei ihm die jedem Sozialisten längst zur Binsenweisheit gewordene Tatsache mitgeteilt, daß Karl M a r x und Friedrich Engels selbst keineswegs die ökonomischen, also materiellen Faktoren als alleinige Triebkräfte des Weltgeschehens ansahen, sondern andere Momente sehr wohl anerkannten. Ein neuer Beweis hierfür findet sich in dem kürzlich erschieneneil I. Bande von Kautskys „Materialistische Geschichtsauffassung", wo zwei Briefe Friedrich Engels aus den Jahren 1890 und 1894 mied erg eg eben werden. Es heißt darin: „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment der Geschichte die Produktion und Reproduktion des Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich sc behauptet. Wenn nun jemand das : dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwanoelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase." Und in dem zweiten Briese sagt Engels: „Es ist nicht so, daß die ökonomische Lage Ursache, allent aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendig keit." Alle diese theoretischen Erörterungen spiegeln sich in der praktischen Haltung der deutschen Arbeiterparteien wieder. Für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gilt längst nicht mehr der Satz „Religion ist Opi am für das Bolk", sondern vielmehr das Wort: „Religion ist Privatsache". Jedes Parteimitglied kann also seine Einstellung zu den höchsten und letzten Dingen ungehindert nach der Stimme seines Gewissens regeln, kann seine politische Arbeit für'die Verwirklichung des Sozialismus mit religiöser Weltanschauung vereinbaren. Der Parteivorstarid der S.P.D. hat erst 1929 aus eine formelle Anfrage schriftlich bestätigt, daß innerhalb der Partei die religiösen Sozialisten mit den Freidenkern vollkommen gleich > berechtigt sind. Bon einer einseitig antireligiösen Einftel , lung der größten deutschen Arbeiterpartei kann unter diesen Umständen keine Rede sein. Anders war bisher die Haltung der Konnnunisten zu religiösen Fragen, doch ist seit denn Falle Eckert auch hier eine beachtenswerte Wendung zu verzeichnen. Ter religiöse Sozialist Erwin Eckert ist im September 1931 der K.P.D. beigetrLten und von dieser ausgenommen worden in seiner Eigenschaft als evangelischer Pfarrer, nachdem ihm aus sein Verlangen ausdrücklich bestätigt worden war, daß die Komunistifche Partei seiner religiösen Weltanschauung und Betäligung keine Hindernisse bereiten werde. Zurzeit finden zwischen der „Bruderschaft sozialistischer Theologen" und dem Zentralkomitee der K.P.D. Verhandlungen statt, die der näheren Umschreibung und Klarlegung der Beziehungen zwischen Religion und Kommunismns dienen sollen. Der „Bund religiöser Sozialisten", dessen Mitteilungsorganen die obigen Tatsachen entnommen sind, steht nn übrigen in seiner Mehrheit nach wie vor zur Sozialdemokratie, stellt aber prinzipiell seinen Mitgliedern frei, welcher der proletarischen Par teien sie sich nach eigener Gcwissensprüfung anschließen wollen. Mit den vorstehenden Ausführungen hoffe ich bewiesen zu haben, daß Marxismus und Religion nicht zueinander in unüberbrückbarein Widerspruch stehen. Etwas ganz anderes ist die Frage der Freidenker-Organisationen. Diese sind aber keine integrierenden Bestandteile der marxistischen Parteien, und wenn man sich mit ihnen auseinandersetzen will, dann ist die Problemstellung eine gänzlich andere als in dem Baer'schen Artikel. Die Beziehungen zwischen Religion und Sozialismus erhalten allerdings gerade für das Judentum