Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 46-47 (25.11.1931)
- Date
- 1931-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IEWemleZrilmz Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Otze V««t»tg»»g für da» liberale Zndentn» übernimmt u« für diejenigen Aufsätze, die an»drückllch ul» in ihre« Namen »der tu ihrem Aufträge versaht gekennzeichnet find. die Verantwortung. Me anderen Artikel, Aeuhernngeu und vortchläge erscheinen unter der Verantwortung der »ebaktio«. vle ^Jüdisch-liberale Zeitungerscheint ßeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SM 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: vergmann 33SS. 3359 Postscheckkonto: Berlin 1NV.7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Zabeutnm) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. vezngaprei, durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. L— Einzelnummer 0.25. Vei freier Zusendung l. Inland IM Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MtgNedsbeitrage enthalte«. Anzeigenpreise: Die 12getpatt.7ionpareillereile0.«» Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Aazei g eaaunahme bei der Geschäftsstelle u. jämtl. Aunonceu-Expedit. JltAW Berlin, 25. November 1931 11. Jahrgang WKlschaklsberalung der 7""' Gemeinden Seit langem ist es ein fühlbarer Mangel, daß die vielen verschiedenen jüdischen Gemeinden in ihrer Etatsgebahrung ohne jede Einheitlichkeit und Zusammenarbeit sind. Für W Vorstände aller jüdischen Gemeinden dürfte daher ein Plan von größtem Interesse sein, -er dm Wirtschaftsausfchuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeindm in seiner Sitzung vom 14. November Vorgelegen hat. Die „Arbeitsgemeinschaft sür Wirtschaftsberatung und Organisation" (Dr. Halberstiidter und Paul Kristeller), von der auch der in diesen Blättern mehrfach erwähnte Revisionsbericht der Berliner Jüdischen Gemeinde stammt, hat dem Landesverband einen Plan unterbreitet, welcher darauf hinausläuft, beim Landesverbände, ähnlich dm Einrichtungen des Deutschen Städtetages, eine Stelle zu schaffen, die die jüdischen Gemeinden in ihrer gesamten Verwaltung, Organisation und Finanzgebahrnng berät. Geplant ist die Ausstellung eines gemeinschaftlichen Etats-Schemas (Koittenplans). der Austausch der Organisationserfahrungen n. a. aus dem Gebiete des Steuermefms, der Krankenhäuser, Waisenhäuser, Altersheime, des Wohlfahrtswesens, des BeerdigiungsMsens, der Stiftungen-Verwaltung, der SgnaLogen- und Schul-Berwaltunq nfw. Der Vorsitzende des Wirtschafts Ausschusses, Bruno Woyda, betonte in seinem.ergänzenden Referat, daß bisher keine Synagogen-Gemeinde die Möglichkeit gehabt habe, die Etats der ihr angegliederten Einzelverloaltungen, z. B. Waisenhäuser oder Religionsschulen, mit den Etats der gleichen Einrichtungen anderer Synagogengemeinden zu vergleichen, und daß man bisher nur von Fall zu Fall und unter größten Mühen derartige Vergleichsziffern beschaffen konnte. Die einheitliche Etatberatung aller Gemeinden würde daher im Verwattungsleben unserer jüdischen Gemeinden einen geradezu epochalen Fortschritt bedeuten. Im Verlaufe der Debatte wurde einmütig festgestellt, daß dieser Plan durchgeführt werden könne, ohne im geringsten die volle Selbständigkeit jeder Gemeinde auch nur cmzu tasten. -- lieber die Art und Weise, in der diese Stelle dem Landesverband bezw. der Reich sarbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände angegliedert und den Gemeinden zur Verfügung gestellt werden soll, soll das Nähere noch entschieden werden. (Weiteres siehe Artikel: „Die Wirtschaftsnot der deut i schen Juden".) Die