in der Gegenwart besondere' Bedeutnug. Die wirtschaftliche Umschichtung des deutschen Judentums führt zu einer Proletarisierung immer breiterer Schichten. Die soziologische Struktur des deutschen Judentums ist heute schon eine ganz andere als vor einigeu Jahrzehnten, sie verlagert ihr Schwergewicht immer mcyr nach der proletarischen Seite. Den jüdischen Proletariern hat der Sozialismus etwas zu sagen - aber auch das Judentum hat ihnen etwas zu sagen. Das Judentum hat ihnen sogar b;el zu sagen - freilich nicht durch na tionrljüdische und auch nicht durch antimarxistische Beschwörungen, aber durch Hinweis aus jeneu Kern der jüdischen Lehre, der in der Thora, bei den Propheten und im nachbiblischen Schrifttum die soziale Gerechtigkeit nicht nur predigt, sondern immer wieder fordert. Daß hierüber vielfach Unkenntnis herrscht, ist leider Tatsache; die Zerstreuung dieser Unkenntnis, die Aufklärung über den sozialen Kcru der jüdischen Religion wäre eine dankbare Ausgabe für jüdisch-religiöse Sozialisten. Auch die sozialistischen Rabbi ner es gibt deren einige in Deutschland sollten sich dem Beispiele der sozialistischen Theologen in den christlichen Konfessionen anschließen und nicht allein von der Kanzel aus. sondern auch vor einer breiteren Öffentlichkeit für die als richtig erkannten Ideale der Gerechtigkeit, der Nächsten liebe und des Friedens eintreten. Tie religiös sozialistische Bewegung, die an äußerem Umfang und geistiger Vertiefung ständigem Fortschritt begriffen ist, erstrebt eine Synthese zwischen Religion und Sozialismus. Sie bejaht den politischer! und wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterschaft, wie er ni Partei und Gewerkschaft geführt wird; denu sie weiß, das; der Marxismus Herz- und Kernstück der Arbeiterbewegung ist, daß jeder, der gegen den Marxismus Stellung nimmt, naturnotwendig ein Gegner der Arbeiter klaffe ist. Aber sie sucht den politischen Tageskainpf ethisch zu fundieren und zu veredeln durch die Ewigkeits w e r t e d e r Religion. Auf dies« Weife erbringt der religiösc Sozialismus zu seineur Teile den Beweis, daß Marxismus und Religiosität keine Gegensätze sind. Wird das auch im Judentum, und ganz -besonders im Lager des freiheitlich denkenden Judentums erkannt, so verliert das Schlag wort von der „Roten Assimilation" seinen Sinn. Uebertassen wir dieses Schlagwort ohne Neid den Zionisten. Denn das Tummeln von phantastischen Steckenpferden ist nun einmal deren Privileg. Die Mrlschaftsnot der deutschen Juden Der Landesverband als Zentralstelle konstruttirec jüdischer Wictschafts- und Sozialpolitik. Aln 14. November trat in Berlin der Wirtschaftsaus schuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter Zuziehung von Vertretern besonders interessierter Organisationen zusammen, um konstruktive Maßnahmen zur Milderung der das deutsche Judentum besonders niederdrückendeu sozialen mtd wirtschaftlichen Not vorzuberciten. Um die Bedeutung dieser Fragen zu unterstreichen und Den Bevatun gen eine Resonanz in der Oessentlichkeit zu sichern, hatte der Vorsitzende, Dipl. Ing. Bruno Woyda, auch die Presse ein geladen, die auch zahlreich vertreten war. Altwesend waren u. a.: Kammergerichtsrat Leo Wolfs, Präsident des Ra tes des Preußischen Landesverbandes, Direktor Dr. h. c. Kleemait n, Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin; Dr. Leo Löwen st ein, Vorsitzende».- des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten: Dr. O l l e n d o r f f, der Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden; Dr. Kreutzberger, Geschäftsführer der Zentralwohifahrtsstelle; Staatssekretär Professor Dr. Julius Hirsch, D-r. Marcus (Verfasser des bekannten Buches über die Wirtschaftsschichtung der deutschen Juden), Dr. Lamm, Leiter des Wohlfahrts¬ und Jugendfürsorgeamts der Berliner Gemeinde; Dr. E l keles, Vorsitzender des Reichsbundes für jüdische Siedlung mit Bundesgeschäftsführer Martin Goetz; George Gvetz: Louis Wolfs und Wilhelm Marcus als Führer der jü discheir Handwerker, letzterer zugleich als Hauptvertreter des jüdischen Tarlehnskassenwesens; Alfred Berger, Frau Fat kenberg (Jüdischer Frauenbund). Zunächst wurde der Plan einer Wirtschaftsberatung der jüdischen Gemeinden beraten, worüber wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten. v Die Teilnahme von Juden an den Bestreb« »gen für nebenberufliche Siedlung behandelte Dr. Löwen st ein als Referent: Zu scheiden sind Haupt- und ncbeuberufliche Siedlung. Diese stellt nur eine Nothilfe und Uebergangsmaßnahme dar, nicht aber ist ihr Ziel systematische Berussumschichtung. Ausgegangen ist der Gedanke von den großen Kriegsteilnehmerverbänden aller Richtungen, zu denen auch der R.j.F. gehört. Uebernommen wurde er von den konfessionellen Vollsoerbänden und tutvb heute besonders führend vertreten durch den „Volksverein für das katholische Deutschland", nach und nach auch von Gewerkschaften, vor allem den christlichen. Alle diese Interessenten haben sich lose zusammengefunden, und ans diesem Kreise kommt der Anstoß zu den programmatischen Vorschriften in der Notverordnung des Reichspräsidenten vom 6. Oktober 183k. Tie neuesten Richtlinien des Reichskvmmissars besagen, daß monatlich 8 Millionen Mark kreditweise verfügbar würden. Tie.Arbeit liege in den Händen der Länder und Gemeinden, berücksichtigt würden nur geeignete Menschen, die auch schon an der Errichtung der baulichen Siedlungsgrundlagen Mitarbeiten und s'ch hier bewährt haben müßten. Jetzt bemühen sich die genannten Organisationen, Mitgliedergruppen in diese»! Rahmen anzusetzen und Mittel hierfür sreizvbekommeti. Die besonders schwachen jüdischen Kräfte müssen an einer Zentralstelle gesammelt und zusammengehalten werden. Bruno Woyda ergänzt das Referat und unterstreicht vor allem den nebenberuflicher, Charakter des Siedlungswerkes, das es zu einer Sonderforrn der Erwerbslosenhilfe wacht. Es kann hier Hunderten jüdischen Familien und jüdischem Leben ausgcholsen werden. Wenn wir vorhin, so führt Woyda ans, vom Referenten gehört haben, daß 8 Millionen Mark monatlich kreditweise verfügbar sind, so bedeutet das für uns Juden, die wir in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung ansmachen, daß 80 000 Mark monatlich der jüdischen ne benberuflichcn Siedlungsbewegung zu geführt werden könnten. Auf Vorschlag des Vorsitzen den empfiehlt der Ausschuß die Betrauung des Reichsbundes für jüdische Siedlung mit den Arbeiten einer Zentralstelle auch für nebenberufliche Siedlung und delegiert als seine Vertreter hierfür die Herren Gut b e i in und W o y d a (lib.), Adler R u d e l (Zionist). Jüdisches Wictschaftsinstitut? Einen weiteren wichtigen Punkt der Tagesordnung bildete die Frage der Schaffung eines jüdischen Wirt- Bestellen Sie sich gerade jetzt füir C h a n u k a h : Claude G. monieiiore UMRISSE DES LIBERALER JUDEHIUMS übersetzt von Joseph Kauffmann durchgesehen und herausgegeben von Rahblner Dr.c.sellgmann Drosch, m. 6.