genossenschaftliche Bewegung unter den ‘ Wen Die im März d. Js. gegründete „Gesellschaft zur Förderung des Genossenschaftsgedankens unter den Juden in Deutschland" ist in der letzten Zeit mehrfach an die Oesfentlichkeit getreten. Ueber eine Versammlung von jüdischen Wirtschastsführern, die am 29. Oktober stattgesunden hat, wurde hier in voriger Nummer berichtet. Seither hat noch eine weitere Veranstaltung am 10. November stattgefunden, und zwar hatte Herr Direktor Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, der dem Vorstand der Gesellschaft augehört, die Vertreter der jüdischen Presse zu sich gebeten, nur über die Ziele und Zwecke der Gesellschaft zu referieren. Direktor Kleemaun betonte ein leitend, daß er nach wie vor ein Gegner spezieller jüdischer Kreditgenossenschaften sei, und zwar nicht nur aus politischen Gründen, weil er die imrner weiter um sich greifende Selbstisolierung der Juden bekämpfe, sondern ebensosehr ans wirt schaftlichen Gründen, weit mit Genossenschaften auf kvnfes sioneller Grundlage, auch katholischer oder evangelischer, die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht worden sind. Lediglich in Berlin mit seinen 239 090 Juden läge die Sache anders: hier sei genossenschaftlicher Zusammenschluß der Juden untereinander möglich und könne nach Menumg des. Herrn Direktor Kleemann sogar im Hinblick auf die Parteiveryält nisse in der Gemeinde befriedend und überbrückend wirken; auch hätten die bisher in Berlin bestehenden beiden Kredit genossenschaften sich bestens bewährt. Draußen im Reiche aber liegen die Dinge völlig anders. Die Gesellschaft zur Förderung der genostenschaftlichen Bewegung unter den Juden hat daher auch keineswegs das Ziel, in beu verschiedenen Stadien jüdische Kreditgenossenschaften zu gründen, sondern sie beabsichtige vielmehr, die deutschen Juden, die in der Hauptsache den, Mittelstände angehören, sür den Genossen schastsgedankeu zu erziehen. Wo es geht, solle der Jude sich den vom Staate geförderten allgemeinen Genossenschaften anschließen, von denen es 22000 in Deutschland gibt. Die Gesellschaft wolle die jüdischen Mittelstandsangehörigen beraten, insbesondere darüber, welche allgemeinen Genossenschaften sür ihren Beitritt in Betracht kämen. Die Gesellschaft wird die Zugehörigkeit von Juden zu allgemeinen Genossenschaften registrieren und die Bewegung überwachen. Es sei zu hoffen, daß die bereits bestehenden jüdischen Genossenschaften später einmal von der allgemeinen Bewegung auf gesogen werden, denn die gesunde Grundlage jeder Kredit genossenschast sei gemeinsames berufliches oder wirtschaftliches Interesse, und es liege ans der Hand, daß innerhalb eines wirtschaftlichen Gebildes, wie es jede Genossenschast ihrem Wesen nach sein innß, der konfessionelle Zusammenschluß eitt Fremdkörper ist. Interessant war in diesem Zusammenhang die Mitteilung, daß der in Berlin bestehende jüdische Kredit- Verein, dessen Anfsichtsratsvorsitzender Direktor Kleemaun ist, weder nach seinen Statuten noch nach seiner Praxis auf Juden beschränkt ist, sondern auch christliche Mittelstandsangehvrige zu seinen Genossen zählt. Diese Ausführungen, die .Herr Direktor Dr. Kleemann vor den Vertretern der jüdischen Presse machte, verdienen größte Beachtung, weil Direktor Kleemann seit 'Jahrzehnten m der allgemeinen genossenschaftlichen Bewegung an sichtbarster Stelle tätig ist. Im übrigen darf daraus hingewiesen werden, daß die Gesellschaft zur Förderung des Genossenschaftsgedankens unter den Juden, deren Ziele Herr Direktor Kleemann hier darlegte, in Vorstand und Mitgliederschaft Juden aller Partei und Weltanschauungsrichtungen umfaßt, führende Liberale ebenso wie führende Zionisten. '„ einer jüdischen Bnndsnnlrentrale Die Bestrebungen, den Rundfunk, mehr als bisher geschahen, für jüdische Zwecke in Anspruch zu nehmen, haben durch Verhandlungen in der letzten Zeit ein-on neuen Antrieb erhalten. Der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden will den Versuch machen, eine Stelle zu schassen, deren AusgMe es sein soll, ans der einen Seite mit den Rundfnnkgesellschaften in Verbindung zu treten und aus der anderen Seite durch Fühlungnahme mit geeignet erscheinenden Persönlichletten die Zusammenstellung der zn sendenden Programme durchznsühren. Es ist der Wunsch ausgesprochen worden, diese Zentralstelle sehr bald ins Leben zu rusen, damit nach Möglichkeit noch vor oder während des Chanukkahfestes Rundfnnksendnngen jüdisch-religiösen Inhalts veranstaltet werden können. Die diesbezüglichen Vorbesprechungen mit den Rundsunlgesellschäften einerseits und mit den großen jüdischen Organisationen andererseits sollen bereits in den nächsten Tagen stattfinden. * Ganz zweifellos hat der Preußische Laudesverbaird jüdischer Gemeinden sich ein großes Verdienst damit erworben. daß er diese Angelegenheit in die Hand nimmt. Bisher war der Zustand so, daß jede einzelne jüdische Organisation sich zwar unr Rundfunkvorträge bemühen konnte, daß aber cnrdererseits durch diese Uneinheitlichkeit die Rundfunkgesellschaften vielfach diese Vorträge nicht zuließ. Außerdem wird noch in allgemeiner Erinnerung sein, daß vor 'einigen Jahren ein Versuch, ähnlich den allsonntäglichen christlichen Andach ten im Rundfunk auch gottesdienstliche Sendungen jüdischen Inhalts, etwa Freitagabend-Andachten o. dgl. zn senden, dadurch durchkreuzt wurden, daß der Rundfnnkgesellschaft eine von orthodoxer Seite inspirierte Auskunft gegeben wurde, wonach derartige Sendungen dem jüdischen Religionsgesetz widerstreiten, was der Rundfunkgesellschaft willkommenen Anlaß bot, den ihr aus derartigen Sendungen zweifellos erwachsenden Schwierigkeiten von radikaler Seite auszuweichen. -- Dadurch, daß d-cr Landesverband die Angelegenheit bei sich zentralisiert, ist eine Stelle geschaffen, die innerjüdisch Neutralität verbürgt, und nach außenhin über die erforderliche Autorität verfügt. Die Verhandlungen liegen innerhalb des Dezernenten-Kollegiums in den Händen des Ratsmitgliedes Rabbiner Dr. Galliner. Die nächste Doppelnummer erscheint am Mittwoch, dem 9. Dezember. (Redaktionsschluß: Freitag, den 4. Dezember, vormittags.) Rote Assimilation? . Eine Antwort. Von Alexander S z a n t o. Ter in voriger Nummer hier abgedruckte Aussatz von Erwin Baer hat vielfach den Eindruck erweckt, als sei eine einseitige Stellungnahme gegen den Sozialismus beabsichtigt gewesen. Ta ganz selbstverständlich das liberale Judentum parteipolitisch neutral ist, so geben wir heute einem jüdisch-liberalen Vertreter des Sozialismus das Wort; wir tun das um so lieber, als beiden Verfassern gemeinsam die Tendenz gegen diejenigen ist, die glauben, um des Sozialismus willen das Judentum verlassen zu müssen. Schriftleitung. Ter Artikel „Rote Assimilation" von Erwin Baer in der vorigen Nummer der J.L.Z. ist geeignet, in jüdischen Arbeiter- und Angestellrenschichterc imb darüber hinaus überhaupt in politisch interessierten Kreisen ein Echo zu ertvecken, das vom Verfasser wohl kaum erwartet worden ist. Es erscheint mir unbedingt geboten, irr kritischer Weise sowohl zn dem in letzter Zeit ja mehrfach erörterten Begriff „Rote Assimilation" wie zu den im Baer'schen Artikel ausgestellten Werturteilen und