—; in Ganzleinen gD.m.7.60 Dieses große Bekenntnisbuch des Liberalen Judentums gehört in jede Familie Das Werk ist durch jede Buchhandlung zu beziehen oder direkt vom Verlage GUStSV Engel, LBlPZiS C1. Stefan Zweig Von Dr. Ludwig D a v i d s o h n, Berlin.. Am 28. November begeht eine der repräsentativsten, liebenswertesten und verehrungswürdigsten Persönlichkeiten des modernen geistigen Judentums seinen 50. Geburtstag: Stefan Zweig wurde mit 28. November 1881 in Wien geboren. Der Dichter, der zu jenen nicht eben zahlreichen geistigen Potenzen unserer Zeit gehört, die ihren eigentlichen Gehalt und Wert ausmachcn, ist in alle Kulturspracheit der Erde übersetzt und sein Werk und Wirken werden anläßlich seines Geburtstages vielerorts gewürdigt werden. Dieser bedeutende Mann, der Bleibendes als Denker, Lyriker, Essayist, Erzähler, Historiker, Dramatiker und Kulturmittler geleistet hat, gibt in erster Linie dadurch seinem gesamten Schaffen beit tiefen, von innen kotmnenden Glanz, daß er eine jüdisch-ethische Persönlichkeit großen Formats ist; ein Fortsetzer und Träger stolzester Menschheitstraditionen. Seinen Wert als Dichter wird erst einmal die Literaturgeschichte in seinem ganzen Umfange voll würdigen, an seinem Wirken als Exponent edelsten mtd bestett Judentums aber können wir Heutigen uns in diesen unsäglich schweren und wirret: Zeiten aufrichten. Zweig entstammt einer altangeseherreit, begüterten, österreichisch-jüdischen Patrizierfamilie. Er hatte das Glück, eine überaus sorgfältige Erziehung zu genießen, sich von Jugend an der Kunst und Wissenschaft widmen und vor dem Kriege die ganze Welt bereisen zu können. Diese ungemein günstigen Entwicklungsmöglichkeiten haben aber aus dem Dichter keinen weichlichen, genießerischen Wiener Phäaken Lemacht, sondern schon vor dem Kriege war er ein ernster Arbeiter, der eine höchst beachtliche Tätigkeit als K u l t u r m i t t l e r entfaltete, viele seine, formvollendete Gedichte schrieb und ausgezeichnete. Novellen, die ihn als Psychologen hohen Ranges und kultivierten Sprachküustler zeigen. Die Sehnsucht nach dem „dritten Reich", - diese Prägung von Nietzsche ist heute durch groteske Parodie politischer Fanatiker zur Farce geworden, — birgt 'im Grunde uralte, in fernste Vergangenheit zurückreichende jüdisch e Erlösungssehnsucht. Als wundersam lockendes Ziel liegt vor unserer Generation zum mindesten die Sehnsucht nach cinem geeinten Europa. Jüdisch-sittliche Forderungen sind die grundlegenden und ältesten in der abendländischen Kultur. (Bisher sind sie leider nur höchst mangelhaft realisiert worden!) Zweig erkannte schon frühzeitig, daß es gerade die Missivit des Judentums sei, mitzuhelfen, daß sich der universelle Tftpus des Geistigen wieder gestalte. Und er lvurde ein „weltseitiger Deutscher", der bewußt übernational wirkte im Hinblick aus den eigenen Sprach- und Bolksbezirk, und an bewußtem Europäertum im internationalen Sinne unablässig arbeitete. Es gibt kaum einen großen Schriftsteller inucrhalb des deutschen Sprachgebiets, der durch Vermittlung interuatio nalcr Werte im europäischen Sinne so intensiv gewirkt hat wie er. Deutschland verdankt Zweig die Kenntnis wesentlicher Bezirke der außerdeutschen geistigen Welt und dagegen im Ausland die Verbreitung und Geltendmachung feines deut scheu Wesens in vielfältiger Form. Zweigs Bücher find in elf Sprachen übersetzt, sein „Volpone" z. B. wurde in Paris und London