Schlußsolgerungeic Stellung zu nehmen. Das Schlagwort „Gefahr der roten Assimilation" hat seinen Ursprung im Lager der Zionisten, für die es in der Tat eine Gefährdung ihrer Positionen bedeuten mag, wenn jüdische Proletarier sich den politischen und gewerkschaftlichen: Organisationen in Deutschland anschließen und damit den: Mionaljüdischen Sonderbestrebungen verloren gehen. Das nichtzionistische Judentum hat m. E. keinen Anlaß, in dieses Gefahr-Geschrei miteinzustimmen. Der von den Zionisten als Schmähruf gedachte Begriff „Assimilation" enthält nichts, was einen fortschrittlich gesinnten Inden schrecken oder gar diffamieren könnte - er deckt sich, richtig ausgefaßt, mit der Emanzipativnsforderung des jüdischen' Liberalismus. Ein emanzipierter Jude, der sich in seiner politischen Betätigung dem Organisations- und Jdeenkreis einer reichsdeutschen Partei eingliedert, übt sein selbstverständliches Recht als Staatsbürger aus. Was nun von deutschen Juden bürgerlicher Herkunft und Weltanschauung bisher als selbstverständliches Recht bei ihrer Betätigung in der Deutschen Staatspartei oder Bolkspartei angesehen wurde es soll ja sogar Juden geben, die noch weiter rechts stehen will man' das etwa, mit einem Male nicht gelten lassen, wenn es sich um die aktive politische Arbeit von jüdischen Proletariern in einer der proletarischen Parteien handelt'? Auf die letztere Konsequenz läuft der Artikel Baers nämlich hinaus, auch wenn er subjektiv vielleicht anders gemeint sein sollte. Baer spricht zwar nicht von Parteien, sondern von Weltanschauungen. Aber der von ihm erblickte Gegensatz zwischen Marxismus und religiöser Weltanschauung ist keine absolute Notwendigkeit. Ich will hier gar nichts davon schreiben, daß nach Ansicht sehr vieler und nicht gerade der schlechtesten Köpfe unserer Zeit viel eher ein Gegensatz zwischeu echter Religiosität und dem inammonistischen Geist, >vie er m der jetzigen Gesellschaftsordnung vielfach zutageiritt, zu entdecken ist. Baer spricht zlvar selbst vvu dem' „Mangel der kapitalistischen Gesellschaft an ethischer Fundierung und sinnvoller Ordnung"; aber andererseits klagt er im gleichen Atemzuge: „Man will im Proletariat aufgehen, dessen Kampf man als eigene höchste Lebensaufgabe betrachtet, und ist bereit, dafür sich seiner jüdischen Bindungen zu entäußern". Dazu sei mit aller Bestimmtheit erklärt: Niemand, der t m Proletariat aufgcht, b r a u ch t seine j ü d i - scheu Bindungen a n f z n g e b e n. Niemand, de r in proletaris ch e n P a r t e i e n f ü r m e n s ch e n w ü rd i g e r e s Dasein und bessere G e s e l l s ch a s t s f o rm e n k ä m p f t, braucht deshalb seine Religiosität zu verlieren. Proletarisches Klassen - b e w u ß t s e i n und G o t t c s g l a n b e, Sozialismus und Religiosität sind durchaus in i t c i na n d e r v e r e i n b a r. Daß dem so ist, kann jeder erkennen, der sich oie Mühe nehmen will, die neuere marxistische Literatur zu verfolgen, die Schriften von Hendrik de Man, M a x A d l e r, R ag a z, Georg W ü n s ch, Hei u r i ch M e r t e n s n. a. zu lesen, in denen versucht wird, eine Abgrenzung des historischen Materialismus als Geschichtswissenschaft vou einer allgemeinen Weltanschauung zu finden. Historischer M a t e r i a l i s m n s i st eine Erke n ntnis - und B e t ä t i g u n g s l e h r e für das soziologische Z u s a m m e n l e b e n d e r Klassen und Völker keinesfalls aber eine Ideologie, die dem Menschen den Zusammenhang mit seineni einzigen und ewigen Gott, dein Ausgangs- und Zielpunkt der jüdischen Religion, verwehrt, wie Erwin Baer das vermeint. 01 5714 ^572