ebenso oft gespielt wie m New-Uork, Kapstadt und Tokio. Der größte russische Verlag gibt eine Gesamtausgabe Zweigs heraus, von der schon zehn Bände erschienen sind. Zweigs Eindeutschungen fremden Geistes sind keine Ueber setzungett üblicher Art, sondern kongeniale, adäquate Nach dichtungen. So „gewann" er vor dem Kriege Verhaeren, Verlaine, William Blake, Andre Saares, Baudelaire und andere für uns. Und als der Krieg ausbrach, blieb Zweig (mit Romain Rolland und einigen ganz wenigen erlesenen Geistern zusammen) guter Europäer und tat alles, Ovas überhaupt menschenmöglich war, um einen wahren Frieden der Seelen wieder herzustellen. Sein Huntanitälsbewußtseiu verhinderte ihn daran, der allgemeinen Psychose zum Opfer zu fallen, und er schrieb schon zu einer Zeit, als noch überall tagtäglich tausend frischfröhliche Kriegsgedichte die „große Zeit" verklärten, das erschütternde Wort: „Wir sehen in Eurer großen Zeit die Pestbeule der Weltgeschichte!" Aber keines Einzelnen Kraft reichte natürlich aus, um den schauerlichen, allgemeinen Bankerott europäischst Geistes aufzuhalten: da griff der Dichter Zweig aus uralt-jüdisches Geistesgut zurück und hielt in seinem großartigen Jeremias Drama (1916 17 geschrieben) unserer Zeit den Spiegel vor; und lehrte wieder beit Ansblick zu einer ewigen, hinter allem Geschehen stehenden, immaneuten Gerechtigkeit. Was 4916 im Jeremias gedichtet und vorausgeahnt war, ließ später die Wirklichkeit leider in noch feurigeren Farben Lur Erscheinung werden. Vorbildlich wurde dann des Dichters Tätigkeit und Lebensarbeit nach dem Zusammenbruch. Er verließ das intellektuell niedergehende, vernazite Wien, siedelte sich in Salzburg an und wurde, bei ununterbrochener Fortsetzung seiner reicheit dichterischen Tätigkeit, ein europäischer Journalist größten Stils. Suchte allenthalben die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen, bemühte sich, eine Phalanx der Vernünftigge bliebenen und Gutgesinnten in alleir Ländern zusammenzubringen, versuchte, einen.neuen, geistigen Nährboden vorzubereiten, aus dem ein geeintes, wirkliches Europa empor wachsen konnte. Wir alle wissen, wie ivenig äußerlich sicht bare Erfotge diesein Bemühen bisher beschieden waren. Wie mag Zweig darunter gelitten haben, dieser „Weltbürger, dcr keiner Nation die Prägung seiner eigenen anszwingen mochte, der lächelnd und froh die ewige Verschiedenheit der Rasselt and Völker sah, aus denen sich die wundervolle Vielfalt des ewig Getireinsameu, der ganzen Menschheit zusammensetzte". Großartig entfaltete sich Zweigs literarische Tätigkeit im letzten Jahrzehnt. Eine stete Entwicklung zur Harmonie und Reife! Er schrieb Novellen, die nicht nur interessant und fesselnb in ganz neuartigem Sinne dieser Begriffe sittd, sondern auch bei alletu Reichtum au geheimen und abgründigen Geschehnissen immer kunstvoll gestaltete Resultate eines verstehenden Seelensuchers bleiben. Immerhin, literarische Kategorien sind Moden und Geschmackslaunen unterworfen; ich kann mir vorstellen, daß Zweigs Erzählungen einst veraltet sein werden. Unvergänglichen Wert, über allen Zeitströmungen mtd Richtungen stehend, haben aber seine Essays und Sammlungen historisch-literarischer Monographien „Drei Meister", „Kampf mit dem Dämon", „Dichter ihres Lebens", „Heilung durch den Geist", „Sternstunden der Menschheit" usw., die samt und sonders zugleich schlackenlose stilistische Meisterwerke sind. Lebensbilder stärkster Schauung, Essays,